FCAS, MGCS und F128: Zwischen Goldrandlösung und Notkauf

Die Fregatte F128 auf Basis MEKO A-200 soll zügig den Platz des gescheiterten Projekts F126 einnehmen, beim Kampfflugzegprogramm FCAS steht ein Ersatz noch aus.
Die Fregatte F128 auf Basis MEKO A-200 soll zügig den Platz des gescheiterten Projekts F126 einnehmen.  (Foto © TKMS/KI generiert)

Anfang Juni beerdigten Deutschland und Frankreich nach jahrelangen Streitigkeiten der beteiligten Industrien beider Länder offiziell das Vorhaben, im Rahmen des FCAS-Programms gemeinsam ein Kampfflugzeug der 6. Generation zu bauen. Beim Land-Pendant Main Ground Combat System (MGCS) klingt die Sprache mittlerweile verdächtig nach der vorhergehenden Phase, in der man das Scheitern politisch nur noch nicht eingestehen wollte. Als letzter Paukenschlag zog Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius kürzlich den Stöpsel beim aus dem Ruder gelaufenen Fregattenprojekt F126, das einen wesentlichen Teil der deutschen Überwasserflotte im kommenden Jahrzehnt liefern sollte.

Als Ersatz sollen nun zügig acht kleinere F128 auf Basis des bereits vor einiger Zeit ins Spiel gebrachten Designs MEKO A-200 kommen. Allerdings wird in marinenahen Publikationen auch schon über den Zeit- und Kostenrahmen des zweiten Loses der Korvette 130 –  von dem vier Jahre nach dem geplanten Erstzulauf noch keine Einheit in Dienst steht – und des zweiten maritimen Prestigeprojekts, der Flugabwehrfregatte 127, geunkt. Das dämpft ein wenig die Hoffnung, dass nationale Bauprogramme schneller und unkomplizierter zum Ziel führen als multinationale Kooperationen wie FCAS und MGCS. Oder die an eine niederländische Werft als Hauptauftragnehmer vergebene F126.

Es weckt auch Vorsicht bei Ankündigungen, ein eigenes deutsches Kampfflugzeug der 6. Generation in einem Konsortium um Airbus zu entwickeln. Immerhin möglicherweise unter Einbeziehung der schwedischen Saab, die nach dem Rückzug aus dem britisch-italienisch-japanischen FCAS-Äquivalent GCAP bereits einige Vorarbeit geleistet hat. Ein Einstieg in GCAP selbst wäre zu diesem Zeitpunkt wohl hinsichtlich der Einbringung eigener Anforderungen und Sicherung von Produktionsanteilen schwierig. Beziehungsweise würde sich daran zeigen, wie dringend der Bedarf an einer realisierbaren 90-Prozent-Lösung gegenüber den Risiken von „100 Prozent Made in Germany“ eingeschätzt wird.

Foto Boes

Zumindest in der Domäne Land herrscht kein nationaler Mangel an lieferbaren Systemen und Entwicklungskompetenz, um eine mögliche Lücke beim Ausfall von MGCS zu überbrücken. Wiewohl sich Deutschland bei der schnellen Einführung weiterhin selbst im Weg zu stehen neigt, ersichtlich an dem durch diverse Anpassungen verzögertem Prozess etwa beim Schweren Waffenträger Infanterie und dem Flugabwehrsystem Skyranger, jeweils auf Boxer-Basis. Ein Problem, das auch der Fregatte 128 drohen könnte. Und als Rheinmetall kürzlich mit der GMF 140 (Guided Missile Frigate) den Entwurf seiner ersten Flugabwehrfregatte unter eigenem Namen vorstellte, wurde teils schon über einen Alternativvorschlag zur größeren F127 spekuliert.

Rheinmetall selbst spricht allerdings vom Zielmarkt Nordamerika, hat also möglicherweise Kanada im Blick. Oder sogar die USA, die mit dem „Constellation“-Projekt auf Basis des französisch-italienischen FREMM-Designs jüngst ihr eigenes Fregatten-Desaster erlebten. Wesentlicher Grund war hier ebenfalls die Anpassung an hohe nationale Anforderungen. Insbesondere an die Überlebensfähigkeit, was zu einer Spirale von Änderungen, Größen- und Kostenzuwächsen führte. Als anderes Extrem wird gegenwärtig ein Ersatz auf Grundlage der Küstenwachschiffe der „Legend“-Klasse der U.S. Coast Guard angestrebt, der neben der auch nicht höheren Überlebensfähigkeit vor allem für mangelnde Schlagkraft kritisiert wird.

Was potenziell zeigt: Auch mit den schnellen, einfachen  Lösungen kann man es übertreiben. Wobei meist erst das Scheitern am Goldrand den Bedarf für Notkäufe schafft. Beschaffungsprozesse bleiben damit zentral bei vielen Problemen, die mit dem Bedarf für eine schnelle Nachrüstung in Deutschland und der NATO einhergehen. Die Politik versucht hier mit dem neuen Beschaffungsbeschleunigungsgesetz gegenzusteuern, unter anderem ergänzt durch die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda für den Geschäftsbereich von Minister Pistorius. Am wichtigsten ist vielleicht die Strukturreform des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Was das bringt, wird erst die Zeit zeigen – und die ist leider Mangelressource.

Ihr

Stefan Axel Boes,
Stellvertretender Chefredakteur

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