Herr Oberst Tuneke, was fordert den General der Artillerietruppe und Leiter der Artillerieschule dienstlich zurzeit besonders?
Sie sprechen bereits zwei verschiedene Aufgabenbereiche an, nämlich die Funktion des Generals einer Truppengattung und gleichzeitig die Führung der zentralen Ausbildungseinrichtung für Indirektes Feuer des Deutschen Heeres. In beiden Bereichen gibt es derzeit umfangreiche, teilweise sehr unterschiedliche Herausforderungen. AlsLeiter der Artillerieschule fordert mich die Ausbildung unserer ukrainischen Kameraden besonders. Der Inspekteur des Deutschen Heeres hat diese Ausbildung zu Recht zum Schwerpunkt erklärt. Seit Juni 2022 haben wir Hunderte von Soldatinnen und Soldaten erfolgreich ausgebildet. Das fordert unsere Ausbilderinnen und Ausbilder im erheblichen Maße zusätzlich. Sie müssen in wenigen Tagen das beibringen, was sonst über Monate vermittelt wird. Unsere Systemgeräte, sei es die Panzerhaubitze 2000 oder der Raketenwerfer MARS II, sind komplex und der Einsatzwert dieser Waffensysteme hängt stark vom Stand der Ausbildung ab. Das treibt uns tagtäglich um. Wenn wir schlecht ausbilden, können die Kameraden im Kampf nicht bestehen.
Als General der Artillerietruppe schaue ich vor allem auf den Fähigkeitsaufbau der Artillerietruppe und des Indirekten Feuers. In den vergangenen zwei Jahren haben wir in der NATO neue Verteidigungspläne erstellt, die von uns deutlich mehr Fähigkeiten im Bereich des weitreichenden präzisen Indirekten Feuers qualitativ wie quantitativ abverlangen. Neue Waffensysteme müssen hierzu beschafft werden, Artillerieverbände müssen in Dienst gestellt werden, Infrastruktur geschaffen oder ertüchtigt werden und Personal muss eingestellt und ausgebildet werden. Gerade die Synchronisation der einzelnen Planungskategorien auf der Zeitachse ist die entscheidende und schwierigste Aufgabe.
Das Deutsche Heer wird seit mehreren Jahren auf Landes- und Bündnisverteidigung umgestaltet. Welche Planungen gibt es zu Struktur und Fähigkeiten der zukünftigen Artillerieverbände im Deutschen Heer?
In Zukunft wird es noch mehr darum gehen, verlustreiche Duellsituationen zu vermeiden. Die Bedeutung von weitreichendem, präzisem Indirektem Feuer nimmt deshalb weiter zu. Folgerichtig werden Artilleriekräfte zukünftig wieder auf allen taktischen Ebenen abgebildet sein. Die mechanisierten Großverbände des Deutschen Heeres werden mit den artilleristischen Fähigkeiten ausgestattet werden, die sie für das Gefecht der verbundenen Waffen zwingend benötigen. Für die Brigaden sind hier vor allem Rohrwaffensysteme und komplementär Loitering Munition Systeme (LMS) mittlerer Reichweite, ergänzt durch die notwendigen Koordinierungselemente der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung und artilleristischen Aufklärungssysteme zu nennen. Die Divisionsebene wird durch Raketen-, Rohrwaffen- und LMS-Systeme großer Reichweite, ergänzt durch entsprechende Aufklärungssysteme, besser für den Kampf in der Tiefe des Raumes der Division befähigt.
Zudem leistet das Deutsche Heer mit Aufstellung von Raketenartilleriekräften und perspektivisch Loitering-Munition-Systemen (LMS) großer Reichweite/Fernbereich einen entscheidenden Beitrag zum Deep Fight auf Korpsebene. Insgesamt nimmt die Verlässlichkeit von Feuerunterstützung damit deutlich zu. Das Verhältnis Kampftruppe zu Artillerie, welches in der letzten Struktur bei 9:1 lag, wird sich auf etwa 4:1 verbessern.
Die Artillerie unterstützt die Kampftruppe, bekämpft Ziele, bringt Licht in die Nacht und nimmt mit Nebel dem Feind die Sicht. Reichen Kräfte, Material und Ausbildung mit Blick auf Landes- und Bündnisverteidigung hierzu aus?
Derzeit sicherlich noch nicht im vollen Umfang. Immer vorausgesetzt, dass die nun eingeschlagenen Wege konsequent weitergegangen werden, bin ich aber davon überzeugt, dass die Artillerie ihren Auftrag im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung erfüllen wird. Neben der Aufstellung der neuen Verbände, dem Zulauf des dringend benötigten Materials und der dazugehörigen Munition muss das Thema Durchhaltefähigkeit in den folgenden Strukturen stärker bedacht werden. Die Artillerie ist ein Mengenverbraucher von Munition, den Nachschub- und Versorgungsstrukturen kommt damit eine besondere Rolle zu. Ohne Nachschub, Wartung und Personalersatz verliert auch die modernste Artillerie schnell an Einsatzwert.
Die Artilleriekräfte der Bundeswehr verfügen auch nach Erkenntnissen im Ukrainekrieg in den Kernaufgaben im Wesentlichen über in die Jahre gekommene Systeme und mit Sicherheit nicht ausreichende Kapazitäten und Vorräte. Wie sind Ihre Planungen und welchen Zeitbedarf sehen Sie hier?
In einem ersten Schritt muss es darum gehen, die Munitionsvorräte schnellstmöglich aufzufüllen; hier sind wir auf einem guten Weg. Der Generalinspekteur der Bundeswehr hat als Zwischenziel zum Erreichen der vollen Einsatzbereitschaft das Jahr 2029 genannt. Dies ist die erste Zielmarke, die es zu erreichen gilt. Die Kapazitäten der Industrie werden derzeit bereits sukzessive hochgefahren, bereits jetzt steht der Artillerietruppe für Aus- und Weiterbildung spürbar mehr Munition zur Verfügung.

