Digitalisierung und KI-Integration in der ABC-Abwehr

Soldaten der Spezial-ABCAbwehrtruppe demonstrieren ihre Fähigkeiten. (Foto © Bw/Roland Alpers)
Soldaten der Spezial-ABCAbwehrtruppe demonstrieren ihre Fähigkeiten. (Foto © Bw/Roland Alpers)

Der Weg zur prädiktiven Lageüberlegenheit

Die Transformation der ABC-Abwehr im Rahmen der sicherheitspolitischen Zeitenwende markiert einen historischen Übergang. Er führt weg von der rein reaktiven Lagefeststellung hin zur prädiktiven Entscheidungsunterstützung. Durch die Projekte „Yggdrasil“ und „Prisma“ schafft das ABC-Abwehrkommando der Bundeswehr eine dimensionsübergreifende Architektur.

Diese fusioniert Sensordaten in Echtzeit und generiert mittels Künstlicher Intelligenz (KI) valide Handlungsoptionen. Der Artikel beleuchtet die technologischen Grundlagen der vernetzten Sensorik sowie die mathematisch-probabilistischen Ansätze der KI-gestützten Auswertung.

Darunter versteht man Ansätze und Modelle, die die Wahrscheinlichkeitstheorie nutzen, um Zufallsprozesse und Unsicherheiten mathematisch zu erfassen, zu analysieren und Vorhersagen zu treffen. Dabei ordnen sie Wahrscheinlichkeiten bestimmte Ereignisse zu und sind Teil der Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik). Zudem wird die taktische Relevanz innerhalb der Multi-Domain Operations analysiert. Es zeigt sich deutlich: Technologische Überlegenheit ist untrennbar mit dem Prinzip „Human in the Loop“ verbunden, das heißt, einem System, bei dem der Mensch aktiv an Betrieb, Überwachung oder Entscheidungsfindung eines automatisierten Systems beteiligt ist. Darüber hinaus geht es um eine Neuausrichtung militärischer Prozesse. Die Digitalisierung im Bereich der ABC-Aufklärung und -Auswertung ist weit mehr als der bloße Einsatz neuer Technologien. Sie markiert eine tiefgreifende Transformation, die Mensch, Prozess und Technologie in einer bisher nicht gekannten Tiefe synchronisiert. Wir befinden uns in einem sicherheitspolitischen  Umfeld, das durch hybride Bedrohungen und den potenziellen Einsatz von Massenvernichtungswaffen geprägt ist. Auch das Risiko der Freisetzung industrieller Gefahrstoffe (Release other than Attack, ROTA) in hochintensiven Konflikten nimmt stetig zu.

In diesem Kontext bildet die technologische Basis

  • aus Künstlicher Intelligenz,
  • Cloud-Computing und dem
  • Internet of Military Things (IoMT)

das unverzichtbare Rückgrat moderner Verteidigungsfähigkeit.

Human in the Loop

Während digitale Werkzeuge die notwendige Grundlage bilden, entscheidet letztendlich die organisatorische Integration über den Erfolg. Es geht darum, wie diese Technologien verstanden und operativ genutzt werden. Wesentlich für diese Veränderung ist der Human-in-the-Loop-Ansatz. Er stellt den Menschen als zentrales, verantwortliches Element konsequent in den Mittelpunkt. Technologie kann im militärischen Bereich stets nur eine unterstützende Funktion haben. Die finale Entscheidung über Leben und Tod sowie die moralische Verantwortung verbleiben bei den Soldatinnen und Soldaten. Daher müssen bestehende Abläufe, Strukturen und Arbeitsweisen grundlegend neu gedacht werden. Nur so lässt sich ein echter militärischer Mehrwert schaffen. Ohne diese Verzahnung bliebe auch die modernste Sensorik ein wirkungsloses Werkzeug ohne operative Wirkung. Die Bundeswehr hat dazu in der sicherheitspolitischen Zeitenwende die Konzepte der Software-Defined Defense (SDD) und der Multi-Domain Operations als strategische Pfeiler aufgegriffen. SDD zielt primär darauf ab, militärische Fähigkeiten durch kontinuierliche, softwarebasierte Anpassungen agiler zu gestalten. Traditionell wurden militärische Fähigkeiten fast ausschließlich über starre Hardware-Plattformen definiert. Deren Modernisierungs- und Beschaffungszyklen dauerten oft über Jahrzehnte an. SDD bricht dieses veraltete Modell nun konsequent auf. Die technologische Entkoppelung von Hardware und Software ermöglicht es, ABC-Abwehrfähigkeiten durch iterative Software-Updates anzupassen. Dies geschieht in Wochen anstatt in Jahreszyklen und erlaubt eine direkte Reaktion auf neue Bedrohungslagen.

In der Praxis bedeutet das: Eine Sensorplattform im Feld kann durch ein Remote-Update neue Algorithmen erhalten. Diese dienen etwa der Erkennung modifizierter Kampfstoffvarianten. Ein physischer Austausch von Komponenten ist dafür nicht mehr erforderlich. Diese Agilität verwandelt statische Ausrüstung in evolutionäre Systeme. Sie können mit der technologischen Entwicklung des Gegners dauerhaft Schritt halten. Dies ist insbesondere bei der Erkennung neuartiger chemischer Kampf- und Gefahrenstoffe oder biologischer Agenzien, das heißt Mikroorganismen (Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten), Toxine, gentechnisch veränderte Organismen oder Prionen, kritisch. Deren digitale „Fingerabdrücke“ (Signaturen) müssen sofort in die Datenbanken der Aufklärungssysteme eingespielt werden.

Über alle Dimensionen hinweg

Parallel dazu fungiert die ABC-Abwehr im Rahmen der Multi- Domain Operations als integraler Bestandteil des gemeinsamen Lagebildes. Dies geschieht über alle Dimensionen hinweg: Land, Luft, See, Weltraum sowie Cyber- und Informationsraum. Eine Kontamination im maritimen Bereich kann heute unmittelbare Auswirkungen auf Landoperationen haben. Auch logistische Ketten in der Luft sind davon direkt betroffen. Die Vernetzung erlaubt es, ABC-Lagemeldungen in Echtzeit in das Common Operational Picture der Führungsebene einzusteuern. Die Basis dieser Konzepte bilden die Tactical Cloud und die KI mit einer weiten und sicheren Vernetzung.

Autorenteam ABC-Abwehrkommando der Bundeswehr

Den kompletten Beitrag lesen Sie im IT-Report 2026.

(Foto © MRV)
(Foto © MRV)

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