Neue Waffen für den Einsatz in großer Zahl
Erfahrungen aus dem Krieg mit Iran fließen nach Angaben aus der israelischen Rüstungsindustrie in die Weiterentwicklung von Standoff-Waffen ein. Dabei geht es nicht nur um größere Reichweiten: Neue Systeme sollen auch in größerer Zahl verfügbar sein. In Europa gibt es nach Angaben aus israelischen Industriekreisen bereits Interesse an den neuen Waffen – einschließlich möglicher Fertigung vor Ort.
WIND DEMON soll Masse und Reichweite verbinden
Israel Aerospace Industries (IAI) hat mit WIND DEMON einen neuen luftgestarteten Marschflugkörper vorgestellt. Das System soll Erfahrungen aus der langjährigen Entwicklung von Flugkörpern und Loitering Munitions auf eine neue Generation von Standoff-Waffen übertragen.
Nach Angaben des Unternehmens ist WIND DEMON für eine veränderte Form der Kriegsführung ausgelegt, in der neben Leistungsfähigkeit auch die kostengünstige Beschaffung größerer Stückzahlen eine wichtige Rolle spielt. IAI beschreibt den Flugkörper als modular aufgebaut und auf eine Kombination aus Kostenbewusstsein, Anpassungsfähigkeit und erweiterten Einsatzmöglichkeiten ausgelegt.
WIND DEMON wird von einem Luftfahrzeug gestartet und folgt anschließend einem vorab festgelegten Missionsplan. Der Flugkörper soll sowohl bewegliche als auch stationäre Ziele in einer Entfernung von mehr als 200 Kilometern bekämpfen können. IAI bezeichnet WIND DEMON als „Fire-and-Forget“-Flugkörper, der zugleich eine „Man-in-the-Loop“-Fähigkeit bietet. Damit soll der Flugkörper nach dem Start weitgehend selbstständig zum Ziel fliegen können, während gleichzeitig eine Einflussnahme auf den Einsatz möglich ist.
Elektrooptischer Suchkopf und mehr als 20 Kilogramm Gefechtskopf
Nach den bislang veröffentlichten Angaben verfügt WIND DEMON über einen elektrooptischen und laserbasierten Suchkopf für Tag- und Nachteinsätze. Er soll die Erfassung, Unterscheidung und Klassifizierung von Zielen ermöglichen.
Der Gefechtskopf wiegt mehr als 20 Kilogramm und kann nach Angaben von IAI für unterschiedliche Wirkungen angepasst werden. Genannt werden Spreng-, Splitter- und Penetrationswirkung.
Der Flugkörper soll zudem in sehr geringer Höhe fliegen. Dies soll seine Überlebensfähigkeit erhöhen, indem die Entdeckung und Bekämpfung erschwert wird. IAI nennt außerdem eine gegen Störungen geschützte Navigationsausstattung. Ein IAI-Vertreter sieht einen wachsenden Bedarf an Waffen, die auch in größeren Stückzahlen eingesetzt werden können. WIND DEMON sei mit Blick auf diese Nachfrage entwickelt worden und solle aufgrund seiner Kostenstruktur die Beschaffung größerer Mengen ermöglichen.
Rafael entwickelt Ice Breaker weiter
Auch Rafael arbeitet an einer neuen luftgestarteten Standoff-Waffe. Das Unternehmen entwickelt den Flugkörper Ice Breaker und prüft nach Angaben aus dem industriellen Umfeld die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens in Deutschland.
Über eine solche Gesellschaft könnte Ice Breaker gemeinsam mit einem deutschen Partner in Europa produziert werden. Als Grundlage für diese Überlegungen gilt demnach die Euro Trophy GmbH. Das Unternehmen dient als europäische Plattform für Vermarktung, Verkauf und Produktion des von Rafael entwickelten Trophy-Aktiven Schutzsystems.
Die möglichen europäischen Produktionsmodelle zeigen zugleich, dass sich das Interesse an israelischen Standoff-Waffen nicht auf deren Beschaffung beschränkt. Nach Angaben aus israelischen Industriekreisen laufen Gespräche mit europäischen Partnern, bei denen auch eine lokale Fertigung eine Rolle spielt.
Ältere Waffen bilden die Grundlage
Israel verfügt bereits seit Jahren über ein breites Spektrum an luftgestarteten Standoff-Waffen. Sie ermöglichen es Kampfflugzeugen, Ziele aus größerer Entfernung anzugreifen und dabei außerhalb der unmittelbaren Reichweite gegnerischer Luftverteidigung zu bleiben.
