Woche 2 am Golf: Physische gegen psychologische Kriegführung

Einer von zwei Tankern, die über Nacht vermutlich mit Überwasser-Kamikazedrohnen angegriffen worden, liegt nach einem Feuer mit Schlagseite vor der irakischen Hafenstadt Basra.
Einer von zwei Tankern, die über Nacht vermutlich mit Überwasser-Kamikazedrohnen angegriffen worden, liegt nach einem Feuer mit Schlagseite vor der irakischen Hafenstadt Basra. (Foto: picture alliance/Reuters/Mohammed Aty)

Der Iran hat in der Nacht zum heutigen Donnerstag weitere Ziele der Ölexport-Infrastruktur auf der arabischen Seite des Persischen Golfs attackiert. Vor der Küste des Irak gerieten zwei Tanker mutmaßlich nach Treffern von Überwasser-Kamikazedrohnen in Brand, wobei mindestens ein Besatzungsmitglied getötet wurde. Auch Treibstofflager im omanischen Hafen Salala und nahe dem Flughafen der Hauptstadt Manana in Bahrain gingen nach Drohnenangriffen in Flammen auf. Vor der Straße von Hormus wurde ein unter thailändischer Flagge fahrender Frachter von mindestens einem Flugkörper getroffen. Die Besatzung wurde weitgehend evakuiert, drei Mitglieder sind möglicherweise noch im Maschinenraum des brennenden Schiffs eingeschlossen.

Die neuen Treffer hatten umgehend Auswirkungen auf die internationalen Ölpreise. Ein Barrel der Standardmarke Brent stieg wieder auf 101 US-Dollar und wird mittlerweile bei knapp unter 100 gehandelt. Nach der faktischen Schließung der Straße von Hormus durch den Iran am Wochenende war der Preis von zuvor 93 am Montag kurzzeitig sogar auf annähernd 120 Dollar gestiegen, bevor er in den kommenden Tagen wieder auf um die 90 sank. Dazu trugen auch Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump bei, dass die amerikanischen Operationen vor dem Zeitplan lägen und der Krieg bald beendet würde. Andere Meldungen sorgten ebenfalls für unmittelbares Auf und Ab.

Ende der letzten stabilen Ölregion?

Dazu gehörte, dass der Iran mit dem Verminen der Meerenge begonnen habe, durch die üblicherweise 20 Prozent des weltweiten Ölhandels laufen, dass aber US-Streitkräfte zahlreiche Minenleger zerstört hätten. Und dass die U.S. Navy einen Öltanker durch diese eskortiert habe sowie das anschließende Dementi, weil solche Operationen derzeit zu gefährlich seien. Eine zur Stabilisierung gedachte Entscheidung der Internationalen Energieagentur IEA vom gestrigen Mittwoch zur Freigabe einer Rekordmenge von 400 Millionen Barrel Öl aus den strategischen Reserven der 32 Mitgliedsländer scheint angesichts der neuesten Nachrichten vom Golf weitgehend verpufft zu sein.

Die unter thailändischer Flagge fahrende Mayuree Naree brennt nach einem Treffer knapp über der Wasserlinie im Golf von Oman.
Der unter thailändischer Flagge fahrende Bulker Mayuree Naree brennt nach einem Treffer knapp über der Wasserlinie im Golf von Oman. (Foto: Screenshot X/Privat)

Dies zeigt die Nervosität der internationalen Ölmärkte angesichts des Krieges in einer ihrer wichtigsten Produktionsregionen, die nach Krisen und Sanktionen gegen Russland und Venezuela zugleich eine der letzten stabilen war. Der Iran nutzt dies mit von physischen Angriffen untermauerten Warnmeldungen gezielt aus, was vor allem US-Präsident Trump unter Druck setzt. Dessen Republikaner müssen sich im November den Zwischenwahlen zum Kongress stellen, die für die letzten zwei Jahre von Trumps Amtszeit eine obstruktive Mehrheit der oppositionellen Demokraten in beiden Kammern zur Folge haben könnten. Der Präsident, der bislang weder zu seinem Wahlversprechen eines wirtschaftlichen Aufschwungs noch dem eines Endes militärischer Abenteuer geliefert hat, kann hohe Ölpreise nicht gebrauchen.

Bruchlinien in der amerikanisch-israelischen Allianz?

Bislang hat er aber mit seinen eigenen militärischen Erfolgsankündigungen kein wirksames Mittel gegen deren Anstieg von etwa 60 Dollar pro Barrel seit Jahresanfang gefunden. Dazu tragen auch Unklarheit über die Kriegsziele und die dafür notwendige Dauer der Angriffe bei. Zumal das Regime in Teheran seinerseits keine Anstalten macht, wie erhofft nach den gezielten Enthauptungsschlägen gegen seine Führungspersönlichkeiten unter internem Druck zusammenzubrechen. Trotz der Ausschaltung zahlreicher Führungseinrichtungen sowie Stützpunkten von Militär und Sicherheitskräften scheint die Loyalität letzterer und damit der Repressionsapparat auch gegen eine Bevölkerungsmehrheit intakt. Israelische Berichte gehen davon aus, dass ein Zusammenbruch des Systems ein oder sogar mehrere Jahre dauern könnte.

Diese Perspektive eröffnet mögliche Bruchlinien in der amerikanisch-israelischen Allianz. Während die Regierung von Benjamin Netanjahu die Angriffe offenbar ungeachtet weltweiter wirtschaftlicher Auswirkungen bis zum Sturz der als existenzielle Hauptbedrohung wahrgenommenen Islamischen Republik im Iran fortsetzen will, zeigte sich die amerikanische Seite nach Medienberichten bereits verärgert über das Ausmaß israelischer Angriffe auf iranische Ölanlagen. Vermutlich betrachten die USA letztere als notwendig für den Wiederaufbau unter einer potenziell freundlicheren Post-Mullah-Regierung und deren Beitrag zur internationalen Energiestabilität, während sie für Israel zunächst eine Finanzquelle des gegenwärtigen Regimes sind.

