Page 29

Hardthöhenkurier 4/2016 Leseprobe

IS verliert an allen Fronten – aber nicht den Krieg! Bundeswehr 29 sich nutzen und einen 250 Kilometer langen Küstenstreifen westlich und östlich der Stadt Sirte erobern. Doch Anfang Juni drangen Truppen der Einheitsregierung und Milizen in die Stadt ein. Auch hier scheint die Ausbreitung des IS also gestoppt zu sein und könnte die Gotteskrieger in Kürze zum Rückzug zwingen. Doch belastet Daesh nicht allein der Verlust von Territorium. Besonders die gezielte Tötung mehrerer IS-Anführer durch die US-Luftwaffe erschütterte seine Funktionalität. Ende März verkündete der US-Verteidigungsminister Ashton Carter den Tod von Abdul al Kaduli. Als Vize-Chef der Terrororganisation verwaltete er das überlebenswichtige Budget. Sein Ableben dürfte die Finanzierung der verschiedenen Terroraktionen des IS erschweren. Bereits einige Wochen zuvor hatten die USA den Tod von Abu Omar al-Schischani gemeldet. Er fungierte als Kriegs- minister des Kalifats. „Wir eliminieren systematisch ihr Kabinett“, sagte Carter bei einer Pressekonferenz im Pentagon. Anfang Mai tötete die US-Luftwaffe in der irakischen Provinz mit Abu Wahib einen weiteren IS-Führer. Militärische Misserfolge kompensiert der IS durch spektakuläre Terroranschläge Rückzug also scheinbar an allen Fronten. So scheint das Grauen an uns vorbeigegangen zu sein wie der Einfall der Hunnen im vierten Jahrhundert. Die Welt kann aufatmen und auf die letzten militärischen Todesstöße der interna- tionalen Koalition warten. Doch so einfach lässt sich das terroristische Geschwür, welches sich sowohl geographisch als auch ideologisch auf große Teile der Welt ausgebreitet hat, nicht entfernen. Und obgleich nahezu unumkehrbar militärisch geschwächt, voll- zieht der IS einen Strategiewechsel. Bislang war Stabilisierung und Finan- zierung des Kalifats von geographischer Expansion abhängig. Mit neu eroberten Gebieten flossen immense Summen, dank des Verkaufs von Sklaven, Kulturgütern, Öl und Waffen, in die IS-Kassen. Nun verlagerte die Terrororganisation notgedrungen seine Aktivitäten, die nicht mehr auf die Eroberung von Gelände abzielen, in neue auch entferntere Länder, unter anderem den Okzident. Die Führer versuchen, ihre Misserfolge auf dem Schlachtfeld zum Beispiel durch spektakuläre Anschläge auf Städte in der Region oder Europa zu kompensieren. So erzittert Bagdad seit Jahren fast täglich vor sunnitischen Selbstmordattentätern, die sich auf die schiitischen Wohngebiete der ehemaligen Hauptstadt der Abassiden konzentrieren. Doch auch die Türkei, Regionalmacht und nördlicher Nachbar des IS-Herrschaftsgebiets, leidet mehr und mehr unter den Anschlägen der Terroristen. Erst richtig erwacht ist der Okzident jedoch nach den Attentaten in Paris, Brüssel und Orlando. Nun tritt die immense Gefahr von unabhängig voneinander operierenden Terrorzellen, getarnt durch eine Flut von Millionen Flüchtlingen, vor unseren Haustüren wirklich in Erscheinung. Ein 100-prozentiger Schutz ist trotz Einsatz aller polizeilichen und selbst militärischen Kräfte (in Frankreich patrouillieren seit eineinhalb Jahren zehntausende Soldaten in den Straßen und in Belgien fast 2.000) nicht möglich. Unsere Gesellschaft ist verwundbar, nicht nur körperlich, sondern vor allem ideologisch. Eine auch unter Kennern als professio- nell anerkannte Medienkampagne des IS vergiftet seit Jahren den Geist unserer Jugend. Nicht umsonst zogen über 700 deutsche Staatsbürger nach Syrien und folgten dem Aufruf zum heiligen Krieg Dschihad. Bei den Attentaten in Paris und Brüssel spielten Täter mit Migrationshintergrund, deren Inte- gration offensichtlich gescheitert ist, eine wichtige Rolle. Idealer Nährboden wiederum für rechte Kräfte, die mit populistischen Parolen den Hass gegen Muslime noch schüren. Ausblick Um den Kampf gegen die Idee „Daesh“ nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch zu gewinnen, ist es noch ein langer Weg. Nach fünf Jahren Bürgerkrieg ist Syrien dem Zerfall nahe. Die Präsenz von Millionen von Binnen- Flüchtlingen, unzähliger Rebellengruppen aber auch die Einmischung ausländischer Mächte spielt dem IS in die Karten. So ist von einer Abstimmung und Koordina- tion der „Gegner“ keine Spur. Zu unter- schiedlich sind und bleiben die Inte- ressen aller Beteiligten. Ob wirklich alle an einem Sieg über den Islamischen Staat und der damit verbundenen Stabilisierung der Region sowie einer Verbesserung der humanitären Lage interessiert sind, ist zweifelhaft. Mit der ausländischen Einflussnahme verstärkt sich der ethnisch-religiöse Graben weiter und verkompliziert ein solidarisches Vorgehen gegen einen gemeinsamen Feind – die religiöse Radikalisierung und ihre Auswirkungen! Der militärische Sieg an den geographischen Fronten ist bei Weitem nicht ausreichend, um die Ur- katastrophe des 21. Jahrhunderts zu verhindern. HHK 4/2016 Kämpfer der Terrororgani- sation Daesh. © web.de


Hardthöhenkurier 4/2016 Leseprobe
To see the actual publication please follow the link above