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Lufthoheit – unsere Versicherungspolice für die Landes- und Bündnisverteidigung

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Die Anzahl der Kampfflugzeuge darf nicht unter 200 sinken, betont Generalleutnant Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, im Interview mit dem Hardthöhenkurier.

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 Generalleutnant Ingo Gerhartz ist seit Juni 2018 Inspekteur der Luftwaffe. (Foto © Bw/Baerwald)

Sehr geehrter Herr General, beginnen wir mit einem Blick auf das zu Ende gehende Jahr. Welche Lehren ziehen Sie für die Luftwaffe aus dem bisherigen Verlauf des Ukrainekrieges? Wenn wir uns den Verlauf des Krieges ansehen, zeigt sich deutlich, wie wichtig es ist, die Lufthoheit oder sogar Luftherrschaft zu besitzen. Wenn man über keine Lufthoheit verfügt, ist auch der Wert eigener Landstreitkräfte begrenzt. Sie sind dann schutzlos den Angriffen von Kampfflugzeugen, Kampfhubschraubern und Drohnen ausgeliefert. Die Sicherstellung der Lufthoheit ist und bleibt unsere Versicherungspolice für die Landes- und Bündnisverteidigung! Dazu braucht die Luftwaffe ausreichende Kräfte zur Luftverteidigung – am Boden wie in der Luft. Wichtig ist aber auch, dass das Personal gut ausgebildet ist und das Zusammenspiel der Kräfte gut funktioniert. Die tapferen Ukrainer zeigen uns das jeden Tag.

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Der für die Übung „Rapid Pacific 2022“ sonderfolierte Eurofighter 31+11 „Air Ambassador“ vom Taktischen Luftwaffengeschwader 74  (Foto ©Bw/Christian Timmig)

Wie bewerten Sie die angekündigten Beschaffungen im Rahmen des Sondervermögens sowie durch mehr Spielraum im Einzelplan 14 im Hinblick auf den Fähigkeitsaufwuchs der Luftwaffe? Das Sondervermögen ist Grundvoraussetzung für den Fähigkeitsaufwuchs der Bundeswehr. Mit der abschließenden Entscheidung zum Kauf der F-35 wird die Luftwaffe das modernste Kampfflugzeug erhalten, das es zurzeit auf dem Markt gibt. Die F-35 ist mittlerweile zum Standard innerhalb der NATO Luftstreitkräfte geworden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir innerhalb Europas dadurch noch enger zusammenrücken werden. Es gibt zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten: Das geht von der Ausbildung bis hin zur gemeinsamen Missionsplanung, das haben mir bereits viele meiner Amtskollegen signalisiert. Ähnliches gilt für die CH-47 Chinook. Wir erhalten damit eine moderne und vor allem leistungsfähige „fliegende Ladefläche“. Auch hier Unkönnen wir uns auf die Erfahrungen unserer europäischen Nachbarn abstützen. Landes- und Bündnisverteidigung funktioniert aber nur, wenn es ausreichend Schutz für die Kräfte am Boden gibt, also einen Schutzschirm, der aus mehreren Schichten besteht. Mit den avisierten Beschaffungen erwarten wir eine deutliche Verbesserung im Nah- und Nächstbereichsschutz sowie eine Modernisierung beim Waffensystem Patriot. Wir bekommen auch einen effektiven Schutzschild gegenüber Raketen, die aus sehr großen Entfernungen auf uns abgeschossen werden. Arrow 3 ist beispielsweise ein System, das aufgrund seiner Fähigkeiten nicht nur Deutschland, sondern auch unsere Nachbarn schützen kann. Entscheiden muss das aber die Politik. Insgesamt bin ich überzeugt, dass wir insbesondere durch die Beschaffung ähnlicher oder interoperabler Systeme in Europa, siehe auch den Eurofighter für den elektronischen Kampf, noch besser zusammenarbeiten können, als wir es bisher getan haben. Ich denke da insbesondere an die gegenseitige logistische und technische Unterstützung. Mit unserem Konzept des Plug & Fight haben wir beim Eurofighter erfolgreich gezeigt, wie eng die Kooperation zwischen den Nutzernationen sein kann. Das ist eine Blaupause für die Zukunft. Wir sehen, dass das Sondervermögen nicht nur dem Schutz unserer Heimat zugutekommt. Wir können besser und effektiver mit anderen Luftstreitkräften kooperieren, was unsere europäischen Verteidigungsfähigkeit in der NATO insgesamt stärkt.

