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Gebirgsschlachten im I. Weltkrieg

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Moderne Führerweiterbildung auf den Spuren damaliger Gebirgssoldaten

Kobarid/Slowenien, 18. Oktober 2022- In der Woche vom 19. bis zum 23. September bekamen ausgewählte Offiziere und Unteroffiziere der Gebirgsjägerbrigade 23 ab der Ebene Zugführer die Möglichkeit die komplexen Schlachten im Gebiet des Isonzo, in Slowenien und Italien, nachzuvollziehen. Moderne Ausstellungen und fachkompetente, (teils ehemalige) Soldaten, welche die historische Führung übernehmen, vermitteln bei Bergmärschen entlang der Originalschauplätzen die beeindruckende soldatische Leistung der Truppen im I. Weltkrieg und ordnen diese dabei auch in den zeitgeschichtlichen Gesamtkontext ein.  Es folgt eine Reportage aus der Sicht der Teilnehmer.

Vorbereitung

Der Befehl zur Teilnahme an einer Führerweiterbildung liegt auf meinem Schreibtisch. Ziel der Reise ist Slowenien. Genauer: Das Tal und die Gebirgsketten rund um den Isonzo, ein Fluss im slowenisch/italienischen Grenzgebiet mit beeindruckend klarem, grünblauem Gebirgswasser, sowie einer noch beeindruckenderen Historie. Hier begann am 24. Oktober 1917 die zwölfte Isonzoschlacht. Grundlage für den „Bläser von Karfreit“ sowie das fünfte Kapitel des Buches „Infanterie greift an“ von Erwin Rommel – heute in erster Linie als „Wüstenfuchs“ bekannter Generalfeldmarschall des II. Weltkriegs.

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Oberst a. D. Manfred Benkel. erklärt den Teilnehmenden, am Ufer des Raiblsees, eine der Aufmarschstraßen die 14. Armee. (Foto © Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller)

Wüstenfuchs im Gebirge

Erwin Rommel gilt als brillianter Taktiker, welcher vor allem während des II. Weltkriegs in Panzerschlachten im Norden Afrikas bekannt wurde. Rommel selbst wird als Wehrmachtsoffizier ambivalent gesehen. Einerseits hoher Wehrmachtsoffizier und Bestandteil der Unrechtsregimes der Nationalsozialisten. Andererseits seine Zugehörigkeit zum NS-Widerstand und das strikte Vermeiden von Massenkriegsverbrechen erlauben es jedoch, seine Taktiken und Persönlichkeit näher zu betrachten.

Im I. Weltkrieg war er bereits junger Offizier. Auffällig war hier sein häufig mutiges und vorbildhaftes Verhalten als Führer seiner ihm anvertrauten Soldaten. Bei der zwölften Isonzoschlacht führte er als Oberleutnant drei Kompanien auf den Matajur, die beherrschende Höhe im slowenisch / italienischen Grenzgebiet um den Isonzo.

Während meiner Vorbereitung auf die Führerweiterbildung beschäftige ich mich, wie auch die anderen Teilnehmer, mit dieser Geschichte und anderen Überlieferungen.

Mit einer taktischen Karte neben mir versuche ich die geschilderten Bewegungen der Truppen Rommels aus seinem Buch nachzuvollziehen. Schnell wird klar, dass dieser mit oft waghalsigen Manövern und abgeschnitten von Verstärkung, das Maximum von seinen unterstellten Soldaten forderte. Dabei bemerke ich, dass seine unvorstellbaren Erfolge häufig gewaltlos erzielt wurden. Ganze Kompanien und Bataillone ergaben sich kampflos bei dem Anblick der württembergischen Gebirgssoldaten, fern ab der eigentlich erwarteten Front.

Der erste Tag

Es ist so weit, das theoretische Vorwissen ist erarbeitet, die taktische Karte vorbereitet, NATO-Marschbefehl und Ausrüstung sind verpackt. Mit den anderen Teilnehmern aus der Hochstaufenkaserne treffe ich mich bei den Fahrzeugen. Über einen beeindruckenden Alpenpass ist das Ziel eine gemütliche Wirtschaft in Österreich, kurz vor der italienischen Grenze. Hier treffen wir uns mit den anderen Teilnehmern der Gebirgsjägerbrigade 23. Hier stößt auch Generalmajor Ruprecht von Butler, der Kommandeur der 10. Panzerdivision und damit der direkte Vorgesetzte der Gebirgsjägerbrigade, dazu. Seine Absicht ist es, im Rahmen seiner Dienstaufsicht einen Teil der Weiterbildung zu begleiten und festzustellen ob die über Jahre „hochgelobte“ Führerweiterbildung ihrem Ruf gerecht wird.

