Die Modernisierung der bodengebundenen Luftverteidigung der Luftwaffe
Air Defence hat höchste Priorität
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und das damit einhergehende tragische Leid der Zivilbevölkerung durch die massiven Angriffe aus der dritten Dimension unterstreichen die Bedeutung und Notwendigkeit einer umfassenden bodengebundenen Luftverteidigung, elementar für den Schutz der Bevölkerung, der kritischen Infrastruktur und zum Erhalt der eigenen Operationsfreiheit. Insbesondere kommt dem Schutz Deutschlands unter anderem als logistische Drehscheibe der NATO und Aufmarschraum für unsere Partner bei einem möglichen Konflikt an der Ostflanke eine besondere Bedeutung zu.
In heutigen und zukünftigen militärischen Auseinandersetzungen zwischen hochtechnologisierten Staaten ist mit massiven Angriffen aus der Luft weit hinter der Konfrontationslinie unter anderem mit ballistischen Raketen, weitreichenden Marschflugkörpern und sogenannten One-Way-Attack Unmanned Aerial Vehicles zu rechnen. Dabei hat sich in den Kriegen zwischen Russland und der Ukraine sowie des Irans und Israel gezeigt, dass derartige Angriffe mit unterschiedlichen und in enorm hohen Anzahlen von Wirkmitteln in einem koordinierten Ansatz erfolgen, um die bestehende Luftverteidigungsarchitektur zu (über-)sättigen. Quantität gemessen an der Realität ist nachgewiesenermaßen eine neue Qualität.
Dies stellt die bodengebundene Luftverteidigung vor große Herausforderungen. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Warschauer Paktes richtete sich der Fokus der NATO primär auf das internationale Krisen- und Konfliktmanagement aus. In den Auslandseinsätzen der vergangenen Jahrzehnte standen die eingesetzten Kräfte keiner nennenswerten Bedrohung aus der Luft gegenüber. In der Folge reduzierten viele der NATO-Mitgliedstaaten, wie auch Deutschland, die Kräfteumfänge im Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung, investierten nur wenig in deren Modernisierung oder gaben sie gleich ganz auf. Die NATO-Mitgliedstaaten haben entsprechend reagiert und der Auf- und Ausbau des gegenwärtigen integrierten Luftverteidigungsverbundes gehört zu den höchsten Prioritäten.
Dies gilt gleichermaßen für Deutschland. Die Bundeswehr hat neben allen anderen notwendigen Handlungsfeldern zur Stärkung der Landes- und Bündnisverteidigung der Modernisierung und der Stärkung der bodengebundenen Luftverteidigung die höchste Priorität eingeräumt. Die bereits im Jahr 2021 eingeleitete Modernisierung der Patriot-Einheiten, die Beschaffungsvorhaben aus dem Sondervermögen der Bundeswehr, hier insbesondere die Beschaffung des Arrow Weapon Systems for Germany (AWS-G), der Luftverteidigungssysteme (LVS) IRIS-T SLM und die Entwicklung des LVS Nah- und Nächstbereichsschutz (LVS NNbS) sowie die durch Deutschland initiierte European Sky Shield Initiative bilden hierfür die Grundlage. Die Bundeswehr wird auch weiterhin umfangreich in das Rückgrat unserer Luftverteidigung, das Waffensystem Patriot, investieren. Mit den laufenden und zukünftigen Modernisierungen bleibt das System bis weit in die 2040er-Jahre eines der modernsten und leistungsstärksten Systeme zur Luftverteidigung in Europa. Damit einhergehend werden auch die Voraussetzungen für den Erhalt und die Verbesserung der multinationalen Interoperabilität und damit dem Einsatz im multinationalen Verbund geschaffen. An die Seite von Patriot werden allerdings weitere leistungsstarke Systeme treten.

