„Wir müssen bei der TNT-Produktion mit Russland gleichziehen“

Der schwedische Unternehmer Joakim Sjöblom will mit seiner Firma SWEBAL Europas eigene TNT-Produktion steigern.
Der schwedische Unternehmer Joakim Sjöblom will mit seiner Firma SWEBAL Europas eigene TNT-Produktion steigern. (Foto: Boes)

Seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine gibt es innerhalb der NATO Bestrebungen, insbesondere die eigene Produktion von Artillerie- und sonstiger Munition stark auszubauen. Ein kritischer Engpass dabei ist die Versorgung mit Sprengstoff wie TNT, der in westlichen Ländern kaum noch hergestellt wird. Joskim Sjöblom will das mit seiner Firma Sweden Ballistics AB (SWEBAL) ändern. Der Hardthöhenkurier sprach auf der Fachmesse Enforce Tac mit dem schwedischen Unternehmer.

Herr Sjöblom, können Sie kurz die aktuelle Situation bei der TNT-Produktion in Europa schildern?

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Europa sieben TNT-Produktionsanlagen. Sechs davon wurden inzwischen stillgelegt oder umgenutzt. Das bedeutet, dass nur noch eine Anlage in Betrieb ist: Nitrochem in Polen, im Besitz des polnischen Staates. Die Produktionskapazität ist, sagen wir mal, begrenzt, während Russland schätzungsweise fünf Millionen Artilleriegranaten pro Jahr produzieren kann. Um fünf Millionen Artilleriegranaten herzustellen, benötigt man Zugang zu 50.000 Tonnen Sprengstoff. Und Sie werden mehrere polnische Werke benötigen, um mit Russland gleichzuziehen.

Wie deckt Europa derzeit seinen Bedarf?

Der geschätzte Gesamtbedarf in Europa liegt bei 33.000 bis 35.000 Tonnen pro Jahr. Es gibt eine öffentliche Erklärung der Europäischen Union, dass wir in der Lage sein sollten, zwei Millionen Artilleriegranaten pro Jahr herzustellen. Hinzu kommen alle Arten anderer Munition, Minen und sogar der zivile Bergbau, der ebenfalls Sprengstoffe benötigt. Der Großteil des in Europa verwendeten TNT wird also importiert, hauptsächlich aus Asien. Die meisten dieser Länder handeln auch mit Russland.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass die Lieferzeit per Schiff aus Asien etwa acht Wochen beträgt. Und wenn man beschossen wird, will man nicht acht Wochen warten, bis man zurückschießen kann. Wir müssen also in der Munitionsproduktion unabhängig werden, und das schließt die Lieferkette mit ein. Wenn nicht innerhalb Europas, dann zumindest in der NATO.

Was ist also die Geschichte Ihres Unternehmen SWEBAL?

Wir haben damit Ende 2023 angefangen, also vor etwas mehr als zwei Jahren. Mein Hintergrund liegt in der Software- und Technologiebranche. Anfang 2024 habe ich dann meine vorherige Firma verkauft. Zufälligerweise trat Schweden damals der NATO bei. Aus Interesse und dem Gefühl, etwas beitragen zu wollen, habe ich angefangen, mich mit Politikern, den Streitkräften und der Fertigungsindustrie auszutauschen. Uns wurde immer wieder gesagt, dass einer der Gründe, warum Europa in der Munitionsproduktion nicht expandieren kann, Zugang zu Sprengstoffen ist.

„Wir wollen nicht konkurrieren, sondern kooperieren“

Der allererste Schritt auf dem Markt war die Produktion kompletter Artilleriegranaten, weil das in den Nachrichten war: Die Ukraine brauchte mehr Artilleriemunition, die Lieferketten waren stark angespannt. Uns wurde aber auch klar, dass man mit den großen Marken wie Rheinmetall, BAE und DS konkurrieren muss, wenn man eine komplette Granate herstellen will. Wir wollen aber nicht konkurrieren, sondern kooperieren.

