Füssen im Allgäu, 20. Oktober 2021 – Am 13. Oktober wurde in Berlin dem Ende des Afghanistan-Einsatzes mit höchsten militärischen Ehren gedacht. Für einen Hauptfeldwebel, selbst Afghanistan-Veteran im Gebirgsaufklärungsbataillon 230, hatte dieser Tag eine große Überraschung vorgesehen. 2011 ist der großgewachsene und gestandene Hauptfeldwebel noch als Stabsunteroffizier am Observation Post North (OP North) in Afghanistan als Aufklärer eingesetzt. Hier leistet er rund fünf Monate seinen Dienst in einem Drohnen-Zug der 4. Kompanie des Gebirgsaufklärungsbataillon 230 in der Provinz Baghlan, circa 60 Kilometer südlich von Kunduz. Dort liegt ein knapp 1.000 Soldaten starkes Ausbildungs- und Schutzbataillon (ASB), welches durch das Panzergrenadierbataillon 112 und andere Truppenteile gestellt wird.  An einem Freitag im Februar 2011 fallen vor seinen Augen Kameraden der Panzergrenadiere, die Männer, die auch ihn beschützt haben, erschossen von einem afghanischen Innentäter.

 Bild 1 Hund im Spiegel

Anzugkontrolle im Spiegel - der Anzug oder besser das Halstuch sitzt

Der Gebirgsaufklärer wird dabei schwer an seiner Seele verwundet. Er ist seit diesem Moment Tag und Nacht wachsam, seine Seele wird mit jedem Gewehrschuss, mit jedem Knall, an den OP North zurückgeholt, er leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). „Dieser Mann ist einer meiner mental stärksten Soldaten und Vorbild für meine gesamte Kompanie, weil er jeden Tag „im Gefecht“ steht und trotzdem seinen Teil zu unserem Erfolg als Gebirgsaufklärungskompanie beiträgt“, so der Kompaniechef. Die Kameraden, die 2011 gemeinsam am OP North gedient haben, dienen auch heute noch, zehn Jahre später, in der selben Kompanie. Sein damaliger Zugführer ist heute der Spieß der Kompanie und engster Vertrauter. Sein Spieß war es auch, der alles dafür getan hat, dass der 13. Oktober 2021 für den Hauptfeldwebel in Zukunft auch ein Tag werden könnte, der mit positiven Erinnerungen assoziiert wird.

Der Hauptfeldwebel, der in der Kompanieführungsgruppe seinen Dienst leistet, hat einen Weg gefunden, wie er wieder mehr am Leben, auch neben dem Dienst, teilhaben kann. Seinen Weg soll demnächst ein Therapiehund teilen. Halvar, Beschützer des Felsen, heißt der jetzt Eineinhalbjährige Labradudel, der ab Anfang 2022 dem Hauptfeldwebel zur Seite stehen wird.

Die Ausbildung dieses Therapiehunds ist aufwendig und kostenintensiv, gut 28.000 € sind notwendig, bis der Wegbegleiter voll ausgebildet und „combat ready“ ist. Der Verein „Rehahunde Deutschland e. V.“ hat einen speziellen Züchter, der u.a. diese Mischung aus Großpudel und Labrador züchtet. Diese besonders intelligenten, lernwilligen und fürsorglichen Hunderassen vereinen dabei alles, was es bedarf, um die vielfältigen Aufgaben als Therapiehund zu meistern.

Beginnend im Welpenalter bis zum ersten Geburtstag durchlaufen angehende Therapiehunde ihr „Auswahlverfahren“ und die „Grundausbildung“. Bei Pflegefamilien lernen die angehenden Helfer ein umfassendes Sozialverhalten mit unterschiedlichen Menschen, mit kleinen Kindern und Tieren. Dabei sind sie unter Beobachtung von erfahrenen Hundetrainern, werden geschult und geprüft; wer die hohen Anforderungen nicht erfüllt, wird kein Therapiehund werden. Auch die Gesundheit der angehenden Wegbegleiter wird überprüft. Ein Amtstierarzt kontrolliert jeden Hund regelmäßig auf mögliche Gesundheitsrisiken und Erkrankungen. Zudem werden die Hunde kastriert, um so das Revierverhalten zu reduzieren.