Die im November 2024 mit Mittelstreckenraketen stattgefundenen russischen Angriffe auf die Ukraine offenbarten die Existenz eines neuen Raketentyps, die Oreschnik. Damit besteht Gewissheit, dass spätestens seit der Aufkündigung des INF-Vertrages Russland begonnen hat, sein Programm für die Entwicklung und Produktion präziser konventioneller, aber auch nuklearer Mittelstreckenraketen erneut aufleben zu lassen. Mittelstreckenraketen, die strategisch wichtige Ziele in der Tiefe erreichen können.
Im Rahmen der weiteren Fähigkeitsentwicklung des für Deutschland strategisch so bedeutsamen Waffensystems ist nach Abstimmung mit unseren israelischen und amerikanischen Partnern auch die Beschaffung und Integration weiterer zukünftiger Lenkflugkörper der Arrow-Familie beabsichtigt. Ziel ist es, das Potenzial des Systems weiter auszuschöpfen und sowohl Wirkungen im endo- als auch im exoatmosphärischen Bereich zu ermöglichen. Mit dem AWS-G erlangt Deutschland erstmals die Fähigkeit zur Frühwarnung vor und zur Bekämpfung von anfliegenden, weitreichenden Raketen. Damit ist der Schutz des gesamten Territoriums Deutschlands und der Bevölkerung nebst der hierin enthaltenen kritischen Infrastruktur vor dieser potenziellen Bedrohung gewährleistet. Darüber hinaus werden auch Führungseinrichtungen der NATO, Aufmarschräume und somit die logistische Drehscheibe für Verbündete in Deutschland geschützt. Dies trägt maßgeblich zum Erhalt der eigenen Operationsführung in einem möglichen Konflikt an der Ostflanke der NATO bei. Wie geplant konnte bereits im Dezember 2025 die Anfangsbefähigung des Systems hergestellt werden.
Das zukünftige Luftverteidigungssystem NNbS wird im Wesentlichen aus einer Mittelbereichskomponente und einer hochmobilen, gepanzerten Nächstbereichskomponente bestehen. Ergänzt wird es durch eine Befähigung zur Wirkung gegen small Unmanned Aircraft Systems sowie gegen Raketen, Artillerie und Mörser. Ohne einen solchen Systemverbund als System aus Systemen sind insbesondere der Schutz von Landoperationen kaum möglich. Der Entwicklungsvertrag für dieses System aus Systemen wurde Anfang des Jahres 2024 geschlossen.
Da das LVS Nah- und Nächstbereichsschutz in Teilen noch auf zu entwickelnden Komponenten basiert, bildet das in Gänze aus dem Sondervermögen der Bundeswehr finanzierte Luftverteidigungssystem IRIS-T Surface Launched Medium Range, kurz IRIS-T SLM, einen weiteren wesentlichen Baustein in der schnellen Stärkung der bodengebundenen Luftverteidigung Deutschlands. Dieses System wird bereits in der Ukraine mit beeindruckender Effektivität und großem Kampfwert eingesetzt. Der Effektor des IRIS-T SLM Systems ist eine Weiterentwicklung des Luft-Luft-Lenkflugkörpers IRIST, der auch bereits für den Einsatz durch den Eurofighter in die Luftwaffe eingeführt ist. Für die bodengestützte Variante mittlerer Reichweite wurde der Effektor um eine Zweiwege- Datenanbindung ergänzt sowie mit einem neuen, reichweitengesteigerten Feststoffraketentriebwerk und Navigationssystem ausgestattet.
Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM kommt zum Abfangen von unter anderem Hubschraubern, Kampfflugzeugen, unbemannten Luftfahrzeugen sowie Marschflugkörpern zum Einsatz. In Abwandlung zu den Systemen der Ukraine werden die Systeme für die Bundeswehr zur nahtlosen Integration in den Luftverteidigungsverbund der NATO befähigt.
