F-35A Die Luftwaffe an der Schwelle zur „5th Gen“

Die Luftwaffe soll 35 F-35A erhalten. (Foto © Björn Trotzki)
Die Luftwaffe soll 35 F-35A erhalten. (Foto © Björn Trotzki)

Aufstieg in die Champions League der 5th-Gen-Fighter

Die Luftwaffe wird in wenigen Monaten den „Next Level“ bei bemannten Kampfflugzeugen erreichen. Die Fertigstellung der ersten deutschen F-35A steht unmittelbar bevor. Noch in diesem Jahr wird sie die Produktionslinie bei Lockheed Martin in Fort Worth verlassen. Die ersten Soldatinnen und Soldaten haben bereits systemspezifische Ausbildungslehrgänge absolviert, viele weitere werden in den kommenden Monaten folgen.

Ein Rückblick: Am 14. März 2022 hat das Bundesministerium der Verteidigung die Entscheidung zur Beschaffung der F-35A als Nachfolger für den bewährten Tornado, insbesondere in der Rolle der Nuklearen Teilhabe (NT), bekannt gegeben. Eine lange Phase der Unsicherheit in Bezug auf die Fortführung der Nuklearen Teilhabe hatte damit im Schatten des gerade entbrannten Krieges in der Ukraine ein Ende gefunden. Neun Monate später, am 14. Dezember 2022, wurde der Vertrag mit der US-Regierung schlag zur Beschaffung von 35 Kampfflugzeugen des Typs F-35A geschlossen. Seit diesem Zeitpunkt laufen die Vorbereitungen zur Einführung des Waffensystems ununterbrochen und sozusagen „mit Nachbrenner“.

Zeitliche Reserven existieren nicht. Beschaffung, Fertigstellung der Infrastruktur und Ausbildung des Personals wurden auf frühestmögliche Verfügbarkeit getrimmt. Durchaus bemerkenswert ist dabei, dass die wesentlichen Projektmeilensteine so wie sie zum Projektstart 2022 festgelegt wurden, bisher nicht verschoben werden mussten. Das ist für ein Rüstungsprojekt dieser Größenordnung keine Selbstverständlichkeit und ist vor allem der engen Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, dem Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr und der Luftwaffe untereinander und einem sehr engen Austausch mit der US-Seite zu verdanken. Da die F-35 bereits in gut einem Dutzend Nationen eingeführt wurde, sind viele Prozesse weitgehend standardisiert und die Bundeswehr profitiert von den bisher im Programm gemachten Erfahrungen.

Die Fähigkeiten, die ein Kampfflugzeug der 5. Generation auszeichnet, haben sich mittlerweile in Kampfhandlungen bewährt, unter anderem durch den Einsatz gegen russische Drohnen im polnischen Luftraum im September 2025 durch niederländische Kampfflugzeuge und in der Abwehr iranischer Drohnen im März 2026 durch britische Jets über Jordanien. Leistungsfähige Sensorik, deren Daten für den Piloten gezielt aufbereitet, fusioniert, werden, ein höherer Grad der Vernetzung zwischen den Flugzeugen in einer Formation und Low Observability sind die wesentlichen Merkmale dieser Generation von Kampfflug zeugen. Der Betrieb eines solchen Systems bedeutet auch den Umgang mit neuesten Technologien im Bereich der Vernetzung und Signaturreduzierung. Damit einher geht die Notwendigkeit, kritische Informationen über die Systemfähigkeiten zu schützen und dafür Vorkehrungen in technischer und personeller Hinsicht zu treffen. Diese Vorkehrungen sind ein wichtiger Teil der Vorbereitungs- und Übergangsphase, zum Beispiel im Hinblick auf Organisationsstrukturen und infrastrukturelle Maßnahmen.

Staatssekretär Nils Hilmer signiert das Schott der ersten deutschen F-35A im Werk von Lockheed Martin in Fort Worth. (Foto © Lockheed Martin/Chris Hanoch)
Staatssekretär Nils Hilmer signiert das Schott der ersten deutschen F-35A im Werk von Lockheed Martin in Fort Worth. (Foto © Lockheed Martin/Chris Hanoch)

Im Herbst 2026 wird die erste deutsche F-35A mit dem taktischen Kennzeichen „35+01“ ausgeliefert werden. Sie wird auf dem Seitenleitwerk das Wappen des Taktischen Ausbildungskommandos der Luftwaffe in den USA tragen, da sie zusammen mit den sieben folgenden Jets zum Ausbildungsstützpunkt Ebbing Air National Guard Base in Fort Smith, Arkansas, überführt werden wird. In Fort Smith wird die Anfangsausbildung für die deutschen Piloten durch ein Fluglehrerteam erfolgen, das sowohl mit USAF- als auch mit Luftwaffenpiloten besetzt sein wird. Die ersten deutschen F-35A-Piloten wurden bereits ausgewählt. Dabei handelt es sich zunächst um erfahrene Tornadound Eurofighter-Piloten. Es ist wichtig, hier den Erfahrungsschatz von Piloten beider Flugzeugmuster einzubringen, da die F-35A als Multirole Fighter neben der NT-Rolle auch in verschiedensten konventionellen Rollen eingesetzt werden kann. So früh wie möglich, voraussichtlich Anfang 2029, werden dann aber auch junge Luftfahrzeugführer direkt im Anschluss an ihre fliegerische Grundausbildung auf F-35A geschult.

