Glaubt man russischen Militärbloggern, sieht der Fortschritt in der Kriegführung zur Eroberung der Ukraine so aus: Im dritten Jahr der „Militärischen Spezialoperation“ wurden eigene Truppen noch verheizt, damit ukrainische Stellungen sich durch Abwehrfeuer gegen sie enttarnten und dann durch Einsatz weitreichender Artillerie und Lenkbomben vernichtet werden konnten. Mittlerweile werden sie verheizt, um Drohnenbilder davon zu kriegen, wie sie russische Flaggen an umkämpften Positionen in die Kamera halten. Das dient ihren Kommandeuren dann als Grundlage für Erfolgsmeldungen zum Vormarsch. Derartige Bilder sind seit langem zur Währung militärischer Erfolge in diesem Krieg geworden.
Natürlich hat das Hissen der eigenen Flagge schon immer zur Dokumentation des Sieges gedient. Man denke an ikonische (und in vielen Fällen für die Kamera nachgestellte) Bilder wie von den U.S. Marines, die nach der Schlacht um Iwo Jima das Sternenbanner auf dem Suribachi aufrichten. Oder von den sowjetischen Soldaten mit Hammer und Sichel auf dem Reichstag nach der Einnahme Berlins. Im Zeitalter der weltweiten elektronischen Liveberichterstattung ist der Propagandaeffekt allerdings sehr viel unmittelbarer und hat auch direkte Auswirkungen auf das Frontgeschehen. Die Ukraine demonstrierte das bei ihrer erfolgreichen Offensive zur Rückeroberung großer Räume im Osten und Süden des Landes in der zweiten Jahreshälfte 2022.
Selfies für den Sieg
Kleine, schnellbewegliche Einheiten operierten dabei in der Tiefe der überdehnten russischen Frontgebiete und taten im Wesentlichen nichts anderes, als Selfies von sich vor Ortschildern oder Landmarken zu schießen und sie auf Social Media zu posten. Militärblogger auf beiden Seiten griffen dies begierig auf, um ihr Publikum möglichst in Echtzeit zu informieren. Dadurch entstand der Eindruck eines völligen Zusammenbruchs der russischen Front. Auch unter den russischen Streitkräften selbst, die ihre Informationen ebenfalls aus dem Internet bezogen. Genau das geschah dann auch, als sich Panik über das vermeintliche rapide Vordringen der Ukrainer ausbreitete. Pro-russische Blogger lernten daraus, nicht gleich jede gegnerische Erfolgsmeldung ungefiltert weiterzugeben.
Dennoch wiederholte sich der Effekt in geringerem Ausmaß bei der ukrainischen Offensive gegen die russische Oblast Kursk Ende 2023. Es war unvermeidlich, dass Russland – das seinerseits schon seit Anfang des Krieges auf amerikanische Art mit Bildern von Treffern weitreichender Lenkwaffen im Hinterland der Ukraine hausieren ging – das Prinzip für eigene Zwecke zu nutzen versuchte. Allerdings konnte dieses beim zähen Vorrücken an den Fronten, die in den letzten zwei Jahren durch die Allgegenwart von Kampfdrohnen weitgehend erstarrt sind, bislang nicht dieselbe Wirkung erzielen. Dagegen eignete es sich gut für den internen Wettkampf um militärische Ressourcen und politisches Wohlwollen, der auf beiden Seiten geführt wird.
Belohnen durch Drohnen
So gibt es etwa innerhalb der ukrainischen Streitkräfte ein Bonussystem auf Grundlage verifizierter Aufnahmen von Drohnentreffern. Einheiten, die auf diese Weise eine hohe Effektivität nachweisen können, erhalten zusätzliche Ressourcen, um ihren Erfolg zu verstärken. Für russische Kommandeure wurden eben Bilder von flaggenschwenkenden Soldaten an umkämpften Positionen zum Erfolgsnachweis. Was nicht unbedingt das Problem geschönter Frontberichte beseitigt, das die russischen Streitkräfte in der Ukraine schon länger plagt. Wie kürzlich wieder am Beispiel der Stadt Kupjansk deutlich wurde: Nachdem deren Einnahme offiziell an Präsident Wladimir Putin gemeldet wurde, erzielte die Ukraine einen Propagandaerfolg, indem sie Bilder ihres eigenen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einem Frontbesuch am – offensichtlich sicheren – Rand der Stadt veröffentliche.

