Nachgefragt bei … Generalleutnant Alexander Sollfrank, Befehlshaber Operatives Führungskommando der Bundeswehr
Herr General, wie beurteilen Sie ein Jahr nach der Erreichung der vollen Einsatzbereitschaft des Operativen Führungs kommandos der Bundeswehr (OpFüKdoBw) die aktuelle Leistungsfähigkeit Ihres Verantwortungsbereiches?
Die Aufgaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr und des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr konnten zeitgerecht und vor allem bruchfrei übernommen werden. Angesichts der herausfordernden Sicherheitslage keine Selbstverständlichkeit. Eine ganze Reihe von Aufgaben sind seitdem dazugekommen. Das OpFüKdoBw hat sich seit der vollen Einsatzbereitschaft im April 2025 zwischen dem Bundesministerium der Verteidigung auf strategischer Ebene und den Dimensionskommandos beziehungsweise den funktionalen Kommandos auf taktischer Ebene etabliert. Wir sind auf operativer Ebene voll im „Geschäft“! Dass dies so gelungen ist, ist keineswegs selbstverständlich. Ich möchte an dieser Stelle meiner „Truppe“ ein Kompliment machen. Nur durch Einsatzwillen, Professionalität und ein durch Vertrauen geprägtes Miteinander war dies möglich.
Das Führungskommando ist bei der operativen Führung die Mittlerin zwischen den politischen Zielen der strategischen Ebene und dem taktischen Handeln vor Ort. Ist Ihre Funktion als Stellvertreter des Generalinspekteurs hier hilfreich?
Ja, das würde ich schon sagen. Die Funktion stärkt mich in meiner Rolle als Befehlshaber und gleichzeitig hat der Generalinspekteur einen weiteren unmittelbaren Unterstützer in der Wahrnehmung seines umfangreichen Aufgabenbereichs.
Worauf liegt aktuell das Hauptaugenmerk des Befehlshabers und wo haben Sie Schwerpunkte gesetzt?
Ich möchte drei Punkte aus einer sehr breiten Themenpalette herausgreifen, die mir sehr wichtig sind:
Erstens, wir müssen operative Planung und Führung etablieren. Dazu gehört, eine operative Prognosefähigkeit zu entwickeln. Es geht darum, zu antizipieren und zu prognostizieren, was unsere Gegner perspektivisch, zum Beispiel in drei oder zwölf Monaten, beabsichtigen. Dazu gehört, ein operatives Lagebild herzustellen und aktuell zu führen. Hierin werden die militärischen Teillagebilder der Dimensionen, zum Beispiel der Dimension See, beziehungsweise der funktionalen Bereiche, zum Beispiel das logistische Lagebild, integriert. Zweck des Ganzen ist es, Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, dem Agieren gegnerischer Akteure etwas entgegensetzen zu können. Hierfür brauchen wir Vorlauf. Dazu gehört auch, dass wir Planungsmechanismen entwickeln, die unter anderem synchronisiert sind mit jenen der NATO, aber vor allem dafür sorgen, dass die Dimensionen und funktionalen Bereiche in ihren Verantwortungsbereichen koordiniert und strukturiert arbeiten können. Dazu haben wir unsere Planungszyklen konsequent an der NATO ausgerichtet, Prozesse und Entscheidungswege gestrafft, für eine effiziente und effektive Führung auf operativer Ebene. Und schließlich müssen wir uns zu einem „Warfighting Headquarters“ entwickeln. Das heißt, alles, was wir tun und wie wir es tun, muss kriegstauglich sein, muss taugen für den „Fight tonight“, wie die NATO dazu sagt.
Zweitens, wir müssen unsere Verteidigungsfähigkeit schärfen. Wir müssen „stacheliger“, das bedeutet resilienter, werden gegenüber hybriden Angriffen wie beispielsweise Cyberattacken oder Sabotage kritischer Infrastruktur oder Desinformationskampagnen. Das Risiko muss für einen Angreifer steigen. Wir müssen unsere Verteidigungspläne fortentwickeln, implementieren und üben. Dazu gehört es auch, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die Notwendigkeit unserer Verteidigungsanstrengungen zu schaffen, auch wenn diese mit Einschränkungen verbunden sind, zum Beispiel bei Großübungen wie „Steadfast Dart“ oder „Quadriga“. Sie dienen dem Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen und Bürger. Wir müssen mit unseren Aktivitäten einen Angriff Russlands abschrecken. Dies gelingt nur, wenn all unsere Maßnahmen glaubwürdig sind. Ohne Glaubwürdigkeit funktioniert keine Abschreckung. Das bedeutet, wir brauchen Pläne, wir brauchen Truppe, voll ausgestattet und ausgerüstet. Am besten voll trainiert. Und wir brauchen ganz viel Munition sowie eine funktionierende Logistik. Ohne das kann Abschreckung nicht glaubwürdig sein.
Drittens, wir brauchen im Kommando ein gutes Miteinander. Die „kleinen Kampfgemeinschaften“ zum Beispiel in unserer Operationszentrale oder in den Planungsgruppen müssen über Kohäsion und gegenseitiges Vertrauen verfügen. Dies halte ich ebenfalls für essenziell. Denn nur wenn das Klima stimmt, überwinden wir herausfordernde Situationen. Diese beschriebenen Prozesse sind allesamt noch nicht abgeschlossen. Wir haben viel erreicht, aber wir können immer noch besser werden. Dieses Bestreben, immer besser zu werden, ist Teil unserer Professionalität. Zeit ist der limitierende Faktor.
