Erkenntnisse und Forderungen zur Erhöhung der Fähigkeiten in landbasierten Operationen
Die globale Entwicklung generativer KI-Systeme schreitet mit rasanter Geschwindigkeit voran. Einer Schätzung des Non-Profit-Forschungsinstituts Epoch AI zufolge wachsen die globalen KI-Fähigkeiten derzeit pro Jahr um das Vierzehnfache.
Dies betrifft sowohl die KI-Algorithmen selbst als auch deren Architektur und Rechenleistung. Zum Vergleich: Während sich die Rechenleistung klassischer Computer in den letzten Jahren „nur“ alle 18 Monate verdoppelte, führt das rasante Wachstum der KI-Fähigkeiten dazu, dass KI-Modelle, die vor wenigen Jahren nur in großen Rechenzentren betrieben werden konnten, heute bereits auf KI-befähigten Endgeräten lauffähig sind. Die weltweit führenden Tech-Unternehmen sowie eine überschaubare Anzahl disruptiver KI-Start-ups sind Taktgeber dieser Entwicklung. Mehrheitlich sind deren Anwendungen jedoch ziviler Natur und daher „frisch vom Regal“ nur von eingeschränktem militärischem Nutzen. Aus militärischer Sicht gilt es, das Potenzial sowie die Grenzen von KI-Systemen für aktuelle und zukünftige Anwendungen abzuschätzen. Die vorliegenden Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg liefern hierfür eine Basis.
Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg
„On the battlefield I did not see a single Ukrainian soldier. […] Only drones, and there are lots and lots of them. Guys, don’t come. It’s a drone war.“ Surrendered Russian soldier
Der Krieg in der Ukraine demonstriert schmerzlich, dass der eingangs beschriebene Innovationswettlauf nicht nur auf industrieller Ebene, sondern auch auf dem Gefechtsfeld stattfindet. Die hieraus entstandenen technologischen Entwicklungen haben zu drastischen Veränderungen in der Kriegführung und neuen Anforderungen an Vernetzung und Tempo geführt. Sowohl die Entwicklung neuer Waffensysteme als auch die Automatisierung der Abläufe im Gefecht selbst schreiten mit hoher Geschwindigkeit voran. Zum Schutz eigener Kräfte werden Soldaten zunehmend durch unbemannte Systeme substituiert. Technologien wie Künstliche Intelligenz schaffen hierfür die Voraussetzungen.
Ein gutes Beispiel ist das von der Ukraine entwickelte Delta-System zur Koordination von Aufklärungs- und Angriffsmissionen. Delta verarbeitet in Echtzeit Daten von Drohnen, Satelliten und anderen Sensoren, analysiert mit KI-Algorithmen feindliche Bewegungen und ermöglicht so präzise Artillerieschläge. Die Fähigkeit, Ziele automatisiert zu erkennen und Angriffe zu koordinieren, hat die Effektivität der ukrainischen Verteidigung maßgeblich erhöht. Auch KI-gestützte Bilderkennungssysteme werden eingesetzt, um feindliche Fahrzeuge und Stellungen automatisch identifizieren und priorisieren zu können.
Der Einsatz von KI-Technologie auf dem Gefechtsfeld ist folglich längst zur Realität geworden. Erste Fähigkeiten in den Bereichen Zielerkennung und Navigation konnten erfolgreich umgesetzt werden. Zu erwarten ist, dass diese rasch weiter ausgebaut und auf weitere Plattformen und Systeme übertragen werden. Zudem werden neue Anwendungsbereiche erschlossen werden. Aus Sicht der Ukraine gilt es weiterzudenken und ein Umfeld zu schaffen, in dem neue Entwicklungen im steten Abgleich mit den operationellen Erfordernissen fortwährend integriert werden können. Nur so kann sichergestellt werden, dass trotz steter Anpassung und Weiterentwicklung ein hoher Grad an Integration gehalten und neue, innovative Systeme sukzessive integriert werden können.
Das Gefechtsfeld der Zukunft aus Sicht des Heeres
Kontinuierliche Weiterentwicklung militärischer Fähigkeiten im Frieden ist essenziell, um die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Umfeld zu wahren. Dies gilt insbesondere für disruptive technologische Fortschritte wie dem Einsatz unbemannter Systeme und der Integration von Künstlicher Intelligenz. Für die deutschen Landstreitkräfte bedeutet dies, jetzt verlorenen Boden in der Bereitstellung von entsprechenden Fähigkeiten oder deren Abwehr gutzumachen und frühzeitig ein klares Verständnis der zukünftigen Anforderungen zu entwickeln. Dies ermöglicht eine zielgerichtete Steuerung der eigenen Entwicklungs- und Beschaffungsprozesse. Aktuelle Überlegungen dazu:
- Veränderte Bedrohungslage: Das Gefechtsfeld der Zukunft wird maßgeblich von einer durchgängigen Automatisierung und Schwarmfähigkeit bestimmt. Die Hauptbedrohungen gehen von unbemannten Systemen im bodennahen Luftraum und von weitreichenden Waffensystemen aus. Nicht weniger Gefahr geht von Bedrohungen aus dem elektromagnetischen Spektrum aus. Um diesen exponierten Herausforderungen zu begegnen, sind schnelle, kritische Entscheidungen in dynamischen Einsatzumgebungen unabdingbar.
- Operationelle Ableitungen: Die Fokussierung verlagert sich auf Präzision und Wirksamkeit in der Tiefe des Raumes, was hochflexible Führungssysteme erfordert. Die neue Priorität liegt auf Abstandsfähigkeit und einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit, während die taktische Duellsituation in den Hintergrund tritt. Eine resiliente Führungsfähigkeit und eine robuste, nach vorne gestaffelte Einsatzunterstützung sind entscheidend für eine erfolgreiche Gefechtsführung.
- Schlüsseltechnologie Künstliche Intelligenz: Die Landstreitkräfte müssen konsequent auf das hochmobile Gefecht der verbundenen Kräfte ausgerichtet werden. Die Integration von Künstlicher Intelligenz ist hierbei ein zentraler Baustein zur Bewältigung der steigenden Komplexität. Es gilt, eine ausgewogene Balance zwischen schneller Implementierung und robuster Anwendung zu finden, wobei das Konzept der Software-Defined Defence den notwendigen Rahmen für die Entwicklung liefert.
Auch wenn diese Darstellung nur sehr grobe Linien zeichnet, so liefert sie doch einen guten Überblick über die vielfältigen Herausforderungen in der anstehenden Transformation landbasierter Kräfte. Auslöser ist die neue Bedrohungslage, der es zukünftig zu begegnen gilt. In Nutzung befindliche Waffensysteme, ergänzt um neue Fähigkeiten sind hinsichtlich ihrer Bedeutung im Gefecht neu zu ordnen. Das unveränderte Erfordernis, eine hohe Schlagkraft im Verbund aller Kräfte zu erreichen, bleibt hiervon unberührt. Das immense Potenzial Künstlicher Intelligenz für die Landstreitkräfte der Zukunft ist erkannt; es zu erschließen, stellt eine der größten Herausforderungen der kommenden Dekade dar.