Es folgen die obligatorischen Einweisungen und Vorstellungen in einem Konferenzraum des Lokals. Nach nur wenigen Minuten aber sitzen wir wieder in den Fahrzeugen, auf dem Weg zur italienischen Grenze. Von einer Erhebung, kurz vor dem Grenzposten, sehen wir den Sammelraum der deutschen Kräfte. Der unglaubliche logistische Aufwand, übrigens geplant von nur einem einzigen Generalstabsoffizier, scheint enorm. Die Divisionen, denen auch Rommel angehörte, suchten in diesem kleinen Kessel Schutz. Sie wussten, dass die Flugzeuge der italienischen Luftwaffe nicht in der Lage waren die Gebirgsketten zu überfliegen. So hätten keine Aufklärungsergebnisse über die deutsche Massierung geliefert werden können, wenn es da nicht einen Verräter gegeben hätte.

Auf der Erhebung wird das soldatische Handwerkszeug der Teilnehmenden noch einmal aufgefrischt. So kann gewährleistet werden, dass jeder auf demselben Stand ist. Denn unter uns sind nicht nur Zugführer oder Kompaniechefs, sondern auch Studenten der Universität der Bundeswehr München und sogar ausländische Gäste aus Österreich und Frankreich. Inhalt der Auffrischung ist das richtige Ansprechen der Geländeorientierung und das Übertragen der Karteninformationen in das Gelände.

Über die Grenzen hinaus

Nach dem kurzen Stopp geht es weiter über die Grenze. Entlang der westlichen Aufmarschstraße Richtung Flitsch (Bovec) passieren wir unter anderem die Ortschaft Raibl. Die heutige Geisterstadt war damals ein florierendes Zentrum für Bergbau, in der die Bevölkerung, außerhalb der Reichweite feindlicher Artillerie, ungestört ihrem Geschäft nachgehen konnte. Die italienische Regierung förderte nach der Besetzung des Ortes 1919 eine massive Ausbeutung der Stollen. Ihr Versiegen und damit der Verfall der Einnahmequellen im Umfeld machten auch diese Stadt, selbst ohne Gewalteinwirkung, zu einem Opfer des Krieges.  

Immer weiter dem Aufmarschweg folgend, um unsere eigne Unterkunft zu erreichen, besuchen wir weitere historische Punkte. Die bedrückende Stimmung nach dem Verlassen der Geisterstadt wurde noch weiter getrübt als wir die Friedhofsmauern am Ende der Ortschaft erblicken. Unzählige Soldaten finden in den beiden Mausoleen und dem Soldatenfriedhof bei Log Pod Mangertom, ihre letzte Ruhe. Auffällig ist, dass hier sowohl muslimische, als auch christliche Soldaten ohne Trennung begraben wurden. Sie ruhen hier, wie sie starben – nebeneinander. Zum Ausdruck dieser Verbundenheit wacht ein in Stein gemeißeltes Denkmal über die Soldaten. Es zeigt einen muslimischen Bosniaken gemeinsam mit einem christlichen Regimentskameraden der k.u.k. Kaiserschützen auf den Rombon blickend. Die rund 800 Toten dieses Soldatenfriedhofs verloren ihre Leben in den Stellungen dieses Berges.

Historischer Führer aus Leidenschaft

Die detaillierten Informationen erhalten wir von Herrn Oberst a. D. Manfred Benkel. Er selbst veröffentlichte vor kurzem ein Werk, welches die verschiedenen Handlungsstränge dieser Schlacht veranschaulicht und die unterschiedlichen Perspektiven zusammenfasst. Seine Begeisterung für das Thema fußt auf seiner Zeit in der Karfreit-Kaserne in Brannenburg, welche das Andenken an die Schlacht bereits in ihrem Namen trägt.

