Vom Full Service zur militärischen logistischen Befähigung
Wenn in der öffentlichen Diskussion von „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ die Rede ist, denken viele zunächst an Panzer, Munition und Einsatzbereitschaft. Doch der effektive Einsatz von Kräften beginnt wesentlich früher, nämlich bei Mobilität und Logistik. Ohne Fahrzeuge erreicht kein Verband seinen Einsatzraum und ohne funktionierenden Nachschub können selbst moderne Waffensysteme nicht wirken.
Das logistische Fundament bestimmt, ob Streitkräfte reagieren, verlegen und durchhalten können. Eine zentrale Rolle spielt dabei die BwFuhrparkService GmbH (BwFPS GmbH). Als Mobilitätsdienstleister stellt sie der Bundeswehr Fahrzeuge bereit vom handelsüblichen Dienstwagen über Transportfahrzeuge und Sonderfahrzeuge wie Flurförderfahrzeuge bis hin zu Fahrzeugen mit militärischer Zusatzausstattung und betreibt diese im Frieden im Full Service. Full Service bedeutet, dass sämtliche zum rechtssicheren Betrieb erforderlichen Maßnahmen in Verantwortung der Gesellschaft und unter Nutzung zivilgewerblicher Leistungserbringer durchgeführt werden. Sie erfüllt somit im Frieden eine wichtige ökonomische Funktion: Sie bündelt Beschaffung, Wartung und Flottenmanagement, schafft Skalenvorteile und entlastet die militärische Organisation. Doch die jüngere sicherheitspolitische Lage stellt neue Anforderungen.
Die entscheidende Frage lautet: Wie wird ein zivilwirtschaftlich geführter Full-Service-Fuhrpark kriegstüchtig? Hierbei bedeutet Kriegstüchtigkeit nicht die schiere Anzahl an Fahrzeugen, sondern die Fähigkeit der Bundeswehr, im Krisenfall die logistischen Aufgaben in einem Einsatzgebiet selbst zu übernehmen, falls der Full Service ganz oder teilweise wegfällt. Das ist nicht neu, jedoch mit geänderten Umfängen. In den vergangenen Jahren wurde in Vorbereitung auf die Very High Readiness Joint Task Force 2019 und 2023 bereits ein sehr gutes Fundament geschaffen.
Ausgangslage Full Service – Vorteile und strategische Risiken
Das Full-Service-Modell hat klare Vorteile: wirtschaftliche Effizienz, standardisierte Wartungszyklen, Vertragsmanagement, tagesaktuelle Flottenpflege und die Möglichkeit, schnell Ersatz zu beschaffen. Die BwFPS GmbH realisiert viele dieser Vorteile durch professionelle Prozesse, Outsourcing von Routineaufgaben und Nutzung zivilen Know-hows und ziviler Leistungserbringer. Auf der anderen Seite entstehen strategische Risiken, wenn kritisches Know-how, Datenhoheit und operationelle Fähigkeiten zu stark ausgelagert werden.
Ein Full-Service-Anbieter steht in Friedenszeiten für Verfügbarkeit und Kostenkontrolle. In Krisenzeiten kann derselbe Anbieter jedoch zum Risiko hinsichtlich der Auftragserfüllung werden, wenn zum Beispiel zivile Strukturen nicht mehr zur Leistungserbringung herangezogen werden können oder nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Cyberangriffe, unterbrochene Lieferketten, gezielte Störungen oder eine Sicherheitslage, die zivilen Personaleinsatz verhindern, sind realistische Risiken. Die Bundeswehr muss in der Lage sein, in diesem Falle die logistisch notwendigen Prozesse zu übernehmen – schnell, organisiert und rechtssicher.
Kriegstüchtigkeit neu gedacht – nicht mehr Fahrzeuge, sondern operative Fertigkeiten
Klarheit über den Begriff ist zentral. Kriegstüchtigkeit im Kontext BwFuhrparkService heißt nicht „mehr Fahrzeuge“ und nicht „vollständige Verdrängung des Dienstleisters“. Es geht vielmehr um Redundanz. Betriebs- und Instandhaltungsfähigkeit müssen militärisch abrufbar sein. Zudem geht es um Souveränität: Die Bundeswehr muss in der Lage sein, Fahrzeuge zu disponieren, zu warten und mit Ersatzteilen zu versorgen, auch wenn zivil betriebene Prozesse eingeschränkt sind. Und es geht um Integration: Digitale Schnittstellen, Verfahren und Ausbildung müssen so gestaltet sein, dass die Truppe bei Bedarf übernehmen kann. Diese Dreierkette (Redundanz, Souveränität, Integration) ist der Kern dessen, was als Begriff „Kriegstüchtigkeit“ in Bezug auf das System BwFPS zu verstehen ist.
Technische Integration: Datenhoheit, Schnittstellen und Redundanz
Technische Integration ist die Grundlage. In der Praxis bedeutet das:
- Transparenz der Fahrzeugdaten: Standortdaten, Laufleistung, Diagnosedaten, Rest-Betriebszeiten, bevorstehende Inspektionen, Teileverfügbarkeit müssen nicht nur beim Dienstleister vorgehalten, sondern für berechtigte militärische Stellen einsehbar sein.
- Standardisierte Schnittstellen: Application Programming Interface – Schnittstellen und Datenformate, die im Feld ebenso nutzbar sind wie in der Zentrale. Diese Schnittstellen müssen offlinefähig und leicht zu synchronisieren sein, damit Datenverlust bei Netzausfall vermieden wird.
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