Nachgefragt bei … Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Inspekteur Cyber- und Informationsraum

Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Inspekteur Cyber- und Informationsraum (Foto: ©Bw/Stefan Uj) 
Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Inspekteur Cyber- und Informationsraum (Foto: ©Bw/Stefan Uj) 

Herr Admiral, vor welchen besonderen Herausforderungen steht die Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum (TSK CIR) aktuell?

Wir sind im Cyber- und Informationsraum fortwährend hybriden Einflussnahmen ausgesetzt. Cyberangriffe zu erkennen und abzuwehren sowie unsere eigenen Informationen zu schützen, ist einer unserer Kernaufträge. Ein Fokus auf die Fähigkeiten Cyber/ IT und Elektronischer Kampf greift bei diesen Herausforderungen jedoch zu kurz. Die Teilstreitkraft CIR bringt weitere Fähigkeiten des Zentrums für Operative Kommunikation mit ein, wenn es um die Aufklärung hybrider Einflussnahmen im Informationsumfeld und in der Folge um die konzertierten Abwehrfähigkeiten möglicher Bedrohungen geht. Ebenso von großer Bedeutung ist die Weiterentwicklung der Digitalisierung der Bundeswehr.

Dabei liegt das Augenmerk besonders auf den Themen Software Defined Defence und Künstliche Intelligenz (KI). Beides muss bei all unseren Projekten mitgedacht werden, denn der Einsatz von KI macht die Bundeswehr auf dem Gefechtsfeld nicht nur schneller, sondern ermöglicht auch, wertvolles Personal für zusätzliche Aufgaben zu gewinnen. Zudem sehen wir im Ukrainekrieg, dass das gläserne Gefechtsfeld bereits Alltag ist. Wir stehen mit dem Gegner in einem Wettlauf entlang der Kette vom Sensor, der einen Feind entdeckt, über den Entscheider, der den Einsatz führt, bis zum Effektor, der das Ziel schließlich bekämpft. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir diese sogenannte Kill Chain beschleunigen. Das taktische Ziel: schneller schießen und besser treffen, um den Feuerkampf zu gewinnen; auf operativer Ebene: Informationsüberlegenheit muss zu Führungsüberlegenheit und letztlich zu Wirkungsüberlegenheit führen. Die Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg verdeutlichen zugleich die Bedeutung von Satellitenkommunikation und -aufklärung für die Kriegsführung im 21. Jahrhundert: Militärische Operationen sind heute ohne die Einbeziehung des Weltraums nicht mehr vorstellbar. Daher ist es notwendig, auch die Fähigkeiten zur Wirkung aus dem Weltraum auszubauen, damit wir die Kriegstüchtigkeit bis 2029 auch im Weltraum erlangen. Dafür benötigen wir eigene robuste und resiliente Systeme, die auch bei elektronischen Störmaßnahmen und Cyberangriffen funktionieren.

Der CIR ist seit über einem Jahr die vierte Teilstreitkraft der Bundeswehr. Können Sie uns bitte etwas zu den bisherigen Erfahrungen, wichtigen weiteren Planungen und Zeitlinien sagen?

Die Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum besteht nun seit rund 15 Monaten. Der Organisationsbereich CIR bestand bereits seit 2017. Mit diesem Schritt hat der Verteidigungsminister der Feststellung Rechnung getragen, dass der Cyber- und Informationsraum ein eigenes Gefechtsfeld ist. Die Bilder aus der Ukraine und unsere tagtäglichen Beobachtungen geben ihm recht. Als Auge, Ohr und zentrales Nervensystem der Streitkräfte liefern wir nicht nur 24/7 lebenswichtige Informationen für die Streitkräfte, sondern schützen diese auch vor Cyberbedrohungen und treiben die Digitalisierung in Gänze voran. Mit den Strukturen aus CIR 2.0 hatten wir die Teilstreitkraft bereits an den Forderungen von morgen ausgerichtet. Aber wir ruhen uns nicht aus, sondern überprüfen und verbessern die Strukturen und Fähigkeiten im Hinblick auf Effizienz und Effektivität permanent weiter. Um die TSK CIR mit dem Kommando CIR an der Spitze darüber hinaus stringent auf Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten, hat das Kommando seine Rolle als Component Command (Cyber- and Information Domain Component Command, CIDCC) ausgeplant und lebt diese bei Planung und Durchführung von Übungen, Missionen und Einsätzen.

