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Militärische Bekleidung: Auf die optimale Abstimmung der Faktoren Tragekomfort, Schutz und Haltbarkeit kommt es an Interview mit Thomas Meyer, Key Account Manager Military, W. L. Gore & Associates GmbH

Sehr geehrter Herr Meyer, was kennzeichnet militärische Bekleidung? Welchen besonderen Kriterien muss sie entsprechen? Der Unterschied zwischen ziviler und militärischer Bekleidung liegt darin, dass man drei wesentliche Kernforderungen aufeinander abstimmen muss: Das sind der Tragekomfort, die Haltbarkeit und der Schutz. Das ist das Spannungsfeld, in dem man sich bewegt. Nehmen wir den Tragekomfort: Hier sind das Gewicht, die Wasserdampfdurchlässigkeit des Materials und die Beweglichkeit wesentliche Faktoren. Beim Schutz geht es beispielsweise um die Tarnung, den Vektorenschutz bei der Kampfbekleidung und den Schutz vor der Witterung. Bei der Haltbarkeit sprechen wir insbesondere von der Wasch- und Pflegebeständigkeit, Abriebfestigkeit, Scheuerbeständigkeit und der Unempfindlichkeit vor UV-Licht. Um alle diese Forderungen optimal einzustellen, muss man Kompromisse eingehen. Wenn man weit in die Zukunft schaut, dann werden auch Themen wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung eine Rolle spielen. Wie können wir künftig Sensorik und Elektronik in Textilien und Bekleidungssysteme integrieren? Da spricht man auch von modernen Smart Textiles als militärische Bekleidung der Zukunft. Aber auch hier ist man wieder mitten in diesem Spannungsfeld der optimalen Abstimmung mit Schutz, Haltbarkeit und Tragekomfort.

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Anprobe: Thomas Meyer (li.) in einem neuen GORE-TEX Stretch Concept Anzug und Chefredakteur Burghard Lindhorst im GORE-TEX Schneetarnanzug von Carinthia. (Foto ©GORE)

Schauen wir uns das mal konkreter an: Die größte Teilstreitkraft ist das Heer. Ein wichtiger Auftrag, der jetzt wieder bevorsteht, ist die VJTF. Wie sieht es da mit der Bekleidung aus? Wir haben noch die letzte VJTF von 2018 bis 2020 mit der großen Übung in Norwegen in Erinnerung. Für diese Einsatzszenarien bei kalter Witterung haben wir den Schneetarnanzug, beweglicher Einsatz aus bewährtem GORE-TEX-Material mit einem langjährigen Gore-Partner entwickelt und konfektioniert. Das ist die Firma Goldeck-Carinthia in Kärnten. Mit diesem Gore-Partner zusammen statten wir die Spezialkräfte, die Gebirgstruppe und die VJTF aus. Sehr modernes Material mit einer funktionellen Schnitttechnik. Die Rückmeldungen aus der Truppe sind sehr gut. Der Anzug erfüllt seinen Einsatzzweck. Dazu kommen noch weitere Bekleidungs- und Ausrüstungsteile, wie z. B. Schlafsackhüllen, Kampfstiefel, Handschuhe und auch der Kälteschutz, wo wir mit GORE WINDSTOPPER(R)-Außenmaterial und den besonders isolierenden G-Loft(R)-Fasern von Carinthia arbeiten. Eine sehr gelungene Kombination.

