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Regional verwurzelt – weltweit engagiert!

Vizeadmiral Frank Lenski im Gespräch mit Chefredakteur Hardthöhenkurier Michael Horst.
Foto © Horst
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Nachgefragt bei …
Vizeadmiral Frank Lenski, Stellvertretender Inspekteur der Marine und Befehlshaber der Flotte und der Unterstützungskräfte

Herr Admiral, wie beurteilen Sie zurzeit die Lage an der maritimen Nordflanke der NATO – speziell mit dem besonderen Blick auf die Ostsee? Bekanntlich ist die Nordflanke der NATO unser Operationsschwerpunkt. Das war er bisher schon, doch hat sich hier unsere Präsenz nochmals verstärkt. Besonders in der Ostsee haben und werden wir weiterhin alles dafür tun, den Kräfteansatz nachhaltig auszuweiten. Wir sehen dort trotz des Krieges in der Ukraine eine kampfkräftige russische Marine. Gleichzeitig hat sich mit dem Beitritt Finnlands und dem hoffentlich bald folgenden Beitritt Schwedens zur NATO die strategische Position in der Ostsee zu unseren Gunsten verändert.

Was hat sich in den Bewegungen der Flotte seit dem 24. Februar 2022 geändert? Wir haben es schon häufiger betont: Unmittelbar nach dem 24. Februar 2022 hat die Deutsche Marine alle verfügbaren Einheiten in die Ostsee entsandt. Das war einerseits ein klares Signal an unsere Verbündeten und Partner, ein Signal der Verbundenheit. Zugleich war es aber auch ein Signal der Stärke an Russland, dass wir wachsam und gerüstet sind. An unserem Auftrag hat sich nichts geändert, der Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung hat sich aber deutlich verstärkt. Mit der Etablierung der Operation „Baltic Guard“ sorgen wir seit Ausbruch des Krieges dafür, dass wir in koordinierter Art und Weise die Präsenz und die Sichtbarkeit verbündeter Marinekräfte, insbesondere in der Ostsee, nochmals erhöhen. Dazu müssen wir die bekannten materiellen Defizite weiterhin schnellstmöglich abbauen, um insbesondere die Einsatzfähigkeit und Verfügbarkeit unserer Waffensysteme weiter zu erhöhen. Außerdem optimieren wir unsere Kaltstartfähigkeit, eine Fähigkeit mit Abhängigkeiten zu Dritten, die folglich nicht allein nur durch die Marine auf ein neues Niveau zu heben ist.

Welchen Stellenwert hat das Regional Maritime Headquarter for the Baltic für Ihren Verantwortungsbereich? Es war und ist seit der Aufstellung des Stabes DEUMARFOR das strategische Ziel der Marine, Führungsverantwortung in der NATO und insbesondere gerade dort zu übernehmen, wo wir die größte Expertise aufbringen, also in der Ostseeregion. Insofern war es für uns ein wichtiger Meilenstein, nach der Ankündigung des Bundeskanzlers im Rahmen des Gipfels von Madrid im Juni 2022 nun auch mit einer Anzeige des Generalinspekteurs gegenüber dem SACEUR unsere Bereitschaft zur Übernahme einer regionalen Führungsverantwortung als CTF Baltic (Red.: Commander Task Force) auf der Zwei-Sterne-Ebene für den Ostseeraum anzumelden. Wir folgen damit der Erwartungshaltung der Ostseeanrainer und haben unsere Führungsfähigkeit gerade erst im Rahmen der multinationalen Übung „Northern Coasts 2023“ nachgewiesen. Das Regional Maritime Headquarters for the Baltic (RMHQ-B) steht permanent für Führungsaufgaben in der Ostsee bereit, stellt ein durchgängiges Lagebild und koordiniert die Kooperation mit unseren Partnern. Und die Notwendigkeit, gerade in der Ostsee präsent zu sein, im Rahmen von Übungen die Fähigkeit zur Abschreckung zu zeigen und zu schärfen, eine validierte Lageaufbereitung bereitzustellen, all das erkennt die NATO in höchstem Maße an. Wir sind bereit zu koordinieren und Führungsverantwortung zu übernehmen, wenn es darauf ankommt. Der CTF Baltic ist ein Hauptquartier, das nur im Bündnisfall aktiviert wird. Das RMHQ-B mit seiner permanent bereitgehaltenen Führungsfunktion kann diese Aufgabe jederzeit übernehmen. Hier würde sich die Kommandostruktur ändern, de facto ist es aber dasselbe Hauptquartier.

