Der zweite Platz im Krieg ist nicht anzustreben!

BrigGen Andreas Steinhaus im Interview mit HHK-Chefredakteur Michael Horst. (Foto © Bw/Benjamin Bendig)
BrigGen Andreas Steinhaus im Interview mit HHK-Chefredakteur Michael Horst. (Foto © Bw/Benjamin Bendig)

Interview mit Brigadegeneral Andreas Steinhaus,General der Infanterie und Kommandeur der Infanterieschule

Herr General, Sie haben Ihre Position an der Infanterieschule in einer Zeit rapider Umbrüche in der Bundeswehr übernommen. Vor welchen wesentlichen Herausforderungen steht Ihr Verantwortungsbereich aktuell?

Ich bin 1987 in die Streitkräfte eingetreten, als der Kalte Krieg in aller Munde war. Wir haben dann die Zeit der Einsätze gehabt und jetzt die Rückkehr mit klarem Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Das führt dazu, dass wir auch unsere Ausbildung neu fokussieren. Für mich ist die wesentliche Leistung, dass wir hier den Führernachwuchs der Infanterie ausbilden. Der Kern ist, dass wir in zwei wesentlichen Bereichen die Grundlage dafür legen, dass wir auch zukünftig mit unseren Streitkräften bestehen werden.

Auf der einen Seite das Handwerkszeug. Das ist das, was ich die Grundlage der Siegfähigkeit nenne. Und auf der anderen Seite den Willen, die Motivation, den Kampf aufzunehmen. Mit dem Können und den militärischen Fähigkeiten kann ich gewinnen und erst mit dem Willen werde ich mich dem Kampf überhaupt stellen. Der entscheidende Punkt für mich ist, dass wir im Bereich Handwerkszeug Altbewährtes behalten, aber an die modernen Kriegsbilder anpassen. Wir müssen diese Dinge zusammenführen, um damit in der Lage zu sein, am Ende auch gewinnen zu können. Denn der zweite Platz im Krieg ist nicht anzustreben. Von daher ist das Handwerkszeug und dessen Weiterentwicklung für mich von entscheidender Bedeutung.

Der zweite Fokus ist: Was bringt den jungen Menschen dazu, nicht nur zu uns zu kommen, sondern sich auch im Zweifelsfall dem Kampf zu stellen und dann noch den Willen aufzubringen zu sagen: Ich gehe in diesen Kampf und ich führe diesen Kampf bis zum Ende, bis ich mich durchgesetzt habe. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft etwas, was wir ausbilden und ausprägen müssen.

Wir bilden auch Spezialisten aus, sei es im Bereich militärischer Nahkampf, sei es im Bereich der Einzelkämpfer, sei es im Bereich der Schießlehre. Zu dieser Schule gehören darüber hinaus unsere beiden Außenstellen. Das ist zum einen die Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald und zum anderen die Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt mit allem, was mit dem Bereich Lufttransport und Fallschirmsprung einhergeht. In diesen Schulen bilden wir in den Spezialisierungen Alleinstellungsmerkmale ab, wie unter anderem den Kampf in der Arktis, Kampf im besonderen geografischen Umfeld oder eben auch die vertikale Umfassung beziehungsweise den Lufttransport.

Wo legen Sie als Verantwortlicher für die Truppenausbildung und -ausrüstung der deutschen Infanterie Schwerpunkte?

Im Kern kommt es derzeit darauf an, zwischen zwei wesentlichen Linien zu balancieren. Die Erhöhung der Einsatzbereitschaft auf der einen und den Aufwuchs auf der anderen Seite. Beides greift auf dieselben Ressourcen zu und viel von dem, was ich in den Aufwuchs investiere, steht mir für die Einsatzbereitschaft aktuell nicht zur Verfügung. Genau dieses Ausbalancieren führt dazu, dass wir uns im Rahmen der Lehrgangslandschaft sehr genau überlegen, was für die zukünftige Kriegstauglichkeit und Siegfähigkeit wesentlich ist.

Wir fokussieren daher sehr stark auf die Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder und werden Einzelausbildung, wie beispielsweise im Bereich der Scharfschützenausbildung, wo wir bisher lehrgangsgebunden nicht nur die Schießlehrer, sondern auch die Scharfschützen selbst ausgebildet haben, wieder in die Truppenausbildung zurückgeben. Das ist eine Entwicklung, die wir während der Phase der Einsatzkontingente beobachten konnten: Wir haben sehr viel von dem, was früher Truppenausbildung war, an die Truppenschulen gegeben und sehr hoch spezialisiert. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen sage ich: Wir müssen uns in der lehrgangsgebundenen Ausbildung wieder auf die wesentlichen Inhalte fokussieren.

Die Infanterieanteile der mittleren Kräfte werden zunehmend mechanisiert. Wo liegen aus Ihrer Sicht die wesentlichen fortbestehenden Unterschiede zwischen den Panzertruppen und der Infanterie?

Wenn wir die Kräftekategorien des Heeres betrachten, haben wir die leichten Kräfte, wir haben die mittleren Kräfte und wir haben die schweren Kräfte. Der entscheidende Punkt der leichten und der mittleren Kräfte ist, dass sie so aufgestellt und konzipiert sind, dass sie nach einer strategischen Verlegung ohne eine größere Phase des Zusammenführens von Material und Kräften unmittelbar in einen Einsatzauftrag gehen können.

Das ist auch, was Ausbildung angeht, für uns der Schwerpunkt der mittleren Kräfte, die sowohl von ihrem Mindset als auch von der Art und Weise, wie sie agieren, gut vergleichbar sind mit den leichten Kräften. Die einen steigen in ein Flugzeug und steigen aus diesem Flugzeug in welcher Art auch immer aus oder werden angelandet, sind dann vor Ort einsetzbar und gehen unmittelbar in den Einsatz. Die anderen, unsere mittleren Kräfte, steigen im Prinzip zum Beispiel in Schwarzenborn in ihre Boxer, rollen über 1.200 Kilometer entweder an die Nordost- oder an die Südostflanke, gewinnen dort aus der Bewegung einen Einsatzraum und würden unmittelbar einen Einsatzauftrag übernehmen können.

Wenn wir in den Einsatzverbund der schweren Kräfte gehen, haben wir ja nicht umsonst die Panzerbrigade in Litauen vorstationiert. Weil wir wissen, wenn ich die wirklich durchsetzungsfähigen Heereskräfte – ich sage mal den „Hammer des Heeres“ – irgendwo einsetzen muss, dann brauche ich sonst eine deutlich längere Zeitspanne und einen höheren Aufwand für die Verlegung.

Das Interview lesen Sie in Ausgabe 2/26 des HHK!

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