Eine Erkenntnis dieser Woche lautet offenbar: Respekt vor der Souveränität von Nachbarn in ihrem jeweiligen Luftraum ist für Weicheier. Das demonstrierte jedenfalls zunächst Israel bei seinem Angriff auf ein Treffen der Hamas-Führungsspitze im Golfemirat Katar. Selbst für israelische Verhältnisse, bei denen gerne mal mit eigentlich bewundernswerter Nonchalance die PLO-Führung in Tunesien, Atomreaktoren im Irak und beliebige Ziele im Iran bombardiert werden, muss man das als dreist bezeichnen. Nicht so sehr, weil die politischen Köpfe hinter dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 keinen Luftangriff rechtfertigen würden. Sondern vor allem, weil Katar neben seiner Rolle als Verhandlungsort mit diversen islamistischen Gruppen auch ein enger amerikanischer Verbündeter ist und mit dem Luftwaffenstützpunkt Al Udeid die größte US-Militärbasis im Nahen Osten beherbergt.
Offenbar waren die amerikanischen Streitkräfte auch die ersten, die den Start ballistischer Raketen durch israelische Flugzeuge über dem Roten Meer auf der anderen Seite der Arabischen Halbinsel bemerkten und nachfragten, was das solle. Die Antwort, dass man gerade einen Angriff auf die Hamas-Führung in Doha fliege, lief zu US-Präsident Donald Trump, der nach eigenen Angaben seinen Sondergesandten für den Nahen Osten und den Rest der Welt, Steven Witkoff, mit der Information der katarischen Regierung beauftragte. Deren Angaben zufolge wiederum erhielten sie diese zehn Minuten, nachdem die Raketen bereits eingeschlagen waren. Nach jetzigem Kenntnisstand wurden dabei zwar zwei Mitglieder der Hamas-Führung verletzt, eines davon schwer, aber nicht getötet.
Unabsehbarer politischer Fallout
Grund war einem Bericht zufolge, dass sie ihre von Israel angepeilten Handys aus Sicherheitsgründen nicht mit in den Konferenzraum genommen hatten, wo sie über den jüngsten Vorschlag der USA zu einem Ende des Gazakrieges und der Freilassung der israelischen Geiseln berieten. Nach einem anderen, dass sie diese dort zurückgelassen hatten, als sie zum Gebet gingen. Ums Leben kamen offenbar unter anderem der Sohn eines Hamas-Führers, ein Büroleiter und eine katarische Sicherheitskraft. Notabene zeigt das die Präzision des israelischen Angriffs – und wie das trotzdem katastrophal daneben gehen kann. Nicht mal in Menschenleben gemessen, sondern hinsichtlich des politischen Fallouts. Dessen Ausmaß ist noch gar nicht absehbar.
Vom katarischen Verständnis der eigenen Neutralität, die sich in der gleichzeitigen Beherbergung der Hamas-Führung und von rund zehntausend US-Soldaten äußert, kann man halten, was man mag. Die mangelnde Abgrenzung des Emirats zu islamistischen Bewegungen, die es zu einem wichtigen Vermittler zwischen dem Westen und allerlei zwielichtigen Gestalten von den Taliban bis zur iranischen Regierung gemacht haben, kommt auch bei seinen Golfnachbarn nicht gut an. Vorwürfe der Unterstützung für diverse Gruppen des Arabischen Frühlings – nicht zuletzt durch den Fernsehsender Al Jazeera, dem Doha für die Region ungewöhnlich große journalistische Freiheiten gewährt – führten zwischen 2017 und 2021 sogar zu einer militärischen Blockade der Halbinsel unter Führung Saudi-Arabiens.

Als Hamas in Katar noch hilfreich war
Und doch hat Katar damit eine wichtige Rolle gespielt, nicht zuletzt bei den Verhandlungen zum Gazakrieg. Zu den Vorwürfen der Komplizenschaft des Landes mit Hamas von Benjamin Netanjahu vor und auch nach dem Angriff würden israelische Oppositionspolitiker sogar spitz bemerken: Während all seiner Amtszeiten als Ministerpräsident bis buchstäblich zum Vorabend des Massakers vom 7. Oktober ließ dieser zu, dass kofferweise Bargeld von der Exilführung am Golf zum örtlichen Zweig in Gaza geflogen wurde. Denn das Fortbestehen von Hamas dort, wo sie 2007 gewaltsam die Macht von der im Westjordanland residierenden Palästinensischen Autonomiebehörde übernommen hatte, sicherte die fortbestehende Spaltung zwischen beiden. Und verhinderte damit die Umsetzung einer von der israelischen Rechten abgelehnten Zwei-Staaten-Lösung.
