Nachgefragt bei … Generalleutnant Lutz Kohlhaus

Im Gespräch: Generalleutnant Lutz Kohlhaus, Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe, und Michael Horst, Chefredakteur des „Hardthöhenkurier“. (Foto © MRV)
Im Gespräch: Generalleutnant Lutz Kohlhaus, Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe, und Michael Horst, Chefredakteur des „Hardthöhenkurier“. (Foto © MRV)

Nachgefragt bei … Generalleutnant Lutz Kohlhaus, Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe

Herr General, der Generalinspekteur hat der Stärkung des Schutzes vor Bedrohungen aus der Luft, der Integrierten Raketenabwehr, der Luftverteidigung kurzer und mittlerer Reichweite sowie der Flugabwehr eine hohe Priorität zuerkannt. Wie zufrieden sind Sie aktuell mit den Fortschritten in der bodengebundenen Flugabwehr bei der Luftwaffe?

Nicht nur wir als Luftwaffe, sondern auch das Heer und die Marine befinden sich in einer Phase des Aufwuchses. Wir freuen uns, dass auch die Heeresflugabwehr wieder an Statur gewinnt. Das erste Bataillon wird dieses Jahr offiziell in Lüneburg in Dienst gestellt. In der Luftwaffe werden wir uns in besonderer Weise an unserem Standort Panker engagieren, was die Ausbildung der Heereskameraden an dem von uns gemeinsam genutzten Waffensystem IRIS-T anbelangt. Zudem wird das leichte Flugabwehrsystem bis Anfang  nächsten Jahres wieder zurück an die Heeresflugabwehrtruppe übergeben. Auch die Marine wird sich weiterentwickeln. Wir hoffen, dass die künftigen Fregatten über hinreichende Luftverteidigungsfähigkeiten verfügen, um vor allem einen wirkungsvollen Beitrag zur Flugkörperabwehr zu leisten.

Wo sehen Sie angesichts neuerer Entwicklungen im Ukrainekrieg, im Nahen Osten und anderen Krisengebieten Anpassungsbedarf für die bisherigen Planungen zur bodengebundenen Flugabwehr?

Aus meiner Sicht bedarf die Weiterentwicklung der Integrierten NATO-Luftverteidigung noch zusätzlicher Impulse. Wir haben nicht zuletzt durch die European Sky Shield Initiative (ESSI) mit Blick auf die europäische Rüstungsindustrie große Fortschritte gemacht. Hier geht es unter anderem um die Ausrüstung mit dem in der Ukraine sehr erfolgreichen bodengebundenen Waffensystem IRIS-T, Surface Launch (SL). Und es geht auch, was zurzeit genauso wichtig ist, um die kooperative Produktion von Lenkflugkörpern und die gemeinsame Ausbildung.

Mit Blick auf die Produktion des Lenkflugkörpers GEM-T (Red.: Guidance Enhanced Missiles Tactical) besteht eine Kooperation zwischen MBDA und Raytheon in Bayern. Wir hoffen, dass spätestens gegen Ende des Jahrzehnts die Produktionsstätten anlaufen. Es gibt viele zusätzliche Patriot-Nutzernationen in Europa von Rumänien bis hin zu Schweden und anderen, sodass der Lenkflugkörperbedarf sehr groß ist. Wir hoffen, dass auch in diesem Bereich die Produktion weiter gesteigert werden kann. Bei IRIS-T sehen wir das ähnlich: hier vor allen Dingen bestimmt durch zusätzliche Produktionskapazitäten der Firma Diehl, was den Lenkflugkörper anbelangt. Mit dem Blick auf unsere alliierten Partner in Mitteleuropa ist mir ein weiterer Punkt wichtig: Es muss ein Verbund dieser vielen neuen Waffensysteme geschaffen werden. Die Integrierte NATO-Luftverteidigung war in den letzten 30 Jahren im Wesentlichen mit luftpolizeilichen Aufgaben, also dem sogenannten Air Policing, beschäftigt. Das funktioniert auch bis zum heutigen Tag einwandfrei. Wir unterstützen Alliierte, die entweder nicht über entsprechende Abwehrfähigkeiten oder eigene Luftstreitkräfte verfügen. Dazu gehört das Baltikum, dessen Fähigkeiten sich im Aufbau befinden, oder beispielsweise Polen, das sich einer besonderen sicherheitspolitischen Herausforderung gegenübersieht.

