Mit den gemeinsamen Angriffen auf den Iran haben die USA und Israel eine Operation mit unklaren Zielen, Dauer, Ausgang und Folgen begonnen. Insbesondere aus der Administration von US-Präsident Donald Trump kommen wie so häufig widersprüchliche Aussagen. Mal ist von „Regime Change“ in Teheran die Rede, dann geht es um das iranische Nuklear- und/oder Raketenprogramm. Dann wird von einem Präventivschlag gegen den iranischen Gegenschlag auf einen israelischen Erstschlag gesprochen, während alles zuvor Gesagte dementiert wird. Das ist natürlich die übliche Informationspolitik dieser Regierung, gemäß des vom ihrem Vordenker Steve Bannon im Wahlkampf von 2016 geprägten Prinzips „flood the zone with shit“ – überschwemme den Informationsraum mit möglichst viel Unsinn.
Dieses Prinzip wurde schon zuvor erfolgreich etwa in der russischen Desinformationskriegführung eingesetzt: Der Gegner weiß nicht mehr, woran er ist und wie er reagieren soll. Und am Ende weiß überhaupt niemand mehr, woran man glauben soll, während der Angreifer Fakten schafft. Als Taktik in einer militärischen Auseinandersetzung hat das durchaus seinen Sinn. Auch dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sich nicht festlegen will, ob die Operationen zwei, vier, sechs oder acht Wochen dauern werden, bis die Ziele erreicht sind, ist nur vernünftig. Im Fall der Trump-Administration ist Unklarheit allerdings von Anfang an ein Mittel der politischen Auseinandersetzung im In- und Ausland gewesen.
Wandelbare Kriegsziele
Anzunehmen ist also, dass die Ziele hier selbst wandelbar und von Tag zu Tag an politische Entwicklungen anpassbar sind. Insbesondere an die Stimmung im eigenen Land. Schließlich ist Trump im Wahlkampf als Teil seines Slogans „America First“ mit dem Versprechen angetreten, militärische Abenteuer, „endlose Kriege“ und die Unterstützung undankbarer Verbündeter im Ausland zu beenden. Zwar sind große Teile seiner Make America Great Again (MAGA)-Bewegung letztlich ein Personenkult, der jede seiner Wendungen kritiklos mitmacht. Am rechten Rand verliert er jedoch zunehmend die konsequenten Anti-Globalisten, die bereits seinen ersten Militärschlag gegen den Iran im letzten Jahr und nachfolgende Interventionen kritisierten.
Dazu gehörten die Operationen gegen Venezuela samt Entführung von Präsident Nicolás Maduro und Trumps militärische Drohungen gegen andere Länder einschließlich Grönlands. Für die auch anti-israelisch, teilweise anti-semitisch eingestellten Anti-Globalisten verstößt der gemeinsame Angriff auf den Iran mit unzureichend erklärten amerikanischen Interessen und Zielen gegen alles, wofür sie gestimmt haben. Schon macht hier wieder der Vorwurf „Israel First“ die Runde. Währenddessen erklären Trump-treue Medien angestrengt, dass dieser Krieg unbedingt notwendig gewesen sei und keinesfalls wie seinerzeit im Irak verlaufen werde. Enttäuschung über das Irak-Debakel unter Republikanern, die die Intervention unter George W. Bush einst bejubelt hatten, hatte ja wesentlich zu Trumps Aufstieg beigetragen.

Volatile Ölpreise
Noch mehr muss der Präsident allerdings die große Masse seiner Wähler fürchten, die wegen seiner Versprechungen eines wirtschaftlichen Aufschwungs für ihn gestimmt haben. Für viele hat sich das bislang nicht erfüllt. Zwar ist die Inflation insgesamt zurückgegangen, die in den USA stets besonders wichtigen Benzinpreise sind gesunken. Strom und einige Produkte wie etwa Fleisch bleiben aber teuer, und der Wohnungs- und Arbeitsmarkt gerade für die jüngere Generation angespannt. Dass die Ölpreise unmittelbar nach den iranischen Vergeltungsschlägen gegen die Energie-Infrastruktur der arabischen Golfstaaten und den Verkehr in der Straße von Hormus anzogen, noch bevor die Produktions- und Transportausfälle überhaupt am Markt ankamen, kann in dieser Situation nicht hilfreich sein.
Nicht umsonst kündigte Trump umgehend an, dass die U.S. Development Finance Institution – eine Einrichtung der sonst viel geschmähten internationalen Entwicklungshilfe – günstige Risikoversicherungen und Garantien für die Schifffahrt im Persischen Golf anbieten würde, nachdem die Versicherungsraten und damit die Frachtkosten für Tanker in die Höhe schossen. Auch könne die U.S. Navy Geleitschutz durch die Straße von Hormus geben. Ähnliches tat sie bereits 1987/88 während des „Tankerkrieges“ im Golf, als der Iran und Irak im Zuge ihres langdauernden Konflikts die internationale Schifffahrt attackierten. Schon das wäre eine Ausweitung des bisherigen Luftkrieges mit den entsprechenden Gefahren. Seinerzeit erlitten drei amerikanische Marineschiffe Raketen- und Minentreffer, der Kreuzer USS Vincennes schoss versehentlich ein iranisches Passagierflugzeug ab.