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Gebirgsjäger im Schneetarnzug während der Übung „Cold Response 2020“ am Polarkreis in Norwegen (Foto ©Bw/Maximilian Schulz)

Wie sieht es für die Besatzungen der Marine aus? Schon vor einigen Jahren haben wir in enger Zusammenarbeit mit der Marine den Bordparka entwickelt. Das dauerte nur drei Jahre. Seit 2006 liefern wir das Laminat für diesen Bordparka an die Marine. Es kommen immer wieder neue Ausschreibungen dazu, wie auch aktuell, wo wir uns wieder bewerben werden. Das Spezielle bei diesem Bordparka ist nicht nur der gute Wetter- und Kälteschutz. Hier kommt auch ein GORE-TEX-Material zum Einsatz, das einen hervorragenden Hitze- und Flammschutz bietet. Beim Beschaffungsprozess liegt die Herausforderung insbesondere in der Beschaffung des Aramid-Oberstoffes. Das muss man sehr langfristig planen, da die Versorgungskette einen sehr langen Vorlauf braucht. Hier kann man nicht eben mal schnell in zwei Monaten eine Lieferung erwarten. Diese Fasern sind nicht so schnell in den von der Bundeswehr geforderten Farben auf dem Weltmarkt verfügbar..

Neu ist das Thema Stretch. Ja, die neue GORE-TEX Stretch-Technologie haben wir gerade auf der internationalen Verteidigungsmesse Milipol 2021 in Paris vorgestellt. An der Entwicklung dieser Technologie haben wir mehrere Jahre gearbeitet, eng abgestimmt mit Soldaten. Optimaler Tragekomfort mit gewohnt hoher Haltbarkeit und hohem Schutz: Das war die Herausforderung. Auch die Geräuschminimierung spielt eine Rolle. Beim neuen GORE-TEX Stretch handelt es sich um die erste Textiltechnologie für militärische Einsatzkleidung, die maximale Bewegungsfreiheit ermöglicht und gleichzeitig thermische Belastungen für Soldatinnen und Soldaten reduziert. Die Ergebnisse aus den ersten Trageversuchen mit dieser neuen Stretch-Technologie zeigen, dass wir dort auf einem guten Wege sind. Im Zuge dieser Produkteinführung haben wir uns auch Gedanken gemacht, wie ein Nässeschutz der Zukunft aussehen könnte, noch besser abgestimmt auf das ganze Trage- und Ausrüstungssystem des Soldaten. Hier ist die Idee eines taktischen Nässeschutzes entstanden, der von der Schnitttechnik viel enger am Körper anliegt, auch unter ballistischen Schutzwesten getragen werden kann und trotzdem noch ausreichend Bewegungsfreiheit bietet.

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Im Bordparka: Die Besatzung des Minenjagdbootes M 1062 „Sulzbach-Rosenberg“ befreit das Deck vom Eis. (Foto©Bw/Jane Schmidt

Und wo geht generell der Trend hin? Wir haben auch schon ein Material für die Kampfbekleidung, wo es um den Hitze- und Flammschutz geht. Es ist bereits seit 2016 eingeführt bei den Spezialkräften der Bundeswehr. Wir nennen das „PYRAD“-Technologie. Auch hier geht es darum, einen möglichst hohen Tragekomfort mit Schutz und Haltbarkeit zu verheiraten. Eine Technologie, wo wir nicht mit Aramiden arbeiten, sondern diese PYRAD-Technologie wie eine Art Sandwich-Konstruktion zwischen den Lagen eines Verbundmaterials aus synthetischen Fasern, wie Polyester oder Polyamid, haben. In dem Moment, wo eine Flamme auf den Oberstoff trifft, kann man sich das so wie einen Airbag vorstellen. Der Oberstoff bricht auf, es findet lokal eine Verkohlung statt. Das Material fängt also nicht an zu brennen und hält die geforderten zehn Sekunden die Flammen ab. Auch das Thema Schutz vor Flammen und Hitze wollen wir noch mehr mit der Bewegungsfreiheit und leichteren Materialien in Einklang bringen. Also erneut: Tragekomfort bei möglichst großem Schutz und Haltbarkeit.   Ein weiterer Trend, wenn unsere Soldaten zum Beispiel wieder in Nordnorwegen eingesetzt werden, ist die Verbesserung der Isolation bei Kampfstiefeln. Mit dem Material THERMIUM haben wir eine innovative Isolationsschicht gefunden, die optimal in das Schuhwerk und auch in die Handschuhe eingearbeitet werden kann. Kalte Füße bei Soldaten sollten künftig mit dieser Technologie kein Thema mehr sein.  