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Schießen mit dem Flugabwehrraketensystem Patriot während der Übung „Spartan Arrow“ auf Kreta/Griechenland am 4. Oktober 2022. (Foto © Bundeswehr/Lars Koch)

Wenn wir versuchen müssen, schnell Fähigkeitslücken zu schließen, wie sehen Sie die ECR-Fähigkeit, wo nunmehr ja die Growler nicht mehr zur Beschaffung heransteht? Mit dem Tornado ECR stand uns über Jahrzehnte hinweg ein Waffensystem zur Verfügung, das auf die Bekämpfung eines großen Spektrums an Flugabwehrsystemen am Boden spezialisiert war. Insbesondere die Kampfeinsätze gegen Luftverteidigungsstellungen auf dem Balkan in den 1990er- Jahren haben gezeigt, welch große Bedeutung diese Fähigkeit für die NATO hat. Ab 2030 wird diese Aufgabe aus einem Mix aus F-35 und einer modernisierten Version des Eurofighter EK übernommen werden müssen. Wichtig ist, dass wir die NATOForderungen in diesem Bereich weiterhin erfüllen können und wir uns in einem ständig wechselnden Bedrohungsszenario weiterhin durchsetzen können. Letzteres führt uns ja der Ukrainekrieg deutlich vor Augen.

Die Einsatz- und Ausbildungsverbände der Luftwaffe verfügen über 85 Tornado-Kampfflugzeuge, diese werden nach jetzigem Sachstand durch 35 F-35 und 15 Eurofighter ECR ersetzt werden. Inwieweit ist das ein Fähigkeitsverlust für die Luftwaffe? Können damit alle NATO-Forderungen auch noch zahlenmäßig erfüllt werden? Bei der F-35 handelt es sich um ein äußerst flexibel einsetzbares Waffensystem, das viele Fähigkeiten vereint. Um einen Einsatzauftrag durchführen zu können, den man heute mit der F-35 bewerkstelligt, hätten wir früher unterschiedliche Waffensysteme gleichzeitig beauftragen müssen. Elektronische Aufklärung, Luftlagebild, Command & Control, präziser Waffeneinsatz, das alles vereint die F-35 heute in einer Plattform. Insbesondere die Vernetzung der F-35 untereinander ergeben einen deutlichen Fähigkeitsaufwuchs. Daher kann man das nicht 1:1 aufaddieren. Nichtsdestotrotz müssen die NATO-Forderungen auch zahlenmäßig erfüllt werden, da stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu. Beispielsweise verlangt die NATO, dass mehrere Einsatzgebiete gleichzeitig abgedeckt werden müssen und da zählt dann jedes Flugzeug. Daher darf die Anzahl unserer Kampfflugzeuge (wie auch in Frankreich und Großbritannien) insgesamt nicht unter 200 sinken, daher ist die Entscheidung für eine Tranche 5 Eurofighter so wichtig.  

Momentan liegt ein Fokus auch der NATO auf Verbesserung der bodengebundenen Luftverteidigung. Deutsche Patriot-Feuereinheiten verstärken den Schutz der Slowakei. Müssten wir nicht als schnelle Maßnahme die Anzahl der Systeme der Luftwaffe und die verfügbare Munition deutlich erhöhen? Mit der schnellen Verlegung unserer Patriot-Systeme haben wir gezeigt, dass wir in der Lage sind, innerhalb kürzester Zeit einen Bündnispartner vor möglichen Angriffen aus der Luft zu schützen. Unser Signal war und ist eindeutig: Die Grenzen des NATO-Gebietes sind für uns eine rote Linie. Mit dem Sondervermögen sind nun die notwendigen Mittel vorhanden, um den Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung an das „New Normal“ anzupassen, wie es die NATO definiert hat. Angefangen beim Nah- und Nächstbereichsschutz gegen Kampfhubschrauber und Drohnen, damit Landsysteme und kritische Infrastruktur wie Häfen und Flugplätze geschützt werden können. Das System IRIS-T SLM, was bereits in die Ukraine geliefert wurde, steht hier an erster Stelle. Im mittleren Bereich haben wir Patriot, um Kampfflugzeuge und Raketen bis zu einer bestimmten Reichweite zu bekämpfen, auch hier ist technische Anpassung notwendig. Und mit Blick auf die erweiterte Bedrohungslage ist der Schutz gegen Raketen, die aus sehr großer Entfernung auf uns abgeschossen werden, in den Fokus gerückt. Wir sprechen hier von nur wenigen Minuten von Start bis Einschlag in Westeuropa. Systeme wie Arrow 3 bieten hier nicht nur Schutz für die deutsche Bevölkerung, sondern auch für unsere Nachbarn. All diese Systeme werden sich aufgrund ihrer Interoperabilität in die integrierte Luft- und Raketenabwehr der NATO einordnen und wesentlich zum Schutz unseres Bündnisgebietes beitragen.