Also haben wir mit diesen Unternehmen gesprochen, um zu verstehen, welche Komponenten und welche Rohstoffe benötigt werden. Und so sind wir schließlich bei TNT gelandet. Ein großer Vorteil von TNT ist, dass wir zur Herstellung Salpetersäure, Toluol, Oleum und Natriumsulfat verwenden. Alle diese vier Rohstoffe werden entweder in Schweden oder im Ostseeraum produziert, wodurch wir eine sehr enge Lieferkette gewährleisten können. So können wir die Produktion auch im Kriegsfall aufrechterhalten.

Wo stehen Sie aktuell mit der Umsetzung?

Nach zwei Jahren haben wir im Dezember die notwendigen Umweltgenehmigungen zum Bau der Produktionsanlagen erhalten. Wir haben rund 1,5 Millionen Euro für 14 verschiedene Untersuchungen ausgegeben: Tierarten, Archäologie, Grundwasser, Seismologie. Darauf folgte der detaillierte Bebauungsplan, der erst am 14. Januar genehmigt wurde. Jetzt beginnen wir mit dem Bau, der voraussichtlich zwei Jahre dauern wird. Der gesamte Zeitplan bis zum Produktionsbeginn umfasst also etwa vier Jahre. In unserem Fall wäre das 2028..

Das umfasst dann nicht nur die Gebäude, sondern auch die Maschinen und die Sicherstellung der Rohstoffversorgung?

Ja, die Verträge sind abgeschlossen.

Was ist Ihr anfängliches Produktionsziel, und wie sieht Ihr weiterer Planungshorizont aus?

Unsere Umweltgenehmigung liegt bei 4.500 Tonnen pro Jahr. Das sind die öffentlich zugänglichen Informationen zu unserer Produktionskapazität. Wir produzieren ausschließlich TNT nach NATO-Standard. Und ich bin schon lange genug Unternehmer, um meinen Fokus nicht zu verlieren. Natürlich erhalte ich wöchentlich Angebote: Können Sie dies? Können Sie jenes? All das schiebe ich in meinen Hinterkopf, bis die Anlage in Betrieb ist.

Wirkung von Artilleriemunition 155 mm mit Annäherungszünder. (Foto: WTD 91)

Sie zielen auf den europäischen Markt ab, oder würden Sie im Rahmen der NATO auch Kanada oder sogar die USA in Betracht ziehen? Produzieren die USA überhaupt derzeit TNT im Inland?

Nein, die USA produzieren kein TNT. Auch die Ukraine produziert kein TNT mehr. Sie hatte eine Produktion, aber das entsprechende Gebiet in der Ostukraine wurde im ersten Kriegsmonat von Russland besetzt. Unsere eigene Priorität zu Beginn war die Stärkung der nordischen Resilienz, um unsere Souveränität zu gewährleisten. Aber natürlich betrachte ich das aus europäischer Perspektive. Ich führe daher viele Gespräche in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und in den Benelux-Staaten.

„Ich will sicherstellen, dass Europa auf eigenen Beinen steht“

Das ist logistisch gesehen sinnvoll, weil wir Exportkapazitäten frei haben werden. Es ist also definitiv eine NATO-Initiative. Allerdings drängt mich das Verhalten der Vereinigten Staaten beziehungsweise der aktuellen Regierung dazu, sicherzustellen, dass Europa seine Verantwortung wahrnehmen kann und auf eigenen Beinen steht. Daher würde ich europäischen Lieferungen absolut Vorrang vor NATO-Lieferungen einräumen.

Was würden Sie Menschen in anderen europäischen Ländern raten, die ähnliche Absichten haben wie Sie?

Lassen Sie uns das ganzheitlich betrachten. Im März 2025 verfügte Russland über die sechsfache Produktionskapazität Europas im Bereich großkalibriger Munition. Das bedeutet, dass Russland die jährliche Produktionsmenge Europas in zwei Monaten herstellen konnte. Solange diese Diskrepanz besteht, dass sie mehr produzieren als wir, erhöht man faktisch das Risiko eines Konflikts. Wir müssen also in der Lage sein, mit Russland in puncto Produktionskapazität gleichzuziehen. Daher ermutige ich alle, die über die nötigen Mittel verfügen, sich in diesem Bereich tatsächlich zu engagieren.

