Cuxhaven kann und will den Aufwuchs der Bundeswehr unterstützen

Die Kasernentore sollen sich wieder öffnen: Cuxhavens Oberbürgermeister Uwe Santjer hofft auf eine Rückkehr der Bundeswehr nach Altenwalde. (Foto: Stadt Cuxhaven)
Die Kasernentore sollen sich wieder öffnen: Cuxhavens Oberbürgermeister Uwe Santjer hofft auf eine Rückkehr der Bundeswehr nach Altenwalde. (Foto: Stadt Cuxhaven)

Interview mit Uwe Santjer Oberbürgermeister der Stadt Cuxhaven

Die Bundeswehr soll wachsen. Dafür werden zusätzliche Kasernen benötigt. Das BMVg prüft daher u.a. die Reaktivierung der bis 2014 genutzten ehemaligen Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Cuxhaven-Altenwalde. Darüber sprachen wir mit Uwe Santjer, seit 2019 Oberbürgermeister der Stadt Cuxhaven.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, Sie kommen aus Altenwalde, sind mit der Kaserne als junger Mensch groß geworden. Wie haben Sie damals die Situation erlebt?

Schon als Kinder waren wir in Altenwalde mit dem Kasernengelände vertraut. Es war für uns spannend, die Soldatinnen und Soldaten mit ihrer Ausrüstung und ihren Panzern bei Übungen im Gelände zu beobachten. Die Bundeswehr gehörte zu unserem Alltag und prägte unsere Kindheit mit.

Später kamen immer wieder Kinder aus Soldatenfamilien neu an unsere Schule. Daraus entstanden Freundschaften, die sich auch im Vereinsleben fortsetzten. Als Fußballer warteten wir stets gespannt darauf, ob unter den neu stationierten Soldaten ein guter Spieler war, den wir für unseren Verein gewinnen konnten.

Die Dorfbevölkerung stand in vielen Lebensbereichen mit der Bundeswehr in Kontakt, in der Schule, im Verein und später auch in Restaurants, Kneipen oder der Diskothek. Dabei entstanden zahlreiche Freundschaften. Einige Soldaten engagierten sich zudem aktiv im Gemeinwesen.

Insgesamt sind meine persönlichen Erinnerungen sehr positiv. Ich glaube, dass viele Cuxhavenerinnen und Cuxhavener diese Zeit ähnlich erlebt haben, als eine Bereicherung für die gesamte Stadt

In der nach dem ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten benannten Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne im Cuxhavener Ortsteil Altenwalde waren schwerpunktmäßig Verbände und Einheiten der Panzergrenadierbrigade 7 stationiert, so u.a.

  • PzGrenBtl 71 (alt), 1959 aufgestellt, 1980 umbenannt/umgeliedert in PzGrenBtl 73,
  • PzGrenBtl 71 (neu, teilgekadert), 1980 aufgestellt, aufgelöst 1992,
  • PzGrenBtl 72, 1959 aufgestellt in Seedorf, ab 1963/64 in Altenwalde, Auflösung 2003,
  • PzGrenBtl 73, 1980-1992 (s.o.),
  • PzBtl 73 (na), 1992-2003,
  • PzBtl 74, aufgestellt in Seedorf 1959, 1963 verlegt nach Altenwalde, aufgelöst 2003, sowie
  • seit 1979 die PzJgKp 70, Auflösung 1996.

(Quelle: ZMSBw)

Die Liegenschaft wurde 2014 aufgegeben, danach zeitweise als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt.

 

Wie war es, als die Kaserne 2014 aufgelöst wurde?

Die Präsenz der Bundeswehr hatte den Ort über viele Jahre geprägt. Nach der Schließung nutzte der Bund – konkret die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) – die Gebäude nicht mehr. Sie verfielen zunehmend. Für die Menschen im näheren Umfeld war das weder nachvollziehbar noch akzeptabel.

Mit dem Abzug der Bundeswehr ging die Nachfrage in vielen Bereichen deutlich zurück, im Einzelhandel, in Restaurants und Diskotheken, bei Freizeitangeboten. Auch das Vereinsleben litt darunter. Das veränderte den Ort spürbar. Der Bäcker und der Schlachter um die Ecke konnten sich nicht mehr allein durch die örtliche Kundschaft tragen. Auch der Kaufmannsladen und mehrere Restaurants verschwanden aus Altenwalde. Der Ort bekam dadurch ein anderes Gesicht. Weiterhin ein sehr schönes, aber eben ein anderes.