Der Kommandeur erklärt

Nach den ersten Eindrücken, welche explizit die Opfer des Krieges thematisieren, erreichen wir unsere Unterkunft. Die Atmosphäre lockert sich wieder als wir uns zum gemeinsamen Abendessen treffen. Nach dem Essen steht noch eine besondere Abendveranstaltung an. Generalmajor von Butler stellt sich der Diskussion mit seinen Unterstellten. Neben der Zukunft der Gebirgsjägerbrigade 23, welche Anfang 2023 die 10. Panzerdivision verlassen wird und zur Division Schnelle Kräfte wechselt, geht es auch um die Zukunft der Bundeswehr im Allgemeinen und um den Ukrainekrieg. Spannend erklärt er die Hintergründe so manch einer politischen Entscheidung und den Werdegang unserer Armee. Die Diskussion laufen bis in die späten Abendstunden äußerst angerregt. Ganz zu Freuden des Generals.

Der zweite Tag

Wir starten den Tag mit einem reichhaltigen Frühstück. Kurze Zeit darauf sitzen wir wieder in den Fahrzeugen. Schwerpunkt des Morgens sind die gedeckten Gaswerfer-Stellungen im Schatten des Ravelnik sowie auf dem heutigen Campingplatz als auch der „Feldherrenhügel“ mit seiner Artilleriestellung oberhalb der Ortschaft Kal Koritnica.

Unterhalb der Stellung auf dem Ravelnik erhalten wir die Einweisung in den Auftakt der zwölften Isonzoschlacht und den damit verbundenen Gasangriff. Aus den hunderten fest installierten Gaswerfen, elektrisch verbundene mörserartige Stahlrohre, regneten am 24. Oktober 1917 um 02:00 Uhr nahezu tausend Gasminen nieder. Die Mischung aus Maskenbrecher und Giftgas vernichten zwei italienische Infanteriebataillone fast vollständig. Wegen ihrer minderwertigen Stoffmasken waren diese den tödlichen Gasschwaden hilflos ausgeliefert. Als der Gasangriff um 04:30 Uhr endete, ist ein Großteil der italienischen Artillerie verstummt. Darauf folgte um 06:30 Uhr das schwerste Zerstörungsfeuer, das das Isonzotal jemals erlebt hat. Erst dieses gewaltige Aufgebot brach den Verteidigungswillen der italienischen Soldaten und ermöglichte der deutschen und österreich-ungarischen Infanterie den Einbruch und das Überrennen der Stellungen. Von dem unseligen Leid, welches von den Gaswerferstellungen im Bereich des heutigen Campingplatzes ausging, scheinen die Urlaubsgäste nicht viel zu wissen. Der Pulk an Bundeswehrsoldaten sorgte also für hinreichend verdutze Gesichter.

Weite Aussicht über das Isonzotal

Wir treten nun also unseren ersten Bergmarsch auf die Artilleriestellungen oberhalb von Kal Koritnica, der Stellung Celo, an. Nach nur einer halben Stunde hat die Gruppe die alten, teilweise in den Berg geschlagenen Stellungssysteme erreicht. Einigen Teilnehmern sind die Höhenmeter bereits an der glänzenden Stirn anzumerken. Immer wieder stellen wir uns vor, wie ein Trupp Schützen ein 60 Kilogramm schweres Artilleriegeschoss auf den schlecht ausgebauten, steinigen und unwegsamen Hügel schleppen musste. Jedem Einzelnen graut es vor dem Gedanken, dass es sicherlich nicht bei nur einem Geschoss geblieben ist. Wir bekommen ein erstes Gefühl für die unvorstellbare körperliche Leistung, die damalige Soldaten hier erbracht haben müssen.

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Der steinige Weg bis zu der Stellung CELO. (Foto © Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller)

Moderne Technik im Museum

Der nächste Tagespunkt ist das Museum in Kobarid bzw. Karfreit. Neben der ansprechenden Ausstellung und einem informativen Dokumentationsfilm erwartet uns hier ein besonderes Highlight. Ein raumfüllendes 3D-Geländeprofil liegt vor uns, groß genug, dass selbst eine zweite Gruppe davor Platz gefunden hätte. Das Licht geht aus und zwei Projektoren starten. Unter den fachkundigen Erläuterungen unseres historischen Führers verfolgen wir das Spektakel vor uns. Genaue, zeitlich abgestimmte Truppenbewegungen verdeutlichen den Ablauf der komplexen Zangenbewegung in der der Angriff auf die Italiener stattfand. Endlich wird ein schlüssiges Bild in meinem Kopf zusammengefügt. Beim taktischen Ablauf sind nun wieder alle auf einem Level. Besonders unter den jüngeren Teilnehmenden kommt der Wunsch auf, jede größere Operationsplanung an einem derartigen Relief durchführen zu können. Die Wirkung wäre enorm. Begeistert und durstig nach neuem Wissen, haben wir nun eine weitere halbe Stunde Zeit, um uns eigenständig anzuschauen, was uns persönlich besonders interessiert.

