Das System Artillerie und Rolle der Feuerunterstützung in Multi-Domain Operations

Das System Artillerie und Rolle der Feuerunterstützung in Multi-Domain Operations - Deep Fight: Raketenwerfer PULS als künftiges Wirkmittel. (Foto © ELBIT)
Das System Artillerie und Rolle der Feuerunterstützung in Multi-Domain Operations - Deep Fight: Raketenwerfer PULS als künftiges Wirkmittel. (Foto © ELBIT)

Agilität, Vernetzung und Abstandsfähigkeit als Voraussetzung der Kriegstüchtigkeit der deutschen Artillerie

Der Konflikt in der Ukraine führt seit 2022 zu einer äußerst dynamischen Weiterentwicklung der Militärtechnologie und -taktik. Kurze Innovationszyklen von vier bis sechs Monaten bestimmen nach dem Prinzip „Challenge and Response“ das Gefechtsbild.

Angesichts dieser Dynamik fällt es oft schwer, kurzlebige, regional auf die Gefechte in der Ukraine begrenzte Erscheinungen von langfristigen, global gültigen Trends in der Kriegsführung zu trennen. Dennoch kristallisieren sich nach vier Jahren Kriegsführung folgende Handlungsfelder heraus, welche insbesondere für die deutsche Artillerie zukünftig von höchster Relevanz sind: Aufbau einer Befähigung zum Operieren in Multi-Domain Operations (MDO), Steigerung der Waffenwirkung und Abstandsfähigkeit, Automatisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.

Das Erreichen der Kriegstüchtigkeit bis 2029 ist Vorgabe für die Bundeswehr. Bis dahin muss die Bundeswehr in der Lage sein, gemeinsam mit den internationalen Partnern an der NATO-Ostflanke einen Konflikt gegen eine rekonstituierte russische Armee zu führen und das NATO-Territorium erfolgreich zu verteidigen. Bereits vorher muss mit begrenzten Kampfhandlungen im Rahmen eines hybriden Bedrohungsszenarios gerechnet werden. Daraus resultiert ein veritabler Innovations- und Modernisierungsdruck, welchem sich die Bundeswehr im Allgemeinen und die Artillerietruppe im Besonderen stellen muss. Dieser bietet gleichzeitig aber auch Chancen, sich technologisch wieder im Spitzenfeld der NATO-Partner zu positionieren und eine echte technologische Überlegenheit gegenüber den russischen Streitkräften zu erreichen.

Multi-Domain Operations

Der Begriff „Multi-Domain Operations“ ist auf Ebene der NATO wie folgt definiert: „Orchestration of military activities, across all domains and environments, synchronized with non-military activities, to enable the Alliance to create converging effects at the speed of relevance.”

Aus dieser Definition erschließt sich, dass es sich beim Konzept MDO um ein ganzheitliches Konzept handelt, welches über rein militärische Dimensionen hinaus gesamtstaatliche und supranationale Aspekte umfasst. Streitkräfte leisten dabei einen Beitrag zu MDO. Die militärischen Aspekte von MDO stellen eine Weiterentwicklung der US Air Land Battle Doctrine der 1980er-Jahre sowie verschiedener Konzepte zur vernetzten Operationsführung der frühen 2000er-Jahre dar. Seit 2017 wurde der MDO-Begriff zunehmend von den USA und der NATO genutzt und beschrieb zunächst Zielbefähigungen auf operativ-strategischer Ebene.

Mit Aufstellung von Multi-Domain Task Forces innerhalb der U.S. Army ab 2021 erfolgte eine fähigkeitsbezogene Abbildung in den Truppenstrukturen. In den U.S. Army Multi-Domain Task Forces werden strukturell alle Fähigkeiten vereint, welche sie zum selbstständigen Kampf im Rahmen des Deep Strike befähigen. Land-, luft- und weltraumgestützte Sensoren werden mit Cyberfähigkeiten, Effektoren mittlerer Reichweite und Effektoren großer Reichweite zusammengefasst und stellen eine Abschreckungs- und Wirkkomponente unterhalb der nuklearen Schwelle, welche direkt den US-Regionalkommandos (Component Commands, COCOM) unterstellt wird.

Im Konfliktfall führen diese Kräfte den Feuerkampf gegen Hochwertziele in der operativen Tiefenzone des gegnerischen Raumes, lageabinsbesondere gegen weitreichende A2/AD-Fähigkeiten (Anti-Access/Area Denial) wie beispielsweise Integrierte Air and Missile Defense Systems, Raketentruppen. Teilaspekte von MDO halten darüber hinaus auch auf taktischer Ebene (Korps, Division, Brigade) Einzug und werden in die Operationsführung integriert.

Von Oberstleutnant Michael Schemel, Division Schnelle Kräfte, zuvor Teamleiter im Amt für Heeresentwicklung

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