Gleichzeitig wurde der Übungsplatz für die Bevölkerung besser zugänglich. Eine Möglichkeit, die wir als Einheimische gerne angenommen haben. Die frühere militärische Nutzung hat dort eine besondere Landschaft hinterlassen, die heute zur Biosphärenstadt Cuxhaven und zur Biosphärenregion Niedersächsisches Wattenmeer beiträgt. In der Cuxhavener Küstenheide, dem größten zusammenhängenden Heidegebiet auf dem Festland der deutschen Nordseeküste, findet sich eine große Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Als junger Mensch habe ich diesen besonderen Naturraum kaum wahrgenommen. Heute genieße ich ihn umso mehr.

In den vergangenen Jahren hat diese Entwicklung auch den Tourismus gestärkt. Cuxhaven hat rund 50.000 Einwohner und verzeichnet jährlich mehr als vier Millionen Übernachtungen. Besonders der Gesundheits- und Naturtourismus gewinnt an Bedeutung. Das ehemalige Bundeswehrgelände unterstützt dabei vielfältige Angebote: Radfahrerinnen und Radfahrer profitieren von der Verbindung zwischen Elbe- und Weser-Radweg, die Küstenheide ist ein attraktives Naherholungsgebiet und auch der Pferdetourismus nutzt Teile des früheren Militärgeländes.

 

(Foto © Wikipedia/Ra Boe/CC BY-SA 3.0 de)
(Foto: Wikipedia/Ra Boe/CC BY-SA 3.0 de)

Der Rat der Stadt Cuxhaven hat sich in einer Resolution für die Reaktivierung der Kaserne ausgesprochen. Wie ist es dazu gekommen?

Als sich in einem ersten Gespräch abzeichnete, dass Altenwalde wieder Bundeswehrstandort werden könnte, berieten wir in den zuständigen Gremien über unsere Haltung. Gemeinsam entschieden wir, die Reaktivierung der Kaserne ausdrücklich zu befürworten. Dies bekräftigte der Rat der Stadt Cuxhaven mit einer Resolution vom 4. Dezember 2025. Damit erhielt ich als Verwaltungschef zugleich den Auftrag, mit dem Bund über die Reaktivierung zu verhandeln. Mit der Resolution haben wir ein eindeutiges politisches Signal gesetzt: Cuxhaven will diesen Weg gehen.

Anschließend begannen Gespräche auf Arbeitsebene. Unabhängig davon, wie die Entscheidung ausfällt, bereiten wir uns so vor, dass wir unmittelbar handlungsfähig sind. Fällt die Entscheidung morgen, wollen wir übermorgen mit der Umsetzung beginnen können. Auch Minister Pistorius, den ich aus unserer gemeinsamen Zeit in Hannover gut kenne, habe ich mitgeteilt, dass wir den Aufwuchs der Bundeswehr unterstützen können und dazu bereit sind.

Wir sind eng in die Planungen eingebunden, haben einen festen Ansprechpartner im BMVg und arbeiten in gemeinsamen Arbeitsgruppen. Dadurch sind wir gut vorbereitet, unabhängig davon, ob künftig 1.700 oder 2.100 Soldatinnen und Soldaten aufgenommen werden sollen. Besonders positiv ist, dass wir offen über unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen sprechen können. Eine zentrale Frage lautet, welche Flächen für den vorgesehenen Ausbildungsbereich tatsächlich benötigt werden. Gemeinsam mit den Umweltverbänden prüfen wir, welche Gebiete für die Bundeswehr erforderlich sind und wieder militärisch genutzt werden können. Gleichzeitig suchen wir nach Lösungen, damit geeignete Flächen weiterhin als Naherholungsgebiet für die Bevölkerung und für touristische Angebote zur Verfügung stehen.

Hier finden Sie die Resolution des Rates der Stadt Cuxhaven.
Hier finden Sie die Resolution des Rates der Stadt Cuxhaven.

 

Gibt es auch andere Stimmen in Cuxhaven?

Der Rat hat seinen Blick nicht allein auf Cuxhaven gerichtet. Die aktuelle sicherheitspolitische Lage müssen wir sehr ernst nehmen. Ich hätte nie gedacht, noch einmal darüber nachdenken zu müssen, wie wir unser Land verteidigen. Als jemand, der selbst nicht gedient hat, hätte ich ebenso wenig erwartet, mich einmal an die Spitze der Bewegung für eine Reaktivierung der Kaserne in Altenwalde zu stellen. Heute tue ich das aus Überzeugung.