Wir können auch zwischen dem heißen Thema Verteidigungstechnologie und Rüstungsproduktion unterscheiden. Es gibt viele kluge Köpfe und viel Geld, das in autonome Luftverteidigungssysteme und KI-gesteuerte Drohnensysteme investiert wird. Ich denke aber, Europas größter Engpass ist tatsächlich die Produktionskapazität. Und in diesem Bereich sind wir stark von den etablierten Unternehmen abhängig. Daher brauchen wir mehr Engagement im Produktionsbereich.

Sie erwähnten, dass es zwei Jahre gedauert hat, alle Umweltgenehmigungen zu erhalten. Was würden Sie europäischen Regierungen raten, wenn Menschen wie Sie mit ähnlichen Plänen zum Aufbau neuer Kapazitäten an sie herantreten?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel zur Untersuchung gefährdeter Arten. Das Gesetz schreibt vor, dass eine entsprechende Analyse durchgeführt werden muss. Wir haben das im Oktober 2024 gemacht. Dann erhielten wir die Rückmeldung: „Tolle Arbeit, aber Oktober ist nicht die Zeit für brütende Vögel.“ Also mussten wir im April eine weitere Analyse durchführen. Und dann erhielten wir die Rückmeldung: „Tolle Arbeit, aber April ist nicht die Zeit für blühende Blumen.“ Wir mussten daher im Juni eine dritte Analyse durchführen.

„Es gibt eine Inflation bei der Bürokratie“

Es gibt also eine Inflation der Bürokratie. Das muss angegangen werden. Ich respektiere den demokratischen Prozess. Wir müssen die Umwelt respektieren. Aber wir konkurrieren auch mit russischen Produktionskapazitäten, wo der russische Staat das Projekt finanziert. Da ist keine Umweltgenehmigung erforderlich. Sie errichten neue Anlagen innerhalb eines Jahres. Wir haben zwei Jahre für die Genehmigungen gebraucht, und dann weitere zwei Jahre für den Bau. Wie sollen wir da jemals mithalten können, wenn wir nicht nach denselben Regeln spielen?

Ein einfaches Beispiel wäre, dass die Umweltgenehmigung zwar erforderlich sein sollte, aber erst mit Produktionsbeginn. Denn dann beginnen wir mit dem Umgang mit Sprengstoffen. Für den Bau benötigen wir keine Umweltgenehmigung. Könnten wir die Genehmigungsverfahren also nicht teilweise parallel durchführen statt nacheinander? Das würde enorm viel Zeit sparen.

Wir befinden uns hier auf der Enforce Tac in Nürnberg. Sind Sie hier, um Ihre Erfahrungen zu teilen, oder suchen Sie auch nach konkreten deutschen Partnern?

Ich habe heute beim begleitenden Ammo Symposium zur Enforce Tac die Keynote zum Thema Sprengstoff-Lieferketten gehalten. Das ist also mein Hauptgrund für die Teilnahme. Aber ja, natürlich sind wir an einer Zusammenarbeit mit allen Herstellern von großkalibriger Munition interessiert. Daher nutze ich natürlich mein Netzwerk, um sicherzustellen, dass die Leute unseren Beitrag zur Lieferkette kennen.

Möchten Sie noch etwas hinzufügen, das erwähnt werden sollte?

Nun, ich kritisiere die NATO-Führung gerne ein wenig, weil zu viele Leute dazu neigen, unsere Produktionskapazität anhand der Lieferkette vom Munitionshersteller bis zu den Streitkräften zu beurteilen. Man zählt also, wie viele Granaten das Werk verlassen. Das Problem ist wieder einmal, dass die verwendeten Seltenen Erden aus China stammen. Und die Halbleiter kommen aus Taiwan oder von woanders, und der Sprengstoff stammt aus Vietnam.

Daher würde ich behaupten, dass wir eigentlich gar nicht in der Lage sind, Munition herzustellen. Wir haben zwar ein hohes Niveau in der Endmontage, aber wir haben keine Kontrolle über die Lieferketten der Komponenten. Und ich denke, genau da muss Europa endlich aufwachen. Die Regierungen müssen lokale Komponenten kaufen. Die Europäische Union und die NATO müssen dieses Verhalten erzwingen, damit wir nicht am Ende Waren aus Indien kaufen, wenn wir sie auch aus Deutschland beziehen können.

Herzlichen Dank, Herr Sjöblom.

Die Fragen stellte Stefan Axel Boes.

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