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Hardthöhenkurier 4/2016 Leseprobe

IS verliert an allen Fronten – aber nicht den Krieg! Bundeswehr 27 Für die seit Jahren geschundenen und sich in Auflösung befindenden Staaten des Nahen Osten wie Irak, Libyen oder Syrien, bringen die militärischen Teilerfolge zumindest eine Atempause im Kampf um die eigene Existenzberechti- gung. Erstmalig respektiert selbst die lokale Bevölkerung im Irak den Einsatz der nicht von allen geliebten eigenen Regierung gegen den gemeinsamen Feind als gerechtfertigte Maßnahme zum Erhalt des eigenen Staatsgebietes. So feierte die schiitische Regierung al-Abadi in 2016 wichtige Erfolge, zuletzt mit der Rückeroberung Falludschas. Doch der Preis dieser Kämpfe war hoch. Trotz stetig wachsenden Drucks der irakischen Armee ging der IS auch in Babylonien seinem Grundsatz der kulturellen Verwüstung lange weiter nach. Für die Krieger unter dem schwarzen Banner gelten alle Kulturgüter aus der vorislamischen Zeit als Werk von „Ungläubigen“ und somit als Gotteslästerung. So bewiesen Satellitenbilder im Juni die Zerstörung des, dem babylonischen Gott der Weisheit gewidmeten, 2800 Jahre alten Nabu-Tempels bei Nimrud südlich von Mossul. Die militärischen Erfolge des IS am Scheidepunkt Zum Glück wendete sich zumindest das militärische Blatt. Bereits im letzten Jahr eroberte die irakische Armee, unterstützt von schiitischen Milizen, die Heimatstadt des Ex-Diktators Saddam Hussein, Tikrit. Im Juni 2016 verkündete Premierminister Haider al-Abadi dann die vollständige Rückeroberung Falludschas. Nach einer vier Wochen andauernden Offensive drangen die Truppen ins Zentrum der sunnitischen Stadt, 70 Kilometer westlich von Bagdad, ein. Bereits im Januar 2014 hatten die Gotteskrieger die strategisch wichtige Stadt an der Verbindungs- route nach Syrien in ihre Gewalt gebracht, um von dort aus ihre schnellen Eroberungen zu starten. Im Juni nahm die Miliz Mossul ein, die zweitgrößte Stadt des Irak. Anschließend rückte sie nach Süden in Richtung Bagdad vor. Die Extremisten brachten auf ihrem Weg fast alle sunnitisch dominierten Regionen im Norden und Westen des Landes unter ihre Kontrolle. Die irakischen Regierungssoldaten leisteten nur geringen Widerstand, oft ließen sie ihre Waffen einfach zurück und flohen Hals über Kopf. Für die Bevöl- kerung Falludschas endete der Alp- traum bislang nicht - trotz Befreiung aus den Klauen des IS. Über 40.000 Bewohner verließen ihre Heimatstadt aus Angst vor Krieg und Terror. Ins- gesamt befinden sich 3,3 Millionen Iraker auf der Flucht vor den Gefechten im eigenen Land. Um der Bevölkerung neuen Mut für die Zukunft zu geben, gewinnt dieser „sichtbare Erfolg“ der Regierung – als souveräner Staat in den Grenzen vor der IS-Invasion – enorm an Bedeutung. Ein wichtiger Propagan- dasieg, natürlich nicht ohne Hilfe der amerikanischen Luftwaffe errungen, den die seit vielen Monaten vom Westen ausgebildete irakische Armee gebührend feierte. Beflügelt durch diesen Sieg soll die zweitgrößte irakische Stadt, Mossul, folgen. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Belastet war die Falludscha-Offensive jedoch von Feindseligkeiten zwischen den Regierungstruppen und Milizen. So berichtete die Menschenrechtsorga- nisation Human Rights Watch von Übergriffen schiitischer Milizen auf sunnitische Zivilisten. Doch nicht nur der innere Zwist versauerte den Geschmack des Sieges. Der Islamische Staat wechselte auch hier seine Strategie. So stieg die Zahl der Anschläge von ISSympathisanten in Bagdad und Umgebung permanent. In der Regel standen Schiiten und deren Einrichtungen im Visier der Attentäter, die damit zusätzlich Öl ins Feuer des sunnitisch-schiitischen Konfliktes gossen. Militärisch mussten der im Juni 2014 selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi und seine Organisation auch im Nachbarland Syrien Rückschläge einstecken. Ausgezogen, um „Sykes-Picot zu zerschmettern“, wie die bärtigen Extremisten 2014 noch tönten. „Dies ist nicht die einzige Grenze, die wir niederreißen, andere werden folgen.“ „Unser Vormarsch wird nicht stoppen, bis wir den letzten Nagel in den Sarg der Sykes- Picot-Verschwörung geschlagen haben“, verkündete der Anführer der dschi- hadistisch-salafistischen Terrororgani- sation damals in der Al-Nuri Moschee von Mossul. Damit sprach Abu Bakr al-Baghdadi unzähligen Arabern aus der Seele. Die 300 Millionen sehen das Geheimabkommen der beiden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich vom Mai 1916 als Verrat an dem Versprechen der Unabhängigkeit für das „arabische Volk“. Die Diplomaten beider Länder hatten damals die Grenzen der heutigen Staaten im Nahen Osten mit einem Federstrich besiegelt. „Ich würde eine Linie ziehen vom E von Acre bis zum letzten K von Kirkuk“ schlug der damals 36-jährige britische Abgeordnete Mark Sykes vor und gründete so mehrere Staaten am Reißbrett. Diese „Linie im Sand“ formte indirekt auch das heutige Syrien. Nach unruhigen Zeiten und Macht- wechseln konnte letztendlich die Familiendynastie Assad die Zügel in Damaskus ergreifen und hält sie auch HHK 4/2016 IS-Kämpfer auf dem Vormarsch. © Archiv JP


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