70 Jahre Bundeswehr: Zeit für eine weitere Neugründung

Soldaten des Wachbataillons beim feierlichen Gelöbnis zum 70-jährigen Jubiläum der Bundeswehr am 12. November vor dem Reichstagsgebäude.
Soldaten des Wachbataillons beim feierlichen Gelöbnis zum 70-jährigen Jubiläum der Bundeswehr am 12. November vor dem Reichstagsgebäude. (Foto: Bundeswehr/Christoph Kassette)

Am Mittwoch dieser Woche jährte sich zum 70. Mal die Ernennung der ersten 101 freiwilligen Soldaten der Bundeswehr in Bonn. Obwohl diese Bezeichnung erst knapp ein halbes Jahr später eingeführt wurde, können die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland den 12. November mit Fug und Recht als ihren Geburtstag betrachten. Das Datum fiel, eher zufällig, wiederum mit dem 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Gerhard von Scharnhorst zusammen. Dessen Vorgedanken zum Prinzip des Staatsbürgers in Uniform inspirierten das Leitbild für die Bundeswehr, die nur zehn Jahre nach Ende des von einer deutschen Diktatur begonnenen Zweiten Weltkriegs eine neue Traditionslinie des Militärs in einem demokratisch verfassten Deutschland beginnen sollte.

So bald nach sechs Kriegsjahren, nach millionenfachem Tod – davon sechs Millionen Opfern des Holocaust, allein über fünf Millionen deutsche Gefallene plus über einer Million zivile Kriegstote – nach flächendeckender Zerstörung, nach Kriegsverbrechen und Völkermord war dieser Schritt nicht eben populär. In Deutschland vermutlich noch weniger als bei den ehemaligen Kriegsgegnern und neuen NATO-Verbündeten, die auf einen Beitrag der Bundesrepublik gegen die neue Bedrohung durch den expansiven Kommunismus der Sowjetunion drängten. Eine breite Front der Ablehnung durchzog alle politischen Lager und gesellschaftliche Gruppen, von den Kirchen bis zu den Kriegsveteranen. Nicht zuletzt würde eine Wiederbewaffnung die deutsche Teilung zementieren, der nächste Krieg auch zwischen Deutschen stattfinden.

Wiederbewaffnung trotz „nie wieder“

„Nie wieder“ war also kein modisches Bekenntnis, sondern der Schluss aus eigener Lebenserfahrung. Zum Frieden gehören allerdings mindestens zwei. Ereignisse wie der kommunistische Putsch in der neutralen Tschechoslowakei und die Blockade Westberlins durch die Sowjetunion 1948, besonders aber der Ausbruch des Koreakrieges 1950 zeigten, dass die Bedrohung real war. Für den ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer, der als katholischer Rheinländer nicht nur antikommunistisch geprägt war, sondern auch die nun unter sowjetischer Kontrolle stehenden Gebiete des ehemaligen Deutschen Reichs mit dem preußischen Militarismus assoziierte, war die Westbindung der Bundesrepublik alternativlos.

Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Besuch der ersten Bundeswehrsoldaten 1956 in Andernach.
Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Besuch der ersten Bundeswehrsoldaten 1956 in Andernach. (Foto: Bundesarchiv/Helmut J. Wolf)

Gegen alle innenpolitischen Widerstände und Moskauer Störangebote für ein wiedervereinigtes, neutrales Deutschland – von dem man dort annahm, dass es wie die Tschechoslowakei über kurz oder lang dem eigenen Einfluss unterfallen würde – setzte er daher nach dem Scheitern der Pläne für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft den NATO-Beitritt und die Wiederbewaffnung durch. Am 7. Juni 1955 wurde das bisherige für „die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“ zuständige „Amt Blank“ in Bundesministerium der Verteidigung umbenannt. Am 16. Juli autorisierte der Bundestag die Einstellung von 6.000 Freiwilligen. Bis zum 1. August gab es trotz aller Kontroversen bereits 150.000 Meldungen. Die Ernennungsurkunden für die ersten zehn Soldaten, realitätsbezogen sämtlich ehemalige Wehrmachtsoffiziere, unterzeichnete Bundespräsident Theodor Heuss schon am 10. Oktober.

Wiedereinführung der Wehrpflicht

Auch unter den ersten 50.000 Soldaten der neuen Bundeswehr dominierten frühere Wehrmachtsangehörige, die zuvor vielfach bereits im Bundesgrenzschutz oder den alliierten Dienstgruppen zur Unterstützung der Besatzungsmächte gedient hatten. Am 7. Juli 1956 wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, die ersten 10.000 Grundwehrdienstleistenden rückten am 1. April 1957 für zwölf Monate ein. Faktisch herrschte zunächst eine Auswahlwehrpflicht, da es vorerst nicht genug Unterbringungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für alle tauglich gemusterten Männer eines Jahrgangs gab. Zwischen 1960 und 1965 bestimmte das Wehrpflichtgesetz in Paragraf 21: „In den Einberufungslisten sind die Wehrpflichtigen je nach ihrem Aufruf jahrgangsweise oder nach Jahrgangsabschnitten zusammenzufassen. Die Reihenfolge in den Einberufungslisten wird durch das Los bestimmt.“