Gedenken an die Gefallenen

Nach dem Rückmarsch begeben wir uns rasch zu unserem Ziel für den Nachmittag. Nahe der Stadt Tolmin steht das sogenannte Deutsche Beinhaus. Hier finden die deutschen Gefallenen des „Wunder von Karfreit“ ihre letzte Ruhe. Der abgelegene Ort am Ufer des Isonzo zeichnet sich durch seine äußerst würdige Gestaltung aus. Die Steinblöcke aus denen das Monument gefertigt wurde, wurden aus Deutschland eingeführt. Das geschmiedete Eingangstor zu dem Vorhof ist aus alten Gewehrläufen gestaltet. Der Innenraum der Kapelle ist zweigeteilt: Im ersten Raum sind auf Eichenplatten die Namen der Gefallenen eingetragen, im zweiten Raum stehen weitere Namen in drei Lünetten in goldener Mosaiktechnik geschrieben.

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Das golden schimmernde Mosaik erinnert an die gefallenen deutschen Soldaten in der 12. Isonzoschlacht.  (Foto © Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller)

Der uns begleitende Oberfeldarzt nutzt diese Gelegenheit, um uns mit einigen Schicksalen der hier Ruhenden vertraut zu machen. Besonders die Tragödie des jungen Josef Aigner macht mich nachdenklich. Der 23-jährige Gefreite war Angehöriger des bayrischen Eliteregiments – dem Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiment. Aigner hatte sich bereits auf dem Schlachtfeld bewährt und war Träger des Bayrischen-Militärverdienstkreuzes 3. Klasse sowie des Eisernen Kreuzes 2. Klasse. Seinem jungen Leben setzte jedoch nicht der Feind ein Ende. Er fiel dem Berg zum Opfer. Am Tag des Durchbruchs stand er mit seinen Kameraden in der ersten Line der Schützengräben, als ein Steinschlag ihn erschlug.  

Jedoch bleibt mir der Gedanke, dass jedes Leben, welches hier sein Ende fand, eines zu viel ist. Genauso scheint es die Truppe auch zu sehen. Herr Generalmajor von Butler lässt die beiden jungen Leutnante der Bundeswehruniversität mit ihm einen Kranz niederlegen. Wir übrigen stellen den würdigen Rahmen im Spalier. Das Lied des guten Kameraden ertönt. Vom Fähnrich bis zum Generalmajor stellt sich bei jedem Teilnehmer eine deutliche Gänsehaut ein. Ein berührender Moment und klarer Höhepunkt des Tages.

Nach der Besichtigung der Krypta geht es weiter zu dem nächsten Geländepunkt. Der Tag endet mit einer Geländeorientierung bei der Kirche St. Daniel bei Voice und leitet damit thematisch zum nächsten Tag über, bei dem der Angriff auf den Höhenrücken des Kolovrat behandelt wird.

Der dritte Tag

Frisch gestärkt beginnt der Tag heute eher theoretisch. Der Brigadearzt hält einen informativen Vortrag zur sanitätsdienstlichen Versorgung im I. Weltkrieg. Die Bilder von Kriegszitterern und schweren Amputationen sind zwar hinreichend bekannt, ihre Wirkung verlieren sie dennoch nicht. Kurz um, die Chancen nach einer Verwundung waren eher gering. Die Anstrengungen des Sanitätspersonals umso höher.

Es folgt ein Unterricht über die logistische Versorgung durch den stellvertretenden Kommandeur des Gebirgsversorgungsbataillon 8. Auch hier ist das Erstaunen groß, nach dem die unwirklich erscheinenden Zahlen offengelegt und erläutert werden. Wenn alleine 300.000 italienische Kriegsgefangene ins Inland transportiert wurden, wenn Tausende Geschütze erbeutet wurden, dann kann man sich nicht vorstellen wie viele Geschosse erst dort hingeschafft wurden mussten und welche Mühe es bedeutet, diese bis an ihren Zielort, an die entlegensten Stellungen, zu tragen. Selbst wenn man die genauen Zahlen kennt.