Die deutschen Verteidigungsausgaben sollen bereits bis 2029 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukt steigen. Das geht aus den Haushaltsentwürfen und der Finanzplanung für die kommenden Jahre hervor, die das Bundeskabinett am 24. Juni beschlossen hat. Welche Fähigkeiten in Ihrem Verantwortungsbereich sollten durch zusätzliche Haushaltsmittel aus Ihrer Sicht priorisiert oder zusätzlich aufgebaut werden?

Ich sehe hier mehrere Aspekte für meinen Verantwortungsbereich, die parallel realisiert werden müssen: Da ist zum einen ein schneller Aufwuchs auf Vollausstattung beim Material in den Bereichen Elektronischer Kampf (EloKa) und Führungsfähigkeit. Soweit diese Fähigkeiten bereits im Rahmen des Sondervermögens unter Vertrag genommen wurden, muss die Industrie die Geräte nun zügig produzieren und unseren Truppenteilen schnell zur Verfügung stellen. Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine zeigen die Chancen und Risken durch den Drohneneinsatz und betonen die vitale Bedeutung der Fähigkeit von Drohnenabwehr.

Deshalb bauen wir in der Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum eine eigene Drohneneinheit auf, die zeitnah auf die Größe einer vollen Kompanie anwachsen soll. Fähigkeiten wie Aufklären und Wirken im elektromagnetischen Umfeld, die Abwehr von Drohnen, jedoch auch das Überbrücken von Distanzen für die Kommunikation auf dem Gefechtsfeld sollen getestet und schnell für die Truppe nutzbar gemacht werden. Die planerischen Grundlagen hierzu sind bereits geschaffen. Die ersten Kräfte nehmen ab Oktober dieses Jahres im Bataillon Elektronische Kampfführung 911 in Stadum ihre Arbeit auf. Zusätzlich müssen wir auch andere Schlüsselbereiche um wichtiges Material ergänzen. Dies gilt für die Einsatzunterstützung aus dem Weltraum, bei der wir ein

  • souveränes, multiorbitales Satellitennetz für Resilienz in den Fähigkeiten
  • Aufklärung,
  • Kommunikation,
  • Geo- Info und Früherkennung

auf- und ausbauen müssen, um gegen mögliche Angriffe resilienter zu werden.

Auch bei Elektronischer Kampfführung sowie Drohnen identifizieren wir am Markt verfügbares Material, das eben nicht die Goldrandlösung ist, jedoch verfügbar und einsatzbereit ist und rasch zu unseren Truppenteilen gelangen kann. Damit gewinnen wir wertvolle Fähigkeiten, um bis 2029 kriegstüchtig zu werden.

Welche besonderen Herausforderungen, zum Beispiel bei der Interoperabilität der Systeme, ergeben sich aus der aktuellen Verteidigungsplanung der NATO, den aktuellen Beschlüssen des NATO-Rates und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Europäische Union für Ihren Verantwortungsbereich?

Ich sehe diese Ereignisse weniger als Herausforderung als vielmehr als Chance: Zunächst einmal geben uns die Entscheidungen zum Finanzierungsmodell der Streitkräfte mehr Handlungsoptionen. Bis vor zwei Jahren waren wir uns der Einschränkungen in der Interoperabilität unserer eigenen Systeme und andererseits der Masse an Fähigkeiten der Gegner zwar bewusst, mussten aber aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel immer priorisieren. Mit dem Sondervermögen haben wir eine erste Anschubfinanzierung bekommen, das gilt insbesondere im Bereich Digitalisierung. Für die Verbesserung der Führungsmittel in den Streitkräften haben wir immerhin 20 Prozent des Sondervermögens eingesetzt. Dies war nur der erste Schritt und verstetigt sich nun: Gerade bei den Fähigkeiten Einsatzunterstützung aus dem Weltraum, Elektronischer Kampf, Drohnen und KI besteht noch erheblicher Bedarf, schließlich wollen wir die Streitkräfte für das 21. Jahrhundert aufstellen. Das gilt übrigens auch weitgehend für unsere Verbündeten in Europa, die vor denselben Herausforderungen stehen.

Nachgefragt bei … Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Inspekteur Cyber- und Informationsraum

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