Dekade des Wandels – Marineflieger stellen sich neu auf

Der Sea Lion ist Nachfolger der Sea King Mk41. (Foto © Bw/Pecchi)
Der Sea Lion ist Nachfolger der Sea King Mk41. (Foto © Bw/Pecchi)

Vollständige Erneuerung und Erweiterung der Flotte – vernetztes Gesamtsystem

In einer sicherheitspolitischen Lage, die wieder stärker von Landes- und Bündnisverteidigung geprägt ist, wird die strategische Bedeutung der Marineflieger der Deutschen Marine deutlich.

Ihr Auftrag ist klar umrissen:

  • U-Boot-Jagd (Anti-Submarine-Warfare,  ASW),
  • Überwasserseekrieg (Anti-Surface–Warefare, AsuW) sowie
  • Nachrichtengewinnung, Überwachung und Aufklärung (Intelligence,  Surveillance and Reconnaissance, ISR).

Gleichzeitig hat sich  die Art der Operationsführung grundlegend gewandelt. Seekriegsführung  aus der Luft erfolgt heute vernetzt, informationsgetrieben  und ist auf schnelle, koordinierte Wirkung ausgelegt. Plattformen  agieren nicht isoliert, sondern als Teil eines modernen, integrierten  Gefechtsverbundes aus Sensoren, Führungsmitteln und Effektoren.  Ziel ist, Lagebilder in hoher Qualität und Geschwindigkeit zu  erzeugen, Entscheidungszyklen zu verkürzen und Wirkung im  Zielraum zu entfalten.  Zentrum dieser Entwicklung ist der Marinefliegerstandort Nordholz  bei Cuxhaven. Hier sind das Marinefliegerkommando, das Marinefliegergeschwader  3 „Graf Zeppelin“ sowie das Marinefliegergeschwader  5 beheimatet. Von hier aus werden Einsätze vorbereitet,  Fähigkeiten weiterentwickelt und neue Systeme eingeführt, die den  Wandel der Marineflieger prägen. Gleichzeitig bildet der Standort  die Schnittstelle zu multinationalen Partnern innerhalb der NATO  und trägt maßgeblich zur Interoperabilität bei.  Ein zentraler Baustein dieses Wandels ist der Generationswechsel  in der Seefernaufklärung und U-Boot-Jagd. Über Jahrzehnte  war die P-3C Orion das prägende System dieser Fähigkeit. Die  viermotorige Turbopropmaschine, basierend auf der Lockheed  L-188 Electra, überzeugte durch große Reichweite, lange Einsatzdauer  und stabile Flugeigenschaften  bei niedrigen Geschwindigkeiten.  Damit war sie ideal für  die klassische U-Boot-Jagd, Seeraumüberwachung und Aufklärung  geeignet. Doch zunehmende Materialermüdung, steigende  Instandhaltungskosten und die begrenzte Fähigkeit zur weiteren  Modernisierung machten eine Ablösung unausweichlich.

Neue Ära beginnt

Mit der Einführung der P-8A Poseidon beginnt nun eine neue Ära.  Die Plattform basiert auf der Boeing 737-800ERX und verbindet  moderne Verkehrsflugzeugtechnik mit hochentwickelter militärischer  Missionsausstattung. Angetrieben von zwei effizienten  Turbofan-Triebwerken erreicht sie eine deutlich höhere Marschgeschwindigkeit  als ihr Vorgänger und kann so schneller in Einsatzgebiete  verlegen. Gleichzeitig sind die Luftfahrzeuge der Deutschen  Marine luftbetankbar und damit in der Lage, ihre Einsatzdauer und  Reichweite erheblich zu erweitern.  Im Zentrum der Leistungsfähigkeit steht die Sensorik. Ein leistungsstarkes  AN/APY-10-Multimode-Radar, elektrooptische und  Infrarotsysteme sowie ein umfassendes Kommunikations- und  Datenlinkpaket ermöglichen die nahtlose Einbindung in vernetzte  Einsatzszenarien. Ergänzt wird dies durch den Einsatz moderner  Sonarbojen sowie ein breites Spektrum an Torpedos und Flugkörpern  zur Bekämpfung von Unterwasser- und Überwasserzielen.  Die P-8A ist damit nicht nur ein Ersatz für die P-3C, sondern  ein technologischer Quantensprung. Sie steht exemplarisch  für den Wandel maritimer Operationen, weg von einem architektonisch erschöpften Retrofit-System hin zu einer nativ hochvernetzten  Plattform nach modernsten Luftverkehrsstandards.

Generationswechsel  der Hubschrauber 

Auch im Bereich der bordgestützten Hubschrauber vollzieht sich ein  grundlegender Generationswechsel. Mit dem NH90 wurde erstmals  eine einheitliche Plattform eingeführt, die in unterschiedlichen Varianten  die bisherigen Muster ablöst und gleichzeitig neue Fähigkeiten  erschließt. Der NH90 steht für moderne Avionik, ein digitales Cockpit,  einen hohen Automatisierungsgrad und leistungsfähige Missionssysteme.  Vor allem aber ermöglicht er eine deutlich engere Einbindung  in den maritimen Gefechtsverbund.

