Munster. Bei einem gemeinsamen Festakt des Freundeskreises der Panzergrenadiertruppe e.V. und des Unternehmens Rheinmetall Landsysteme GmbH in Munster stand der Schützenpanzer Marder im Mittelpunkt. Anlass dafür bot die Übergabe der ersten Gefechtsfahrzeuge an die Bundeswehr vor 50 Jahren. Grund genug um einen Blick auf die Entwicklung des Schützenpanzers (SPz), den derzeitigen Stand und dessen Zukunft zu werfen.

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Übergabe des ersten Serienfahrzeugs an die Truppe am 7. Mai 1971 bei MaK in Kiel. Die Fahrzeuge besaßen noch keine Kettenschürzen. (Quelle: MaK)

Die ersten Serienfahrzeuge wurden am 7.Mai 1971 in Kassel und Kiel von den Herstellern an das Heer übergeben. Bedingt durch die Corona-Pandemie fand die Veranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum an der Panzertruppenschule erst am 21. Oktober dieses Jahres statt. Die Vorträge wurden durch eine stationäre Waffenschau mit Exponaten aus der Truppe und des Deutschen Panzermuseums Munster ergänzt.

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SPz Marder 1A3 im Einsatz bei der KFOR-Truppe im Kosovo (Rheinmetall)

Materialisierung des Grenadierdaseins
Generalmajor Gunter Schneider sprach als Vorsitzender des Freundeskreises in seiner Begrüßung das aus, was viele Teilnehmer dachten: „Ein Tag zum Feiern, aber auch ein bisschen in Nostalgie zu schwelgen.“ Er erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass der Marder Generationen von Soldaten begleitet hat, „das war so nicht absehbar.“  Schneider stellte weiter fest, „dass sich das Gefechtsfahrzeug der Panzergrenadiere in der Landes- und Bündnisverteidigung sowie im Einsatz bewährt hat.“ Gegenüber dem Hardthöhenkurier bezeichnete er den Schützenpanzer in einem Gespräch als „Materialisierung des Grenadierdaseins“.

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SPz Marder 1A3 im ISAF-Einsatz (Afghanistan) (Bw)

Zur historischen und technischen Entwicklung referierte Rolf Hilmes, Wissenschaftlicher Direktor a.D. und Autor zahlreicher Fachartikel und mehrerer Panzerbücher. Der Diplomingenieur erläuterte, dass erste Überlegungen zu einem Vollkettenfahrzeug für die Panzergrenadiere schon während des Zweiten Weltkrieges angestellt wurden. Die auch bei Halbkettenfahrzeugen vorhandenen Defizite gegenüber den Kampfpanzern waren auf dem Gefechtsfeld deutlich geworden, insbesondere die im Vergleich schlechtere Geländegängigkeit.

Im Rahmen der Entwicklung eines gleichwertigen Gefechtsfahrzeuges für den Kampf und Transport der Grenadiere wurden bis 1944 mehrere Prototypen gebaut. Dann endete das Vorhaben wie so viele in den Wirren des zu Ende gehenden Krieges und der totalen Niederlage. Bei Aufstellung der Bundeswehr Mitte der 1950er Jahre wurde das Thema wieder aktuell. Die Ausrüstung mit Großgerät erfolgte vor allem durch amerikanische Lieferungen, aber die Alliierten hatten keine tauglichen Waffensysteme, wie sie die deutschen Panzergrenadiere benötigten.

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Generalmajor Gunter Schneider (re.) dankt Rolf Hilmes für seinen Vortrag (fri)

Neue Fahrzeugfamilie
Deren Kampfweise mit dem schnellen Wechsel zwischen auf- und abgesessenem Kampf erforderten ein speziell dafür geeignetes Gefechtsfahrzeug. Provisorische Lösungen und der schnell beschaffte Schützenpanzer HS30 aus Schweizer Produktion waren nicht in der Lage, den in der Entwicklung befindlichen deutschen 30-Tonnen-Standartpanzer, dem späteren Leopard 1, im Gefecht zu folgen. Deshalb stellte der Führungsstab des Heeres 1959 Forderungen für eine neue Fahrzeugfamilie auf, dessen Pilotfahrzeug der Schützenpanzer werden sollte.

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Vorserienfahrzeug Marder 3005 mit formoptimierten Zwei-Mann-Turm (Rheinmetall)

„Nach den Erfahrungen mit dem HS30“, so Hilmer, „sollte nicht wieder ein unfertiges, sondern ein ausgereiftes und truppentaugliches Gefechtsfahrzeug eingeführt werden.“ So geschah es dann auch: Viele Jahre Entwicklungszeit, drei Generationen Prototypen miteinander konkurrierender Unternehmen und schließlich 38 Vorserienfahrzeuge. Deren Erprobung erfolgte in Bataillonsstärke, auf öffentlichen Straßen und Übungsplätzen in der ganzen damaligen Bundesrepublik. „Heute nicht mehr möglich“, stellte Hilmers fest, „aber so entwickelt und baut man erfolgreich Fahrzeuge!“

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Marder 1A1 aus dem Deutschen Panzermuseum in Munster (fri)

Der Zuschlag für 2136 Schützenpanzer Marder ging schließlich an die Unternehmen Thyssen-Henschel und Krupp Maschinenbau Kiel (MaK), beide gehören inzwischen zum Technologiekonzern Rheinmetall. Von den vielen geplanten „Familienfahrzeugen“ wurden später nur der Flugabwehrraketenpanzer Roland und ein Prototyp des Radarträgers TÜR (Tiefflieger-Überwachungsradar) gebaut. Andere Varianten entstanden auf dem Fahrgestell des Mannschaftstransportwagens M113, der als Basisfahrzug nur etwa ein Drittel des Marders kostete. Für den Schützenpanzer war eine Nutzung bis Anfang der 1990er Jahre vorgesehen.

