Wer den Eindruck hat, dass der Iran-Konflikt seit der zweiten Kriegswoche vor allem am Ölmarkt ausgetragen wird, dürfte nicht ganz unrecht haben. Es war natürlich vorhersehbar, dass der Iran auf die amerikanisch-israelischen Angriffe mit der faktischen Sperrung der Straße von Hormus reagieren würde. US-Präsident Donald Trump ignorierte offenbar entsprechende Warnungen der eigenen Militärs und Nachrichtendienste zugunsten blumiger Voraussagen von israelischer Seite, dass das Teheraner Regime nach den anfänglichen Enthauptungsschlägen gegen seine Führungsspitze innerhalb von Tagen zusammenbrechen und von einem Volksaufstand hinweggefegt werden würde. Bekanntlich lief es anders: Nicht nur kam die internationale Schifffahrt im Persischen Golf nach wenigen Angriffen aufgrund explodierender Versicherungskosten zum Erliegen. Iranische Schläge gegen die Öl-Infrastruktur seiner arabischen Nachbarn trieben die weltweiten Energiepreise zusätzlich in die Höhe.
Bereits recht früh versuchte Trump mit Versprechen von Geleitschutz durch die U.S. Navy und amerikanischen Versicherungsleistungen gegenzusteuern. Während die Märkte das aufgrund der offensichtlichen Realitätsferne noch weitgehend ignorierten, hatte er mit seiner Erklärung vom 9. März mehr Erfolg, dass der Krieg nicht mehr lange dauern werde. Daraufhin sanken die Preise vielleicht vor allem in der Hoffnung, dass der Präsident gemäß des mittlerweile sprichwörtlichen TACO-Prinzips – „Trump will always chicken out“ – einfach kneifen, den Sieg erklären und die Sache beenden würde, um negative wirtschaftliche Auswirkungen für die eigene Wirtschaft zu vermeiden. Unglücklicherweise setzte sich rasch die Erkenntnis durch, dass er das diesmal nicht mehr in der Hand hatte. Und das, was vom Mullah-Regime zu diesem Zeitpunkt noch übrig war, vielleicht auch nicht.
Iran-Konflikt und iranische Kontrolle
Denn das hatte sich Jahrzehnte auf diesen Fall vorbereitet und die taktischen Entscheidungen bei dessen Eintreten weitgehend auf die Regionalkommandos der Revolutionsgarden delegiert, seiner militärischen und ideologischen Hauptstütze. Bittere Ironie: Ebenfalls jahrzehntelang hatten gerade in den USA die Gegner der Islamischen Republik deren Ideologie als „apokalyptischen Todeskult“ bezeichnet – und waren nun überrascht, dass der böse Feind einfach nicht mit dem Kampf aufhörte, obwohl doch so viele seiner Führer und Kämpfer getötet wurden und der Rest sicherlich den Untergang vor Augen haben musste. Was davon noch mit der Außenwelt kommunizieren konnte, stellte vielmehr selbstbewusst eigene Bedingungen für ein Kriegsende auf.
So müssten die USA ihre Militärpräsenz in der Region aufgeben, Garantien gegen erneute Angriffe geben, Reparationen leisten und die iranische Kontrolle über die Straße von Hormus offiziell anerkennen. Die unvorhergesehene amerikanische Schwäche gegenüber dieser Situation wurde auch durch die Ablehnung von Trumps Forderung an die NATO-Verbündeten verdeutlicht, ihm mit Schiffen für die großspurig angekündigte Aufhebung der Hormus-Blockade aus der selbstverschuldeten Klemme zu helfen. Derweil untermalte der Iran seine faktische Kontrolle der Meerenge durch Vereinbarungen mit verbündeten und neutralen Ländern, Öllieferungen an sie passieren zu lassen. Und richtete wie selbstverständlich mitten im Krieg ein Inspektionsregime um die Insel Larnak abseits der normalen Schifffahrtsroute ein.

