MSC 2026: Pistorius und Freuding fordern mehr Effektivität

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius spricht vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2026.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius spricht vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. (Foto: Björn Trotzki)

Die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz stand erneut besonders im Zeichen der doppelten Herausforderung Europas durch die Bedrohung seitens Russlands und die Unsicherheit im transatlantischen Verhältnis. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ging in seiner Rede bei der Veranstaltung auf beide Aspekte ein und kritisierte auch das Vorgehen der USA in der Grönland-Frage sowie den Verhandlungen zu einer Friedenslösung für die Ukraine. Beim vorangegangenen Munich Security Breakfast forderte Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding insbesondere mehr Tempo, Innovationskraft und robuste Einsatzbereitschaft bei den deutschen Streitkräften.

Der Krieg in der Ukraine hat die Landkriegsführung in Europa verändert: Drohnen und Datenketten beschleunigen Aufklärung und Wirkung. Dies verdichtet eine neue Normalität für Landstreitkräfte: Tempo, Masse und Anpassungsfähigkeit entscheiden. Wer Wirkung erzielen will, muss Aufklärung, Schutz und Führung enger verzahnen und Fähigkeiten schnell in die Truppe bringen. Am deutlichsten zeigt sich der Wandel der Landkriegsführung im Drohnenkampf. Drohnen sind längst nicht mehr nur „zusätzliche Sensoren“, sondern zugleich Aufklärer, Zielzuweiser und tödliche Waffen. Ohne wirksame Drohnenabwehr und abgestufte Schutzmaßnahmen drohen Verbände im Gefecht schnell aufgeklärt, gebunden oder zerschlagen zu werden.

Inspekteur des Heeres betont Handlungsfähigkeit

Drohnenabwehr darf daher nicht als Spezialthema einzelner Truppenteile gelten, sondern muss zur Grundfähigkeit werden, die jeder Soldat beherrscht. Genau dieser Druck, schneller zu lernen und schneller zu skalieren, prägte auch die Botschaft beim Munich Security Breakfast. Vor diesem Hintergrund setzte Freuding beim Munich Security Breakfast im Münchner Hofbräuhaus einen klaren Akzent auf Handlungsfähigkeit. „Wir haben keine Zeit. Der Gegner wartet nicht auf unseren Abschlussbericht“, sagte er. Freuding warnte vor einer weiter wachsenden und lernfähigen russischen Armee, die sich „bereits im Konflikt mit dem Westen“ sehe. Ein großangelegter Krieg in Europa sei nicht auszuschließen, falls Europa nicht glaubhaft abschrecke.

Freuding beschrieb ein datengetriebenes, vernetztes und von KI beeinflusstes Gefechtsfeld, geprägt durch konkurrierende A2/AD-Schutzschirme und die Gleichzeitigkeit von Grabenkampf, klassischer Gefechtsführung und Multi-Domain-Operationen. Daten würden zur „Munition der Zukunft“. Für das deutsche Heer definierte Freuding drei Schwerpunkte: Einsatzbereitschaft, Wachstum und Innovation. Das Heer sei grundsätzlich bereit, verfüge jedoch über Fähigkeitslücken, die „heute, nicht morgen“ geschlossen werden müssten. Mit der neuen Brigade 45 in Litauen unterstreiche Deutschland seine Bündnisverpflichtungen.

Generalleutnant Christian Freuding bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz.
Generalleutnant Christian Freuding bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. (Foto: Jürgen Fischer)

Freuding und Pistorius wollen mehr gemeinsame Verantwortung

Beim Thema Innovation plädierte Freuding für ein anderes Tempo und andere Maßstäbe. Systeme müssten robust, intuitiv bedienbar, massenproduzierbar und mit offenen Schnittstellen ausgestattet sein. Verlässliche Zeit- und Qualitätszusagen seien ebenso entscheidend wie die Fähigkeit zur schnellen Skalierung. Auch unkonventionelle Wege, etwa der Erwerb kampferprobter Systeme oder die stärkere Einbindung von Start-ups, müssten konsequent mitgedacht werden. Zum Abschluss appellierte Freuding an Politik, Industrie und Streitkräfte, die gemeinsame Verantwortung ernst zu nehmen: Mut zur Entscheidung und Disziplin in der Umsetzung seien entscheidend – „bevor der Gegner für uns entscheidet“.

Verteidigungsminister Pistorius, der im Anschluss an die mit Spannung erwartete Rede von US-Außenminister Marco Rubio vor dem Plenum der Konferenz sprach, schlug mit seiner Forderung nach einer europäischen Führungsrolle bei robusten konventionellen Streitkräften und mehr Verantwortung für die eigene Nachbarschaft einen ähnlichen Ton an. Zuvor war Rubios Rede aufgrund des verbindlicheren Tons gegenüber dem Auftritt von Vizepräsident J. D. Vance im Vorjahr mit Erleichterung aufgenommen worden, obwohl sie einige derselben ideologischen Elemente enthielt. Pistorius wies darauf hin, dass es das Bündnis beschädige und seine Gegner stärke, wenn die territoriale Integrität und Souveränität eines NATO-Mitglied in Frage gestellt oder die europäischen Verbündeten von entscheidenden Verhandlungen zur Sicherheit des Kontinents ausgeschlossen würden.

Einigkeit in NATO und Europa als deutsches Ziel

„Das Bündnis muss Sinn für alle Mitglieder ergeben“, so der Minister. „Selbst die Vereinigten Staaten können in der heutigen Welt aufstrebender Großmächte nicht allein handeln. Sie brauchen Verbündete.“ Doch das Bündnis müsse auch Sinn für Europa ergeben. Dies hänge von der Vorhersagbarkeit des Handelns und der Zuverlässigkeit der amerikanischen Verpflichtung ab. Aus der jüngst veröffentlichten US-Verteidigungsstrategie und dem letzten Treffen der NATO-Verteidigungsminister leitete Pistorius jedoch einen „realistischen und pragmatischen Optimismus“ ab: Das nächste Kapitel der transatlantischen Partnerschaft müsse auf einer klaren und fairen Verteilung von Verantwortlichkeiten beruhen. Im Gegenzug zu einer stärkeren Rolle Europas im konventionellen Bereich müssten die USA dabei auf absehbare Zeit weiterhin für die strategische und nukleare Rückversicherung sorgen.

Mit Blick auf die Herausforderung durch Russland – auch in Zusammenarbeit mit China, dem Iran und Nordkorea – arbeite Deutschland daran, Einigkeit im Herzen der NATO und im Herzen Europas zu schaffen. Deswegen verlege man eine kampfbereite Brigade nach Litauen, stärke die maritime Sicherheit mit nordatlantischen Partnern und sei nun größter Unterstützer der Ukraine. „Ich will, dass die deutsche und europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik effektiver und hartnäckiger wird“, sagte Pistorius. Europa müsse mehr sein als eine starke Wirtschaftsmacht und mehr militärische Stärke entwickeln. Sein Handeln müsse international besser koordiniert und sichtbarer werden. Sicherheit müsse nicht nur eine Angelegenheit für gesamte Regierungen, sondern gesamte Gesellschaften werden. Dies sei der Schlüssel dafür, Resilienz in Europa aufzubauen.

Jürgen Fischer/Stefan Axel Boes

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