Tom Clancys Rückkehr: Venezuela – Die Stunde der Heuchler

Operation gelungen, Präsident sitzt: Nicolás Maduro mit Agenten der US-Drogenbehörde nach seiner Festnahme in der Operation Absolute Resolve. (Foto: DEA)
Operation gelungen, Präsident sitzt: Nicolás Maduro mit Agenten der US-Drogenbehörde nach seiner Festnahme in der Operation Absolute Resolve. (Foto: DEA)

Erinnern Sie sich noch an Tom Clancy? In den 80er Jahren schrieb der gelernte Versicherungskaufmann und Militärfan aus Baltimore derart realistische Techno- und Spionagethriller, dass offizielle Stellen gar nicht glauben mochten, was man aus offenen Quellen alles erfahren konnte. Der Amateur Clancy lieferte Bestseller wie die Dritte-Weltkriegs-Beschreibung „Im Sturm“, die U-Boot-Räuberpistole „Jagd auf Roter Oktober“ und deren Prequel „Die Stunde der Patrioten“. Als die Entspannungspolitik der Gorbatschow-Ära das sowjetische Bedrohungspotenzial zunehmend verdarb, verlegte er sich wie andere in der Branche auch auf alternative Gegner. Etwa lateinamerikanische Drogenkartelle: In „Der Schattenkrieg“ führten US-Streitkräfte beispielsweise an der parlamentarischen Kontrolle vorbei verdeckte Operationen in Kolumbien durch.

„Wie aus einem Clancy-Roman“ wurde zu einer gängigen Beschreibung, wenn die USA mal wieder ihre militärisch-technologische Führungsposition in der echten Welt unter Beweis stellten. Das Jahr 2026 lieferte gleich innerhalb der ersten Woche ein paar schöne Beispiele dafür. Erst die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores durch amerikanische Spezialkräfte. Gedeckt von einer ganzen Armada bemannter und unbemannter Flugzeuge und unterstützt durch die gesamte Bandbreite von US-Fähigkeiten. Drei Tage später dann die Kaperung eines Öltankers der russischen Schattenflotte nach einer Verfolgungsjagd von der Karibik durch den ganzen Atlantik. Während Über- und Unterwassereinheiten der russischen Marine zu spät kamen, um irgendwie einzugreifen. Nur ein Ping, bitte.

Nochmal Manuel Noriega

Militärisch betrachtet war das erneut eine beeindruckende Demonstration des State of the Art, wenn auch nicht wirklich außergewöhnlich. Die Fähigkeit der USA, mit einigen Monaten Vorlaufzeit eine Dritte-Welt-Diktatur zu stürzen, eine Zielperson oder eben ein Schiff in aller Welt zu erreichen, stand schließlich nie in Frage. Sie wurde etwa in Grenada 1983, Panama 1989, Afghanistan 2001, Irak 2003 und in Libyen sowie mit der Eliminierung von Osama bin Laden in Pakistan 2011 immer wieder bewiesen. In Panama nahmen US-Streitkräfte seinerzeit ebenfalls den damaligen Machthaber Manuel Noriega wegen Drogenhandels fest. Allerdings nach einer breiten konventionellen Militärintervention, die der Sicherung der amerikanisch kontrollierte Panamakanalzone gegen entsprechende Drohungen diente.

Alles schon mal da gewesen: Der panamaische Ex-Machthaber Manuel Noriega nach seiner Festnahme 1989.
Alles schon mal da gewesen: Der panamaische Ex-Machthaber Manuel Noriega nach seiner Festnahme durch US-Kräfte 1989. (Foto: U.S. Air Force)

Noriega erhielt denn auch den Status eines Kriegsgefangenen, obwohl er anschließend in den USA wegen Drogenhandels, später nach Auslieferung an Frankreich wegen Geldwäsche und zu guter Letzt daheim in Panama wegen Mordes verurteilt wurde. Dagegen erklärte die Regierung von Präsident Donald Trump im Fall Maduro: Es habe sich lediglich um eine Strafverfolgungsaktion gehandelt, bei der das Militär sozusagen Amtshilfe geleistet habe. Tatsächlich wurde Maduro formell von Agenten der US-Drogenbehörde DEA wegen Drogen- und Waffenvergehen verhaftet. Die Rechtsgrundlage ist natürlich mehr als fragwürdig. Amerikanische Strafverfolgungsbehörden haben im Ausland zunächst mal keine Rechte, Staatsoberhäupter genießen im In- und Ausland gemeinhin Immunität, und wenn die Streitkräfte eines Landes auf die eines anderen schießen – etwa auf Flugabwehrsysteme – ist das ein kriegerischer Akt, keine Polizeiaktion.

