Die Modernisierung der bodengebundenen Luftverteidigung der Luftwaffe

Ein Flugabwehrraketensystem Patriot  wird in Rzeszów/Polen von zwei Tornado-Kampfflugzeugen überflogen. (Foto © Bw/Cora Mohrdieck)
Ein Flugabwehrraketensystem Patriot  wird in Rzeszów/Polen von zwei Tornado-Kampfflugzeugen überflogen. (Foto © Bw/Cora Mohrdieck)

Die Modernisierung der bodengebundenen Luftverteidigung der Luftwaffe

Air Defence hat höchste Priorität

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und das damit einhergehende tragische Leid der Zivilbevölkerung durch die massiven Angriffe aus der dritten Dimension unterstreichen die Bedeutung und Notwendigkeit einer umfassenden bodengebundenen Luftverteidigung, elementar für den Schutz der Bevölkerung, der kritischen Infrastruktur  und zum Erhalt der eigenen Operationsfreiheit. Insbesondere kommt dem Schutz Deutschlands unter anderem als logistische Drehscheibe der NATO und Aufmarschraum für unsere Partner bei einem möglichen Konflikt an der Ostflanke eine besondere Bedeutung zu.

In heutigen und zukünftigen militärischen Auseinandersetzungen zwischen hochtechnologisierten Staaten ist mit massiven Angriffen aus der Luft weit hinter der Konfrontationslinie unter anderem mit ballistischen Raketen, weitreichenden Marschflugkörpern und sogenannten One-Way-Attack Unmanned Aerial Vehicles zu rechnen. Dabei hat sich in den Kriegen zwischen Russland und der Ukraine sowie des Irans und Israel gezeigt, dass derartige Angriffe mit unterschiedlichen und in enorm hohen Anzahlen von Wirkmitteln in einem koordinierten Ansatz erfolgen, um die bestehende Luftverteidigungsarchitektur zu (über-)sättigen. Quantität gemessen an der Realität ist nachgewiesenermaßen eine neue Qualität.

Dies stellt die bodengebundene Luftverteidigung vor große Herausforderungen. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Warschauer Paktes richtete sich der Fokus der NATO primär auf das internationale Krisen- und Konfliktmanagement aus. In den Auslandseinsätzen der vergangenen Jahrzehnte standen die eingesetzten Kräfte keiner nennenswerten Bedrohung aus der Luft gegenüber. In der Folge reduzierten viele der NATO-Mitgliedstaaten, wie auch Deutschland, die Kräfteumfänge im Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung, investierten nur wenig in deren Modernisierung oder gaben sie gleich ganz auf. Die NATO-Mitgliedstaaten haben entsprechend reagiert und der Auf- und Ausbau des gegenwärtigen integrierten Luftverteidigungsverbundes gehört zu den höchsten Prioritäten.

Dies gilt gleichermaßen für Deutschland. Die Bundeswehr hat neben allen anderen notwendigen Handlungsfeldern zur Stärkung der Landes- und Bündnisverteidigung der Modernisierung und der Stärkung der bodengebundenen Luftverteidigung die höchste Priorität eingeräumt. Die bereits im Jahr 2021 eingeleitete Modernisierung der Patriot-Einheiten, die Beschaffungsvorhaben aus dem Sondervermögen der Bundeswehr, hier insbesondere die Beschaffung des Arrow Weapon Systems for Germany (AWS-G), der Luftverteidigungssysteme (LVS) IRIS-T SLM und die Entwicklung des LVS Nah- und Nächstbereichsschutz (LVS NNbS) sowie die durch Deutschland initiierte European Sky Shield Initiative bilden hierfür die Grundlage. Die Bundeswehr wird auch weiterhin umfangreich in das Rückgrat unserer Luftverteidigung, das Waffensystem Patriot, investieren. Mit den laufenden und zukünftigen Modernisierungen bleibt das System bis weit in die 2040er-Jahre eines der modernsten und leistungsstärksten Systeme zur Luftverteidigung in Europa. Damit einhergehend werden auch die Voraussetzungen für den Erhalt und die Verbesserung der multinationalen Interoperabilität und damit dem Einsatz im multinationalen Verbund geschaffen. An die Seite von Patriot werden allerdings weitere leistungsstarke Systeme treten.

