Sanitätsdienst der Bundeswehr vor Herausforderungen

Training Tactical Combat Casualty Care in der 4. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr im Rahmen der Ausbildung zum Rettungssanitäter. (Foto © Bernd Andres)
Training Tactical Combat Casualty Care in der 4. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr im Rahmen der Ausbildung zum Rettungssanitäter. (Foto © Bernd Andres)

Erkenntnisse aus dem Krieg in der Ukraine

Der völkerrechtswidrige Krieg Russlands gegen die Ukraine stellt unsere Maßstäbe und die taktischen Grundsätze des Sanitätsdienstes der Bundeswehr auf den Prüfstand. Das Humanitäre Völkerrecht bietet in diesem Szenario keinen Schutz mehr. Sanitätspersonal wird gezielt angegriffen. Medizinische Versorgung unter hoher physischer und psychischer Belastung, weitab der idealen Voraussetzungen steriler Operationssäle, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Ein Ort im Osten Europas. Im Keller eines fast völlig zerstörten Schulgebäudes drängt sich eine Gruppe Menschen im trüben Licht zusammen. Fast zwei Dutzend Soldatinnen und Soldaten harren hier aus. Schwer- und Schwerstverwundete lagern auf dem Boden, sitzen an die Wand gelehnt, dämmern vor sich hin. Immer wieder hört man Stöhnen, die Luft ist stickig, der Geruch überwältigend. Die einzigen Lichtquellen im Raum sind die Stirnlampen der beiden Sanitäter, die sich bereits seit mehr als zehn Stunden unablässig um die verwundeten Kameradinnen und Kameraden kümmern. Wann Hilfe eintrifft, ist ungewiss. Bereits vor Stunden haben die Sanitäter an den Stabilisierungspunkt, das ukrainische Äquivalent einer Rettungsstation (Role 1), gemeldet, dass sie Unterstützung beim Transport und weitere medizinische Unterstützung benötigen. Zumindest zwei Kameraden sind so schwer verwundet, dass sie nur liegend transportiert werden können. Sie müssen beatmet werden und brauchen dringend Blutkonserven, die derart weit vorn in der Kontaktzone nicht verfügbar sind. Die Individuellen Erste Hilfe Kits (IFAK) der Soldaten sind lange aufgebraucht, die Notfallrucksäcke der beiden MEDICS (ukrainisches Sanitätspersonal, dessen Qualifikation variieren kann), die als Bindeglied zwischen der Verwundetensammelstelle (Casualty Collection Point, CCP) und dem Stabilisierungspunkt eingesetzt sind, geben auch kaum noch etwas her.

Der CCP im Keller der Schule ist aus der Not entstanden. Die MEDICS hatten sich mit einem verwundeten Kameraden hierher zurückgezogen, um sich der ständigen Gefahr durch Drohnen zu entziehen, die unaufhörlich kreisen. Sieben Minuten dauert es im Schnitt von der Aufklärung bis zum Einschlag. Die Armbinde mit dem Roten Kreuz ist dabei kein Schutz, sondern zieht die Drohnen vielmehr an. Vier Kilometer weiter ostwärts wird hart gekämpft. Innerhalb weniger Stunden hat sich der Keller mit verwundeten Kameraden gefüllt. Dass vor Einbruch der Dunkelheit Hilfe eintrifft, ist vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich. Im schlimmsten Fall dauert es bis zur nächsten Rotation der Infanterieeinheiten an der Kontaktlinie, die aber ist erst für die kommende Nacht geplant.

Das Konzept – ein taktisches Modell auf Basis physiologischer Erfordernisse

Die Struktur der Rettungskette vom Ort der Verwundung (Point of Injury, POI) in der Kontaktzone bis zur abschließenden klinischen Versorgung und Rehabilitation weitab von dieser folgt medizinischer Notwendigkeit: Nach den Zeitlinien der NATO und des Sanitätsdienstes der Bundeswehr sollte innerhalb von zehn Minuten nach der Verwundung – den „Platinum Ten Minutes“ – eine erste qualifizierte Hilfe erfolgen. Gewährleistet wird diese in der Regel durch nichtmedizinisches Personal. In der Bundeswehr firmierte dieses Fähigkeitsspektrum über Jahrzehnte unter dem Begriff der „Selbst- und Kameradenhilfe“ (SKH). Jede Soldatin und jeder Soldat, gleich welcher Truppengattung, muss diese beherrschen. Um unter den Streitkräften der NATO-Staaten einen einheitlichen Standard zu etablieren und Interoperabilität sicherzustellen, wurde federführend durch das Exzellenzzentrum für Trauma-Medizin im Verteidigungsministerium der USA auf Basis von jahrzehntelanger Erfahrung in Konflikten weltweit das Konzept der „Taktischen Verwundetenversorgung im Gefecht“ (Tactical Combat Casualty Care, TCCC) eingeführt. Dieses ist auch Bestandteil der Ausbildung des deutschen Einsatzersthelfers Alpha. Mit einem Umfang von acht Ausbildungsstunden ist TCCC ein Baustein der insgesamt inzwischen 36-stündigen Basisausbildung für alle Angehörigen der Bundeswehr. Ergänzend hierzu werden einige ausgewählte Angehörige der Streitkräfte zum Einsatzersthelfer Bravo weiterqualifiziert. Dieser basiert auf dem Combat-Lifesaver (CLS), der NATOBefähigung für die erweiterte Erste Hilfe.

Innerhalb der ersten Stunde, der sogenannten „Golden Hour“, soll eine erste notfallmedizinische Versorgung erfolgen. Dazu werden Verwundete idealerweise durch einen Rettungstrupp des Sanitätsdienstes von der Verwundetensammelstelle zur Rettungsstation der Behandlungsebene Eins (Role 1) transportiert. Dort sind weiteres notfallmedizinisches Fachpersonal, unter anderem Rettungs- und Notfallsanitäter (Combat Medic, Combat Paramedic), Notärzte (Combat Physician), und die Ausstattung für die ersten lebensrettenden Maßnahmen nach den Behandlungsprinzipien der Damage Control Resuscitation (DCR) vorhanden. Diese umfasst die Sicherung von Atemwegen, die Gabe von Blutprodukten und die Stabilisierung

Von Oberstleutnant Dr. phil. Tobias Strahl, Sanitätsakademie der Bundeswehr

Den kompletten Beitrag lesen Sie in Ausgabe 2/26 des HHK!

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