Immer schnellere technologische Entwicklungen und die derzeitige sicherheitspolitische Lage stellen die Bundeswehr vor wachsende Herausforderungen. Um die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte zu sichern, ist eine moderne, resiliente und einheitliche Lerninfrastruktur essenziell. Die Bundeswehr hat daher die BWI mit der Entwicklung einer virtuellen Lernumgebung als zentralen Baustein für die Digitalisierung und Harmonisierung der Bundeswehr-Ausbildung beauftragt.
Die klassische Trennung zwischen Ausbildungs- und Einsatzzeiten rückt im Zusammenhang mit den neuesten globalen Herausforderungen zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen entwickelt sich „Train while you fight“ zu einem entscheidenden Paradigma für moderne Streitkräfte: Ausbildung lässt sich in dem rasanten, sich ständig verändernden Umfeld der modernen Kriegsführung nicht auf bestimmte, von Kampfeinsätzen getrennte Zeiträume beschränken, sondern muss kontinuierlich, anpassungsfähig und nahtlos in die operativen Aktivitäten integriert sein.
Dazu müssen eingesetzte Technologien so belastbar wie möglich sein. Es braucht eine widerstandsfähige, interoperable Lerninfrastruktur, die physischen sowie Cyberangriffen standhalten und sich schnell von Störungen erholen können muss. Gleichzeitig muss sie dem Personal reaktionsschnellen, aktuellen Unterricht bieten. Diese Entwicklungen und Anforderungen führten zur strategischen Entscheidung: Eine ganzheitliche Betrachtung der technologiegestützten Ausbildung und eine Modernisierung der Ausbildungslandschaft sind für die Bundeswehr unerlässlich.
Lernen muss digital an jedem Ort, zu jeder Zeit und mit jeder IT-Ausstattung möglich sein. Derzeit werden noch rund 100 autarke Lernsysteme an über 130 Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr genutzt. Mit „Link and Learn“ gibt es zwar bereits übergangsweise eine Pilotumgebung für alle Bundeswehrund Reserveangehörigen, eine ganzheitliche integrierte Plattform fehlt jedoch bislang. Mit der Einführung der Virtuellen Lernumgebung der Bundeswehr (VLBw) muss sich die Bundeswehr nicht mit der Bereitstellung und dem Betrieb einzelner Plattformen befassen und kann sich künftig vollends auf ihr Kerngeschäft fokussieren. Die VLBw wird als integriertes, zukunftssicheres Lernökosystem bestehende Insellösungen und das Pilotsystem überführen und künftig alle digitalen Ausbildungsaktivitäten auf einer zentralen Plattform bündeln.
Eine integrierte Lösung für mehr Ausbildungsqualität
Grundlegende neue Funktionselemente der Virtuellen Lernumgebung sind eine 3D-Lernumgebung und ein individualisierbares Nutzercockpit. Eine Common Learning Middleware dient zur Integration verschiedenster schon heute genutzter funktionaler Komponenten, wie Lernmanagementsystemen oder Lehrmittelbibliotheken, und neuen Funktionselementen. Entwicklung und Betrieb der Lernumgebung erfolgen auf der skalierbaren privaten Cloud der Bundeswehr nach hohen Sicherheits- und Betriebsstandards bis einschließlich Schutzbedarf VS-Nur für den Dienstgebrauch. Durch den zukünftigen Einsatz von KI-Elementen wie Learning Analytics, Sprachmodellen oder adaptiven Lernpfaden wird die Virtuelle Lernumgebung der Bundeswehr in ihrer Endausbaustufe eine noch bessere Vermittlung der Lerninhalte ermöglichen. Sie wird eine digitale, hybride Ausbildung, individuelles Lernen sowie Learning on Demand sowohl für aktive Bundeswehrangehörige als auch Reservedienstleistende und Nicht-Bundeswehrangehörige möglich machen. Die Virtuelle Lernumgebung wird für den Geschäftsbereich des BMVg entwickelt und ist aktuell für 300.000 Nutzer vorgesehen.
Durch die Vereinigung unterschiedlicher Lehr- und Lernmethoden in einer einzigen gemeinsamen Infrastruktur wird die Basis für eine gemeinsame organisationsbereichsübergreifende Nutzung von Inhalten sowie einer Weiterentwicklung der militärischen Ausbildung geschaffen. Das zentralisierte, standardisierte System schafft ein präsenzähnliches, ortsunabhängiges Erleben von Ausbildungsinhalten und ist hochverfügbar. Dabei erweitert es die derzeitige Pilotumgebung beispielsweise um virtuelle 3D-Räume, -Ausbildungsszenarien und -Inhalte. Durch ihre Skalierbarkeit ist die Plattform auch mit Blick auf zukünftige Anforderungen erweiterbar und schafft damit die Flexibilität und Resilienz, die die Bundeswehr benötigt.
Derzeit wird die Lernumgebung implementiert, getestet und die Produktivsetzung vorbereitet. Im Januar 2026 wird ein Proof of Technology der VLBw beim Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe Faßberg durchgeführt. Im Laufe des Jahres 2026 wird dann das Grundgerüst der VLBw für die Bundeswehr einsatzbereit sein und sukzessive funktional erweitert sowie mit Lerninhalten befüllt werden. Zeitgleich arbeitet die BWI an der Modernisierung von mehr als 2.000 Hörsälen und über 40.000 Schulungsgeräten der Bundeswehr an über 130 Standorten. Die Virtuelle Lernumgebung der Bundeswehr leistet einen wichtigen Beitrag für mehr Ausbildungsqualität, mehr Einsatzfähigkeit der Streitkräfte und damit mehr Resilienz in der Landes- und Bündnisverteidigung.
Von Jens Muschner, Leiter Ausbildungssysteme Bundeswehr, BWI GmbH
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