Den heutigen Betrachter erinnert das natürlich umgehend an die kürzliche Debatte um ein mögliches Losverfahren zur Auswahl von Männern eines Jahrgangs zur Teilnahme an der Musterung, und bei Bedarf auch zum Wehrdienst. Vielfach nur mit der aktuellen Praxis in Skandinavien in Verbindung gebracht, sind die Gründe dieselben: Es gibt mehr Wehrpflichtige, als verwendet werden können – aber möglicherweise nicht genug Freiwillige, um auf sie verzichten zu können. Noch ist das Prinzip auch noch nicht völlig vom Tisch, selbst wenn es nach der Einigung der schwarz-roten Koalition am Abend des Bundeswehrjubiläums bereits mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Modernisierung des Wehrdienstes Anfang nächsten Jahres wieder verpflichtende Musterungen geben soll.

Wiedervereinigung und die Freiwilligenarmee

Der volle Umfang für alle jungen Männer eines Jahrgangs wird nach Aufbau entsprechender Kapazitäten aber erst im Sommer 2027 erreicht werden. Die nun vorgesehene Art der Auswahl wird dabei bislang nicht näher erläutert. Ähnliches gilt für die Auswahlwehrpflicht, die der Bundestag mit einem zusätzlichen Gesetz beschließen soll, falls die Zahl der Freiwilligen den Bedarf der Bundeswehr nicht deckt. Hier soll als „ultima ratio“ ein „Zufallsverfahren“ zum Einsatz kommen, das Wort „Los“ wird vermieden. Unabhängig davon, ob dieser Fall schließlich eintritt und wie er dann geregelt wird: Die Parallelen zur Situation beim Aufbau der Bundeswehr vor 70 Jahren sind insgesamt augenfällig. Mancher sagt, dass die Truppe nach ihrer Aufstellung und dem Übergang zur Einsatz- und Freiwilligenarmee nunmehr einer weiteren Neugründung bedarf.

Deutsche ISAF-Patrouille 2009 bei Masar-e Scharif.
Die Bundeswehr als Einsatz- und Freiwilligenarmee 2009 bei Masar-e Scharif in Afghanistan. (Foto: ISAF PAO)

Wobei die heutige „Wiederbewaffnung“ längst nicht so kontrovers ist wie in den 1950er Jahren. Trotz aller Kritik von links und rechts zeigen Umfragen ein großes gesellschaftliches Einvernehmen über die Notwendigkeit angesichts einer neuen Bedrohung durch Russland, die sich konkret im Ukrainekrieg und hybriden Maßnahmen gegen NATO-Länder – auch Deutschland – zeigt. Die öffentliche Meinung ist da eher weiter als Teile der Politik, wenn auch unter den direkt betroffenen Jüngeren in der Frage der Wehrform gespalten. Vielleicht ist genau in diesem Punkt eine „Neugründung“ am meisten erforderlich: Der Militärhistoriker Sönke Neitzel beklagte kürzlich eine in 70 Jahren gewachsene „geradezu groteske Friedensbürokratie“ in der Truppe, die rasche Innovationen unmöglich mache.

Wieder mehr Scharnhorst wagen

Zahlreiche Berichte über die Zeit und Mühe, die Freiwillige für ein Engagement als aktive Soldaten oder Reservisten aufwenden müssen, unterstreichen seinen Punkt. Nicht wenige geben den Versuch irgendwann entnervt auf. Ob den 150.000 Interessenten im Jahr 1955 wohl ähnliche bürokratische Steine in den Weg gelegt wurden? Gäbe es beim heutigen Bedarf dieses Aufkommen, hätte sich die Frage nach der Wehrpflicht wahrscheinlich erledigt, wenn es nach Untersuchung auf Tauglichkeit zu zügigen Einstellungen käme. Wie seinerzeit müsste man dafür nicht die gesamte deutsche Militärgeschichte samt Personalplanung über Bord werfen. Aber vielleicht wäre auch da ein bisschen mehr Rückgriff auf Scharnhorst angebracht.

Der ersann seinerzeit das Krümpersystem, um trotz der Personalbeschränkungen der preußischen Armee nach der Niederlage gegen Napoleon 1806 eine Reserve für den Kriegsfall aufzubauen. Dabei wurden in jeder Einheit regelmäßig einige Soldaten beurlaubt und an ihrer Stelle künftige Reservisten ein bis zwei Monate lang ausgebildet, die dann als angeblich ungeeignete „Krümper“ (Krumme) wieder entlassen wurden. Später ersetzten sie langgediente Soldaten, die ihrerseits als „Krümper“ in die Reserve versetzt wurden – eine unbürokratische Lösung. Oder wie man heute sagen würde: thinking out of the box. Weniger Schubladendenken könnte auch manches Problem bei der Neuaufstellung der Bundeswehr für neue Bedrohungen lösen.

Stefan Axel Boes

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