Zu den bekannten Systemen gehört Rampage, ein von Israel Military Industries entwickelter und später von Elbit und IAI übernommener luftgestarteter Standoff-Flugkörper. Er basiert auf der Artillerierakete EXTRA und ist für die Bekämpfung hochwertiger Ziele wie Radaranlagen, Kommunikationszentren und Waffenlager ausgelegt.
Für Rampage werden eine Überschallgeschwindigkeit von Mach 1,5 in der Endphase, eine verstärkte Stahlspitze zur Bekämpfung gehärteter Strukturen und ein Verzögerungszünder genannt. Nach den vorliegenden Angaben wurde der Flugkörper von der israelischen Luftwaffe unter anderem gegen Ziele in Syrien und im Jemen eingesetzt. Auch die indische Luftwaffe soll Rampage im Konflikt zwischen Indien und Pakistan 2025 verwendet haben.
Eine weitere israelische Standoff-Waffe ist Popeye. Der Flugkörper kann während des Fluges vom Piloten gesteuert werden und überträgt dabei Videobilder in das Cockpit. Dadurch können Ziele während des Einsatzes weiter beobachtet und die Flugbahn beziehungsweise Zielzuweisung angepasst werden.
SPICE macht Bomben zu Präzisionswaffen
Eine wichtige Rolle spielt außerdem die SPICE-Familie von Rafael. Dabei handelt es sich um Lenksätze, mit denen konventionelle Bomben zu präzisionsgelenkten Standoff-Waffen umgerüstet werden können.
SPICE 1000 ist für Gefechtsköpfe der 1.000-Pfund-Klasse ausgelegt und soll Reichweiten von bis zu 100 Kilometern erreichen. SPICE 2000 kann 2.000-Pfund-Gefechtsköpfe wie MK-84 oder BLU-109 aufnehmen und soll bis zu 60 Kilometer Reichweite bieten. SPICE 250 ist eine kleinere, eigenständige Gleitbombe mit einer Reichweite von etwa 100 Kilometern.
Die Systeme nutzen elektrooptische Zielerfassung und Verfahren zur Bild- beziehungsweise Szenenübereinstimmung. Dadurch sollen auch bei eingeschränkter oder nicht verfügbarer GPS-Navigation präzise Angriffe möglich sein.
Mit Bullseye wird zudem ein weiterer präzisionsgelenkter Standoff-Flugkörper auf Basis eines israelischen Marschflugkörperdesigns genannt. Das System wird als kostengünstige und skalierbare Standoff-Waffe für die US-Streitkräfte beschrieben. Zu den technischen Einzelheiten liegen bislang nur begrenzte Angaben vor.
JASSM soll Reichweite deutlich erhöhen
Parallel dazu gibt es nach den vorliegenden Angaben fortgeschrittene Gespräche über eine mögliche Beschaffung des US-amerikanischen JASSM durch Israel. Der Flugkörper ist als schwer detektierbare Standoff-Marschflugkörperfamilie ausgelegt und kann aus großer Entfernung gegen Ziele wie Führungszentren, Luftverteidigungsstellungen und Infrastruktur eingesetzt werden.
Für die JASSM-ER-Variante wird eine Reichweite von bis zu 930 Kilometern und ein Gefechtskopf der 1.000-Pfund-Klasse genannt. Eine Beschaffung würde Israels Fähigkeit zu Angriffen auf Ziele in großer Entfernung erweitern, insbesondere mit Blick auf weit entfernte Ziele wie solche im Iran.
Erfahrungen aus Iran verändern die Anforderungen
Die Weiterentwicklung der israelischen Standoff-Waffen steht nach Angaben aus der Industrie im Zusammenhang mit den Erfahrungen aus dem Krieg mit Iran. Dabei geht es offenbar nicht allein darum, einzelne Flugkörper leistungsfähiger zu machen.
Ein wesentlicher Punkt ist die Verfügbarkeit größerer Mengen. WIND DEMON wird von IAI ausdrücklich als System beschrieben, das eine kostengünstige Beschaffung in größeren Stückzahlen ermöglichen soll. Gleichzeitig arbeiten israelische Unternehmen an Waffen mit größerer Reichweite und unterschiedlichen Formen der Zielerfassung und Führung.
Für europäische Staaten könnte damit nicht nur der Kauf israelischer Standoff-Waffen interessant werden. Nach Angaben aus israelischen Industriekreisen umfassen laufende Gespräche auch Modelle für eine Produktion in Europa. Damit könnte sich die Kooperation von der Beschaffung fertiger Waffen auf eine gemeinsame industrielle Fertigung ausweiten.