Mit dem Arrow-Luftverteidigungssystem hat die Bundeswehr Anfang Dezember 2025 die Anfangsbefähigung erreicht. Vorne der Launcher, hinten das Radarsystem. (Foto © Bw/Francis Hildemann)
Mit dem Arrow-Luftverteidigungssystem hat die Bundeswehr Anfang Dezember 2025 die Anfangsbefähigung erreicht. Vorne der Launcher, hinten das Radarsystem. (Foto © Bw/Francis Hildemann)

Die im November 2024 mit Mittelstreckenraketen stattgefundenen russischen Angriffe auf die Ukraine offenbarten die Existenz eines neuen Raketentyps, die Oreschnik. Damit besteht Gewissheit, dass spätestens seit der Aufkündigung des INF-Vertrages Russland begonnen hat, sein Programm für die Entwicklung und Produktion präziser konventioneller, aber auch nuklearer Mittelstreckenraketen erneut aufleben zu lassen. Mittelstreckenraketen, die strategisch wichtige Ziele in der Tiefe erreichen können.

Im Rahmen der weiteren Fähigkeitsentwicklung des für Deutschland  strategisch so bedeutsamen Waffensystems ist nach Abstimmung  mit unseren israelischen und amerikanischen Partnern auch  die Beschaffung und Integration weiterer zukünftiger Lenkflugkörper  der Arrow-Familie beabsichtigt. Ziel ist es, das Potenzial  des Systems weiter auszuschöpfen und sowohl Wirkungen im  endo- als auch im exoatmosphärischen Bereich zu ermöglichen.  Mit dem AWS-G erlangt Deutschland erstmals die Fähigkeit zur  Frühwarnung vor und zur Bekämpfung von anfliegenden, weitreichenden  Raketen. Damit ist der Schutz des gesamten Territoriums  Deutschlands und der Bevölkerung nebst der hierin  enthaltenen kritischen Infrastruktur vor dieser potenziellen Bedrohung  gewährleistet. Darüber hinaus werden auch Führungseinrichtungen  der NATO, Aufmarschräume und somit die logistische  Drehscheibe für Verbündete in Deutschland geschützt.  Dies trägt maßgeblich zum Erhalt der eigenen Operationsführung  in einem möglichen Konflikt an der Ostflanke der NATO bei. Wie  geplant konnte bereits im Dezember 2025 die Anfangsbefähigung  des Systems hergestellt werden.

Das zukünftige Luftverteidigungssystem NNbS wird im Wesentlichen  aus einer Mittelbereichskomponente und einer hochmobilen,  gepanzerten Nächstbereichskomponente bestehen. Ergänzt  wird es durch eine Befähigung zur Wirkung gegen small  Unmanned Aircraft Systems sowie gegen Raketen, Artillerie und  Mörser. Ohne einen solchen Systemverbund als System aus  Systemen sind insbesondere der Schutz von Landoperationen  kaum möglich. Der Entwicklungsvertrag für dieses System aus  Systemen wurde Anfang des Jahres 2024 geschlossen.

Da das LVS Nah- und Nächstbereichsschutz in Teilen noch  auf zu entwickelnden Komponenten basiert, bildet das in  Gänze aus dem Sondervermögen der Bundeswehr finanzierte  Luftverteidigungssystem IRIS-T Surface Launched Medium  Range, kurz IRIS-T SLM, einen weiteren wesentlichen  Baustein in der schnellen Stärkung der bodengebundenen  Luftverteidigung Deutschlands. Dieses System wird bereits  in der Ukraine mit beeindruckender Effektivität und großem  Kampfwert eingesetzt. Der Effektor des IRIS-T SLM Systems  ist eine Weiterentwicklung des Luft-Luft-Lenkflugkörpers IRIST,  der auch bereits für den Einsatz durch den Eurofighter in  die Luftwaffe eingeführt ist. Für die bodengestützte Variante  mittlerer Reichweite wurde der Effektor um eine Zweiwege-  Datenanbindung ergänzt sowie mit einem neuen, reichweitengesteigerten  Feststoffraketentriebwerk und Navigationssystem  ausgestattet.

Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM kommt zum Abfangen  von unter anderem Hubschraubern, Kampfflugzeugen, unbemannten  Luftfahrzeugen sowie Marschflugkörpern zum Einsatz.  In Abwandlung zu den Systemen der Ukraine werden die  Systeme für die Bundeswehr zur nahtlosen Integration in den  Luftverteidigungsverbund der NATO befähigt.

