Interview mit Generalleutnant Dr. Christian Freuding, Inspekteur des Heeres
Herr General, die ersten 100 Tage in dieser verantwortungsvollen Aufgabe sind vorbei. Wie beurteilen Sie aktuell die Lage des Deutschen Heeres, und welche Schwerpunkte/Ziele haben Sie gesetzt?
Das Deutsche Heer steht vor der größten sicherheitspolitischen Herausforderung seit dem Ende des Kalten Krieges. Die Bedrohung ist konkret, die Vorwarnzeit kurz. Der Feind wartet nicht auf unsere Fertigmeldung. Russlands Streitkräfte wachsen, besonders die Landstreitkräfte. Sie lernen schnell, taktisch und technologisch und skalieren Fähigkeiten industriell. 2029 ist daher für uns handlungsleitend zum Herstellen der Kriegstüchtigkeit.
Daher habe ich in meiner Absicht deutlich formuliert: Ich will ein Heer, das bereit ist zum Kampf, das sich durchsetzt, das gewinnt. Das seinen Beitrag dazu leistet, Frieden und Freiheit zu wahren. Dabei kommt es mir besonders auf Folgendes an: Erstens, die Steigerung der kurzfristigen Einsatzbereitschaft für den „Fight tonight“. Zweitens, den strukturierten Aufwuchs von Personal und Fähigkeiten hin zur Kriegstüchtigkeit 2029. Drittens, Innovation als Voraussetzung für Durchsetzungsfähigkeit im „Fight tomorrow“. Und all‘ das getragen von einer klaren, werteorientierten Führungskultur.
Was mir in meinen ersten 100 Tagen noch besonders wichtig war: Das Heer mit dem „Blick ins Gelände“ zu erleben, was Truppe bewegt, was läuft, was wirkt und wo es knarzt. Einerlei ob in Oldenburg, Neubrandenburg, Munster, Saarlouis, Cham, Rukla oder im Kosovo, überall habe ich erlebt, mit welchem Elan und welcher Ernsthaftigkeit unsere Soldatinnen und Soldaten Kriegstauglichkeit operationalisieren, innovativ denken, besser werden wollen. Auf diese Truppe bin ich sehr stolz.
Sind Sie mit den bisher getroffenen politischen Entscheidungen zur Struktur und den Aufgaben des Heeres zufrieden oder gibt es aktuellen Nachsteuerungsbedarf?
Die Rahmenbedingungen für das Herstellen der Kriegstauglichkeit, für den Aufwuchs des Heeres haben sich in den vergangenen Monaten grundlegend verbessert: Sondervermögen, Bereichsausnahme Verteidigung, Beschleunigungsgesetze und Wehrdienstmodernisierungsgesetz. Jetzt liegt es an uns, den personellen Aufwuchs bei aktiver Truppe und in der Reserve, den (Wieder-)Aufbau dringend benötigter Fähigkeiten, wie zum Beispiel Heeresflugabwehrtruppe und Artillerietruppe, aber vor allem auch die Integration neuer Fähigkeiten – unbemannte Systeme, Ground Based Deep Precision Strike – hinzubekommen. Und gleichzeitig müssen wir Funktionalität in der Breite schaffen. Was meine ich damit? Unsere Großverbände müssen auch tatsächlich in der Lage sein, das Gefecht der verbundenen Waffen zu führen, sie müssen durchhaltefähig und führungsfähig sein. Hier sind in dreißig Jahren Desinvestition Lücken entstanden, die wir gleichfalls dringend schließen müssen.
Die Verteidigungsplanung der NATO ist wieder bestimmende Größe auch für die Planung und Weiterentwicklung im Deutschen Heer. Welche besonderen Herausforderungen bringt das für Ihren Verantwortungsbereich, auch unter Berücksichtigung der Integration der niederländischen Streitkräfte in die Bundeswehr sowie der Deutsch-Französischen Brigade? Können Sie uns vor diesem Hintergrund etwas zur künftigen Struktur des Heeres sagen?
Das NATO Force Model ist eine wesentliche Bestimmungsgröße für unsere Planung und die künftige Struktur des Heeres. Es verlangt hohe Verfügbarkeiten, echte Durchhaltefähigkeit und voll ausgestattete Verbände. Zusätzlich zum NATO Force Model und den NATO-Fähigkeitsforderungen müssen in unserer künftigen Struktur natürlich noch nationale Ambitionen und der Heimatschutz abgebildet werden. Und zu den multinationalen Strukturen: Sie erhöhen unsere Schlagkraft, insbesondere wenn die Integration so tief reicht wie vor allem mit unseren niederländischen Partnern. Ohne deren Truppenteile und Fähigkeiten wäre der starke Beitrag des Deutschen Heeres zum NATO Force Model nicht denkbar. Diesen gemeinsamen Ansatz wollen wir zukünftig bereits im Aufbau neuer Fähigkeiten zur Erfüllung der NATOFähigkeitsziele berücksichtigen. Hier bietet insbesondere die neu aufzustellende Multi-Domain Task Force großes Potenzial. Blickt man neben der strukturellen Verbindung mit den Niederlanden und Frankreich auch auf weitere Felder engster Heereskooperation, wie mit den Vereinigten Staaten, Litauen, Polen und vielen anderen mehr, dann sieht man: Multinationalität ist Teil der DNA des Heeres.
In der Öffentlichkeit kursieren Beschaffungspläne für Hunderte von Kampfpanzern, Schützenpanzern und dem Radpanzer Boxer mit verschiedenen Fähigkeiten. Wie synchronisieren Sie das dazu erforderliche Personal, Ausbildung und Infrastruktur?
Großgerät allein schafft keine Kampfkraft und erst recht keinen Gefechtswert. Jeder Kampfpanzer, jeder Boxer braucht ausgebildetes Personal, funktionierende Führungssysteme, eine robuste Instandsetzungs- und Ersatzteilkette und vieles mehr. Deshalb müssen wir Fähigkeitsaufbau natürlich grundsätzlich systemisch denken. Gleichzeitig arbeiten wir derzeit unter derart hohem Zeitdruck, dass wir manchmal darüber nachdenken müssen, ob es nicht wichtiger ist, schon einmal den Rohbau fertigzustellen, ehe wir den Wohnungsschnitt im dritten Stock festlegen. Das bedeutet, dass ich mir gut vorstellen kann, schon einmal Strukturen aufzubauen, die wir materiell, technologisch, personell dann erst Zug für Zug ausgestalten. Oder wir zur Ausgestaltung zunächst auf technologische Brückenlösungen zurückgreifen, ehe wir die Waffensysteme bekommen, mit denen wir unsere Zielvorstellung realisieren. Jedes Interim ist besser als eine Attrappe und trägt aktiv zur Abschreckung bei.