Das Air Policing im NATO-Verbund ist bis zum heutigen Tage eine Erfolgsgeschichte und die Solidarität zwischen den Alliierten ist ungebrochen. Die deutsche Luftwaffe leistet hier einen wesentlichen Beitrag. Wo wir Nachholbedarf haben, das liegt mir besonders am Herzen, das ist der Verbund der Gefechtsstände in der Integrierten NATO-Luftverteidigung, also der Datenverbund und die Nutzung moderner, resilienter Kommunikationssysteme. Es geht vor allem auch darum, das Verständnis aller NATO-Partner zu schärfen, damit sie ihre Luftverteidigungskräfte in den Verbund einbringen und nicht nur zur nationalen Landesverteidigung einsetzen, seien es nun bodengebundene Flugabwehrraketensysteme oder, wo verfügbar, luftgestützte Systeme.

Dieses Verständnis muss weiter gefördert werden. Denn „Einer für alle, alle für einen“ ist das wesentliche Erfolgsprinzip der Integrierten NATO-Luftverteidigung. Das müssen wir vor allen Dingen mit Blick auf die Bündnisverteidigung gegen einen möglichen Aggressor wiederbeleben. In einigen Nationen fehlt es noch an Verständnis und Bereitschaft, eigene Kräfte zur Schwerpunktbildung, beispielsweise auf Entscheidung des für die Luftkriegsführung zuständigen Befehlshabers, auch außerhalb des eigenen Landes und gegebenenfalls in anderen Bereichen des Bündnisses einzusetzen.

Deutschland ist hier Vorreiter, insbesondere die Luftwaffe, künftig sicherlich auch im Verbund mit der Heeresflugabwehr. Wir selbst haben während der vielen Jahre des Kalten Krieges von der Solidarität und dieser Bereitschaft unserer Alliierten profitiert, wenn bei uns in der Bundesrepublik amerikanische, niederländische, belgische, französische und andere Luftverteidigungskräfte zum Einsatz gekommen wären. Ich werde die verbleibenden Monate meiner Dienstzeit nutzen, um die Werbetrommel für dieses Thema zu rühren und das Verständnis bei unseren Nachbarn für eine Weiterentwicklung in diesem Bereich zu wecken. Hierzu planen wir unter anderem eine umfangreiche Veranstaltungsreihe während der ILA in Berlin in diesem Sommer.

Der Inspekteur der Luftwaffe hat im vergangenen November Pläne skizziert, die Teilstreitkraft in den nächsten zehn Jahren auszubauen. Wie wird sich das voraussichtlich auf die einzelnen Bereiche auswirken? Die bodengebundene Flugabwehr hat ja besonderen Aufbaubedarf.

Ich glaube, mittlerweile ist allgemein bekannt, dass die Luftwaffe beabsichtigt, als Konsequenz der Beschaffungsentscheidungen im Bereich zusätzlicher Waffensysteme Patriot und IRIS-T zunächst ein zweites Flugabwehrraketengeschwader in Süddeutschland aufzustellen. Das wird allerdings noch ein paar Jahre dauern und von den hierfür erforderlichen zusätzlichen personellen Ressourcen abhängen. Das müssen wir abwarten. Zum einen hoffen wir gemeinsam mit allen anderen Teilstreitkräften, dass der neue Wehrdienst hierbei Erfolge zeigen wird, zum anderen müssen aber auch die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, um das neue Personal aufzunehmen. An beiden Aspekten wird mit Hochdruck gearbeitet. Wir drücken die Daumen!

Das komplette Interview lesen Sie in Ausgabe 2/26 des HHK!

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