 Bild 2 Nass wie ein Pudel

Nass wie ein Pudel – die beiden Buddies am Meer

In der folgenden „Dienstpostenausbildung“ wird Halvar nun speziell auf den Soldaten und sein spezifisches Krankheitsbild ausgebildet. Regelmäßig werden dabei der Soldat und sein Therapiehund gemeinsam trainiert, sie spielen sich aufeinander ein, lernen sich kennen und lernen voneinander. Halvar muss verstehen, in welchen Situationen er seinem Herrchen besonders beistehen soll. Schlägt jemand laut eine Türe zu, drängelt jemand an der Supermarktkasse von hinten, braucht sein Herrchen plötzlich seine Notfallmedikation; all das sind Situation in denen Halvar nun zur Stelle ist.

„In solchen Situationen wird Halvar mein ,Buddy´ sein, derjenige, der mir die Rückendeckung gibt, die ich brauche. Er ermöglicht es mir, mir die Dinge des täglichen Lebens wieder zuzutrauen.“

Wie der Stabsunteroffizier 2011 mit seinen Kameraden Schritt für Schritt am OP North in den staubigen Grund gesetzt hat, so kann der heutige Hauptfeldwebel in Zukunft mit Halvar Schritt für Schritt wieder in die Berge des Allgäus gehen, die Innenstadt oder einen Wochenmarkt besuchen.

 Bild 3 Gemeinsamer Geländedienst

Teamwork in tiefer Gangart

Und welche große Überraschung hielt nun der 13. Oktober 2021 bereit? Der Spieß seiner Kompanie wusste, dass die 28.000 € durch den Soldaten alleine nicht zu stemmen waren, auch wenn er einen großen Eigenanteil einbrachte. Trotz der Hilfe aller Soldaten des Bataillons die spendeten, einer großen Einzelspende eines weiteren Oberstabsfeldwebels der Kompanie, eines bayrischen Unternehmens, sowie des Sozialwerks der Gebirgstruppe blieb ein fünfstelliger Betrag noch immer offen. Der spendenfinanzierte Verein „Rehahunde Deutschland e.V.“ hatte dem Gebirgsaufklärer seinen Halvar zwar schon zugesichert, aber der Hauptfeldwebel wollte den gesamten Betrag aufbringen, auch um niemanden finanziell zur Last zu fallen. An diesem 13. Oktober bekam der Afghanistan-Veteran in seinem Dienstzimmer einen Anruf vom Soldatenhilfswerk der Bundeswehr. Der Kamerad am anderen Ende des Telefons sagte, sein Spieß habe die Lage des Hauptfeldwebels dort „aufs Tableau“ gebracht. Mit großer Unterstützung durch den Sozialdienst des Bundeswehrdienstleistungszentrums Füssen habe man nun alles geprüft und er freue sich, ihm mitteilen zu dürfen, dass der gesamte noch offene Betrag durch das Soldatenhilfswerk der Bundeswehr finanziert werde. Ein Moment, der den großgewachsenen Veteranen zu Tränen rührte…

„Dieser schlaue und aufmerksame Hund darf nun mir als Kamerad und meiner Seele als Therapeut dienen. Er hat einen Zugang zu mir, den ich bislang keinem Menschen mehr gewähren kann. Ich vertraue Halvar absolut.“, so der „Fels“ aus der Allgäu-Kaserne zu Füssen. Ohne die bedingungslose Unterstützung durch seinen langjährigen Weggefährten und heutigen Spieß, sowie seinem Kompaniechef, der ihn vom ersten Tag an in seinem Vorhaben bestärkte und unterstützte, wäre der Gebirgsaufklärer diesen langen Weg nicht angetreten.

„Halvar wird jetzt Teil unserer Kampf- und Leidensgemeinschaft sein, wird überall dort dabei sein, wo unser Hauptfeldwebel unterwegs ist. Ob er nun ausbildet, organisiert oder kontrolliert, mit seinem Therapiehund haben wir als Kompanie wieder mehr von dem Hauptfeldwebel, der uns allen in der Kompanie als Vorbild dienen kann“, so der Kompaniechef.

Text: Kompaniechef 4. Kompanie Gebirgsaufklärungsbataillon 230

Bilder:  HptFw 4. Kompanie Gebirgsaufklärungsbataillon 230 und stolzer Besitzer