Das modifizierte Zielbild Marine 2035+ im Bündnis von morgen

Wohin geht die Fahrt für die Marine? Die Fregatte „Baden-Württemberg“ bei einer Flugabwehrübung  während des Indo-Pacific Deployment 2024. (Foto © Bw/Philipp Schäfer)
Wohin geht die Fahrt für die Marine? Die Fregatte „Baden-Württemberg“ bei einer Flugabwehrübung  während des Indo-Pacific Deployment 2024. (Foto © Bw/Philipp Schäfer)

Deutschland zur See

Im vergangenen Oktober scheuchten Berichte über wesentlich erhöhte Fähigkeitsforderungen der NATO die Medienlandschaft auf. Grundlage für diese neuen Minimum Capability Requirements, die die Verbündeten gemeinsam erbringen müssen, waren die seit der russischen Vollinvasion der Ukraine überarbeiteten Verteidigungspläne der Allianz – und die spätestens Anfang 2024 gewonnene Erkenntnis, dass auch ein möglicher künftiger Angriff auf NATO-Territorium zu einem Abnutzungskrieg mit entsprechendem Bedarf an Reserven werden könnte.

Hauptsächlich handelte es sich um von der militärischen Führungsebene festgestellte Lücken in den Dimensionen Land und Luft. Etwa die Zahl der Kampfbrigaden, Divisions- und Korps-Hauptquartiere mit unterstellten Unterstützungskräften sowie der Hubschrauberverbände und bodengebundenen Flugabwehreinheiten. Hinzu kamen die Bereiche Logistik und Kommunikation. Keine Erwähnung in Presseberichten fand die maritime Dimension. Dem Vernehmen nach geht es hier eher um Verfügbarkeiten als zusätzliche Fähigkeiten.

Das mag mit der eher schlechten Figur zusammenhängen, die die russische Marine im Ukrainekrieg gemacht hat. Obwohl die Ukraine ihre bescheidenen konventionellen Seestreitkräfte schnell fast vollständig verlor, gelang es ihr durch den Einsatz weitreichender Lenkwaffen sowie unbemannter See- und Luftkriegsmittel und wohl die großzügige Versorgung mit Aufklärungsergebnissen und Zieldaten durch westliche Verbündete, den Gegner praktisch vollkommen aus dem Schwarzen Meer zu verdrängen. Mittlerweile beschränkt sich die Rolle der russischen Marine im Wesentlichen auf den Start von Marschflugkörpern aus dem Asowschen und sogar dem Kaspischen Meer.

Deutsche Marine ist viel gefragt

Dennoch ergänzte und präzisierte die Deutsche Marine kürzlich mit dem „Kurs Marine 2025“ ihr aus dem Jahr 2023 stammendes „Zielbild 2035+“. Letzteres löste den früheren Bündnis-Planungshorizont bis 2031 vor dem Ukrainekrieg ab und beruhte bereits auf dem neuen NATO Force Model. Mit den Änderungen will die Marine einerseits unter den zu erwartenden Personal- und Materialbedingungen einen realistischen Pfad bis 2035 festlegen, um den geplanten Umfang zu erreichen. Andererseits reagiert sie damit auf die deutlicheren Formen, die mögliche Herausforderungen in der Zwischenzeit angenommen haben. So zeigen die Sorgen über russische Sabotageaktivitäten gegen kritische Infrastrukturen in der Ostsee und anderswo, dass auch Russland in einem Konflikt mit der NATO die Rolle des asymmetrischen Kriegführers gegen einen konventionell überlegenen Gegner einnehmen könnte. Zugleich macht der durch den Ukrainekrieg enorm beschleunigte Trend zu unbemannten Plattformen vor der maritimen Dimension nicht halt. Das Mittelmeer kann als Schauplatz für Operationen gegen das Bündnis ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

Vor allem aber bleibt wie schon während des Kalten Krieges der Nordatlantik mit seinen Verbindungslinien für Truppen und Nachschub aus Nordamerika eine angreifbare Flanke der Allianz. Nicht zuletzt ist die See Basis sowohl für Bedrohungen durch ballistische und andere Flugkörper als auch deren Abwehr. Während das Mittelmeer für die Deutsche Marine im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung eher eine Nebenrolle spielt, ist sie auf den anderen Schauplätzen umso mehr gefordert.

Das modifizierte Zielbild Marine 2035+. (Foto © Bw)
Das modifizierte Zielbild Marine 2035+. (Foto © Bw)

Das „Zielbild 2035+“ berücksichtigt zudem die zu erwartenden nationalen Aufgaben und dem Faktor drei von eingesetzten zu vorhandenen Einheiten gemäß der traditionellen Weisheit, dass ein Schiff ein Drittel seiner Zeit in der Werft und ein weiteres Drittel mit Training verbringt. Das entspricht der Kräfterotation bei Dauereinsatzaufgaben auch in anderen Dimensionen.

Trend zu unbemannten Systemen

So erklärt sich beispielsweise, dass das Zielbild ursprünglich sechs bis neun, in der neuen Fassung bis zu zwölf Uboote des bisherigen Typs 212A und des ab 2032 gemeinsam mit Norwegen beschafften Nachfolgers U212CD vorsieht. Hinzu kommen früher bis zu sechs, nun mindestens zwölf große Unterwasserdrohnen von der Art des kürzlich erprobten israelischen Typs Blue Whale, den die Marine möglichst rasch beschaffen will. Von den insgesamt bis zu 24 Einheiten wären dann rechnerisch jeweils acht einsatzbereit.

Ähnliches gilt wohl für die vorgesehene Kombination von sechs bis neun Korvetten des Typs K130 auf dem technischen Stand des zweiten Bauloses und – ursprünglich „bis zu“, nun „mindestens“ – 18 optional bemannten kleineren Einheiten von Future Combat Surface Systems. Insgesamt stellt sich die ohnehin von Personalsorgen geplagte Marine konsequent mit unbemannten Fahrzeugen auf die weitere demografische Entwicklung und wachsende technologische Anforderungen ein. Zwar hofft man mit einem möglichen neuen Wehrdienst durch den „Zauber der Marine“ über die hierfür geplanten Ausbildungs- und Sicherungskompanien hinaus auch zusätzliches länger dienendes Personal zu gewinnen.

Der Trend zum Unbemannten in der gesamten NATO betrifft aber nicht nur bereits etablierte Systeme wie fliegende Drohnen zur Ergänzung der künftigen deutschen Flotte von P-8 Seefernaufklärern. Oder Minensucheinheiten mit Über- und Unterwasserdrohnen in der Nachfolge der ferngesteuerten „Seehunde“ des altbekannten Troika-Systems, unterstützt von küstenbasierten Systemen.

Von Stefan Axel Boes

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