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Die Ausführung 1A5 ist weiter bei der Bundeswehr im Einsatz (fri)

Verlängerung der Nutzungsdauer
Die Marder der ersten Serie kosteten dem Steuerzahler pro Stück ca. 1,05 Millionen D-Mark. Trotz intensiver Erprobung und umfangreichen Truppenversuche ergab sich nach der Einführung immer wieder die Notwendigkeit funktioneller Verbesserungen. Dazu musste über die Jahrzehnte mehrfach der Kampfwert aktuellen Bedrohungslagen angepasst werden. Eine der wesentlichen Kampfwertsteigerungen erfolgte ab 1977: Neben der Bewaffnung mit der 20-Millimeter-Bordmaschinenkanone und dem Maschinengewehr MG3 kam auf Kosten der Absitzstärke eine Waffenanlage MILAN mit vier Lenkflugkörpern an Bord.

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Marder mit dem Mehrrollenfähigen Leichten Lenkflugkörpersystem (MELLS) (Copyright: Carl Schulz)

Im Laufe der Jahre erfolgte beispielsweise die Ausrüstung mit Wärmebildgeräten, aus dem oliven wurde ein Flecktarnanstrich. Eine Zusatzpanzerung für Turm und Wanne, die Neugestaltung der Munitionslagerung und -zuführung sowie weitere Verbesserungen kennzeichneten die Kampfwertsteigerung zum Marder 1A3 zwischen 1989 und 1998. Nach der Jahrtausendwende wurden 74 Fahrzeuge unter anderem durch besseren Minenschutz zum 1A5 umgerüstet. Ab 2010 erhielt ein Teil davon, aufgrund der Erfahrungen im Afghanistan-Einsatz, Raumkühlanlagen und eine Multispektrale Tarnausstattung.

Heute sind noch vier Panzergrenadierbataillone der Bundeswehr mit SPz Marder ausgerüstet, der Bestand liegt bei 382 Fahrzeugen insgesamt. Bis Ende des Jahrzehnts sollen noch knapp 300 Stück, plus Fahrschulpanzer, Versuchsträger usw., bei der Truppe bleiben. Für die Verlängerung der Nutzungsdauer werden seit 2016 mehrere Maßnahmenpakete, teils für den 1A3 und 1A5 unterschiedlich, umgesetzt. Dazu gehören unter anderem die Integration der Panzerabwehrwaffenanlage MELLS (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörpersystem), neue Wärmebild- und Fahrersichtsysteme, der Informations- und Datenverbund im Rahmen des Führungsinformationssystem Bundeswehr, eine effektive Feuerwarn- und Löschanlage sowie Umrüstsätze für einen neuen Antriebsstrang bei 71 Fahrzeugen Marder 1A5.

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Prototyp Marder 2 aus dem Deutschen Panzermuseum in Munster (fri)

Die letzten Jahre
Nach anfänglichen Problemen sei der Nachfolger des Marder, der Schützenpanzer Puma, „inzwischen bei der Truppe angekommen“, war auf der Veranstaltung zu hören. Das weltweit modernste Gefechtsfahrzeug dieser Art bietet der Besatzung hochwirksamen modularen Schutz vor Minen, Beschuss mit Panzerabwehrwaffen und Sprengsätzen. Der Puma garantiert den Soldaten damit eine maximale Überlebenschance im Einsatz. Die Ausstattung der Truppe, Bataillon für Bataillon, wird aber noch geraume Zeit in Anspruch nehmen, daher die Verlängerung der Nutzungsdauer für den Marder.

Was danach mit den SPz geschieht bleibt abzuwarten. Der Export in andere Länder unterliegt den bekannten Beschränkungen durch die Politik. Derzeit nutzen ihn neben Deutschland die Armeen Chiles, Indonesiens und Jordaniens für ihre mechanisierte Infanterie. In Argentinien wurde, im Gegensatz zum Herkunftsland, die Marder-Familie Realität: Basierend auf dem Fahrgestell ist dort der leichte Panzer Tanque Argentino Mediano (TAM) das Rückgrat der Truppe. Auf dessen Einführung folgten Varianten als Führungspanzer, Mannschaftstransporter, Mörserträger, Panzerhaubitze, Sanitätsfahrzeug, Bergepanzer und Raketenwerfer, wenn auch zum Teil nur als Prototyp.

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Zeitstrahl Marderentwicklung (Rheinmetall)

In der Bundesrepublik ist zu erwarten, dass nach der Ausmusterung in den nächsten Jahren viele weitere Marder demilitarisiert und verschrottet werden. Es gibt aber auch Vorschläge, eine beträchtliche Zahl der mehr als bewährten Schützenpanzer zu erhalten. So sieht auch Generalmajor Schneider durch den geplanten Wiederaufbau ernstzunehmender Reservekräfte die Chance, ihn nach Ende des Jahrzehnts „zur Ausstattung einer starken, professionellen Reserve mit brauchbarem Gerät“ weiter zu nutzen. Ob der Marder nach dann sechs Jahrzehnten in der Panzergrenadiertruppe eine neue Chance bei der Reserve bekommt bleibt allerdings abzuwarten.

Autor HHK/Johann Fritsch