Der Ukrainekrieg hat die Bedeutung der Munitionsbevorratung unterstrichen. Wie sieht es bei der Luftwaffe aus? Wovon haben Sie genug, wo fehlt es am meisten? Wäre im Rahmen eines Bündnisfalles eine nachhaltige Versorgung nicht nur mit Munition, sondern z. B. auch mit Betriebsstoffen und Ersatzteilen überhaupt gewährleistet? Wir haben bereits im Jahr 2018 damit begonnen, unsere Ersatzteilversorgung beim Eurofighter zu optimieren. In enger Zusammenarbeit mit der Industrie haben wir es geschafft, die Einsatzbereitschaft dieses hochkomplexen Waffensystems auf fast 80 Prozent zu bringen und auf diesem Niveau zu stabilisieren. Zur Beschaffung neuer Waffensysteme gehört auch die Beschaffung von Munition. Für die F-35 ist aufgrund der technischen Besonderheiten des Kampflugzeugs nur die Integration bestimmter Munition möglich und letztendlich auch zertifizierbar. Welche Munition wir für das System beschaffen wollen, hängt natürlich davon ab, wie wir das System zukünftig einsetzen wollen, insbesondere im konventionellen Bereich. Die Palette reicht dabei von Luft-Luft-Lenkflugkörpern bis hin zu Antiradarlenkflugkörpern. Was den Nah- und Nächstbereichsschutz, also die bodengebundene Luftverteidigung auf kurze und mittlere Entfernung, angeht, werden wir auf die IRIS-T-Familie zurückgreifen. Mit der IRIS-T haben wir ja schon sehr gute Erfahrungen im Luft-Luft- Einsatz gemacht und versprechen uns einen effektiven Einsatz auch vom Boden aus, gleiches gilt für die IRIS-T SLM auf mittlere Entfernungen. Insgesamt werden wir bei Munition die Durchhaltefähigkeit und das Spektrum an Munition, das uns zur Verfügung steht, deutlich verbessern müssen. Hierzu wurden im BMVg die Vorkehrungen im Budget getroffen.

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Eurofighter im Anflug auf Singapur für die Übung „Pitch Black 2022“. ( Foto Bw)

Ein bedeutendes Vorhaben dieses Jahres war die Übung „Rapid Pacific“. Worin liegt die sicherheitspolitische Bedeutung und welche operativen Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen? Eine operationelle Luftwaffe muss heute in der Lage sein, innerhalb weniger Stunden weit ab der Heimat einsatzbereit zu sein. Land- und Seestreitkräfte brauchen Tage und Wochen, bis sie ihren Einsatzraum erreichen. Luftstreitkräfte sind schnell dorthin verleg bar, wo sie gebraucht werden, egal an welchem Ort der Welt. Wir haben gezeigt, dass wir innerhalb von 24 Stunden in den Indopazifik verlegen können. Wir haben aber auch gezeigt, dass wir an der Seite unserer Wertepartner in dieser wichtigen Region stehen. So haben wir an zwei Hochwertübungen in Australien teilgenommen. Auf dem Rückweg haben wir die Flotte geteilt, wobei wir mit drei Eurofighter, einem Tankflugzeug vom Typ A330 sowie einer A400M nach Japan geflogen sind. Die übrigen Eurofighter trainierten mit der Royal Singapore Air Force, eine A400M besuchte noch Südkorea. Gleichzeitig haben wir mit unseren Alarmrotten zu Hause den Luftraum über Deutschland abgesichert und den baltischen Luftraum im Rahmen des Air Policings geschützt. Wir haben gezeigt, dass die Luftwaffe auf ganzer Linie das Prädikat „einsatzbereit“ verdient hat.