Die russische Reaktion darauf war kopflos: Während offizielle Stellen mantra-artig wiederholten, in Kupjansk laufe alles nach Plan, behaupteten pro-russische Propagandaquellen im Internet wahlweise: Die Selenskyj-Bilder seien gefälscht. Oder aber die Ukraine halte im betreffenden Stadtteil 500 Zivilisten als menschliche Schutzschilde fest, um russische Angriffe zu verhindern. Nach und nach kam allerdings die Wahrheit heraus. Nicht nur hatte Russland Kupjansk nie vollständig kontrolliert. Aufgrund der Falschmeldungen waren auch Ressourcen an andere Frontabschnitte umgeleitet worden, wo sie nach diesem angeblichen Erfolg scheinbar dringender gebraucht wurden. Als Folge gelang es der Ukraine, die Russen praktisch vollständig aus der Stadt zurückzudrängen.
Heute erobern, morgen zahlen
Das Problem geschönter Frontberichte kennt die Ukraine allerdings auch. Kürzlich verlor sie die Stadt Siwersk auf ähnliche Weise. Russische Militärblogger – die spätestens im Fall Kupjansk lernten, auch nicht jede Erfolgsmeldung der eigenen Seite ungefiltert wiederzugeben – bezeichnen manche Ortschaften mittlerweile sarkastisch als „auf Kredit“ erobert. Gleichzeitig beklagen sie, dass Kommandeure ihren Truppen nun befehlen, um jeden Preis Flaggenbilder von besetzten oder besetzt gemeldeten Positionen zu liefern, um ihre Berichte zu bestätigen. Selbst wo diese tatsächlich von bislang unerkannten russischen Soldaten infiltriert wurden, setzt das die Darsteller allerdings gegnerischem Feuer aus. Die Ukraine verfolgt die Meldungen im Internet schließlich auch. Umgekehrt präsentieren ihre Soldaten sich gerne in Positionen, die von den Russen fälschlich als erobert erklärt wurden.
Das Misstrauen gerade in die russischen Erfolgsberichte verstärkt inzwischen die Unsicherheit über den tatsächlichen Frontverlauf. Ohnehin ist dieser schon lange von einem kilometerbreiten Niemandsland zwischen den eigentlichen Stellungen beider Seiten gekennzeichnet. In diesem bewegen sich russische Angriffskräfte nur in kleinsten Gruppen von häufig lediglich zwei Mann zu Fuß oder auf leichten, wendigen Fahrzeugen wie Motorrädern. Um den allgegenwärtigen Drohnen möglichst zu entgehen, nutzen sie jede Deckung und schlechte Sichtverhältnisse. Die Stellungen wiederum sind unterirdisch oder in Gebäudekellern, so dass die Front weitgehend menschenleer wirkt. Nur die Schwärme summender Drohnen sind omnipräsent. Doch sie können kein Gelände besetzen oder halten. Flaggenbilder galten daher als Beweis tatsächlicher Truppenpräsenz.
Erfolgsblase an der Friedensbörse
Was beweisen die aber, wenn die zwei Figuren in der Aufnahme vielleicht anschließend schleunigst wieder verschwunden sind oder von einer gegnerischen Drohne weggesprengt wurden? Man muss gar nicht den Hinweis bemühen, dass selbst lebensechte Bewegtbilder mittlerweile auch mit Künstlicher Intelligenz generiert werden können – Krieg wird so zu einer weitgehend virtuellen Veranstaltung mit minimalem Personaleinsatz. Das könnte man natürlich als höchst humane Entwicklung betrachten. Auffällig war aber, dass sich falsche und dubiose Erfolgsmeldungen von russischer, aber auch ukrainischer Seite vor Beginn der jüngsten Verhandlungsversuche unter US-Vermittlung in Abu Dhabi häuften. Offenbar versuchten beide Parteien, den Amerikanern ein möglichst günstiges Bild ihrer jeweiligen Situation auf dem Schlachtfeld zu präsentieren.

