Aktuelle Konflikte und Kriege werden zunehmend durch unbemannte Systeme (UxS) sowie Loitering Munition (LM) geprägt (UxS ist eine übergreifende Bezeichnung für unbemannte Plattformen in allen Dimensionen: Land, Luft oder Wasser). Dies zeigt sich vor allem im Krieg Russlands gegen die Ukraine, bei der eine Mehrheit der Ausfälle und aller verwundeten und gefallenen Soldaten durch eben jene Systeme verursacht und taktische Erfolge auf beiden Seiten erzielt werden.
Mit der Operation „Spider Web“, bei der bewaffnete small Unmanned Aircraft Systems (sUAS, bis 25 kg) durch bemannte Kräfte tief ins russische Hinterland verbracht wurden, errangen die ukrainischen Streitkräfte einen spektakulären Erfolg. Diese spezielle Taktik ist so alt wie das Trojanische Pferd. Die hierfür eingesetzten Sensoren und Effektoren sind es jedoch nicht. In den vergangenen zehn Jahren haben unbemannte Dual- Use-Produkte eine enorme technologische Entwicklung vollzogen. Hierdurch können beispielsweise einfache wie günstige bewaffnete sUAS mittlerweile strategische Langstreckenbomber mit einem erheblichen finanziellen Wert und langen Entwicklungs- wie Bauzeiten zerstören, noch bevor diese zum Einsatz kommen. Diese nicht mehr ganz so neuen unbemannten Mittel der Kriegsführung haben also eine deutliche Relevanz. Jedoch haben weder unbemannte Systeme noch Loitering Munition die Kriegsführung von Landstreitkräften revolutioniert. Vielmehr wird diese vor allem technologisch getriebene Entwicklung als Evolution verstanden, bei der UxS/LM als ein unterstützendes Mittel einen zusätzlichen Baustein in der Operation verbundener (bemannter) Kräfte darstellen.
Für die Beantwortung der zentralen Frage der Anforderungen an den Einsatz dieser Systeme im Heer ist es wichtig, einen begrenzenden Rahmen aufzustellen. Auch wenn die technologische Innovation rasant ist, wird für die Beantwortung der zentralen Frage davon ausgegangen, dass unbemannte Systeme/Loitering Munition weder heute noch in den kommenden 15 Jahren in der Lage sein werden, ganz ohne bemannte Kräfte vor Ort Raum zu nehmen und zu halten und damit die Kernkompetenz von Landstreitkräften abzubilden. Bevor die Anforderungen dargestellt werden, wird zunächst der Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040) umschrieben.
Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040)
Bereits heute werden Operationen von Landstreitkräften durch Fähigkeiten dominiert, welche eine hohe Abstandsfähigkeit als gemeinsames Element aufweisen. Dies sind in der Landes- und Bündnisverteidigung vor allem Sensoren und Effektoren der Luftverteidigung, des elektromagnetischen Kampfes sowie Aufklärungs-und Wirkungsverbünde großer Reichweite, wie sie durch die Heeresaufklärungstruppe, die Artillerietruppe oder die Heeresflieger auf Divisions- und Korpsebene abgebildet werden. Zusammenfassend tragen diese Fähigkeiten unter dem Begriff Anti-Access/Area Denial (A2/AD) zu einem operativen Effekt bei, der dem Gegner den Zugang zu einem Raum verwehrt beziehungsweise erschwert, indem eine Konzentration von Kräften ohne frühzeitige Aufklärung und Bekämpfung nicht mehr möglich ist. Der Gefechtsraum der Zukunft wird demzufolge nahezu transparent. Zukünftig wird das Ringen um diesen operativen Effekt die Operationen von Landstreitkräften bestimmen. Wer als erstes die A2/AD-Fähigkeiten des jeweils anderen anhaltend niederringen kann, wird erfolgreich die Voraussetzungen für eine hochbewegliche Operation verbundener Kräfte auf der Ebene von Großverbänden schaffen. Landstreitkräfte bringen hierbei ihre genannten Fähigkeiten auf der Divisions- und Korpsebene mittels des Targeting-Prozesses auf der operativen und damit multidimensionalen Ebene ein. Zukünftig wird der Aufklärungs- und Wirkungsverbund auf Divisions- und Korpsebene durch neue unbemannte Sensoren und Effektoren deutlich mehr Fähigkeiten in den Targeting- Prozess einbringen können und die Geometrie des Gefechtsfeldes auf allen taktischen Führungsebenen verändern, indem sie zu einer deutlich erweiterten Abstandsfähigkeit beitragen. Auch auf der Ebene der Kampfbrigaden und darunter werden UxS/LM künftig dazu beitragen, einen gleichwertigen Gegner bereits auf Abstand und ohne Sichtkontakt abzunutzen, um das direkte Duell weitestgehend zu vermeiden beziehungsweise hinauszuzögern.
Zusammenfassend kann hieraus abgeleitet werden, dass der Erstkontakt mit einem gleichwertigen Gegner zukünftig weitestgehend unbemannt erfolgen wird. Die eingesetzten bemannten Kräfte sollen von der Ausführung einfacher, monotoner und gefährlicher Aufträge durch den Einsatz von Unmanned Ground Systems und Unmanned Aircraft Systems entlastet werden. Darüber hinaus sollen sie bei der Versorgung mit Gütern (Munition, Betriebsstoff, Verpflegung und Materialtransport) sowie beim Transport von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld eingesetzt werden.