 Erneut hat sich die A400M beim Lufttransport bewährt, ist inzwischen zur Erfolgsgeschichte geworden. Zusätzlich gibt es ja noch die binationale Lufttransportstaffel in Évreux. Jenseits aller politischen Aspekte, wie bewerten Sie dieses Projekt? Stehen Aufwand und Nutzen bei einem Flugverkehr aus der Normandie heraus in einem guten Verhältnis? Die A400M hat bei der Evakuierung aus Kabul im letzten Jahr endgültig ihre Feuertaufe bestanden. Seit Ende Februar betanken die Wunstorfer – wie auch die Crews der MMU mit ihren A330 – sehr regelmäßig an der Ostflanke des Bündnisses patrouillierende Kampfflugzeuge. Nach Évreux sind mittlerweile drei der sechs deutschen C-130J geliefert worden. Gemeinsam mit den französischen Kameraden sammeln unsere Crews schnell Erfahrungen im Umgang mit diesem bewährten System. Die Transportflugzeuge haben bereits erste Lufttransportaufgaben übernommen, die durch das EATC in Eindhoven beauftragt werden. Nächstes Jahr nehmen sie an einer Übung des US Special Operations Command teil. Mit dem stetigen Zulauf der Maschinen auch in der Luftbetankungsversion werden wir in den operationellen Flugbetrieb übergehen und uns darauf fokussieren, wofür das System beschafft wurde.

Zum Lufttransport zählen auch die Hubschrauber. Wie ist Ihr Kenntnisstand zur zugesagten Luftbetankungsfähigkeit der Chinook und dem militärischen Musterzulassungsverfahren für die Bundeswehr? Die Luftbetankung ist Teil der Beschaffung und ist uns durch den Hersteller zugesagt. Alle Luftfahrzeuge, die für die Beschaffung in der Bundeswehr vorgesehen sind, durchlaufen ein militärisches Zulassungsverfahren. Da die Chinook bereits in der U.S. Army betrieben wird, können wir in großen Teilen auf deren Erfahrung bei der Zulassung zurückgreifen.

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Eine F-18 von der Royal Australian Air Force und der „Air Ambassador“ während der Übung „Pitch Black 2022“ über der Base in Darwin/Australien. (Foto © Bw/Christian Timmig)

Zum Schluss der Blick nach vorn: Welche besonderen Aufträge und Vorhaben stehen für die Luftwaffe im kommenden Jahr im Mittelunkt? 2022 haben wir mit „Rapid Pacific“ die größte Verlegung unserer Geschichte erlebt. Es war eine außerordentliche Herausforderung für alle Frauen und Männer der Luftwaffe, insbesondere, da wir mehrere Aufträge an unterschiedlichen Orten gleichzeitig erfüllt haben: Australien, Singapur, Japan, Südkorea und parallel das Air Policing in Estland. Ich bin stolz darauf, was wir geleistet haben und würde mich freuen, wenn wir die gewonnenen Erkenntnisse bei einer erneuten Verlegung nach Australien 2024 vertiefen  könnten. Im nächsten Jahr wird sich jedoch zunächst alles um die seit Langem geplante Übung „Air Defender 2023“ drehen. In einem fiktiven Szenario werden wir mit zahlreichen NATO-Partnern das Zusammenspiel von Luftstreitkräften in der Landes- und Bündnisverteidigung beüben. Unsere Fliegerhorste in Deutschland spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie als Ausgangsbasen für die Übung dienen. Die Sicherung des mitteleuropäischen Luftraums als Grundlage für den Schutz unserer Bevölkerung steht dabei im Mittelpunkt. Wir werden das verstärkte Air Policing in Estland weiter fortsetzen und täglich unsere Präsenz an der NATO-Ostflanke sicherstellen. Wir sehen, welchen Stellenwert Luftstreitkräfte haben. Sie sind in jeder Krise oder Konflikt die „First Responder“, da sie schnell verlegbar sind. Wenn man über keine Lufthoheit verfügt, dann ist auch der Wert der eigenen Landstreitkräfte begrenzt. Die Sicherstellung der Lufthoheit ist und bleibt unsere Versicherungspolice für die Landes- und Bündnisverteidigung.

Sehr geehrter Herr General, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Burghard Lindhorst.

 

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