Strategische Vorgaben, Rollen und Aufgaben
Nach der russischen Annexion der Krim 2014 sowie dem darauffolgenden Angriff auf die Ukraine 2022wandelte sich die Bewertung der Bedrohungs- und Sicherheitslage in Europa erheblich. Die Rückkehr des Krieges erzwingt ein Umdenken in der westlichen Sicherheitsarchitektur und eine konsequente Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Der Verteidigungswille ist mit einer verlässlichen Verteidigungsfähigkeit zu untermauern, um gegenüber Aggressoren eine glaubhafte Abschreckung zu ermöglichen.
Die über Jahre auf Kriseneinsätze ausgerichteten gewachsenen Strukturen galt es aufzubrechen und unter einer neuen Schwerpunktsetzung umzugestalten. Um diese Neuausrichtung der Bundeswehr zu ermöglichen, hat der Generalinspekteur der Bundeswehr mit Wirkung vom 16. Dezember 2024 die neue Führungsweisung der Streitkräfte erlassen. Sie legt die Grundsätze für die zukünftige Führung und den Einsatz der Streitkräfte im gesamten Spektrum (Frieden, Krise, Krieg) von der strategischen über die operative bis zur taktischen Ebene fest. Sie überführt die Vorgaben aus der Nationalen Sicherheitsstrategie, den Verteidigungspolitischen Richtlinien sowie dem Osnabrücker Erlass in konkrete militärische Verantwortlichkeiten. Diese Reorganisation der Bundeswehr soll die Aufgabenwahrnehmung sowie eine eindeutige Rollenzuordnung auf der jeweiligen Führungsebene verbessern und eine Anschlussfähigkeit zu Bündnispartnern herstellen.
Abgeleitet aus dem heutigen und zukünftig erwartbaren Kriegsbild wird deutlich, dass Konflikte über alle Dimensionen hinweg ausgetragen werden. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde die Planung und Führung in einem Kommando auf operativer Ebene zusammengeführt und den Teilstreitkräften die nachgeordneten Aufgaben als oberste taktische Führungskommandos in den jeweiligen Dimensionen Land, Luft, See, Cyber- und Informationsraum sowie Weltraum zugewiesen. Dies soll Planung und Führung aus einer Hand gewährleisten, das operative und taktische Handeln unter einheitlicher Dimensionsexpertise verorten und letztlich eine bruchfreie Kontinuität in den truppendienstlichen Führungsaufgaben und Strukturen sicherstellen. Bruchfreie und stringente Entscheidungsprozesse erhöhen das Tempo der Reaktionsfähigkeit, ermöglichen Informationsvorsprung und steigern die Resilienz in den Dimensionen und der operativen Ebene. Sie entfrachten die jeweiligen Führungsebenen, geben den Dimensionsverantwortlichen Handlungsfreiheit und erhöhen die Flexibilität hinsichtlich der eigenen Schwerpunktsetzung. In der Dimension Land sind Fähigkeiten und Kräfte gebündelt, die vorrangig an Land operieren und Wirkung entfalten. In diesem Kontext verantwortet der Inspekteur des Heeres die ihm zugeordnete Dimension Land und führt die unterstellten Soldaten und Soldatinnen. Neben den originären Anteilen des Heeres umfasst die Dimension Land aber auch Kräfte anderer Organisationsbereiche und Fähigkeitskommandos wie der Basislogistik, ABC-Abwehr, Feldjäger und der Sanität.
Auch in den Dimensionen See, Luft und Cyber- und Informationsraum gibt es Fähigkeiten und Effekte, die in der Dimension Land zum Einsatz gebracht werden können. Dieses Führungsverständnis gilt es nun weiter mit Leben zu füllen, Konzepte und Verfahren weiterzuentwickeln und den Verantwortlichkeiten glaubhaft und verlässlich gerecht zu werden, damit das Heer seinen Auftrag erfüllt und zur Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit Deutschlands beiträgt. Zur Realisierung der Dimensionsverantwortung wurden die Heimatschutzkräfte der Bundeswehr, größtenteils durch die Territoriale Reserve getragen, im April 2025 dem Heer unterstellt. Ziel hierbei ist zunächst die Verbesserung ihrer Grundbefähigung durch die initiale Abstützung auf bestehende Ressourcen des Heeres. Die Aufgaben der Bündisverteidigung in der Dimension Land orientieren sich maßgeblich an den NATO-Verteidigungsplänen für die Ostflanke.
Der durch Deutschland gegenüber der NATO eingemeldete militärische Beitrag wird unter anderem durch die Kräfte des Feldheeres geleistet und dem Bündnis im Falle einer Alarmierung unterstellt. Unberührt hiervon verbleiben jedoch gewisse Aufgaben in nationaler Verantwortung. So müssen die Kräftebeiträge weiterhin durch die Bundeswehr versorgt, alimentiert und im Verteidigungsfall durch Reserven verstärkt, gegebenenfalls ersetzt und ihre Durchhaltefähigkeit erhöht werden. Neben der Bündnisverteidigung stellt der Auftrag der Landesverteidigung in diesem Kontext eine besondere, aber auch neu zu definierende Rolle dar. Deutschland ist zwar nicht länger Frontstaat wie zu Zeiten des Kalten Krieges, jedoch maßgeblich durch weitreichende Waffensysteme und Mittel der hybriden Kriegsführung gefährdet. Die besondere zentrale geografische Lage bringt Deutschland darüber hinaus in die Rolle als Enabler für NATO-ruppenbewegungen als sogenannte „Drehscheibe Deutschland“. Dies führt im gleichen Maße zu einem gesteigerten Gefährdungspotenzial. Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) als erster nationaler militärischer Verteidigungsplan seit Ende des Kalten Krieges operationalisiert die Aufgaben der Streitkräfte, aber auch notwendige Unterstützungsleistungen der Wehrverwaltung, anderer Ressortbereiche sowie der zivilgewerblichen Akteure und legt neben der Landesverteidigung einen Schwerpunkt auf diese Drehscheibe. Die taktische Planung und Führung und Koordination dieser gesamtstaatlichen Aufgabe obliegt im Wesentlichen der Dimension Land und damit dem Heer.
Das oftmals zitierte Single Set of Forces der aktiven Streitkräfte wird im Kontext von Landes- und Bündnisverteidigung und den Aufgaben besonders deutlich: Eine krisenhafte Entwicklung erfordert die schnelle Mobilisierung und Verlegung an die Ostflanke. Zeitgleich steigen die Bedrohungslage und die Aufgaben in Deutschland. Gerade im Bereich der Landesverteidigung fällt den Heimatschutzkräften somit eine tragende Rolle zu. Heimatschutz beschreibt im gesamtstaatlichen Ansatz den Schutz und die Verteidigung des eigenen Staatsgebiets und seiner Bevölkerung, beinhaltet als Drehscheibe jedoch auch den Schutz von multinationalen Kräften im Zuge ihrer Verlegung durch Deutschland. Das Aufgabenportfolio von Heimatschutzkräften umfasst somit Unterstützungsleistungen im gesamten Spektrum Frieden – Krise – Krieg. Die Bundeswehr übernimmt weiterhin eine unterstützende Rolle für zivile Behörden, wenn deren Ressourcen an ihre Grenzen stoßen, etwa in Krisensituationen wie Naturkatastrophen oder eben auch bei Angriffen im Kontext einer militärischen Auseinandersetzung. Mit wachsender Bedrohungslage wandelt sich dieses Bild jedoch zunehmend vom Unterstützenden hin zur zivilen Unterstützungsleistung für die Streitkräfte.