Das moderne Glascockpit, präzise Navigationssysteme und automatisierte  Flugregelungen erhöhen die Flugsicherheit und reduzieren  die Arbeitsbelastung der Besatzung erheblich. Gerade bei Einsätzen  über See und unter schwierigen Wetterbedingungen ergibt  sich daraus ein wesentlicher Vorteil.

Der NH90 NTH (NATO Transport Helicopter) Sea Lion hat als erstes  Derivat den Sea King Mk41 abgelöst und bildet heute das Rückgrat  der maritimen Unterstützung aus der Luft. Sein Einsatzspektrum umfasst  Transport- und Versorgungsflüge, Search and Rescue (SAR),  medizinische Evakuierung (MedEvac) sowie die Unterstützung von  Spezialkräften. Darüber hinaus wird er bei logistischen Verlegungen  sowie im Rahmen nationaler und internationaler Übungen eingesetzt.  Durch seine Reichweite und Flexibilität ist er sowohl von Land als  auch von seegehenden Einheiten einsetzbar, wobei der Schwerpunkt  insbesondere auf Einsatzgruppenversorgern liegt.

Mit dem NH90 MRFH (Multi-Role Frigate Helicopter) Sea Tiger folgt  nun die konsequente Weiterentwicklung hin zu einem hochspezialisierten  Einsatzsystem. Als Nachfolger des Sea Lynx Mk88A ist er klar  auf den taktischen Einsatz im Gefecht ausgerichtet. Während der Sea  Lion primär unterstützende Aufgaben übernimmt, erweitert der Sea  Tiger das Fähigkeitsspektrum um zentrale Elemente des Über- und  Unterwasserseekrieges. Im Schwerpunkt steht dabei die U-Boot-  Jagd. Ein leistungsfähiges Tauchsonar, die Verbringung und Einbindung  von Sonarbojen sowie von externen Sensordaten ermöglichen  die Detektion und am Ende die Bekämpfung von Unterwasserzielen  auf größere Distanzen und mit deutlich erhöhter Präzision. Anders  als sein Vorgänger ist der Sea Tiger nicht mehr nur Sensorträger,  sondern integraler Bestandteil eines vernetzten Gefechtsverbundes.  Sensor- und Effektorketten werden enger verzahnt, wodurch sich  Reaktionsgeschwindigkeit und Einsatzwirkung signifikant erhöhen.  Das Missionssystem unterstützt insbesondere den Tactical Coordinator  und reduziert die Arbeitsbelastung der Besatzung durch  automatisierte Prozesse und verbesserte Lagebilder. Gleichzeitig  ermöglicht die Digitalisierung eine umfassende Anbindung an Führungs-  und Waffeneinsatzsysteme der Flotte. Auch im Überwassereinsatz  bietet der Sea Tiger erweiterte Fähigkeiten, etwa in der  Seezielaufklärung oder bei der Unterstützung von Boarding-Operationen.  Damit wird er zu einem zentralen Element moderner Fregattenoperationen.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die nachhaltige Einsatzfähigkeit  dieser Systeme liegt in der Ausbildung. Mit dem LUH-M-Programm  (Leichter Unterstützungshubschrauber – Marine) hat die Marine einen  modernen, effizienzorientierten Ansatz gewählt. In Zusammenarbeit  mit einem erfahrenen Partner wurde innerhalb kurzer Zeit ein Ausbildungsprogramm  etabliert, das gezielt maritime Einsatzverfahren in  den Mittelpunkt stellt. Bereits wenige Monate nach Vertragsschluss  konnten im Februar 2025 die ersten Piloten ihre Ausbildung im englischen  Portland aufnehmen.  Zum Einsatz kommt dabei die AgustaWestland AW139 als Zwischenplattform.  Sie bildet eine Brücke zwischen der fliegerischen  Grundausbildung und den komplexen Einsatzmustern  der Marine. Mit einem maximalen Abfluggewicht von rund sieben  Tonnen stellt sie eine geeignete Zwischenstufe zum späteren  Einsatzmuster NH90 dar. Ziel ist es, anspruchsvolle Verfahren  wie Windenoperationen, Anflüge auf bewegliche Plattformen  oder Einsätze unter Nachtsichtbedingungen frühzeitig zu trainieren.  Dadurch wird die anschließende Ausbildung auf den Einsatzmustern  deutlich entlastet und gleichzeitig qualitativ verbessert.