Spätestens seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind dessen Folgen und die veränderte Bedrohungslage auch in Cuxhaven spürbar. Menschen aus der Ukraine haben hier Schutz gefunden, sich integriert und Familien gegründet, ihre Kinder besuchen unsere Schulen und Kindergärten.

Zögern wäre jetzt das falsche Signal. Wir haben keine Zeit für lange Grundsatzdebatten darüber, ob wir diesen Weg gehen wollen. Deshalb ist die Resolution so wichtig: Sie macht deutlich, dass die Stadt hinter der Reaktivierung steht – sowohl aus kommunaler Sicht als auch mit Blick auf die Verteidigung unseres Landes.

In meinen zahlreichen Gesprächen in der Stadt und den Ortsteilen ist die Kaserne seit einiger Zeit regelmäßig Thema. Dabei wurden kaum Zweifel an der Reaktivierung geäußert. Neben der Resolution des Rates nehme ich deshalb auch einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung wahr. Nur wenige Menschen weisen darauf hin, dass die Rückkehr der Bundeswehr möglicherweise mit einzelnen Einschränkungen verbunden sein könnte.

Die Cuxhavenerinnen und Cuxhavener haben erkannt, dass es um weit mehr geht als um mögliche wirtschaftliche Begleiterscheinungen, etwa die Wiedereröffnung eines Restaurants. Solche Impulse können später folgen, doch die eigentliche Aufgabe ist wesentlich größer.

Die Menschen in Cuxhaven sind es gewohnt, Verantwortung für Entwicklungen zu übernehmen, die über die Stadtgrenzen hinausreichen. Ich nenne das gern das Cuxhaven-Gen: Der eigene Kirchturm bleibt wichtig, aber zugleich richtet sich der Blick auf das große Ganze. Diese Bereitschaft, gemeinsame Verantwortung zu tragen, prägt die Haltung vieler Menschen hier.

Für den Neuen Wehrdienst sind derzeit zunächst einmal acht ehemalige militärische Liegenschaften identifiziert. Die Entscheidung über die Reaktivierung der ersten fünf für eine Nutzung durch das Heer ist gefallen (gelb unterlegt,). Darüber hinaus werden noch weitere Liegenschaften, wie die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Cuxhaven (voraussichtlich für die Marine), geprüft. (Foto © Bw)
Für den Neuen Wehrdienst sind derzeit zunächst einmal acht ehemalige militärische Liegenschaften identifiziert. Die Entscheidung über die Reaktivierung der ersten fünf für eine Nutzung durch das Heer ist gefallen (gelb unterlegt,). Darüber hinaus werden noch weitere Liegenschaften, wie die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Cuxhaven (voraussichtlich für die Marine), geprüft. (Foto © Bw)

Was erwartet die Soldaten mit ihren Familien?

Soldatinnen und Soldaten mit ihren Familien erwartet in Cuxhaven eine familienfreundliche Stadt mit hoher Lebensqualität und einer Bevölkerung, die der Bundeswehr offen und unterstützend gegenübersteht.

Nach einer schwierigen Phase entwickelt sich Cuxhaven in vielen Bereichen wieder positiv und stellt sich auf weiteres Wachstum ein. Allein im Hafen und im Offshore-Industriezentrum sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Viele Menschen, die der Stadt früher den Rücken gekehrt hatten, sind inzwischen zurückgekommen.

Bis sich die Kasernentore wieder öffnen, werden wir ausreichend Wohnraum geschaffen haben. Unsere neuen Wohnquartiere gehen über klassische Ein- und Zweifamilienhäuser hinaus und umfassen beispielsweise auch Tiny Houses. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft verfügt über mehr als 3.000 eigene Wohnungen und hat kürzlich weitere 100 Wohnungen zu einer Miete von weniger als sieben Euro pro Quadratmeter gebaut. Zudem planen wir im Zentrum Cuxhavens ein neues Quartier mit mehr als 450 Wohneinheiten, einen eigenen kleinen Ort mitten in der Stadt. Auch bei der Kinderbetreuung sind wir vorbereitet. Derzeit stehen mehr Kindergartenplätze zur Verfügung, als benötigt werden. Unser Ziel ist, dass jede neu zuziehende Familie sofort einen Betreuungsplatz erhält.

