Sachstand und Zukunft der bodengebundenen Luftverteidigung

Sachstand und Zukunft der bodengebundenen Luftverteidigung – Patriot beim taktischen Schießen auf Kreta. (Foto ©Bw/Lars Koch)
Die Lenkflugkörper des Flugabwehrraketensystems Patriot werden von den Launchern verschossen auf der Schießbahn der NATO Missile Firing Installation (NAMFI) während der Übung Spartan Arrow auf der Insel Kreta in Griechenland, am 04.10.2022.

Wir erleben gerade sehr dynamische, disruptive Veränderungen in der Geopolitik und in der technologischen Entwicklung mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Bedrohungen, denen wir gegenüberstehen. „Wir“ sind dabei keinesfalls nur die Streitkräfte oder nur die kritische Infrastruktur (KRITIS), sondern die gesamte Bevölkerung.

Herausforderungen der bodengebundene Luftverteidigung (LV)

Die bodengebundene Luftverteidigung (LV) als Teil der Integrierten Luftverteidigung gewinnt vor diesem Hintergrund zunehmend an Bedeutung: Sie wird zu einer Schlüsselfunktion moderner Sicherheitsarchitekturen. Angesichts der Vielzahl sich wandelnder Bedrohungsszenarien aus der Luft

  • von unbemannten Fluggeräten (Unmanned Aerial Systems, UAS)
  • über Loitering Munition Systems (LMS) bis hin zu
  • neuartigen hyperschallfähigen Lenkflugkörpern

ist die Fähigkeit zum Schutz gegen Bedrohungen aus der Luft essenziell. Im Kontext der Fokussierung auf die
Landes- und Bündnisverteidigung muss die Modernisierung, Weiterentwicklung und der Ausbau der bodengebundenen Luftverteidigung bedeutsamer Teil strategischer Planungen sein.

Eine zentrale Rolle in der Bewertung und Weiterentwicklung der hierfür notwendigen Fähigkeiten nimmt das Planungsamt der Bundeswehr ein. In einem gesamtplanerischen Ansatz agiert es unabhängig und neutral gegenüber den Teilstreitkräften, unterstützt sämtliche Abteilungen des Bundesministeriums der Verteidigung und fungiert als Bindeglied zwischen unterschiedlichen Fachbereichen und Organisationsbereichen. Das Planungsamt vereint dabei in der abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit alle dafür notwendigen Aspekte von der Einbindung zukunftsorientierter Innovationen unter Berücksichtigung vorhandener Fähigkeiten bis hin zu internationalen Kooperationen, Fähigkeitsforderungen der NATO und der Finanzplanung des Ressorts. Neben der Erhaltung bewährter Systeme wie Patriot für mittlere Abfangschichten können mit IRIS-T SLS/ SLM und mit Arrow Fähigkeitslücken unterhalb und oberhalb von Patriot geschlossen werden. Neue innovative Technologien, darunter Laserwaffen und KI-basierte Sensoriken, bieten Lösungen für die künftigen Herausforderungen und sollten daher in die zukünftigen Weiterentwicklungen einbezogen werden. Schutz vor Bedrohungen aus der Luft in allen Dimensionen mit abgestuften Fähigkeiten sowie in unterschiedlichen Reichweiten ist im Rüsten für das Gefechtsfeld der Zukunft erforderlich.

Sachstand

Die Bundeswehr und ihre Bündnispartner setzen seit Langem auf ein mehrstufiges Verteidigungssystem, das unterschiedliche Höhen- und Reichweitenbereiche abdeckt. Die NATO koordiniert mit ihrem NATO Integrated Air and Missile Defence System, kurz NATINAMDS, die Verteidigung des Luftraums in allen Abfangschichten, während die European Sky Shield Initiative (ESSI) den europäischen Beitrag zur Luftverteidigung stärken und gezielt europäische Lösungen anbieten soll.

Das nach dem Ende des Kalten Krieges stark reduzierte Portfolio der Luftverteidigungssysteme der Bundeswehr wird jetzt mit Hochdruck wiederaufgebaut. Das seit Längerem in Planung und Entwicklung befindliche Luftverteidigungssystem für den Nah-und Nächstbereichsschutz (LVS NNbS) wird an die aktuellen Anforderungen angepasst und in Teilen vorgezogen realisiert. Ein erster Meilenstein ist mit der Übernahme des ersten Waffensystems IRIS-T SLM durch die Luftwaffe am 4. September 2024 erreicht worden.  In einem weiteren Teilpaket von LVS NNbS ist eine Kombination aus Flugabwehrkanone und Lenkflugkörper für den Nahbereich als Effektorenmix vorgesehen. Der Lenkflugkörper befindet sich noch in der Entwicklung und soll ab 2028 als Nachfolge für den Stinger integriert werden.

Mit dem Sykranger 30 erhält das Heer eine Erstbefähigung zur Abwehr von kleinen unbemannten Fluggeräten (sUAS). Diese Systeme ergänzen den Nah- und Nächstbereichsschutz und bilden den Nukleus der wieder entstehenden Heeresflugabwehrtruppe. Die Fähigkeiten der größeren Waffensysteme werden im Nah- und Nächstbereich mit der Beschaffung verlegefähiger, mobiler und tragbarer Systeme zur Abwehr von kleinen Unmanned Aerial Systems ergänzt. Hier kommen Handwaffen mit Zielassistenzsystemen, Jammer- Gewehre und verschiedene Störsender zum Einsatz. Die Abwehr von sUAS muss im Sinne einer Neuauflage der Fliegerabwehr aller Truppen in der Fläche als Jedermannsaufgabe verstanden, ausgebildet und geübt werden.

Herausforderungen in der modernen Luftverteidigung

Die aktuelle Bedrohungslage erfordert ein multidimensionales Verteidigungsverständnis. Zum einen stellt die zunehmende Verbreitung moderner Drohnentechnologien, die von kleinen, schwer zu erkennenden unbemannten Systemen bis hin zu Drohnenschwärmen reichen, eine besondere Herausforderung dar. Die Detektion und Klassifizierung dieser Ziele erfordern hoch spezialisierte Sensoren, die beispielsweise in der Lage sind, zwischen natürlichen Störfaktoren wie Vögeln und tatsächlichen Bedrohungen zu differenzieren. Gleichzeitig müssen auch Cyberangriffe und elektronische Störungen in den Schutzkonzepten berücksichtigt werden, da moderne Systeme meistens vernetzt agieren. Eine weitere Herausforderung ist die Abwehr hyperschallfähiger Bedrohungen. Diese Waffensysteme operieren mit hoher Agilität in Höhenbereichen, in denen traditionelle Interceptorsysteme an ihre Grenzen stoßen. Hier bedarf es innovativer Ansätze wie der Integration von Ramjet-Technologien und luftatmenden Triebwerken, die eine flexible Reaktion auf sich rasch bewegende Ziele ermöglichen. Diese technologischen Herausforderungen erfordern nicht nur intensive Entwicklungsanstrengungen, sondern auch eine enge Kooperation zwischen Militär, Industrie und Forschungseinrichtungen.

Von Oberstleutnant Enrico M., Referent für bodengebundene Luftverteidigung,
Planungsamt der Bundeswehr

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