Veränderte Prinzipien
Noch wird die mögliche Dauer des Krieges vor allem unter dem Aspekt der Raketenvorräte auf beiden Seiten diskutiert. Ob also dem Iran durch Verbrauch und Vernichtung schneller seine ballistischen Angriffswaffen ausgehen, die er gegen die Golfstaaten, die dortigen US-Stützpunkte und auch wieder Israel einsetzt, oder der Gegenseite die Abwehrwaffen. Entscheidender wird aber möglicherweise sein, welche Partei bereits besser aus dem Drohnen- und Abnutzungskrieg in der Ukraine gelernt hat. Der Iran war bekanntlich Entwickler der Shahed-Drohne, die an Russland geliefert und dort nachgebaut wurde. Einige der öffentlichkeitswirksamen Treffer auf der arabischen Seite des Golfs gehen bereits auf solche Flugkörper zurück. Auch wurden bislang mindestens acht Schiffe von Luft- oder Überwasser-Angriffsdrohnen getroffen.
Das Paradigma dieser Art von Konflikt ist, dass die Wirkmittel einerseits einfacher und billiger produziert, andererseits sowohl präventiv als auch reaktiv schwerer bekämpft werden können. Die Ukraine etwa hat dem eigentlich in jeder Hinsicht überlegenen Russland mit Luft- und Seedrohnen empfindliche Schläge versetzt und ohne eigene Kriegsschiffe die russische Marine weitgehend aus dem Schwarzen Meer vertrieben. Außer diesen beiden Ländern ist momentan wohl niemand auf eine umfassende Kriegführung dieser Art vorbereitet. Sollte der Iran ein solches Szenario geplant haben – und er hatte mehrere Monate Zeit für den absehbaren Fall – könnte das Problem seiner ballistischen Raketen und ihrer Abwehr rasch nebensächlich werden.

Dezentralisierte Operationsführung
Das gilt insbesondere, da Teheran die militärische Operationsführung offenbar weitgehend dezentralisiert hat. Trotz der anfänglichen israelischen Enthauptungsschläge, denen unter anderem der geistliche Führer Ayatollah Ali Chamenei, der Verteidigungsminister, der Stabschef der regulären Streitkräfte und der Befehlshaber der Revolutionsgarden zum Opfer fielen, setzen ihre Truppen den Kampf fort. Anders als etwa im Irak, in Syrien und Libyen handelt es sich hier nicht um eine auf eine einzelne Person zugeschnittene Herrschaft nach dem Führerprinzip, sondern ein durchaus resilientes Institutionssystem. Selbst wenn diese Struktur völlig zusammenbricht, ist zunächst eine bürgerkriegsartige Situation wie zuvor in den genannten Ländern oder dem Jemen zu erwarten.
In dieser dürften einzelne regionale und ideologische Fraktionen weiterhin Angriffe auf die Schifffahrt im Golf und die Länder auf dessen arabischer Seite, möglicherweise auch Israel ausführen. Dies gilt sogar, wenn wie von den USA und Israel erhofft eine ihnen freundlicher gesonnene nationale Regierung an die Macht kommen würde. Eine solche Situation könnte auch eine Intervention am Boden erforderlich machen – die Trump zumindest nicht ausgeschlossen hat, aber sein innenpolitisches Risiko extrem weiter steigern würde. Ohnehin drohen im November die amerikanischen Zwischenwahlen, die von seinen Republikanern aufgrund seiner mäßigen innenpolitischen Erfolge, kontroversen Maßnahmen und entsprechend katastrophalen Zustimmungswerte bereits mit Furcht betrachtet werden.
Fragliche Nachhaltigkeit
Sollten die Demokraten die Mehrheit in einem oder beiden Häusern des Kongresses erringen, könnten sie Trump in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit erheblich behindern. Politisch notwendig wäre daher, den Krieg möglichst schnell und natürlich erfolgreich zu beenden. Die unklare Zielsetzung kommt dem zunächst entgegen, da ein Sieg fast beliebig erklärt werden könnte. Etwa aufgrund der weitgehenden Vernichtung des iranischen Raketenarsenals und anderer militärischer Kapazitäten sowie der bisherigen Führungsschicht. Wie bereits im vergangenen Jahr oder nach den siebeneinhalbwöchigen Luftangriffen auf die jemenitischen Huthis Anfang 2025 würden dann beide Seiten zum status quo ante zurückkehren. Dabei wäre die Islamische Republik weiter geschwächt, aber nicht ausgeschaltet, was aus amerikanisch-israelischer Sicht die Gefahr ihres Wiedererstarkens und weiterer Interventionen in der Zukunft bergen würde.
Allerdings wäre das einem Zustand vorzuziehen, in dem ein dauerhaft instabiler Iran eine fortgesetzte Bedrohung für Ölproduktion und -export mit den entsprechenden preislichen Auswirkungen wäre. Aus Sicht der regionalen Nachbarn und auch Europas kämen noch weitere Faktoren wie erhöhte Terrorgefahr und mögliche neue Flüchtlingsbewegungen hinzu. Selbst ein Zusammenbruch des Regimes könnte sich hinziehen: Im erheblich bevölkerungsärmeren und von einer Ein-Personen-Herrschaft geführten Libyen dauerte dies trotz eines von der NATO unterstützten Aufstands siebeneinhalb Monate. Ein solcher ist im Iran bislang nicht in Sicht, obwohl die Regierung Trump offenbar Hoffnung in eine Bewaffnung der Kurden des Landes setzt. Ob die jüngste US-Intervention im Nahen Osten kürzer, erfolgreicher und nachhaltiger sein wird als die von Trump kritisierten bisherigen „endlosen Kriege“, bleibt damit fraglich.
Stefan Axel Boes