Das russische Interesse hieran bestand in der Argumentation, dass die eigenen Truppen ohnehin siegreich vorrücken, und man daher keine Friedensverhandlungen brauche. Es sei denn, die Ukraine wolle alle Forderungen Moskaus erfüllen und sich damit unnötiges weiteres Leid durch sinnlose Kämpfe ersparen. Die Ukraine versuchte natürlich das Gegenteil zu beweisen. So wird die quasi-virtuelle Flaggenkriegführung zu einem potenziell kriegsentscheidenden Mittel der Beeinflussung einer hierfür leichtempfänglichen US-Regierung. Daraus ergibt sich umgekehrt die Frage: Wäre ein von letzterer auf dieser Grundlage verordneter Friede ebenfalls weitgehend virtuell? Mit anderen Worten: War die Mindestanforderung an Frieden bislang die Abwesenheit von Krieg, ist es künftig nur noch die Abwesenheit von Kriegsbildern?
Kein Bild, kein Krieg
Auch dieser Gedanke ist natürlich nicht völlig neu. Viele bewaffnete Konflikte ziehen sich über Jahre und Jahrzehnte ohne ernsthafte westliche Intervention zu ihrer Beendigung hin, weil sie für die westliche Politik und Öffentlichkeit einfach nicht interessant genug und deshalb in westlichen Medien auch nicht präsent sind. Umgekehrt erzeugten erst öffentlichkeitswirksame Bilder aus Somalia oder dem Sudan den Druck, einzugreifen. Das iranische Regime wiederum hat es gerade geschafft, seine Niederschlagung der jüngsten Proteste mit einer noch immer unklaren, aber jedenfalls in die Tausende gehende Zahl von Toten durch Blockade des Internets im Land ohne die heutzutage üblichen unmittelbaren Zeugen in aller Welt abzuwickeln.
Als jemand, der mittlerweile Handyvideos von kleinsten Ereignissen in den hintersten Ecken des Globus gewohnt ist, fragt man sich da unwillkürlich: Ist das überhaupt passiert? Nicht umsonst versuchen ja autoritäre Regime wie China und auch Russland, die totale Kontrolle über das Internet in ihren Ländern zu erreichen. Und nicht umsonst lehnt Russland die Präsenz westlicher Truppen zur Überwachung eines eventuellen Waffenstillstands in der Ukraine ab. Mit einer am Schicksal des Landes desinteressierten, allein in wirtschaftlichen Dimensionen denkenden US-Regierung und ohne die politische Stolperdrahtfunktion einer militärischen Präsenz Europas kann Putin darauf hoffen, dass allein das Fehlen von Kriegsbildern ihm die Möglichkeit eröffnet, seine imperialen Ambitionen irgendwann doch noch zu verwirklichen.
Rückkehr der kleinen grünen Männchen?
Das muss nicht heute oder nächstes Jahr sein. Derzeit heißt es aus Verhandlungskreisen, dass das Hindernis für ein Abkommen eigentlich „nur“ noch die Territorialfrage sei. Also die Kleinigkeit, ob sich die Ukraine um des lieben Friedens willen kampflos aus den noch von ihr gehaltenen Gebieten des Donbass zurückziehen werde – die mit ihren befestigten Städten zufällig ein Hindernis für eine mögliche künftige Offensive gegen des Rest des Landes wären. Über allem schwebt die noch recht formlose amerikanische Vorstellung einer demilitarisierten Freihandelszone. Ob die nur diesen Teil oder das gesamte Donbass umfassen und wie sie kontrolliert werden soll, ist bislang unklar.
Ohne ausreichende Überwachung würde dieses Konstrukt vermutlich zu einem idealen Spielfeld für Putins bewährte „kleine grüne Männchen“ und andere Mittel der hybriden Kriegführung, um das Gebiet schließlich unter seine Kontrolle zu bringen. Dann herrschte dort ein lediglich virtueller Friede, unter dessen Oberfläche es als Aufmarschraum für die nächste Offensive in Richtung Dnipro, Kiew und jenseits davon vorbereitet würde. Vielleicht würde aber selbst aufmerksame Überwachung nur begrenzt dagegen helfen. Auch in der NATO ist ja angesichts russischer Desinformationskampagnen und mutmaßlicher Sabotageakte in Europa zu hören, man sei „nicht mehr im Frieden, aber noch nicht im Krieg“. Bis zu den ersten Flaggenbildern.
Stefan Axel Boes