Der Sea Tiger ist auf den taktischen Einsatz im Gefecht ausgerichtet. (Foto © Bw/Beatrix Krone)
Der Sea Tiger ist auf den taktischen Einsatz im Gefecht ausgerichtet. (Foto © Bw/Beatrix Krone)

Unbemannte Aufklärung

Mit der Einführung des unbemannten Luftfahrzeugsystem MQ-9B  erweitert die Marine ihr Fähigkeitsspektrum um eine moderne, ausdauernde,  luftgestützte Seeraumüberwachungskomponente. Die  Bestellung umfasst acht Luftfahrzeuge sowie vier Bodenstationen  und erfolgt über die NATO Support and Procurement Agency (NSPA)  beim Hersteller General Atomics Aeronautical Systems Inc. (GA-ASI).  Die Auslieferung ist ab 2028 vorgesehen.  Das System MQ-9B gehört zur Klasse der Medium-Altitude Long-  Endurance-Systeme (MALE). Es kann bis zu 30 Stunden in der Luft bleiben und große Seegebiete ausdauernd überwachen. Mit einer  Spannweite von über 20 Metern und Satellitenanbindung sind Einsätze  Beyond Line of Sight möglich, also weit außerhalb direkter  Funkverbindung.

Für die Marine ist vor allem die maritime Auslegung entscheidend:  Neben elektrooptischen und Infrarotsensoren verfügt das System  über ein leistungsfähiges Seeraumüberwachungsradar sowie perspektivisch  die Fähigkeit, Sonarbojen auszubringen. Damit kann es  zur U-Boot-Suche und zur Überwachung kritischer Infrastruktur auf  See beitragen.  Das MQ-9B ergänzt künftig die bemannten Seefernaufklärer vom  Typ Boeing P-8A Poseidon. Während die P-8 komplexe taktische  Einsätze fliegt, kann das System über lange Zeiträume Präsenz zeigen,  Lagebilder verdichten und Zielinformationen bereitstellen.  Zukünftig ist eine Integration in den zivilen Luftraum vorgesehen, hierzu  notwendige Detect- and Avoid-Systeme sowie die notwendigen  Vorschriften befinden sich in der Entwicklung; einem militärischen  Einsatz steht dies allerdings nicht im Wege.

Strategisch stärkt das System die Fähigkeit Deutschlands, Nordund  Ostsee sowie den Nordatlantik kontinuierlich zu überwachen.  Die MQ-9B ersetzt keine bemannten Plattformen, sondern wirkt als  Kräftemultiplikator in einem vernetzten maritimen Aufklärungssystem.

Acht Systeme MQ-9B sollen ab 2028 zulaufen. (Foto © General Atomics)
Acht Systeme MQ-9B sollen ab 2028 zulaufen. (Foto © General Atomics)

UAS für die Korvetten 

Ein weiterer Baustein in dieser Entwicklung ist das Projekt Aufklärung  und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet (AimEG). Es dient  der Ausstattung der Korvetten der Deutschen Marine mit einem integralen  unbemannten Luftfahrzeugsystem (UAS). Schwerpunkt ist  der Einsatz in der Ostsee, dem Hauptoperationsraum der Korvetten  K130. Ziel ist es, die seegehende Plattform um eine luftgestützte, flexible  Sensorik zu erweitern und so Reichweite, Aufklärungstiefe und  Reaktionsgeschwindigkeit deutlich zu erhöhen.

Ein erster Realisierungsversuch begann bereits 2013 mit einem  hubschrauberbasierten UAS-Ansatz. Das Vorhaben geriet jedoch  über Jahre in technische Schwierigkeiten und wurde 2025  schließlich gestoppt. Im selben Jahr setzte das BMVg das Vorhaben  neu auf, nun mit einem zweigeteilten Systemansatz. Die  K130 sollen künftig mit zwei unterschiedlich großen UAS ausgestattet  werden.

Das kleine System ist der Vector von Quantum Systems. Die Marine  erhält hierfür ein sogenanntes Theater-Kit, das einen kabelgebundenen  Dauerbetrieb über der Korvette ermöglicht. Dieses  Tethered-Verfahren erlaubt beispielsweise eine kontinuierliche  Hafenüberwachung oder Nahbereichsaufklärung bei minimalem  logistischem Aufwand. Die Auslieferung der kleinen Systeme ist  ab Juli 2026 vorgesehen.

Das große System soll Aufklärung in größerer Entfernung ermöglichen  und damit den taktischen Horizont der Korvette deutlich  erweitern. Die Vergabe läuft mit dem Ziel des Vertragsschlusses  im Jahr 2026.

Sicherheit auf See

Die Marineflieger in Nordholz stehen damit exemplarisch für den  Wandel moderner Streitkräfte. Entscheidend ist nicht mehr allein  die Leistungsfähigkeit einzelner Plattformen, sondern deren Integration  in ein vernetztes Gesamtsystem. Geschwindigkeit, Informationsüberlegenheit  und koordinierte Wirkung sind die zentralen  Erfolgsfaktoren moderner maritimer Operationsführung.  Mit der vollständigen Erneuerung und Erweiterung ihrer Flotte  positionieren sich die Marineflieger als moderner, hochvernetzter  und schlagkräftiger Bestandteil der Deutschen Marine. Sie leisten  damit einen wesentlichen Beitrag zur Fähigkeit Deutschlands und  seiner Bündnispartner, Sicherheit auf See zu gewährleisten, und  im Ernstfall schnell, entschlossen und wirkungsvoll zu handeln.

Autorenteam Marinefliegerkommando

Den Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.

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