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Hardthöhenkurier 4/2016 Leseprobe

Schwerpunkt Das aktuelle Interview von der ILA Berlin Air Show Neuausrichtung bestehender Prozesse, nicht zuletzt im Beschaffungs- und Vertragswesen. Für die Sicherstellung der Einsatzbereit- schaft modernster fliegender Waffensysteme 44 ist die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Industrie bei der Betreuung und Instandsetzung von Systemen essentiell. Andere Nationen haben im militärischen Bereich bereits gute Erfahrungen mit der Einführung von innovativen leistungsbasierten Nutzungskonzepten gesammelt. Auch in der zivilen Industrie sind diese Modelle bereits weit verbreitet; aus meiner Sicht muss hier auch die Bundeswehr konsequent nachziehen. Die Veröffentlichung der Militärischen Luftfahrtstrategie im Januar 2016 wurde von unserer Industrie auch deshalb sehr begrüßt, weil sie diese Thematik aufgreift. Der Bereich der „Performancebased Logistics“ zeigt unter anderem auf, dass sich durch die Festlegung eindeutig messbarer Leistungsziele bei der Preisgestaltung ein Zuwachs an Effektivität und Effizienz erzielen lässt. HHK: Auch auf der diesjährigen ILA wurde das breite Einsatzspektrum von UAS gezeigt. Wenn auch von Teilen der Regierung und der Gesellschaft wenig geschätzt, entwickelt sich dieser Markt ständig weiter. Im militärischen Bereich und dem Verständnis des BMVg folgend bringt die Bundeswehr UAS als Aufklärungs und Überwachungsdrohnen zum Einsatz. Allerdings ist die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten und ins- besondere die US-Streitkräfte setzen Drohnen auch zur Neutralisierung von Zielen einschließlich Personen ein. Gemeinsam mit Italien und Frankreich beabsichtigt Deutschland ein neues Drohnensystem zu entwickeln. Auf der anderen Seite bereiten Kleinstdrohnen, die unkontrolliert gekauft und eingesetzt werden können, den Sicherheitsbehörden derzeit unlösbare Problemstellungen. Im zivilen Bereich stellt die Identifizierung, Verfolgung und Neutra- lisierung von Kleinstdrohnen beispielsweise zum Schutz von Großveranstaltungen eine echte Herausforderung das. Mehrere deutsche Firmen, z.B. ESG, MBDA und Rheinmetall, haben bereits Lösungen entwickelt und teilweise schon zum Einsatz gebracht. Auch die Frage zum Einsatz von Drohnen im kontrollierten Luftraum ist nicht geklärt, obwohl das in anderen Ländern kein Problem darstellt. Wie beurteilen Sie die derartige Situation und wo sehen Sie Lösungsmöglichkeiten? Thum: Unbemannt fliegende Systeme sind das global am schnellsten und stärksten wachsende Branchensegment. Sie sind Kern der Zukunftstechnologie des 21. Jahrhunderts. Nach aktuellen Schätzungen werden in den nächsten zehn Jahren über 90 Mrd. USD für Drohnen ausgegeben werden; der jährliche Markt von heute 4 Mrd. USD wird auf dann 14 Mrd. USD wachsen. Fakt ist, dass weltweit Industrienationen, aber auch Schwellenländer, zunehmend auf die Anwendung leistungsfähiger un- bemannter Flugsysteme als Ergänzung zur bemannten Luftfahrt setzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir einen Großteil der Anwendungen, die in 20 Jahren selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltages sein werden, heute noch nicht einmal erahnen. Technologisch sind wir sehr gut aufgestellt - sowohl im Mittelstand als auch die Systemhersteller. Hierbei hat Sicherheit – wie immer – für unsere Industrie höchste Priorität. Wir brauchen klare Regularien zum Betrieb von UAV. Das bedeutet eine nationale und internatio- nale Harmonisierung und Standards. Daher unterstützt der BDLI den Vorschlag der Europäischen Kommission, ein einheitliches europäisches Regelwerk für den Betrieb von unbemannten Luftfahrzeugen zu schaffen. Gemeinsam mit dem BMWi werden wir kurz- fristig eine Roadmap zur Einführung des unbemannten Fliegens starten. Es muss klar sein, wer unter welchen Umständen und in welchen Gebieten eine Drohne steuern darf. Für den Fall, dass solche Regeln wissentlich oder unwissentlich übertreten werden, könnten technische Maßnahmen zum Einsatz kommen, um eine Störung des Luftverkehrs zu verhindern. Solche Maßnahmen können beispielsweise an den unbemannten Luftfahrzeugen selbst, an Flugzeugen oder an Flughäfen inte- griert werden. Die Luftfahrt- und Sicherheitsindustrie beschäftigt sich mit allen genannten Optionen. Es liegt jedoch in der Verantwortung des Gesetzgebers, hierzu die Rahmenbedingungen zu erlassen. Hierfür setzen wir uns als BDLI gezielt ein. HHK: Können Sie uns abschließend noch einen Ausblick für die Chancen der deutschen Luft- und Raumfahrtin- dustrie geben? Thum: Die Branche entwickelt sich weiter positiv. Doch dürfen wir die Herausforderungen angesichts neuer Wettbewerber nicht unterschätzen. Da andere billiger produzieren und über schnell wachsende Heimatmärkte verfügen, sind wir im Hochlohnland Deutschland „zur Innovation verdammt“. „Made in Germany“ muss weiterhin für absolute Spitzentechnologie stehen. Mit zahlreichen unverzichtbaren deutschen Beiträgen in den drei Branchensegmenten, die der BDLI vertritt, befinden wir uns auf gutem Weg. HHK: Herr Thum, haben Sie herzlichen Dank für dieses sehr informative Gespräch. Die deutsche militärische Luft- und Raumfahrtindustrie ist seit Jahrzehnten wichtiger und bewährter Partner der Bundeswehr. © HHK / JRosenthal HHK 4/2016


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