Cuxhaven bietet ein lebendiges Vereins- und Freizeitangebot von klassischen Ballsportarten über Reiten in Wald, Wiesen und Watt bis hin zum Wassersport. Besonders beliebt ist derzeit das Kiten. In der Beach-Arena am Strand spielen an den Wochenenden mehrere Hundert, überwiegend junge Menschen Volleyball oder Fußball. Als nächstes Projekt ist Polo mit Pferden am Strand geplant. Wer sagt, in Cuxhaven sei nichts los, kennt die Stadt nicht richtig.

Cuxhaven ist ein beliebter Tourismusstandort, weil das Meer, die Landschaft und das Klima einen hohen Erholungswert bieten. Zugleich sind die Wege kurz: Alle Ziele in der Stadt lassen sich bequem mit dem Fahrrad erreichen. Der Tourismus bringt auch ein wachsendes Kulturangebot mit sich. Dazu gehören Konzerte und Veranstaltungen am Strand. Über Pfingsten fand beispielsweise ein viertägiges Klassikkonzert mit international bekannten Künstlerinnen und Künstlern statt, die sonst etwa in der Elbphilharmonie auftreten.

Immer mehr Menschen ziehen auch wegen des Seeklimas nach Cuxhaven. Die globale Erwärmung ist eine ernste Bedrohung; an der Elbmündung sorgt die frische Brise jedoch für vergleichsweise angenehme Bedingungen. Meerwasser und salzhaltige Luft werden zudem als wohltuend empfunden. Auch das Radfahren tut Gesundheit und Umwelt gut. Das Wegenetz ist hervorragend ausgebaut, sodass man alles bequem erreichen kann. Die Stadtverwaltung verfügt über mehr Dienstfahrräder als Dienstwagen. Von meinem Zuhause in Altenwalde bis zum Rathaus sind es sechs Kilometer. Auf dem Rückweg fahre ich gern am Strand und Deich entlang und durch den Wald; dann werden daraus 25 Kilometer. Nach sieben Jahren im niedersächsischen Landtag mit regelmäßigen Fahrten nach Hannover weiß ich diese Lebensqualität besonders zu schätzen.

Im Rathaus der Stadt Cuxhaven stellte sich Oberbürgermeister Uwe Santjer (re.) den Fragen von Burghard Lindhorst. (Foto © Stadt Cuxhaven)
Im Rathaus der Stadt Cuxhaven stellte sich Oberbürgermeister Uwe Santjer (SPD, rechts im Bild) den Fragen von Burghard Lindhorst. (Foto: Stadt Cuxhaven)

Sie gehen also optimistisch an die Sache heran…

Ja, und mein Appell lautet: Lasst uns weniger klagen und stattdessen offen, zuversichtlich und mit etwas Mut in die Zukunft blicken. Natürlich stehen wir vor existenziellen Herausforderungen, insbesondere dem Klimawandel und dem Krieg. In Cuxhaven verlieren wir beides nicht aus dem Blick. Im Mittelpunkt stehen für uns der Frieden, ein gutes Miteinander und der Schutz der Natur. Deshalb setzen wir auf erneuerbare Energien und engagieren uns für das Weltnaturerbe Wattenmeer. Und die Menschen, die mit der Bundeswehr nach Cuxhaven kommen, werden zugleich einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des Friedens leisten.

Die Cuxhavener Bevölkerung fühlt sich der Kaserne und den dort tätigen Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Beschäftigten eng verbunden. Sie und ihre Familien sind uns herzlich willkommen.

Sehr geehrter Herr Santjer, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Burghard Lindhorst

Hier lesen Sie die aktuellen Ausgaben.

Aktuelle Beiträge lesen Sie bei Soldat & Technik

Verwandte Themen:

Airbus Defence and Space hat im Rahmen der NATO-Übung Spartan Arrow 26 auf Kreta wichtige Elemente der binationalen Luftverteidigung...

Das BAAINBw hat am 12. Oktober mit dem finnischen Unternehmen Marine Alutech Oy Ab einen Vertrag zur Beschaffung von...

Multinationale Übung: So real wie nur möglich Während ihres Marsches bemerken Soldaten plötzlich „ortsfremden Geruch“. ABC-Alarm wird ausgelöst, denn...

Weitere Nachrichten
HHK+ Vorteile nutzen
mockup complete

Erhalten Sie jetzt einen Zugang zu den HHK+ Artikeln & Magazinen vom Hardthöhen-Kurier

Aktuelle Magazine
Partner & Anzeigen
Partner unsere Sonderpublikationen