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Soldaten vom Kommando Spezialkräfte im schwerentflammbaren Einsatzkampfanzug im Hubschrauber H145M LUH SOF. (Foto  ©Bw/Maximilian Schulz)

Danke für den Blick in die Zukunft. Aber wie lange dauert es, bis diese Verbesserungen wirklich beim Soldaten ankommen? Aus externer Sicht betrachtet, dauert das viel zu lange! Beispiel Nässeschutz: Die erste Generation wurde Anfang der 1990er-Jahre in die Bundeswehr eingeführt. Im Zuge des Infanteristen der Zukunft und des Kampfbekleidungssystems Einsatz/Übung, das war so 2006, wurde dann die zweite Generation GORE-TEX Membrane konzipiert und über diese beiden Programme eingeführt. Seit 2019 findet die querschnittliche Ausstattung der Truppe statt. Erst 2026/2027 wird das beendet sein. Dieser Generationswechsel hat also 20 Jahre gedauert. Wenn man in diesem Tempo weiter macht, wird die Truppe mit der dritten Generation, unsere GORE-TEX Stretch-Technologie, in 20 Jahren ausgestattet sein. Zu diesem Zeitpunkt natürlich längst nicht mehr der Stand der Technologie.

Wie machen es andere Armeen? Nach 13 Jahren als aktiver Soldat und über 20 Jahren bei Gore, zuständig für die Bekleidung der deutschen, schweizerischen, österreichischen und niederländischen Armee, habe ich folgende Erfahrungen gemacht: Die anderen machen es zentralisierter, mit wenigen Ansprechpartnern und pragmatischer. Da läuft es in der Tat deutlich schneller, flexibler und effizienter. Ein Beispiel sind die Niederlande, mit denen das Deutsche Heer sehr eng zusammenarbeitet. Sie gestalten ihre aktuelle Ausschreibung des Defence Operational Clothing Systems DOCS so, dass man den Auftrag über einen Zeitraum von acht Jahren an eines der sich bewerbenden Industriekonsortien vergibt und von dem off the shelf, also marktverfügbare Produkte, zunächst in einer kleineren Stückzahl beschaffen wird. Die werden dann die ersten zwei Jahre in der Truppe getestet, Optimierungsbedarf festgestellt und verbessert. Nach rund drei Jahren geht man dann in die größere Beschaffung, die technologisch auch in den folgenden Jahren weiterentwickelt wird, um sie auf den möglichst neuesten Stand zu bringen.  

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Design Konzept eines „taktischen Nässeschutzes“ aus GORE-TEX Stretch-Technologie. (Foto ©GORE)

Und bei der Bundeswehr… … kenne ich einen solchen Prozess nicht. Hier sind viele Dienststellen involviert, die teilweise ganz unterschiedliche, nicht koordinierte Sichtweisen und Forderungen haben. Die Verantwortung wird auf viele Schultern verteilt. Mein persönlicher Eindruck: Vor etlichen Jahren noch war der Nutzer, der Soldat, im Zentrum aller Überlegungen. Heute habe ich oft den Eindruck, dass juristische Absicherung mehr im Vordergrund steht. Dabei ist zum Beispiel die Aufstellung des Test- und Versuchsverbandes in Munster ein guter Schritt in die Zukunft. Hier könnte man doch auch neue Bekleidung und persönliche Ausrüstung erproben. Das wäre zielorientiert, sowohl für den Nutzer als auch die Industrie. Natürlich wird man nie neue Innovationen sofort in eine Beschaffung umwandeln. Aber der zeitliche Abstand muss deutlich verkürzt werden. Die ganzen Prozesse sollten um den Nutzer herum so gebaut werden, dass die Beschaffung schneller, einfacher und effizienter wird.

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für das interessante Gespräch!

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