Wieweit hat die Flotte zur neuen „alten“ Rolle der Landes- und Bündnisverteidigung zurückgefunden? Gibt es noch besondere Herausforderungen? Wie bereits angesprochen sind die Herausforderungen groß, die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung ist am Ende des Tages insbesondere eine Frage der Einsatzbereitschaft und der Durchsetzungsfähigkeit unserer Einheiten in allen Dimensionen. Deswegen müssen wir in den Bereichen Personal, Material und Ausbildung zum Teil deutlich nach- und bei Bedarf auch umsteuern. Bei der Ausbildung bilden wir jede Besatzung konsequent bis zur Gefechtsbereitschaft aus, geben auch den zeitlichen Raum dafür, komplexe Ausbildungsanforderungen erfolgreich zu bestehen. Wir gehen dabei keine Kompromisse mehr ein, nur weil möglicherweise ein Low-Intensity-Einsatz geplant ist. Denn Pläne können eben sehr schnell von der Realität überholt werden. Wir haben das beispielsweise am 24. Februar 2022 gesehen, als wir eine Einheit, die in Richtung des UNIFIL-Einsatzgebietes (Red.: United Nations Interim Force in Lebanon) entsandt wurde, kurzfristig in eine NATO-VJTF (Red.: Very High Readiness Joint Task Force) geschickt haben.

Und das geht eben nur dann, wenn diese Einheit mit ihrer Besatzung auch gefechtsbereit ist. Diese Herausforderung müssen wir mit einer Flotte stemmen, die unter einem Instandsetzungsund Modernisierungsstau leidet. Damit bin ich beim Material. Um diesen Stau abzubauen, haben wir uns das Ziel gesetzt, mindestens 66 Prozent der Flotte für Einsatzausbildung und Einsatz verfügbar zu haben, maximal 33 Prozent dürfen sich dann in der Werft oder in Umrüstungen befinden. Wir nennen das unsere „Route 66“. Ein Riesenschritt vorwärts war dabei die Aufstellung des Marinearsenalbetriebs Warnowwerft in Warnemünde. Erstmals haben wir eigene Werftkapazitäten, die auch für kurzfristige Instandsetzungen genutzt werden können und dadurch signifikant zur Steigerung der Einsatzbereitschaft der Flotte beitragen. Rückbesinnung auf Landes- und Bündnisverteidigung heißt aber vor allem auch, sich auf die Bedrohungspotenziale insbesondere im Nordflankenraum und den Rahmenbedingungen für den Seekrieg von morgen vorzubereiten, die Chancen des technologischen Wandels auszunutzen, aber auch weitere Faktoren wie die Demografie zu berücksichtigen. Wie wir unsere Zukunft sehen, haben wir mit dem „Kurs Marine 2035+“ abgesteckt.

Vier Gestaltungsprinzipien waren dabei maßgeblich:

• Mass matters, denn Masse bedeutet auch

• Resilienz,  Resilienz selbst, denn auch nach einem Schlagabtausch muss die Flotte, die Marine insgesamt funktionsfähig bleiben

• Beiträge zu Multi-Domain Operations, weil wir davon ausgehen, dass Landes- und Bündnisverteidigung letztlich das Gefecht der verbundenen Waffen bedeutet – nicht zuletzt wegen der technologischen Möglichkeiten zur Vernetzung und Schwarmbildung und

• Zukunftsorientierung durch flexible Anpassung an den demografischen Wandel, bedrohungsminimierten Einsatz des Personals und Einführung von unbemannten Systemen.

Wir wollen bis 2035 den Einstieg in unbemannte Systeme aller Dimensionen und in Anwendungen auf Basis Künstlicher Intelligenz vollzogen haben sowie über eine bedrohungsgerechte Anzahl von schwimmenden, tauchenden und fliegenden Waffensystemen verfügen. Eine resiliente und redundante Führungsinfrastruktur gehört genauso dazu wie unverzichtbare Beiträge der Marinelandstreitkräfte. Das beginnen wir jetzt umzusetzen. Das gelingt jedoch nur dann, wenn wir weiterhin genügend junge Menschen für den Dienst in der Marine begeistern können – und das in einem demografisch ungünstigen Umfeld. Noch dazu ist unser Beruf mit so mancher Belastung bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens verbunden, was wir nicht schönreden können, wollen und dürfen.

Und schließlich gibt es immer noch viele junge Leute, die weder von unserer Existenz, geschweige denn vom Berufsbild des Marinesoldaten wissen. Personalgewinnung bleibt also die strategische Herausforderung der nächsten Jahre. Aber auch hier haben wir gute Ansatzpunkte gefunden, um voranzukommen. Zudem wissen wir aus der jüngsten Bevölkerungsumfrage, dass die Einsatzbereitschaft der Flotte einer der entscheidenden Attraktoren für den Nachwuchs ist. Wenn wir modern und einsatzbereit sind, sind wir auch attraktiv. Und damit geht natürlich auch einher, dass wir über die notwendige Anzahl an Hochwertmunition verfügen. Da schließt sich dann auch der Kreis: Unsere höchste Priorität muss die Einsatzbereitschaft der Flotte haben.

Das komplette Interview lesen Sie in HHK 5/2023!

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