Nochmal George W. Bush

Selbst wenn man eine Art Universalitätsanspruch des US-Rechts annehmen würde, könnte man honigsüß darauf hinweisen, dass Trump selbst eine weitgehenden Immunität für alle Handlungen während seiner Präsidentschaft in Anspruch genommen hat. Der Supreme Court folgte ihm 2024 zwar nicht ganz darin, dass dies auch für Handlungen als Privatmann gelte – sondern lediglich für offizielle Akte wie die Nutzung des Regierungsapparats bei dem Versuch, ein Wahlergebnis umzudrehen. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass ein amerikanisches Gericht die Verhaftung Maduros am Ende für rechtswidrig erklärt. Zumal Trumps Justizministerium mittlerweile eingeräumt hat, dass das angeblich von diesem persönlich geführte „Cartel de los Soles“ tatsächlich keine eigene Organisation, sondern eine Sammelbezeichnung für Korruption und Drogenhandel in Venezuelas Regierungsapparat ist.

Mit derartigen rechtlichen Feinheiten hielten sich viele Trump-Anhänger natürlich nicht auf und feierten direkt die eigentliche Grundlage der Aktion: Wer die stärkere Armee hat, setzt sich durch – und es werde Zeit, dass die USA den Rest der Welt (Mexiko, Kolumbien, Iran, etc.) dieses Prinzip wieder lehren. So mancher dieser Lautsprecher war übrigens vor zwei Jahrzehnten in derselben Laune, als George W. Bush nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 militärisch in Afghanistan und Irak intervenierte. In den letzten zehn Jahren beklagten sich die meisten davon dann eher, dass der böse globalistische Kriegstreiber Bush sie hinters Licht geführt habe. Und dass endlich Schluss sein müsse mit der amerikanischen Rolle als Weltpolizist, mit den militärischen Abenteuern und ewigen Kriegen im Ausland.

Nochmal Juan Guiadó

Heute möchte man ihnen zurufen: Gebrauche kein Argument, dass China in zehn Jahren gegen die USA verwenden könnte. Aber an Heuchlern herrscht derzeit ohnehin kein Mangel. Russland, das seit vier Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, China, dass Ansprüche auf Taiwan erhebt, auch Venezuela selbst, das kürzlich noch mit der Annexion der ölreichen Region Essequibo im Nachbarland Guyana drohte: Sie alle forderten nach der Entführung Maduros lauthals die Achtung der venezolanischen Souveränität. Umgekehrt blieben die US-Verbündeten, die etwa im Fall der Ukraine sonst bei jeder Gelegenheit das Völkerrecht betonen, auffallend still.

Duell im Atlantik: Das US-Küstenwachschiff USCGC Munro verfolgt den Tanker Marinera vor dem Zugriff der Spezialkräfte.
Duell im Atlantik: Das US-Küstenwachschiff USCGC Munro verfolgt den nach Russland umgeflaggten Schattenflotten-Tanker Marinera, ex Bella 1, vor dem Zugriff von amerikanischen Spezialkräften. (Foto: U.S. European Command)

Die EU war abgesehen von den sonstigen Baustellen im transatlantischen Verhältnis schon deswegen in der Zwickmühle, weil sie Maduro bereits 2019 die Legitimität als Präsident abgesprochen hatte. Nach der grob gefälschten Wahl vom Vorjahr hatten die Europäer wie die USA den eigentlichen Gewinner Juan Guiadó als Staatsoberhaupt anerkannt. Das wurde anschließend zu einem Lehrstück von Symbol- gegen Realpolitik, weil alle sich dennoch mit der De-facto-Regierung arrangieren mussten. Ihr weitgehendes Schweigen zu Venezuela biss sie dann umgehend in den eigenen Hintern, als Trump auf geringe Provokation hin seine Ansprüche auf Grönland wieder aufwärmte.

Nochmal Rand Paul

Am konsequentesten reagierte noch das anti-globalistische Lager, auch unter Trumps eigenen Wählern. Allerdings brauchte auch das einige Tage, um seine Sprache wiederzufinden – vielleicht während es überlegte, wie es angesichts des Triumphgeheuls der übrigen Basis seine anti-sozialistische Glaubwürdigkeit am wenigsten gefährdet. Dieser tendenziell pro-russisch und -chinesisch eingestellte Kreis macht bei seiner Ablehnung weiterer amerikanischer Interventionen eher keinen Unterschied zwischen der von Trump beanspruchten westlichen Hemisphäre und dem Rest der Welt. Innerhalb amerikanischer Foren wies er dann immer noch vergleichsweise milde auf die Widersprüche in dessen Politik hin. Und betonte die innenpolitischen, nicht zuletzt wirtschaftlichen Probleme, denen er sich eher widmen sollte.