Der Angriff mitten in Doha war jedenfalls zugleich ein direkter Schlag gegen das Selbstverständnis Katars, das sich seines im Vergleich zur Größe des Landes überproportionalen diplomatischen Gewichts rühmt. Und er ließ die USA dumm aussehen, die davon offenbar weder gewusst noch es verhindert hatten. Auch wenn mancher darauf hinwies, dass Präsident Trump schließlich den Iran ebenfalls mit Verhandlungen über ein neuen Nuklearabkommen in Sicherheit gewiegt habe, kurz bevor Israel gegen ihn zuschlug. Und dass er den amerikanischen Vorschlag zu Gaza, über den die Hamas-Führung just während des jetzigen Angriffs beriet, mit der ominösen Drohung begleitete, dass dies nun ihre letzte Chance sei.
Der Wert amerikanischer Schutzversprechen
Allerdings steht für die USA mit einem wütenden Katar viel auf dem Spiel. Wie eigentlich alle Staaten auf der arabischen Seite des Persischen Golfs erkauft sich das Emirat amerikanischen Schutz nicht nur durch die Stationierung von US-Soldaten, sondern auch milliardenschwere Waffenkäufe und diverse politische Geschenke. Im Fall Katars, das zudem eine ganze Armee von Lobbyisten in Washington bezahlt, ist das durchaus wörtlich zu nehmen: kürzlich schenkte es der US-Regierung eine Boeing 747 in Luxusausführung. Diese soll zur neuen Air Force One für den Präsidenten umgebaut werden, nachdem Trump die exorbitanten Kosten für Boeings eigenes Programm kritisiert hatte.
Die Nachbarn aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten normalisierten während Trumps erster Amtszeit ebenfalls nicht zuletzt aus solchen Erwägungen im Rahmen der Abraham Accords ihre Beziehungen zu Israel. Der israelische Angriff hat nun die sonst nicht eben einigen Golfstaaten zusammengebracht. Denn jenseits aller politischen Meinungsverschiedenheiten müssen sie sich die Frage stellen: warum geben wir eigentlich Unsummen für amerikanischen Schutz aus, wenn quasi direkt neben der größten US-Basis der Region israelische Raketen in der Innenstadt einschlagen? Würde Katar wirklich die Hutschnur platzen, könnte es der Regierung in Washington sinngemäß erklären: Sie möge den Stützpunkt Al Udeid doch bis Jahresende besenrein an die chinesischen Nachmieter übergeben – man habe festgestellt, dass man einen besseren Leibwächter brauche.
Angriff auf US-Interessen
Unabhängig davon, dass das strategische amerikanische Interesse an der Golfregion seit dem heimischen Schieferölboom gesunken ist: die USA könnten diese nicht einem Systemkonkurrenten mit eigenen Interessen am arabischen Öl und der Absicherung seiner Belt-and-Road-Initiative Richtung Westen überlassen. Auch die Abraham Accords als eines der wenigen weitgehend unumstrittenen Vermächtnisse Trumps sind durch die israelische Aktion gefährdet. Dass ihm die möglichen Folgen bewusst sind, zeigte seine offizielle Reaktion. Zwar bezeichnete er die Vernichtung von Hamas als nobles Ziel. Er kritisierte aber Israel für den Angriff auf das Territorium eines engen amerikanischen Verbündeten, der für die Beilegung des Gazakonflikts große Risiken auf sich nehme. Ein Telefonat mit der katarischen Regierung verlief offenbar ebenso angespannt wie eines mit Netanjahu.
Fast will man hoffen, dass das Ganze ein abgekartetes Spiel war: Um Netanjahu mit der Ausschaltung der Hamas-Führung einen Sieg zu verschaffen, auf dessen Grundlage er dann den Gazakrieg mit der Entschuldigung gegenüber seinen nationalreligiösen Koalitionspartnern beenden könnte, dass ihn die USA wegen der Nummer in Katar dazu zwingen würden. Als es noch schien, dass der Angriff ein voller Erfolg war, hieß es jedenfalls aus der Umgebung des Premierministers, dass dieser das Ende des Krieges bedeuten könne. Offenbar hatte aber zuvor der Mossad einen herkömmlichen Anschlag aus guten Gründen abgelehnt. Nun hinterlässt die Aktion vor allem wütende Araber und betretene Amerikaner. Und auch im Rest der Welt kam die blatante Verletzung der Souveränität einer nichtkriegführenden Nation eher schlecht an.

