Herr Ketzel, vor welchen wesentlichen Herausforderungen steht die Firma aktuell in Deutschland und Europa, und wo setzen Sie Schwerpunkte?
Die aktuell größten Schwerpunkte sind die Auslieferungen für die laufenden Verträge. Dies ist jetzt erst einmal das „Must-do“. Es sind für Deutschland die Leopard 2 A8 und die Nachbeschaffungen der Panzerhaubitzen. Das sind aber auch die neuen Programme, die wir für die Leopard 2 A8 in Norwegen, Litauen und Tschechien erhalten haben. Die beiden letztgenannten laufen zwar jetzt erst an, erfordern aber die volle Aufmerksamkeit, um Engpässe in den nächsten Jahren zu vermeiden. Wir haben darüber hinaus natürlich die große Herausforderung, in Großbritannien die Boxer zu liefern und wieder den Lieferplan zu erreichen.
Mit welchen wesentlichen Produkten/Leistungen kann KNDS Deutschland zur zeitnahen Realisierung der politisch geforderten und militärisch notwendigen „Zeitenwende“ beitragen?
Wir hoffen, dass wir im Rahmen der Beauftragungen für die Mittleren Kräfte demnächst den Auftrag für die RCH (Red.: Remote Controlled Howitzer 155mm) und den Radschützenpanzer RCT 30 mm (Red.: Remote controlled Turret 30 mm – „Puma“) erhalten werden. Die Verhandlungen sind so weit gediehen, dass wir eigentlich davon ausgehen, dass bis Ende des Jahres auch diese beiden, schon seit Jahren geplanten großen Vorhaben unter Vertrag kommen.
Daneben gibt es die Vision, dass die Flotte an Boxern in ganz anderen Skaleneffekten aufgebaut wird. Man konnte der Tagespresse entnehmen, dass hier Zahlen bis zu 3.000 Fahrzeugen diskutiert werden. Auch die Anzahl der Puma und Kampfpanzer Leopard 2 für die Bundeswehr soll noch erhöht werden. Das stellt natürlich eine andere Dimension an gefordertem Wachstum dar als die bestehenden Verträge, die sich im Rahmen der etablierten Kapazitäten bewegten. Mit dieser Herausforderung setzen sich unsere Partner sowie alle Lieferanten und wir uns auseinander.
Wie steht es aus Ihrer Sicht um Kampfkraft und Durchhaltefähigkeit des Kampfpanzers im „gläsernen Gefechtsraum“? Welche neuen Fähigkeiten und innovativen Techniken sind erforderlich?
Wir haben in den letzten Jahren verschiedene Bilder gesehen. Da sind die Bilder aus der Ukraine und Aserbaidschan, wo Panzer leichte Ziele für Lenkraketen und Drohnen/UAV sind. In Armenien wurde die armenische Panzerwaffe über Nacht mehr oder weniger ausgeschaltet. Auf der anderen Seite sehen wir Panzer im Gazastreifen in einem urbanen Gelände dort, wo wir uns das früher nicht vorstellen konnten, dass sie dort operieren, und in der Ukraine werden westliche Panzer erfolgreich eingesetzt.
Ich glaube, dass der Panzer seine strategische Rolle als schweres Gefechtssystem für die Feuerkraft vor Ort beibehalten wird. Er braucht dazu neue Fähigkeiten wie zum Beispiel einen aktiven Schutz. Er braucht auch eine zuverlässige Schutzfunktion gegen Drohnen. Und für das klassische Panzerduell muss er sicherstellen, dass er auch weiterhin die überlegene Feuerkraft behält. Generell ist anzumerken: Seine Leistungen wird er auch weiterhin nur im Verbund mit anderen Waffensystemen erbringen können.
Was ist aus Ihrer langjährigen Erfahrung mit Gefechtsfahrzeugen notwendig, um in Multi-DomainOperations und unter den Bedingungen Software-Defined Defence zu bestehen?
Das wesentliche Merkmal eines Waffensystems ist hierbei, dass das Grunddesign in Hard- und Software flexibel und modular ist. Ich glaube, den Leopard 2 hat zum Beispiel ausgezeichnet, dass man hier von Anfang an grundsätzlich einen relativ modularen Ansatz verfolgte. Neben dem bekannten modularen Schutz war das Konzept des Elektronikraums und der entsprechenden Elektroniken modular konzipiert. Heute können wir Stabilisierung, Sichtsysteme Motorleistung et cetera über Software anpassen. Aktuell ist zum Beispiel die Fähigkeit des Pumas zur UAV-Abwehr im Wesentlichen eine Softwareanpassung. Die Anpassung von Algorithmen wird eine immer effektivere Abwehr von Drohnen und UAV-Schwärmen erlauben, die Software-optimierte Bekämpfung von Flug- und Seezielen waren Teil der Gepard-Systempflege.
Generell ist der Gedanke also nicht neu, nur die heutige Technologie bietet hier neue Möglichkeiten. In zukünftigen Systemen wird man diese Gedanken und Konzepte weiter ausbauen müssen. Und natürlich sind hierfür auch die internen und externen Netzwerkstrukturen zwischen den einzelnen Komponenten so zu gestalten, dass Daten direkt ausgetauscht werden können und nicht komplexe Transfersysteme benötigt werden. Ich glaube, im Rahmen der Panzerentwicklung wurde hier viel gelernt.

