Erstmals seit 20 Jahren: Die russische Marine hat wieder einen Flottenadmiral

(Foto: Russisches Verteidigungsministerium)
(Foto: Russisches Verteidigungsministerium)

Am 8. Dezember 2025 hat es eine zuletzt seltene Personalentscheidung in den Streitkräften der Russischen Föderation gegeben: Alexander Moissejew (63), seit März 2024 Oberbefehlshaber der Marine, ist vom Admiral zum Flottenadmiral befördert worden. Der Dienstgrad ist fast 20 Jahren lang nicht verliehen worden.

Obwohl es seit Russlands Überfall auf die Ukraine 2022 zu einem Anstieg an Beförderungen in hohe Generals- und Admiralsränge kam, befand sich darunter bislang kein Flottenadmiral. Da der Dienstgrad einen hohen Symbolwert hat, ist Moissejews Beförderung daher beachtenswert. Das liegt an folgenden Umständen:

Erstens handelt es sich beim Flottenadmiral um den höchsten Marinerang des Landes. Er steht an oberster Stelle der vierstufigen Dienstgradgruppe der Admirale. Lediglich der streitkräftegemeinsame Spitzendienstgrad Marschall der Russischen Föderation befindet darüber, an der fünften Stelle.

Seltener Dienstgrad

Zweitens existiert der Flottenadmiral nur in der Marine und in keinem der anderen uniformierten Dienste der Russischen Föderation, welche dieselben Rangabzeichen und -titel nutzen. Das betrifft die Küstenwache der Grenztruppen des Föderalen Sicherheitsdienstes und die maritimen Anteile der Nationalgarde.

Drittens wurde der Rang Flottenadmiral seit Gründung der Russischen Marine 1992 und bis zur jüngsten Beförderung Moissejews nur dreimal vergeben. Die Träger waren – wie er – Oberbefehlshaber der Marine und zugleich die ersten drei auf diesem Dienstposten seit Bestehen der Teilstreitkraft. Die Beförderungen erfolgten jeweils mit zeitlichem Abstand und erst nach dem Ausscheiden des jeweiligen Vorgängers, sodass es zu keinem Zeitpunkt mehr als einen aktiven Flottenadmiral gab. Dies ist auch in Moissejew Fall so.

Viertens fand die letzte Verleihung des Dienstgrads vor fast 20 Jahren statt, im Dezember 2006. Der damalige Träger, Wladimir Massorin, wurde jedoch bereits knapp ein Jahr später, im September 2007, zur Ruhe gesetzt. Die Vakanz zwischen ihm und Moissejews jetziger Beförderung hat zwei Gründe: Zum einen ist der Rang Flottenadmiral nicht formal an den Dienstposten des Oberbefehlshabers der Marine gekoppelt, wenngleich die ersten drei Amtsinhaber ihn erhielten. Zum anderen begann im Februar 2007 mit Einsetzung von Anatoli Serdjukow als neuer Verteidigungsminister – noch vor Massorins Dienstzeitende – eine Zeit umfassender Militärreformen, die unter anderem eine Reduzierung überproportional vorhandener hoher Offizierdienstgrade vorsah. Diese wurden daher zurückhaltend vergeben, so dass das Ausbleiben weiterer Flottenadmirale im Einklang mit der damals restriktiven Beförderungspraxis steht und den Dienstgrad zusätzlich besonderer machte.

Fünftens dürfte Moissejews Aufstieg zum Flottenadmiral auf eine persönliche Entscheidung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zurückzuführen sein. Ihm obliegt in seiner verfassungsrechtlichen Funktion als Oberbefehlshaber der Streitkräfte generell die Auswahl von Soldaten für Beförderungen in Admirals- und Generalsränge. Je höher sie sind, desto mehr ist Putin höchstwahrscheinlich involviert.

Auszeichnung für erbrachte Leistungen

Über Moissejews Privatleben ist, typisch für hochrangige russische Offiziere, wenig bekannt. Medienberichten zufolge soll er verheiratet sein und zwei Töchter haben. Gut dokumentiert ist hingegen sein Berufsweg: Er folgt idealtypischen dem Verlauf der Karriere eines russischen Marineoffiziers.

1962 in der Oblast Kaliningrad geboren, trat Moissejew nach ziviler Lehre zum Filmtechniker und kurzer Berufstätigkeit 1981 den Grundwehrdienst in der Sowjetarmee an. Ein Jahr später begann er die Ausbildung zum Marineoffizier. Zwischen 1987 und 2018 diente er mit Unterbrechungen in der Nordflotte und stieg bei den strategischen Atom-U-Booten – Kern der nukleare Zweitschlagfähigkeit Russlands – über verschiedene Führungsebenen bis zum Kommandanten auf.

In dieser Zeit dürfte Moissejew politisch aufgefallen sein. Ihm werden13 Einsatzpatrouillen und die Beteiligung an wegweisenden Erprobungen zugeschrieben. Nachweislich zählt dazu die erstmalige Verbringung deutscher Satelliten in eine niedrige Erdumlaufbahn mittels einer von einem getauchten strategischen Atom-U-Boot gestarteten modifizierten Interkontinentalrakete. Moissejew war damals Kommandant. Unter anderem wegen solcher Tests wurde er mehrfach ausgezeichnet, etwa 2011 mit dem Titel „Held der Russischen Föderation“ durch Präsidenten Dmitri Medwedjew.