Und dann war da noch Polen
Das galt nicht zuletzt für NATO-Staaten, die sich anderntags außerdem noch mit russischen Kampfdrohnen im polnischen Luftraum befassen mussten. Es war zwar nicht das erste Mal, dass der Ukrainekrieg über die Grenzen des Bündnisses schwappte. Verirrte Drohnen und Flugabwehrraketen beider Seiten waren schon früher vom Baltikum bis nach Rumänien und sogar in Kroatien niedergegangen. Dass jetzt aber mindestens 19 russische „Gerberas“ von der Ukraine und Belarus kommend scheinbar gesteuert teilweise über 200 Kilometer tief nach Polen eindrangen, und mindestens drei davon als Bedrohung abgeschossen wurden, war neu. Ein Zusammenhang mit dem am Freitag in Belarus gestarteten Manöver Sapad 2025 liegt nahe. Vielleicht wollte man die Reaktion der NATO testen, vielleicht ihre Flugabwehrstellungen in Polen aufklären.
Ein Versehen ist nicht völlig auszuschließen, aber Polen goutierte diese Verletzung seiner Souveränität verständlicherweise ebenfalls nicht. Zum wiederholten Mal beantragte das Land Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrags, nach denen das Bündnis umgehend die Operation Eastern Sentry startete. Analog zu Baltic Sentry für den Schutz von Unterwasser-Infrastruktur in der Ostsee soll diese die Sicherheit der osteuropäischen NATO-Frontstaaten vor weiteren ähnlichen Vorfällen verstärken. Mehrere Verbündete einschließlich Deutschlands haben dazu bereits Kampfflugzeuge angemeldet. Auch über einen weiteren Ausbau der bodengebundenen Flugabwehr, von Mitteln der elektronischen Kampfführung und Abwehrdrohnen wird zu reden sein. Dies ist der Ernstfall, auf den sich die NATO vermutlich am dringendsten vorbereiten muss.
Ein gefährliches Spiel
Moskau behauptete dazu natürlich, es gebe keine Beweise, dass es die Drohnen geschickt habe, geschweige denn absichtlich. Vielmehr sei das Ganze womöglich eine weitere ukrainische Provokation gewesen, um die NATO in den Krieg mit Russland hineinzuziehen. Das Bekenntnis zur Bündnissolidarität war allerdings auch aus den USA klar, selbst wenn Präsident Trump zum Missfallen Polens in einem Fernsehinterview ebenfalls von der Möglichkeit eines Versehens sprach. Doch Trump – der dem von ihm im Wahlkampf unterstützten neuen polnischen Präsidenten Karol Nawrocki bei dessen Antrittsbesuch im Weißen Haus kürzlich versicherte, dass die Zahl der US-Soldaten in seinem Land nicht verringert und vielleicht sogar verstärkt würde – steht nicht zuletzt wegen des vorangegangenen israelischen Angriffs in Katar unter Druck, die Verlässlichkeit von amerikanischen Schutzversprechen zu beweisen.
Die Regierung Netanjahu jedenfalls spielt angesichts einer Generationenverschiebung in der Haltung zu Israel selbst in den USA ein gefährliches Spiel. Unter jüngeren amerikanischen Linken ist der Wechsel zu offener, vielfach auch überzogener Kritik an der israelischen Politik schon länger sichtbar. Doch bei republikanischen Wählern unter 50 vollzieht sich dieser Wechsel ebenfalls, wie israelische Medien sorgenvoll bemerken – gespeist von genereller Kritik an undankbaren, unzuverlässigen Verbündeten, die den großen Partner USA ausnutzten. Das Ignorieren größerer amerikanischer Interessen bei spektakulären Aktionen ist da nicht eben hilfreich. Immerhin: nach einem ägyptischen Medienbericht verwarf Israel Pläne, einen Teil der Hamas-Führung auch in der Türkei auszuschalten. Die Freiheit eines Luftangriffs auf das Territorium eines NATO-Partners wollte man sich dann wohl doch nicht herausnehmen.
Stefan Axel Boes

