Der Aufklärungs- und Wirkungsverbund der Bundeswehr im Praxistest

Test eines KI-gestützten Aufklärungs- und Wirkverbunds aus Drohnen und Loitering Munition in Ohrdurf. (Foto © Bw/Jana Neumann )
Test eines KI-gestützten Aufklärungs- und Wirkverbunds aus Drohnen und Loitering Munition in Ohrdurf. (Foto © Bw/Jana Neumann )

Vom Nachzügler zum Vorreiter

Die Bundeswehr steht an einem technologischen Wendepunkt. Während die Drohnendebatte vor einem Jahrzehnt noch als Randthema des internationalen Konfliktmanagements galt, hat sich die Lage grundlegend gewandelt. Der Krieg in der Ukraine hat  gezeigt: Eine moderne Armee ist ohne automatisierte Waffensysteme nicht kriegsfähig.

Eine Antwort Deutschlands auf diese neue Realität ist der Aufklärungs- und Wirkungsverbund. Unter der Federführung des Planungsamtes wird die Bundeswehr nicht nur fit für den Drohnenkampf gemacht. Auch neue Verfahren und Abläufe werden durch die Planerinnen und Planer in Berlin etabliert. Sie sollen helfen, die Bundeswehr in der Drohnentechnologie zu einem Vorreiter in der Streitkräfteentwicklung innerhalb der NATO zu machen.

Operativer Imperativ und doktrinärer Wandel

Mit der Panzerbrigade 45 in Litauen entsteht erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges ein permanent stationierter deutscher Kampfverband außerhalb des eigenen Landes. Das Symbol: Die Bundesrepublik Deutschland steht partnerschaftlich an der Seite seiner Bündnispartner und nimmt ihre Verantwortung ernst. Zentral ist eine durchhaltefähige Aufklärungs- und Wirkungsüberlegenheit gegenüber Russland. Dafür muss die Bundeswehr mit der Realität Schritt halten und leisten können, was zum Beispiel in der Ukraine bittere Realität ist.

Der Aufklärungs- und Wirkungsverbund ist die konzeptionelle Antwort darauf. Er markiert einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Drohnen als ver lässliches Wirksystem im Kampf und die KI-gestützte, teilautonome Gefechtsführung. Das Konzept ist auch als „Recce-Strike“ oder „Hunter-Killer“ bekannt und wird seit einiger Zeit an der Front in der Ukraine angewendet. Es integriert Aufklärungsdrohnen, KI-gestützte Führungssoftware und Loitering Munition Systems zu einem geschlossenen Aufklärungs- und Wirksystem. Ziel ist die drastische Verkürzung des Sensor-to- Shooter-Prozesses. Loitering Munition Systems bieten dabei eine abstandsfähige, kosteneffiziente Möglichkeit, Ziele weit jenseits der eigenen Stellungen niederschwellig aufzuklären und zu bekämpfen. Damit wird das Gefechtsfeld für die Bundeswehr gläsern, und für den Gegner vergrößert sich die Zone unmittelbarer Bedrohung eigener Kräfte bis tief in dessen Bereich. Die Logistik des Gegners kann so früh bekämpft und die Vorbereitungen für den Kampf bereits im Ansatz entscheidend gestört werden.

Systemarchitektur: Drei Ebenen der Wirkung

Der Aufklärungs- und Wirkungsverbund gliedert sich konzeptionell in drei Teilfähigkeiten. Die Aufklärungsfähigkeit nutzt den FALKE (Vector VTOL von Quantum-Systems), einen Senkrechtstarter mit KI-gestützter Aufklärung und GNSS-unabhängiger Navigation. Die Wirkfähigkeit besteht aus Loitering Munition Systems: Drohnen, die über oder in der Nähe von einem Zielgebiet kreisen (abwarten, engl.: to loiter), bis der Bedienende ihnen per Datenlink ein Ziel zuweist.

Die Bundeswehr hat bislang Verträge mit drei Herstellern geschlossen: Helsing liefert die HX-2, Stark Defence die OWE Virtus und Rheinmetall die FV-014. Alle drei Systeme sind explizit für den Einsatz im GNSSgestörten Umfeld konzipiert, eine direkte Lehre aus der Ukraine, wo Drohnen ohne autonome Navigation im gegnerischen Elektronischen Kampf (EloKa) schnell wirkungslos wurden. Für die Führungsfähigkeit ist das System technologieoffen angelegt, sodass über standardisierte Schnittstellen auch Systeme anderer Anbieter integriert werden können. Dies wird ermöglicht durch das C2-UMS Bw (Command & Control Unmanned Management System).

Diese Eigenentwicklung der Bundeswehr fungiert als Middleware zwischen den Herstellersystemen und Legacy-Systemen der Bundeswehr wie SitaWare. Sie aggregiert Informationen und koordiniert den Einsatz von Loitering Munition Systems und Intelligence, Surveillance and Reconnaissance. Mit dieser systemübergreifenden Anwendung ist der militärische Führer beziehungsweise die Führerin informatorisch eingebunden und die Bedienenden können wirken. Die Bundeswehr reduziert mit der Eigenentwicklung bewusst die Abhängigkeit von externen Lieferanten und setzt zusätzlich auf Modularität: Verschiedene Systeme lassen sich in den Verbund „einhängen“, softwareseitige Entwicklungen sind flexibel integrierbar.

Von Oberstleutnant d. R. Thomas Franke, Planungsamt der Bundeswehr (KI-gestützt)

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