Diego Garcia: Möglicher Angriff und Europas Raketenabwehr

Spekuliert wird, dass bei dem angeblichen Angriff auf Diego Garcia modifizierte Mittelstreckenraketen des Typs Chorramschahr-4 - hier bei der offiziellen Vorstellung 2023 - zum Einsatz kamen.
Spekuliert wird, dass bei dem angeblichen Angriff auf Diego Garcia modifizierte Mittelstreckenraketen des Typs Chorramschahr-4 - hier bei der offiziellen Vorstellung 2023 - zum Einsatz kamen. (Foto: Mehr/Ehsan Naderipour)

In der Nacht zum Freitag vergangener Woche hat der Iran im Zuge des Krieges mit den USA und Israel angeblich zwei ballistische Raketen auf den rund 3.800 Kilometer von seiner Küste entfernten britisch-amerikanischen Stützpunkt Diego Garcia Im Indischen Ozean abgefeuert. Das berichteten etwa CNN und das Wall Street Journal unter Berufung auf ungenannte US-Vertreter. Demnach habe eine der beiden Raketen im Flug versagt, die andere sei von einem Kriegsschiff der U.S. Navy mit einem Raketenabwehr-Flugkörper vom Typ SM-3 abgeschossen worden. Auch die halboffizielle iranische Nachrichtenagentur Mehr erklärte, der Angriff sei ein bedeutender Schritt, der zeige, dass die Reichweite iranischer Raketen das übersteige, was der Feind sich vorgestellt habe. Laut dem israelischen Generalstabschef Eyal Zamir sei eine zweistufige „Interkontinentalrakete“ verwendet worden.

Zamir wies darauf hin, dass eine solche Rakete mit 4.000 Kilometer Reichweite nicht zur Verwendung gegen Israel vorgesehen sei, sondern Berlin, Paris und Rom in ihrer Reichweite lägen. Die Berichte wurden vielfach als Bestätigung amerikanischer und israelischer Warnungen vor einer Bedrohung Europas durch das iranische Arsenal interpretiert. Am heutigen Montag sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dass Israel und die USA für die ganze Welt gegen den Iran kämpften, und forderte andere Länder auf, sich dem anzuschließen. Später dementierte das iranische Außenministerium allerdings eine iranische Urheberschaft und nannte den angeblichen Angriff eine israelische Aktion „unter falscher Flagge“. Zuvor hatte NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärt, das Bündnis könne den Beschuss nicht bestätigen. Auch eine offizielle amerikanische Bestätigung gab es bislang nicht.

Angriff auf Diego Garcia würde auch Ramstein in Reichweite bringen

Bislang war allgemein davon ausgegangen worden, dass die Reichweite iranischer Raketen 2.000 Kilometer nicht übersteigt. Spekuliert wurde, dass gegen Diego Garcia der 2023 vorgestellte und im gegenwärtigen Krieg bereits auf Tel Aviv abgefeuerte Typ Chorramschahr-4 zum Einsatz gekommen sein könnte. Die mutmaßlich von der an den Iran verkauften Version BM-25 der nordkoreanischen Hwasong-10 abgeleitete Rakete soll einen Gefechtskopf von geschätzt 1.500 bis 1.800 Kilogramm Masse über diese Entfernung transportieren, was theoretisch auch eine gering entwickelte Nuklearwaffe einschließen würde. Durch Verringerung der Zuladung auf etwa ein Fünftel davon könne die Reichweite möglicherweise verdoppelt werden. Allerdings dürfte sich auch der Streukreisradius erhöhen, der vom Iran mit 50 Metern angegeben, von westlichen Analysten aber auf 500 bis 1.500 Meter geschätzt wird.

Der Angriff auf Diego Garcia, hier in einer Aufnahme von 2013, ist von US-Seite bislang nicht offiziell bestätigt.
Der Angriff auf Diego Garcia, hier in einer Aufnahme von 2013, ist von US-Seite bislang nicht offiziell bestätigt. (Foto: U.S. Navy)

Sollte sich der versuchte Angriff auf Diego Garcia bestätigen, würde dies in der Tat auch US-Stützpunkte in Europa wie etwa das deutsche Ramstein in Reichweite des Iran bringen. Die wahrscheinliche Wirkung wäre aufgrund der angenommenen geringen Präzision und Nutzlast zwar vergleichsweise gering, würde im dichtbesiedelten Deutschland aber natürlich auch umliegende Orte gefährden. Von einer nuklearen Bedrohung ist vorerst nicht auszugehen, da der Iran zunächst seine bekannten Bestände von auf 60 Prozent Reinheitsgrad angereicherten Urans vollständig waffenfähig machen, eine tatsächliche Nuklearwaffe bauen und diese auf die geringere Masse miniaturisieren müsste. Auch mit konventionellen oder chemischen Gefechtsköpfen könnte das Land aber spekulieren, dass ein Angriff oder die Drohung damit die Europäer dazu bringen könnte, den USA die Nutzung ihrer Stützpunkte zu verbieten.

Technisches Potenzial betont Bedeutung einer europäischen Raketenabwehr

Da die US-Streitkräfte zur Versorgung ihrer Truppen im Nahen Osten weitgehend auf diese angewiesen sind, würde dies die weitere Operationsführung gegen den Iran prekär machen und möglicherweise mittelfristig ihr Ende erzwingen. Allerdings ist das bestehende Raketenabwehrsystem der NATO gegen exakt solche Angriffe ausgelegt. So befindet sich die ebenfalls mit SM-3 ausgestattete Aegis-Ashore-Stellung in Rumänien als Rudiment der ursprünglichen US-Planungen zur eigenen Verteidigung gegen Raketenangriffe aus dem Nahen Osten ziemlich genau unter der Flugbahn für einen Angriff auf Ramstein. Zudem wäre ein solcher Angriff auf NATO-Territorium selbstverständlich auch ein Grund für die Ausrufung des Bündnisfalls nach Artikel 5. Dies würde die NATO-Partner, die sich den Forderungen von US-Präsident Donald Trump nach aktiver Beteiligung am Konflikt bislang verweigert haben, zu Kriegsgegnern machen.

Unabhängig davon betont bereits das technische Potenzial für eine solche Bedrohung die Bedeutung einer europäischen Raketenabwehr. Gegenwärtig beschränkt sich diese neben Aegis Ashore in Rumänien und Polen sowie die Lenkwaffenzerstörer der U.S. Navy auf die Systeme Patriot und das französisch-italienische SAMP/T für die Punktverteidigung gegen durchbrechende Flugkörper in der unteren Abfangschicht. Die verfügbaren Batterien des amerikanischen Theater High Altitude Area Defense (THAAD)-Systems sind derzeit stark im Nahen Osten gebunden. Das von Deutschland beschaffte einsatzerprobte israelische System Arrow 3 hat bislang nur die vorläufige Einsatzbereitschaft der ersten von drei geplanten Stellungen erreicht, die sich noch weitgehend auf die Erkennung, nicht die Abwehr von Angriffen beschränkt. Die volle Bereitschaft soll „bald“ erreicht werden.

Stefan Axel Boes

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