Angriff auf die Ölinsel Kharg?

Tatsächlich haben trotz des Krieges bislang mindestens zwei iranische Öltanker, die von der eigenen Sperrung nicht betroffen sind, die Straße von Hormus passiert – vermutlich mit Ziel China. Nach einigen Quellen sind die Ölexporte des Landes gegenüber der Vorkriegszeit sogar gestiegen. Zumindest hat es derzeit quasi ein Monopol. Auch in den USA drängen Hardliner daher auf eine Besetzung der Ölverladeinsel Kharg im Norden des Persischen Golfs, über die rund 90 Prozent der iranischen Exporte erfolgen. Eine solche längerfristig angelegte Bodenoperation wäre allerdings militärisch, vor allem aber innenpolitisch erheblich riskanter als die bisherig weitgehend aus der Luft mit relativ geringen eigenen Verlusten geführten Angriffe.

Aufnahme der Ölverladeinsel Kharg von der Internationalen Raumstation aus im Jahr 2022.
Aufnahme der Ölverladeinsel Kharg von der Internationalen Raumstation aus im Jahr 2022. (Foto: NASA)

Insbesondere die Enttäuschung über die langjährigen Debakel in Afghanistan und dem Irak machte ja Donald Trumps Versprechen so populär, „endlose Kriege“ und die Unterstützung „undankbarer Verbündeter“ als Teil seines Slogans „America First“zu beenden. Schon sein Eingreifen zugunsten Israels im Zwölf-Tage-Krieg des letzten Jahres gegen den Iran legte eine Spaltung in seiner Wählerbasis an. Am anti-israelisch bis antisemitisch eingestellten rechten Rand der Make America Great Again (MAGA)-Bewegung führen die jetzigen Operationen mit den mangelnden Erklärungen zu amerikanischen Interessen und Dauer sowie den finanziellen und wirtschaftlichen Kosten bereits jetzt zur Stärkung des bösen Vorwurfs „Israel First“.

Ein Somalia am Persischen Golf?

Dies hat der Iran als Teil seiner psychologischen Kriegführung präzise im Blick. Sein als geschickter Kommunikator bekannter Außenminister Abbas Araghtschi bediente sich explizit der MAGA-Sprache, als er mit einiger Chutzpe die Regimewechsel-Forderung der US-Regierung umdrehte und die Amerikaner auf X dazu aufforderte, sich ihr Land „von den Israel Firsters“ zurückzuholen. Mit demselben ostentativen Selbstvertrauen hat der iranische Präsident Massud Peseschkian erklärt, dass der Krieg weitergehen werde, bis sich die USA zur Zahlung von Reparationen und Garantien gegen weitere Angriffe verpflichteten. Das Problem für die USA: Der Iran könnte tatsächlich die Dauer des Konflikts bestimmen.

Zu den amerikanischen Erfolgsmeldungen gehört, dass die Zahl der iranischen Raketen- und Drohnenangriffe in den letzten Tagen erheblich abgenommen hat, da Start- und Produktionseinrichtungen zunehmend zerstört seien. Sicherlich schwinden – auf beiden Seiten – auch die Munitionsvorräte, obwohl ebenfalls darüber spekuliert wird, dass der Iran Flugkörper für einen Großangriff horten könnte. Wie allerdings die letzten Meldungen zeigen, sind auch bei verringerter Intensität empfindliche Schläge mit weltweiten Auswirkungen möglich. Die Beispiele der jemenitischen Huthis und der Hamas im Gazastreifen, die ihre Angriffe mehr oder weniger sporadisch bis zu einem Waffenstillstand fortsetzten, legen nahe dass dies Wochen, Monate oder gar Jahre so weitergehen könnte. Selbst der tatsächliche Zusammenbruch des Mullah-Regimes wäre keine Garantie, dass das Land zur Stabilität zurückfindet.

In beiden Fällen hätte dieser Krieg eine Art Afghanistan oder Somalia am Persischen Golf mit unabsehbaren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft geschaffen. Die USA hätten dann die Wahl dazwischen, dies entweder hinzunehmen, einen weiteren langwierigen Befriedungsversuch wie in Afghanistan und dem Irak zu unternehmen, oder tatsächlich in Teheran um Frieden zu bitten. Keine dieser Optionen ist wirklich angenehm. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass sich beide Seiten unter dem Druck der Situation einigen. Die am direktesten betroffenen arabischen Golfstaaten dürften das unterstützen, Israel allerdings eher ablehnen. Und am Ende bleibt das Prinzip Hoffnung: Dass die Islamische Republik doch noch fällt und von einem friedlicheren und stabilen Iran abgelöst wird.

Stefan Axel Boes

Verwandte Themen:

Wunstorf, 10. März 2026. Der neue Flugzeughangar nimmt Form an. Er ist Hauptbestandteil des künftigen A400M-Wartungszentrums von Airbus, das...

„Der Krieg ist das Gebiet der Ungewissheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen...

Der Konflikt im Iran eskaliert weiter. Am Wochenende wurden ein Öltanker und mehrere Stützpunkte angegriffen, immer mehr Seefahrer sitzen...

Weitere Nachrichten
HHK+ Vorteile nutzen
mockup complete

Erhalten Sie jetzt einen Zugang zu den HHK+ Artikeln & Magazinen vom Hardthöhen-Kurier

Aktuelle Magazine
Partner & Anzeigen
Partner unsere Sonderpublikationen