Etwa ein Jahr nach Überführung des ersten Jets nach Fort Smith  wird die erste F-35A für das Taktische Luftwaffengeschwader 33  in Büchel ausgeliefert und anschließend nach Deutschland überführt  werden. Die F-35-Flotten europäischer Betreibernationen  werden in den kommenden Jahren stark anwachsen. Zu Beginn  des nächsten Jahrzehnts werden voraussichtlich weit über 700  F-35A und F-35B in Europa betrieben werden und eine schlagzur kräftige 5th-Gen-Fighter-Force darstellen. Nach Ende der Auslieferung  der deutschen Luftfahrzeuge kann der Tornado 2030  außer Dienst gestellt werden.

Die Einführung eines neuen Kampfflugzeuges ist kein alltäglicher  Vorgang und kommt in der Luftwaffe nur etwa alle 20 Jahre  vor.Wie die Einführung des Tornado in den 1980er-Jahren  und der Beginn des Flugbetriebs mit Eurofighter in den frühen  2000er-Jahren bringt auch die F-35A Änderungen in den Organisationsstrukturen,  den Zusammenarbeitsbeziehungen und  der Ausbildungssystematik mit sich. Dabei kann sich die Luftwaffe  in vielen Bereichen auf die Erfahrungen anderer Nationen  im weltweiten F-35-Programm abstützen. Zwischen den  mittlerweile 20 Programmnationen gibt es einen strukturierten  Austausch, bei dem für die europäischen Nutzernationen trotz  einer oft beschriebenen Verschiebung der Prioritäten der US-Außenpolitik  die U.S. Air Force in Europe (USAFE) eine entscheidende  koordinierende Rolle wahrnimmt.

 

Die erste deutsche F-35A kommt in die Final Assembly Line von Lockheed Martin in Fort Worth. (Foto © Lockheed Martin/Chris Hanoch)
Die erste deutsche F-35A kommt in die Final Assembly Line von Lockheed Martin in Fort Worth. (Foto © Lockheed Martin/Chris Hanoch)

Die zentrale Rolle der USA im Programm sorgt aber auch regelmäßig  für Kritik und Warnungen vor möglichen Abhängigkeiten  vom transatlantischen Partner. Dass die vermeintliche Möglichkeit,  die Fähigkeiten der F-35 aus der Ferne einzuschränken, nur  ein Mythos ist, dürfte mittlerweile klar sein. Ebenso klar ist aber,  dass das F-35-Programm ein komplexes multinationales Projekt  mit vielschichtigen Abhängigkeiten unter den „stimmberechtigten“  acht Partnernationen und den mittlerweile zwölf FMS-Kunden  (Foreign Military Sales) ist. Als Beispiel sei hier die globale  Zuliefererstruktur genannt, an der auch deutsche Firmen unter  anderem mit der Rumpfmittelteilproduktion durch Rheinmetall  in Weeze beteiligt sind.

Aufgrund der großen Zahl an F-35 in Europa in der nahen Zukunft  ist es konsequent, wenn europäische Nutzernationen eigene Kapazitäten  aufbauen, beispielsweise um die Ausbildung des Personals  unabhängiger und zielgerichteter für den Betrieb in Europa  (zum Beispiel nach European Military Airworthiness Requirements,  EMAR) zu gestalten. Hier gibt es bereits zahlreiche laufende Initiativen  und weitere werden hinzukommen. Die große Zahl von Betreibernationen  ermöglicht es auch, dass einzelne Länder innerhalb  des Programms kooperieren, eigene Projekte aufsetzen und dabei  von Skaleneffekten profitieren. Hier wirkt die F-35 als Katalysator  für Kooperationsprojekte unter dem Dach des Gesamtprogramms.  So hat beispielsweise Norwegen die Entwicklung und Integration  der Joint Strike Missile (JSM) für die F-35 vorangetrieben, die nun  unter anderem auch von Deutschland beschafft wird. Und über  einen Regierungsvertrag mit Dänemark erhält die Luftwaffe ein  containerbasiertes Verlege-Kit.

Das sind alles ideale Voraussetzungen für die Umsetzung des  ACE-Konzepts (Agile Combat Employment) im NATO-Rahmen,  also die Fähigkeit, Luftmacht sowohl von den Heimatflugplätzen  als auch von Flugplätzen anderer Nationen oder Dispersed Locations  in den Einsatz zu bringen. Die Tatsache, dass 14 NATONationen  die F-35 beschaffen, ermöglicht einen hohen Grad an  Standardisierung bei Ausrüstung und Ausbildung im NATO-Bündnis.  Dabei gilt es, auch die Kampfflugzeuge der 4. Generation wie  den Eurofighter zu integrieren und ein möglichst hohes Maß an  Interoperabilität zu schaffen, um die Stärken beider Kampfflugzeuggenerationen  zu nutzen und einen schlagkräftigen Plattformmix  zu generieren. Mit den sich ergänzenden Fähigkeiten beider  Systeme ist die Luftwaffe bestens für die Zukunft gerüstet und  kann weiterhin einen wichtigen Beitrag zu glaubwürdiger Bündnisfähigkeit  und Abschreckung liefern.

Thomas Kullrich
Oberst i.G. Thomas Kullrich ist Beauftragter des Inspekteurs Luftwaffe für das  Waffensystem F-35A im Kommando Luftwaffe.

Den Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.

 

 

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