Explosives Umfeld
Das Wissen, die Fähigkeit und die Erlaubnis, Sprengstoffe selbst herzustellen, sind seltene Kompetenzen in der Bundeswehr und nur wenigen Dienststellen vorbehalten. Insgesamt konzentriert sich dies auf nur eine Handvoll Experten in den Streitkräften.
Das ABC-Abwehrkommando der Bundeswehr mit der Schule für ABC-Abwehr und Gesetzliche Schutzaufgaben (SABCAbw/GSchAufg) in Sonthofen hat mit seinem Dezernat Chemie den Auftrag, sich mit den verschiedenen Gefahrenpotenzialen von Chemikalien zu beschäftigen, darunter auch ihren explosiven Eigenschaften. Die Herstellung kleiner Mengen von Sprengstoff jedweder Art bietet die einzigartige Möglichkeit, den Umgang mit empfindlichen Sprengstoffen unter fachkundiger Aufsicht und in einem sicheren Umfeld zu trainieren.
Sprengstoffe spielen im militärischen Bereich eine bedeutende Rolle, da sie vielseitige Anwendungsmöglichkeiten in zahlreichen Einsatzszenarien bieten. So werden sie für den Einsatz in der Kombination „Waffe und Munition“ genutzt, zum Beispiel bei Granaten, Minen, Bomben oder Raketen. Weitere Einsatzmöglichkeiten ohne ein technisches System der Verbringung sind das Sprengen von Hindernissen oder die Zerstörung feindlicher Infrastruktur mit zum Beispiel Plastiksprengstoff
Die meistgenutzten militärischen Sprengstoffe wie TNT sind in ihren Eigenschaften bekannt und werden durch ihre breite Verwendung den Soldaten in der Ausbildung in Theorie und Praxis nähergebracht. Aber nicht immer werden diese Standardsprengstoffe in einem Kriegs- oder Bedrohungsszenario anzutreffen sein. Terroristen in einem internationalen Umfeld, wie beispielsweise die Einsätze in Afghanistan oder Mali gezeigt haben, oder auch asymmetrische Kräfte in einem Konflikt wie dem aktuellen Krieg in der Ukraine nutzen die Sprengstoffe, die ihnen zugänglich sind. Dies bedeutet unter anderem, Sprengstoff aus verfügbaren Ausgangssubstanzen selbst herzustellen. Diese werden als sogenannte Homemade Explosives (HME) oder Selbstlaborate bezeichnet.
Homemade Explosives jederzeit verfügbar
Homemade Explosives sind ein bedeutender Faktor in der Bedrohung durch improvisierte Sprengsätze (Improvised Explosive Device, IED), mit denen Streitkräfte weltweit in Einsätzen konfrontiert waren und in Zukunft wahrscheinlich auch weiterhin sein werden. Sobald konventionelle Munition nicht mehr für den Bau von Sprengfallen oder anderen Einsatzzwecken verfügbar ist oder zum Beispiel auch aufgrund der niedrigeren Produktionskosten, wird der Sprengstoff zunehmend selbst hergestellt. Der oft bestehende Leistungsnachteil gegenüber militärischen Standardsprengstoffen wird dann durch eine größere Menge des verwendeten improvisierten Sprengstoffs ausgeglichen.
Homemade Explosives zeichnen sich dadurch aus, dass sie von jedem mit leicht verfügbaren Ausgangsmaterialien hergestellt werden können, zumal Anleitungen zur Zubereitung leicht im Internet zu finden sind. Je nach Land kann die Beschaffung der Ausgangsmaterialien jedoch sehr einfach bis sehr schwierig sein und stellt möglicherweise das eigentliche Hindernis dar. Aufgrund der harmlosen Verwendung der Ausgangssubstanzen als Düngemittel, Haushalts- oder Industriechemikalien ist es nahezu unmöglich, den Zugang vollständig zu verhindern – das altbekannte „Dual-Use-Problem“.
Ein wichtiger Aspekt, wenn es um den Umgang mit Homemade Explosives geht, stellt ihr erhöhtes Gefahrenpotenzial dar. Da sie nicht den strengen Sicherheits- und Qualitätsnormen militärischer Sprengstoffe unterliegen, ist mit einer höheren Empfindlichkeit oder schlechteren Verträglichkeit mit anderen Chemikalien zu rechnen. So ist der gerade im terroristischen Bereich häufig verwendete Sprengstoff Triacetontriperoxid (TATP) so empfindlich, dass schon ein leichter Schlag oder geringe Hitze ausreichen, um ihn zur Explosion zu bringen. Ein Transport über die Straße ist rechtlich nicht möglich. Dies führt dazu, dass dieser Sprengstoff von keinem rechtmäßigen Anbieter zum Kauf angeboten wird und damit für eine Ausbildung nicht zur Verfügung steht. Und dies trifft auf eine Reihe von Homemade Explosives zu.
Dennoch ist eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass Soldaten in einem Konflikt dieser Bedrohung ausgesetzt sind. Die einzige Lösung, um das Verhalten gegenüber diesen Homemade Explosives in einem sicheren Rahmen trainieren zu können, besteht darin, diese Sprengstoffe selbst vor Ort herzustellen.