Das neue Luftverteidigungssystem der Luftwaffe ist ein sehr agiles,  hochmodernes System. Innerhalb von Minuten ist es nach  dem Bezug seiner Stellung einsatzbereit und ebenso schnell  wieder bereit zur Verlegung. Dank eines hohen Grades an Automatisierung  bei gleichzeitig hoher Robustheit des Systems ist  nur ein sehr geringer Personalansatz notwendig. In der Ukraine  konnte es bereits mit einer sehr hohen Leistungsfähigkeit und  Treffgenauigkeit überzeugen und hat sich als äußerst wirksam  gegen tieffliegende Marschflugkörper und sogenannten One-  Way-Attack-Drohnen vom Typ Shahed erwiesen. Als ein klares Signal der Zeitenwende gilt auch die Geschwindigkeit,  mit der die Bundeswehr dieses System einführt. Nach  dem Vertragsschluss zur Beschaffung im Jahr 2023 wurde bereits  am 4. September 2024 das erste System an die Bundeswehr  zur Qualifikation und Einsatzprüfung übergeben und das  für die erste Feuereinheit vorgesehene Personal der Luftwaffe  erreichte nach der entsprechenden Ausbildung die Initial Operational  Capability.

Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM während der Übung „Spartan Arrow“ auf der  Insel Kreta/Griechenland. (Foto © Bw/Tom Twardy)
Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM während der Übung „Spartan Arrow“ auf der  Insel Kreta/Griechenland. (Foto © Bw/Tom Twardy)

Im Rahmen der geplanten Fähigkeitsentwicklung beim Waffensystem  IRIS-T SLM aus dem Sofortprogramm ist neben einer  Erhöhung der Anzahl der Feuereinheiten auch die Ergänzung  um die Komponenten der bereits marktverfügbaren SLS-Variante  (Surface Launched Short Range) für die kurze Reichweite  sowie der sich in der Entwicklung befindlichen  Surface Launched Extended Range  (SLX) beabsichtigt. Damit verfügt das  Luftverteidigungssystem IRIS-T SL absehbar  über einen Effektormix, mit dem  vom Nächstbereich bis zu einer Entfernung  von circa 80 Kilometer gewirkt werden  kann, eine vor dem Hintergrund der  gestiegenen, quantitativen Herausforderungen  elementare Befähigung.

Dieses System ist ebenfalls ein zentraler  Bestandteil der European Sky Shield  Initiative (ESSI). ESSI wurde 2022 durch  Deutschland zur rapiden Stärkung insbesondere  des europäischen Pfeilers  der NATO-Luftverteidigung ins Leben  gerufen. Dies soll insbesondere durch  die Beschaffung marktverfügbarer Luftverteidigungssysteme  zur Schließung  zeitkritischer Fähigkeitslücken erreicht  werden. Weiterhin im Fokus stehen das  Einsparen und Bündeln von Ressourcen  durch Schaffung von industriellen,  wirtschaftlichen und technologischen  Synergien. Ein wesentlicher Treiber von  ESSI ist die Erhöhung von Interoperabilität  durch gemeinsame Beschaffung  gleicher beziehungsweise zumindest  kompatibler Systeme. Bislang wurden  Beschaffungsverträge für das Luftverteidigungssystem  IRIS-T SLM durch  mehrere europäische Partnerländer  geschlossen.

Über die ESSI eröffnet sich auch die Möglichkeit,  operationelle Potenziale zu erschließen.  Anstatt Doubletten in Ausbildungsstrukturen  in Europa zu kreieren,  besteht die Möglichkeit der Multinationalisierung  der IRIS-T SL-Ausbildung am Ausbildungszentrum  Flugabwehrraketen der  Luftwaffe. Zu diesem Zweck hat der Inspekteur  der Luftwaffe Anfang September  2023 die ESSI Air Chiefs nach Deutschland  eingeladen, um dieses Vorhaben,  das European Air and Missile Defense  Training Center, vorzustellen. Die weitere  Ausgestaltung befindet sich derzeit in  der Umsetzung.  Mit den skizzierten Projekten werden die  Fähigkeiten der bodengebundenen Luftverteidigung  der Bundeswehr quantitativ und qualitativ deutlich  verbessert. Gleichzeitig ist sie mit den Weiterentwicklungsmöglichkeiten  und absehbaren Leistungssteigerungen zukunftsfähig  aufgestellt. Zudem werden die Möglichkeiten des  Wirkens gemeinsam mit multinationalen Partnern im Verbund  erheblich gestärkt. Damit leistet Deutschland einen weiteren  wichtigen Beitrag zur Stärkung des europäischen Pfeilers der  NATO-Luftverteidigung und des Bündnisses insgesamt.

Dennis Krüger und Thomas Finkeldey
Oberst i.G. Dennis Krüger ist Beauftragter, Oberstleutnant Thomas Finkeldey Stv. Beauftragter des Inspekteurs der Luftwaffe für die Projekte der bodengebundenen Luftverteidigung  im Kommando Luftwaffe.

Den kompletten Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.

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