Das neue Luftverteidigungssystem der Luftwaffe ist ein sehr agiles, hochmodernes System. Innerhalb von Minuten ist es nach dem Bezug seiner Stellung einsatzbereit und ebenso schnell wieder bereit zur Verlegung. Dank eines hohen Grades an Automatisierung bei gleichzeitig hoher Robustheit des Systems ist nur ein sehr geringer Personalansatz notwendig. In der Ukraine konnte es bereits mit einer sehr hohen Leistungsfähigkeit und Treffgenauigkeit überzeugen und hat sich als äußerst wirksam gegen tieffliegende Marschflugkörper und sogenannten One- Way-Attack-Drohnen vom Typ Shahed erwiesen. Als ein klares Signal der Zeitenwende gilt auch die Geschwindigkeit, mit der die Bundeswehr dieses System einführt. Nach dem Vertragsschluss zur Beschaffung im Jahr 2023 wurde bereits am 4. September 2024 das erste System an die Bundeswehr zur Qualifikation und Einsatzprüfung übergeben und das für die erste Feuereinheit vorgesehene Personal der Luftwaffe erreichte nach der entsprechenden Ausbildung die Initial Operational Capability.

Im Rahmen der geplanten Fähigkeitsentwicklung beim Waffensystem IRIS-T SLM aus dem Sofortprogramm ist neben einer Erhöhung der Anzahl der Feuereinheiten auch die Ergänzung um die Komponenten der bereits marktverfügbaren SLS-Variante (Surface Launched Short Range) für die kurze Reichweite sowie der sich in der Entwicklung befindlichen Surface Launched Extended Range (SLX) beabsichtigt. Damit verfügt das Luftverteidigungssystem IRIS-T SL absehbar über einen Effektormix, mit dem vom Nächstbereich bis zu einer Entfernung von circa 80 Kilometer gewirkt werden kann, eine vor dem Hintergrund der gestiegenen, quantitativen Herausforderungen elementare Befähigung.
Dieses System ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil der European Sky Shield Initiative (ESSI). ESSI wurde 2022 durch Deutschland zur rapiden Stärkung insbesondere des europäischen Pfeilers der NATO-Luftverteidigung ins Leben gerufen. Dies soll insbesondere durch die Beschaffung marktverfügbarer Luftverteidigungssysteme zur Schließung zeitkritischer Fähigkeitslücken erreicht werden. Weiterhin im Fokus stehen das Einsparen und Bündeln von Ressourcen durch Schaffung von industriellen, wirtschaftlichen und technologischen Synergien. Ein wesentlicher Treiber von ESSI ist die Erhöhung von Interoperabilität durch gemeinsame Beschaffung gleicher beziehungsweise zumindest kompatibler Systeme. Bislang wurden Beschaffungsverträge für das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM durch mehrere europäische Partnerländer geschlossen.
Über die ESSI eröffnet sich auch die Möglichkeit, operationelle Potenziale zu erschließen. Anstatt Doubletten in Ausbildungsstrukturen in Europa zu kreieren, besteht die Möglichkeit der Multinationalisierung der IRIS-T SL-Ausbildung am Ausbildungszentrum Flugabwehrraketen der Luftwaffe. Zu diesem Zweck hat der Inspekteur der Luftwaffe Anfang September 2023 die ESSI Air Chiefs nach Deutschland eingeladen, um dieses Vorhaben, das European Air and Missile Defense Training Center, vorzustellen. Die weitere Ausgestaltung befindet sich derzeit in der Umsetzung. Mit den skizzierten Projekten werden die Fähigkeiten der bodengebundenen Luftverteidigung der Bundeswehr quantitativ und qualitativ deutlich verbessert. Gleichzeitig ist sie mit den Weiterentwicklungsmöglichkeiten und absehbaren Leistungssteigerungen zukunftsfähig aufgestellt. Zudem werden die Möglichkeiten des Wirkens gemeinsam mit multinationalen Partnern im Verbund erheblich gestärkt. Damit leistet Deutschland einen weiteren wichtigen Beitrag zur Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO-Luftverteidigung und des Bündnisses insgesamt.
Dennis Krüger und Thomas Finkeldey
Oberst i.G. Dennis Krüger ist Beauftragter, Oberstleutnant Thomas Finkeldey Stv. Beauftragter des Inspekteurs der Luftwaffe für die Projekte der bodengebundenen Luftverteidigung im Kommando Luftwaffe.
Den kompletten Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.