Taktische Überlegung im Gelände

Hier erwartet uns die erste taktische Aufgabe. In einem durchzogenen Gelände, kurz vor der Stelle an der Rommel die feindlichen Linien überwand, wurde dieser durch eine Feldwache überrascht. Die Aufgabe ist es, die verfügbaren drei Kompanien sinnvoll einzusetzen.

Plausible Lösungen gibt es viele. Die Lösung Rommels war dabei recht einfach und wiederholt sich in seinen Grundzügen immer wieder. Die eine Hälfte geht frontal in den Feuerkampf über, die andere Hälfte versucht außen herum die schwächere Seite zu treffen. Militärisch gesprochen: Frontal binden, seitlich flankieren. Nichts Neues für den modernen Offizier.

Nach dieser kleineren Aufgabe ist der Diensttag bereits weit fortgeschritten und wir begeben uns zurück in die Unterkunft für Verpflegung und Schlaf.

Verdienstorden oder Truppendienstgericht

Genug Unterricht für heute. Es geht wieder raus. In der Zeitachse befinden wir uns mittlerweile mitten im Gebirgskampf. Besonders die „Abteilung Rommel“ nimmt hier waghalsige Vorstöße vor. In der Ebene sind wir kurz vor dem „Wunder von Karfreit“. An den jeweiligen Geländepunkten erwarten uns wieder taktische Aufgaben.

Alle drei Aufgaben haben eines gemeinsam. Die Absicht der übergeordneten Führung liegt vor. Jedoch passt die derzeitige Lage nicht so ganz in den Plan. Da natürlich die Kommunikationsmöglichkeiten im I. Weltkrieg, zwischen der Führung und der tatsächlichen Front begrenzt waren, war es häufig notwendig, dass die Führer vor Ort spontane eigenständige Entscheidungen treffen mussten.

Was aus heutiger Sicht wie Befehlsverweigerung anmutet, hätte auch damals bei Versagen sicherlich vor einem Kriegsgericht geendet. Bei Erfolg und so auch in der zwölften
Isonzoschlacht endete es mit der Verleihung einiger Orden für besondere Verdienste.

Dem „Wunder von Karfreit“ ging voraus, dass der Führer des II. Bataillon des Infanterieregiment 23, Hauptmann Illgner, ebenfalls eine spontane Entscheidung entgegen der Absicht der übergeordneten Führung treffen musste. Dieser hatte den Auftrag, nach Erreichen des westlichen Isonzoufers links einzudrehen und die Höhe Matajur zu nehmen, um die Oberleutnant Rommel derzeit auch rang.

Stattdessen bemerkt er, dass der Feind Richtung Karfreit Hals über Kopf auswich und ohne großen Kampf Raum hergab. Er entschied sich dazu, den Matajur links liegen zu lassen und dafür den Angriffsschwung zu nutzen und den Italienern nachzusetzten. Hierauf ereignete sich auch die Geschichte des „Bläsers von Karfreit“.

Bei dem „Bläser von Karfreit“ handelt es sich um einen Hornisten, den der erfahrene Vizefeldwebel Becker, heute durchaus mit einem Stabsunteroffizier vergleichbar, der bei dem Sturm auf die Stadt Kobarid zu den vordersten Truppen gehörte, anwies, das Signal zum Sammeln zu blasen, um weiter nach Westen vorzugehen. Denn der Vorstoß war so erfolgreich, dass die 23er den Hauptkräften weit voraus waren. Die Truppe hatte eigentlich Order auf das Eintreffen der Hauptkräfte zu warten um mit diesen den Kampf um die Ortschaft anzutreten. Er jedoch entschied, dass auch hier der Angriffsschwung genutzt werden müsse. Mit dem Horn signalisierte er, der in Kleinkämpfe verwickelten Truppe, das Sammeln nahe dem Kirchturm der Stadt. Geordnet rückten sie, dem Feind folgend, aus der Stadt aus und setzten diesem nach. Dieses Verhalten ließ die zurückgeblieben italienischen Kräfte in dem Glauben, die Stadt sei gefallen. Spätestens bei Eintreffen der Hauptkräfte, war diese Annahme auch richtig.