Am konkretesten wurde der Widerstand in einer Koalition aus Demokraten, vier traditionellen Republikanern und dem libertären Anti-Globalisten Rand Paul im US-Senat. Diese stimmte am gestrigen Freitag mit 52 zu 47 für die Behandlung einer Resolution, die dem Präsidenten weitere militärische Operationen gegen Venezuela verbietet. Allerdings müsste diese nicht nur kommende Woche abschließend im Senat, sondern auch im Trump-freundlicheren Repräsentantenhaus angenommen und dann von beiden Häusern des Kongresses mit Zweidrittelmehrheit gegen das unvermeidliche Veto des Präsidenten verteidigt werden. Als Warnschuss taugt sie jedoch allemal: Kurz darauf erklärte Trump, er habe eine angedrohte zweite Angriffswelle abgeblasen, da die venezolanische Interimsführung ja nun alles mache, was er wolle.

Was 1989 noch so geschah: Autor Tom Clancy bei einer Signierstunde.
Was 1989 noch so geschah: Bestseller-Autor Tom Clancy bei einer Signierstunde in Boston. (Foto: Gary Wayne Gilbert)

Nochmal Tom Clancy

Möglicherweise hat der Kongress, der kürzlich im aktuellen Verteidigungshaushaltsgesetz auch Schranken gegen einen einseitigen Abzug amerikanischer Truppen aus Europa errichtete, sein letztes Wort aber noch nicht gesprochen. Insbesondere, wenn es als nächstes um das Thema Grönland geht. Dazu ist die Stimmung im Kapitol noch weit kritischer als zu Venezuela. Auch traditionelle Konservative dürfte der Gedanke umtreiben, welche Signale die USA mit ihrer gegenwärtigen Politik an systemische Mitbewerber senden. Und wie sie letzteren gegenüberstehen, wenn sie ihre traditionellen Verbündeten dadurch verprellen. Um Russland muss man sich dabei weniger Sorgen machen. Die Reaktionen dort waren zwar einerseits hämische Freude über die Bestätigung des Rechts des Stärkeren in seiner selbstgewählten Einflusssphäre. Andererseits aber die ernüchternde Erkenntnis, es den Amerikanern nicht gleichtun zu können.

Auch russische Streitkräfte hatten ja zu Beginn des Krieges gegen die Ukraine den Versuch einer „Enthauptungsaktion“ gegen die Regierung in Kiew unternommen. Dabei landeten russische Fallschirmjäger mit Hubschraubern auf dem Flugfeld Hostomel nahe der ukrainischen Hauptstadt, konnten dieses jedoch nicht halten oder nach Kiew vorstoßen. Seither hat man sich bei der Eroberung des kleineren Nachbarlands auch nicht eben mit militärischem Ruhm bekleckert. Im Falle Chinas, das nach amerikanischen Erkenntnissen 2027 bereit zur Eroberung Taiwans sein will, steht das Urteil noch aus. Dass dieses in der Zukunft fällt, ist allerdings durch die jüngsten amerikanischen Aktionen eher wahrscheinlicher geworden. Denn abgesehen vom politischen Präzedenzfall könnte die laufende chinesische Aufrüstung durchaus zu einer den USA gleichwertigen, vielleicht sogar überlegenen Militärmacht führen.

Hoffentlich beschwert sich dann keiner, wenn chinesische Spezialeinheiten irgendwann den US-Präsidenten und die First Lady aus Washington entführen, um sie zuhause wegen Unterstützung taiwanischer Separatisten vor Gericht zu stellen. Womit wir wieder bei Tom Clancy wären. Der wurde übrigens irgendwann zu erfolgreich, um noch auf Korrektoren zu hören. Dann machte er seinen Serienhelden Jack Ryan vom CIA-Analysten zum Präsidenten, der die konservativen politischen Vorstellungen seines Schöpfers umsetzte, schrieb zunehmend unverdauliche Wälzer über amerikanische Allmachtsfantasien und starb an Herzversagen. Da steckt vielleicht auch eine Parabel über die jüngere Entwicklung der USA drin. Möglicherweise wird er jedenfalls an dieser Stelle wieder auftauchen. Etwa mit „Tom Clancy: Grönland – Der Sturm im Wasserglas“.

Stefan Axel Boes

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