Drohungen und Gegendrohungen
Damit verweigert oder erlaubt er Schiffen nach Gutdünken die Passage. Zumindest in einigen Fällen angeblich auch noch gegen Zahlung von bis zu zwei Millionen US-Dollar – zusätzlich zu den Einnahmen aus seinen weiterlaufenden eigenen Ölexporten. Die USA sehen sich nun zunehmend der militärisch und politisch riskanten Option von Bodeneinsätzen gegen die Inseln und möglicherweise sogar die Küsten des Persischen Golfs gegenüber, um dem Iran die Kontrolle zu entreißen. Die Verlegung von amphibischen Kampfgruppen der U.S. Navy und des U.S. Marine Corps, möglicherweise auch Luftlandetruppen der 82nd Airborne Division, heizt zugleich Befürchtungen um eine längere Kriegsdauer an.
Trumps Ultimatum zur Öffnung der Straße von Hormus in der vergangenen Woche und die iranische Gegendrohung, Angriffe auf seine inländische Energieversorgung andernfalls auf der anderen Seite des Golfs mit gleicher Münze heimzuzahlen, trieb die Ölpreise nur weiter nach oben. Noch hat der Iran auch nicht die Karte gespielt, die mit ihm verbündeten Huthis im Jemen zusätzlich erneut die Schifffahrt im Roten Meer angreifen zu lassen. In dieser Situation verkündete Trump plötzlich, man sei nun in guten Gesprächen mit führenden iranischen Leuten, und stellte eine baldige Verhandlungslösung in Aussicht. Sogar von einem einmonatigen Waffenstillstand war die Rede. Prompt fiel der Preis für ein Barrel Öl der Standardmarke Brent von 114 auf unter 99 US-Dollar.
Erklärungen und Gegenerklärungen
Seither ließen Erklärungen und Gegenerklärungen diesen oszillieren, zuletzt aber wieder ansteigen. Aus dem Iran wurden jegliche Gespräche zunächst dementiert. Ohnehin herrschte Unsicherheit darüber, mit wem diese stattfinden sollten – und ob diejenigen angesichts der Ausschaltung und Fragmentierung der iranischen Kommandokette überhaupt Einfluss auf den weiteren Fortgang hätten. Trump behauptete, die Gesprächspartner hätten ihre Autorität durch ein „sehr wertvolles Geschenk“ bewiesen. Offenbar handelte es sich dabei um die Passage mehrerer Schiffe durch die Straße von Hormus. Tatsächlich gab es zuletzt Berichte über den Transit von etwa 20, auch wenn dies weiterhin nur einen Bruchteil des normalen Verkehrs darstellt. Am Dienstag dieser Woche hieß es in einem Schreiben der iranischen UN-Mission, die Straße sei für „nicht-feindliche“ Schiffe offen.
Auch wurde mittlerweile der Erhalt eines amerikanischen 15-Punkte-Plans für eine Verhandlungslösung bestätigt. Bei diesem handelt es sich allerdings offenbar weitgehend um dieselben Punkte, die die die amerikanische Seite bei den Verhandlungen vor Kriegsbeginn vorschlug: Einstellung des iranischen Nuklearprogramms, Aufgabe der Bestände an hochangereichertem Uran und Beschränkung des Raketenarsenals gegen Aufhebung der Sanktionen und Hilfe bei der zivilen Kernenergie-Entwicklung. Der Iran hat dies inzwischen abgelehnt und nicht ganz zu Unrecht darauf hingewiesen, dass man mittlerweile zweimal während laufender Verhandlungen von Israel und den USA angegriffen worden sei – so auch beim Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Jahr.
Ob Israel einem Kriegsende auf dieser Grundlage zustimmen würde oder erneut von Trump dazu gezwungen werden könnte, ist ohnehin nicht klar. Medienberichten zufolge versucht man dort für den Fall eines einseitig durch die USA ausgerufenen Waffenstillstands jedenfalls, bis zum Samstag dieser Woche noch möglichst viele Rüstungsproduktionsstätten im Iran zu zerstören. Der Iran wiederum hat erklärt, vor einem Waffenstillstand für Verhandlungen müssten zunächst die eigenen fünf Punkte erfüllt werden: Neben den früher genannten Forderungen auch noch ein Stopp der Kämpfe gegen verbündete Gruppen wie die Hisbollah, gegen die Israel parallel im Libanon vorgeht. Angesichts dieser Widersprüche gehen die Ölmärkte offenbar nicht von baldigem Frieden aus. Zuletzt stieg der Brent-Preis wieder über 106 Dollar.
Stefan Axel Boes