Jene Art der Lösung, ist in Zeiten von Funk oder sogar Drohnenüberwachung durchaus unüblich. Darauf folgt also selbstverständlich eine Einordnung des Verhaltens durch die verschiedenen Führer unserer Exkursionsgruppe. Genug Input für diesen Tag. Wir verlegen zurück zur Unterkunft und bereiten uns für den nächsten Programmpunkt vor.

Marschtag

Zum Abschluss der Exkursion steht heute das liebste Geschäft eines Gebirgsjägers an: Der Bergmarsch auf den Matajur. Zwanzig Kilometer folgen wir der Marschroute der „Abteilung Rommel“. Im bequemen Tagesdienstrucksack könnte man fast von einem entspannenden Wandertag sprechen. Beachtet man jedoch die feindlichen Stellungen und teilweise überraschend auftretenden Gefechte, verschlägt es einem die Sprache.

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Die ersten Höhenmeter sind geschafft. Es geht zielstrebig auf den ersten Gipfel, dem Mrzli Vrh, zu.  (Foto © Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller)

Alleine der Aufwand immer weiter vorzurücken trotz der mehr als 9.000 Kriegsgefangenen, die durch Teile der Abteilung Rommel sicher ins Tal gebracht werden mussten, ist irrsinnig. Am Gipfel des circa 2500 Meter süd-östlich vom Matajur gelegenen Mrzli vrh blicken wir auf die letzten Herausforderungen Rommels in dieser Schlacht.

Dieser machte sich grade bereit den Gipfel zu stürmen als er den Befehl erhält „Rückwärts Marsch“ zu machen. Somit sollte er auf den Schulterschluss der Hauptkräfte warten und mit diesen gemeinsam auf den Matajur anzugreifen. Da aber auf das Nehmen dieser beherrschenden Höhe der Pour le Mérite ausgelobt war, überlegte sich Rommel, dass dieser Befehl im Unwissen über seinen Fortschritt gegeben wurde. Also stürmte er weiter Richtung Gipfel. Kurz darauf bekam seine Abteilung MG-Feuer von zwei Seiten. Geschickt lenkte er seine Sturmgruppe in den Schatten der umliegenden Gebirgsformationen. So konnte diese sich im Schutz der Berge und der Deckungsgruppe so weit seitlich annähern, dass er der ersten MG-Stellung in den Rücken fallen konnte. Beim Vorrücken auf die zweite Stellung, ergab diese sich, vor lauter Schreck, kampflos. Der Weg auf den Matajur war durchaus mit einigen weiteren Gefechten verbunden, jedoch konnten die Italiener Rommel nicht mehr aufhalten. Leidtragend für Rommel waren diese Mühen vergebens.

Während der Gipfel unbesetzt war, konnte ein leichter Spähtrupp, geführt von dem jungen Leutnant Schnieber, bereits am Vortag von der gegenüber liegender Seite so weit aufsteigen, dass er „feindfrei“ melden konnte. Ohne den Gipfel je betreten zu haben oder darauf nur einen Schuss abzugeben, gebührte dem Leutnant der heißersehnte Orden.

Der von König Friedrich II gestiftete Pour le Mérite gilt als höchster Verdienstorden den der König von Preußen an einen Offizier vergeben konnte. Nach erfolgreichem Gipfelsturm erlaubte Rommel seinen Männern eine Stunde Rast. Auch ohne Pour le Mérite wohl verdient. Wir machen es Rommel gleich und gehen nach erfolgreichem Aufstieg in die Gipfelpause über. Auch uns hat natürlich kein Orden für diese Leistung erreicht. Dennoch bleibt uns eins: Das Wissen und das Verständnis für die Kämpfe am Isonzo. Greifbar, wie kaum anders möglich, trägt nun jeder Einzelne von uns die Erfahrungen dieser Woche in die Einheiten. Unsere eigene Begeisterung wird auch in Zukunft junge Führer für diese Exkursion gewinnen. Auch der stellvertretende Brigadekommandeur bewertete in seinen abschließenden Worten diese Veranstaltung als vollen Erfolg und dankte sowohl dem Projektoffizier OTL Herrmann als auch a. D. Benkel, dem Durchführenden, für die hervorragende Organisation und die hochkompetent durchgeführte Veranstaltung.

Quelle: Text: Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller // Bilder: Pressestelle Gebirgsjägerbrigade 23 / Oliver Keller

 

 

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