Im Rahmen der Übungsserie Quadriga, die dieses Jahr unter Federführung der Deutschen Marine stattfindet, läuft derzeit auch das Manöver Northern Coasts in der Ostsee. Neben den baltischen NATO-Anrainerstaaten sind die Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada und die USA beteiligt. Seit dem Beitritt von Finnland und Schweden zum nordatlantischen Bündnis gilt die Ostsee als NATO-Teich. Zu diesem hat Russland nur noch durch seine Exklave Kaliningrad sowie die internationale Seestraße von St. Petersburg durch den Finnischen Meerbusen Zugang – und im Westen Ausgang durch die Beltsee. Zugleich ist das Randmeer ein Brennpunkt hybrider Kriegführung geworden, die nach allgemeiner Wahrnehmung bereits jetzt im nominellen Frieden stattfindet.
Angesichts der Sprengung der Nord Stream-Pipelines (mutmaßlich durch ein ukrainisches Kommando), der Zerstörung diverser anderer Unterwasserverbindungen durch „versehentlich“ fallengelassene Anker ziviler Schiffe (mutmaßlich in russischem Auftrag), Embargobrechern der russischen Schattenflotte mit militärischer Begleitung und elektronischer Kampfführung von der Kommunikationsüberwachung bis zur GPS-Störung gilt die Ostsee keinesfalls als sicheres Gewässer. Dazu tragen auch Gefahren aus der Vergangenheit in Form von Weltkriegsminen und anderen Munitionsaltlasten sowie zukünftige Bedrohungen bei. Russland hat aus der erfolgreichen Drohnen-Seekriegführung der Ukraine im Schwarzen Meer gelernt und führte kürzlich seinen ersten eigenen Angriff dieser Art gegen ein ukrainisches Schiff in der Donaumündung durch.
„Northern Coasts“ hören nicht in der Ostsee auf
Schon wird auch über die Erprobung solcher Systeme bei der Baltischen Flotte berichtet. Zusammen mit unbemannten Luft- und Unterwasserfahrzeugen in jeder Form und Größe entsteht hier ein bereits sichtbares neues Einsatzfeld – mit niedrigen Risikoschwellen für einen Angreifer, was Personal- und Materialkosten wie auch politische Zurechenbarkeit betrifft. Nicht ohne Grund demonstrierte die Bundeswehr offiziellen Gästen und Medien im Zusammenwirken mit zivilen Behörden diese Woche im Hafen von Rostock ein umfassendes Schutzkonzept für militärische Verlegungen über die Ostsee ins Baltikum. Von der Abwehr von Drohnen und maritimen Störern über die Suche nach Unterwasserbedrohungen durch ein Minenjagdboot bis zum konventionellen Verbandschutz wurde so ziemlich alles gezeigt, was physisch darstellbar war.

Das hohe russische Interesse daran, die „unzerstörbare Autobahn“ Ostsee für Verstärkungen der NATO-Ostflanke über die Drehscheibe Deutschland eben doch zu blockieren, zeigt sich nicht zuletzt in Sabotageakten wie durchtrennten Kabelbäumen und Metallspänen im Getriebe von Marineschiffen in deutschen Werften. Neben der Sicherung aller anderen Verkehrsverbindungen und sonstiger für das Bündnis relevanten Infrastruktur hat Deutschland also im Prinzip schon alle Hände voll zu tun, den Seeweg ins Baltikum zu schützen. Allerdings hören die „Northern Coasts“ für die Marine nicht an der schwedisch-finnischen Grenze am Ende des Bottnischen Meerbusens auf. Hinzu kommt die traditionelle Aufgabe, die transatlantischen Nachschubwege der NATO zu sichern. Und mittlerweile zeichnet sich auch ein verstärktes Engagement in der Arktis ab.