2018 stieg Moissejew kurzzeitig zum Kommandeur der Schwarzmeerflotte auf, kehrte 2019 wieder zur Nordflotte zurückkehrte und übernahm dort das Kommando. 2024 wurde er zum Oberbefehlshaber der Russischen Marine ernannt, nachdem sein gleichaltriger Vorgänger Nikolai Jewmenow abgelöst wurde – nach Einschätzung des britischen Militärnachrichtendienstes sehr wahrscheinlich wegen kontinuierlicher Schiffsverluste seit Beginn der 2022 Vollinvasion der Ukraine.

Moissejew Beförderung zum Flottenadmiral kann als Auszeichnung für Leistungen im Amt gelesen werden. International sichtbar waren vor allem die Großübungen „Ozean“ 2024 und „Julisturm“ 2025, mit denen die Marine ihr Selbstverständnis als flexibel einsetzbares Machtinstrument unterstrich – gerade zur Verteidigung entfernter Regionen wie Arktis und Pazifik. Dieser Anspruch findet sich in Moissejews Fachbeiträgen wieder.  In einem nach Amtsantritt erschienenen Artikel skizziert er seine Linie:  mehr unbemannte Systeme, besseres, sensorbasiertes Lagebild, vereinheitlichte Führungs- und Informationsprozessen sowie stärkerer Schutz von Schiffen und Stützpunkten gegen asymmetrische Bedrohungen. Kurzum: Mehr und bessere Mittel zu Kontrolle von Seegebieten.

Mehr formale Macht bringt der neue Dienstgrad nicht, er dürfte jedoch Moissejews Autorität festigen und dem Kurs zusätzlich Gewicht verleihen.

(Foto: Russisches Verteidigungsministerium)
(Foto: Russisches Verteidigungsministerium)

Hintergrund zum Dienstgrad

Der russische Flottenadmiral („Admiral flota“, wörtlich: „Admiral der Flotte“) darf trotz sprachlicher, optischer und hierarchischer Ähnlichkeiten nicht mit dem amerikanischen „Fleet Admiral“ oder dem britischen „Admiral of the fleet“ gleichgesetzt werden. Der häufig zu Verwirrung führende Unterschied lässt sich historisch erklären:

Nachdem infolge der russischen Oktoberrevolution 1917 alle persönlichen Dienstgrade abgeschafft und durch Funktionsbezeichnungen ersetzt wurden, kehrten sie ab 1935 allmählich zurück. 1940 folgte die Wiedereinführung der Dienstgradegruppe der Admirale. Wie zuzeiten der Kaiserlich Russischen Marine war sie vierstufig aufgebaut. Bei den ersten drei Dienstgraden – von unten beginnend: Konteradmiral („Kontr-admiral“), Vizeadmiral („Vice-admiral“) und Admiral – handelte es sich um die gleichen wie in vielen westlichen Seestreitkräften; sie wurden beim Aufbau der Kaiserlich Russischen Marine Ende des 17. Jahrhunderts von europäischen Seemächten übernommen. Statt auf der vierten Stufe den formal bis 1917 vorhandenen Rang des Generaladmirals wiederzubeleben, wurde 1940 der des Flottenadmirals im Sinne eines Admirals der Marine kreiert und 1944 erstmals verliehen.

Der Flottenadmiral war ursprünglich dem Armeegeneral gleichgesetzt. Das änderte sich 1945, als er auf die fünfte Stufe gehoben wurde, um ein Pendant zum Marschall zu schaffen. Um dem mehr Ausdruck zu geben, wurde der Titel des Dienstgrads 1955 zu Flottenadmiral der Sowjetunion erweitert („Admiral Flota Sowjetskogo Sojusa“, wörtlich: „Admiral der Flotte der Sowjetunion“). Währenddessen blieb die vierte Stufe der Dienstgradgruppe der Admirale de facto frei. Erst 1962 wurde sie wieder befüllt – allerdings erneut mit dem Rang Flottenadmiral. Das heißt, es gab seither zwei ähnlich klingende Dienstgrade.

Währenddessen gab es aufseiten der NATO eine Standardisierung der Dienstgrade. Bei den Flaggoffizieren war die amerikanische Systematik maßgebend. In einigen europäischen Nationen führte dies dazu, dass die historisch auf den ersten drei Stufen befindlichen Ränge Konter-, Vize- und Admiral quasi nach oben verschoben wurden. In manchen Staaten tat sich dadurch eine Lücke auf. Belgien, Dänemark und Deutschland schlossen sie durch Schaffung des bis dahin jeweils nie existierendes Rangs Flottillenadmiral.

Bei der Gründung der Russischen Marine 1992 wurde der Flottenadmiral als Bezeichnung für den Rang auf der vierten Stufe der Dienstgradgruppe der Admirale übernommen und 1993 rechtlich verankert. Auf der fünften Stufe ist zur selben Zeit der streitkräftegemeinsame Spitzenrang Marschall der Russischen Föderation geschaffen worden. Theoretisch kann er an einen Marinesoldaten verliehen werden. Praktisch kam das noch nicht vor, zumal der Dienstgrad bislang nur einmal vergeben wurde: 1997 an den damaligen Verteidigungsminister Igor Sergejew. Seit seiner Zurruhesetzung 2001 hat es keinen Marschall mehr gegeben. Der Spitzendienstgrad existiert rechtlich aber weiterhin.

Helge Adrians

Autor: Fregattenkapitän Helge Adrians ist Gastwissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Der Text gibt seine persönliche Einschätzung wieder.

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