Interessengleichheit hört bei Irrationalität auf
Die Entwicklung von Einsätzen im Nordatlantik wird maßgeblich von der künftigen Rolle der USA im Bündnis abhängen. Nach der weitgehenden Befriedung im transatlantischen Bündnis auf dem NATO-Gipfel in Den Haag scheint diese zunächst gesichert. Die amerikanische Gegenküste bleibt bis auf Weiteres Widerlager der gemeinsamen Sicherheit – Ausgangspunkt für Verstärkungen und Materiallieferungen nach Europa im Kriegsfall, die auch im großen Umfang von der U.S. Navy geschützt würden. Zögen sich allerdings die USA zunehmend aus dem Bündnis zurück, bliebe immer noch der Partner Kanada. Zwar wäre die Sicherung der nordatlantischen Seewege weiterhin im US-Interesse. Die Interessengleichheit mit den jetzigen Verbündeten bliebe aber nur so lange bestehen, wie sich die irrationaleren Impulse der jetzigen Regierung in Washington gegenüber den Nachbarn nicht durchsetzen.
Auch das Gerede um die Annexion Grönlands oder gar Kanadas in der Trump-Administration ist zuletzt weitgehend verstummt. Aber das Misstrauen gegenüber ihrer disruptiven Politik, und der möglicher Nachfolger, ist geweckt. Nicht zufällig lehnt sich die neue kanadische Regierung stärker an Europa an, bis hin zur Beteiligung am SAFE-Programm der EU für günstige Kredite zur Finanzierung von Rüstungsmaßnahmen. Erklärtes Ziel von Premierminister Mark Carney ist die Diversifizierung der bislang stark auf die USA ausgerichteten Beschaffungen des Landes. Auch wenn Ankündigungen nicht immer den Realitätstest bestehen. So steht die offizielle Entscheidung über eine mögliche Reduzierung des Kaufs von 88 Kampfflugzeugen F-35 auf die bereits unter Vertrag stehenden 16 weiterhin aus.

Wer hoffentlich alles auf Signale hört
Hinter den Kulissen ist zu hören, dass sowohl die Führung der Royal Canadian Air Force als auch Fachpolitiker aus Gründen von Kosten, Logistik und Kompatibilität keine Alternative darin sehen, eine gemischte Flotte mit einem Minianteil von F-35 zu betreiben. Dennoch sind langfristige Absetzbewegungen vom großen Nachbarn im Süden erkennbar. Ende August tourte Premierminister Carney durch Europa, um die bilateralen Beziehungen mit den dortigen Verbündeten zu stärken. Einerseits versicherte er, kanadische Truppen bis mindestens 2029 in Lettland zu belassen, wo sie die NATO-Battlegroup führen. Beim ukrainischen Unabhängigkeitstag in Kiew sagte er weitere zwei Milliarden kanadische Dollar (1,24 Milliarden Euro) Militärhilfe zu.
Andererseits vereinbarte er mit Deutschland und Polen eine engere Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich und bei der Lieferung von Mineralien seltener Erden aus Kanada. Kurz zuvor hatte der Einsatzgruppenversorger Berlin der Deutschen Marine auf dem Weg nach Kanada in Nuuk auf Grönland festgemacht. Die Entscheidung zu einer „nationalen Präsenzfahrt“ in der Arktis war von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius erst am 30. Juni bei einem Besuch in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen angekündigt worden. Offiziell wurde dies vor allem mit der zunehmenden russischen Aktivität in der Polarregion und auch als Umsetzung der noch kurz vor dem Bruch der Ampelkoalition veröffentlichten Leitlinien deutscher Arktispolitik begründet. Ein stärkeres Engagement für die gemeinsame Sicherheit im hohen Norden dürfte zudem entsprechende amerikanische Klagen adressieren.
Gleichzeitig vereinbarte Pistorius mit seinem dänischen Amtskollegen Troels Lund Poulsen für September allerdings einen ausdrücklichen gemeinsamen „Solidaritätsbesuch“, der sich offensichtlich auf die amerikanischen Gebietsansprüche bezieht. Auch in diesem Zusammenhang ist die Fahrt der Berlin also zu sehen. Eine künftige regelmäßige Präsenz der Deutschen Marine in der Arktis ist damit nicht nur ein Signal an Russland, sondern auch in mehrfacher Hinsicht an den Bündnispartner USA. Die Marine wird dafür allerdings wohl zusätzliche personelle und materielle Ressourcen benötigen. Die gute Nachricht: nördlicher können die Küsten ihrer Einsatzgebiete dann nicht mehr werden. Wobei man angesichts kürzlicher Umbrüche in der Sicherheitspolitik vorsichtshalber hinzufügen muss: es gibt ja auch noch andere Himmelsrichtungen.
Stefan Axel Boes

