Wunderliche Wunderwaffen: Burewestnik, Poseidon und Co.

Geld spielt keine Rolle: Heck des U-Bootes Chabarowsk, das eigens als Träger für den nukleargetriebenen Torpedo Poseidon gebaut wurde. Der Propulsor ist hier vor dem Stapellauf verdeckt.
Geld spielt keine Rolle: Heck des U-Bootes Chabarowsk, das eigens als Träger für den nukleargetriebenen Torpedo Poseidon gebaut wurde. Der Düsenringpropeller ist hier vor dem Stapellauf verdeckt. (Foto: Russisches Verteidigungsministerium)

Auf pro-russischen Kanälen wird ja öfter über einen westlichen Glauben an eigene „Wunderwaffen“ – gerne unter Verwendung des deutschen Originalbegriffs – gespottet, deren Lieferung an die Ukraine ihren Sieg über Russland herbeiführen werde. Das ist auch nicht völlig falsch: Wer manche Medienberichte im Frühjahr 2023 verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass ukrainische Truppen nach der Lieferung von Kampfpanzern Abrams, Challenger und Leopard demnächst Moskau einnehmen würden. In Wirklichkeit erfolgte diese Lieferung zu spät und in zu geringem Umfang, um den Kriegsverlauf noch wesentlich zu verändern. Längst waren die Fronten in befestigten Stellungen, kilometertiefen Minenfeldern und umfassender Überwachung durch Drohnen erstarrt. Ohne Luftherrschaft einer Seite waren raumgreifende Operationen herkömmlicher Art praktisch unmöglich geworden.

Ähnliches galt später für die Lieferung von Kampfflugzeugen F-16. Umgekehrt erweckte die Debatte über deutsche Taurus-Marschflugkörper gelegentlich den Eindruck, dass allein ihr Fehlen die Ukraine daran hinderte, sämtliche russisch besetzten Gebiete zurückzuerobern. Allerdings: moderne westliche Waffen hatten tatsächlich von Anfang an entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf. Von den Panzerabwehrwaffen Javelin und NLAW, die zum Scheitern der anfänglichen russischen Vorstöße auf Kiew beitrugen bis zu weitreichenden Präzisionssystemen wie HIMARS und SCALP/Storm Shadow, die gegen Russlands Aufmarschgebiete und logistische Knotenpunkte weit hinter der Front eingesetzt werden konnten, sicherten sie nicht nur das Überleben des angegriffenen Landes. Sie ermöglichten in der Tat auch die erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive im ersten Kriegsjahr, mit der Moskau ein Drittel des eroberten Territoriums wieder verlor.

Die Wunderwaffen dieser Welt

In drei blutigen Jahren seither konnte Russland nur einen Bruchteil der preisgegebenen Gebiete erneut unter seine Kontrolle bringen. Und das, obwohl seine Anhänger gerade im Westen ihre eigenen Wunschträume von der der Überlegenheit russischer Waffen hatten: Von Flugabwehrsystemen wie dem S-400, dessen Einsatz schon in Syrien westliche Luftoperationen unmöglich machen sollte, es aber nicht tat. Von den „unaufhaltsamen“ Hyperschallsystemen Iskander, Kinschal und Zirkon, die den Ukrainekrieg bislang auch nicht entschieden haben. Oder dem Superpanzer Armata und dem Tarnkappenjäger Su-57, die noch gar nicht in nennenswerten Stückzahlen produziert oder überhaupt im Kampf eingesetzt worden sind. Stattdessen ist ein zäher Abnutzungskrieg zu besichtigen, in dem die wichtigsten Waffensysteme handelsübliche Drohnen vom chinesischen Discounter und ihre größeren Verwandten Marke Eigenbau sind.

Entzauberte Wunderwaffen: Der luftgestartete Hyperschall-Flugkörper Kinschal, hier an einer MiG-31 während der Moskauer Siegesparade 2018, gehörte zu den vor Beginn des Ukrainekrieges gehypten Systemen.
Entzauberte Wunderwaffen: Der luftgestartete Hyperschall-Flugkörper Kinschal, hier an einer MiG-31 während der Moskauer Siegesparade 2018, gehörte zu den vor Beginn des Ukrainekrieges gehypten Systemen. (Foto: Presse- und Informationsamt des Russischen Präsidenten)

Das ist für die Fans hochgezüchteter Militärtechnologie auf beiden Seiten ziemlich ärgerlich. Besonders aber für das der Ukraine eigentlich in ziemlich jeder Hinsicht weit überlegene Russland, das es in vier Jahren nicht geschafft hat, auch nur die von ihm offiziell annektierten ukrainischen Gebiete tatsächlich vollständig zu besetzen. Insofern ist der Spott über westliches Wunderwaffen-Denken wohl nicht zuletzt Projektion: Wären die gegnerischen High-Tech-Systeme wirklich so effektiv wie unterstellt, gäbe es wenigstens eine Entschuldigung für den ausbleibenden Sieg. Tatsächlich wäre dann schon das langsame, verlustreiche Vorrücken im Donbass ein Erfolg. Ohnehin wird gerne die Vorstellung bemüht, man kämpfe in der Ukraine gegen die gesamte westliche Welt. Obwohl es lange keine Meldungen über französische Fremdenlegionäre und ganze polnische Brigaden dort mehr gab.

Die Macht des Glaubens

Dem vom Kreml sorgfältig genährten Glauben, sich bereits mit der NATO im Krieg zu befinden, dürfte auch der Hype um eigene Wunderwaffen geschuldet sein. Etwa die als nicht abzuwehrendes System mit apokalyptischer Wirkung gepriesene Mittelstreckenrakete Oreschnik, die nach russischer Propaganda quasi diesen Krieg gewinnen sollte – durch direkten Einsatz in der Ukraine, oder indem die NATO angsterfüllt die Unterstützung für diese einstellte. Tatsächlich hat man von dieser Waffe, deren Serienfertigung im August verkündet wurde und die mittlerweile eigentlich in Belarus stationiert sein sollte, zuletzt wenig gehört. Außer der späten ukrainischen Meldung, dass man bereits letztes Jahr eines der Startfahrzeuge zerstört habe. Und der kürzlichen Aussage eines Moskauer Parlamentariers, dass man sie ja an das von den USA bedrohte Venezuela liefern könne.

Allerdings: Der Gedanke, im Systemwettbewerb mit dem Westen die eigene Macht zu verlieren – sei es, auch indirekt, durch einen verlorenen Krieg, eine von außen gesteuerte „Farbrevolution“ oder einen Zusammenbruch aus anderen Gründen wie nach dem Kalten Krieg – treibt die russische Führung erkennbar um. Von Anfang an hat sie ihr Bemühen, durch den Griff nach der Ukraine zu alter sowjetischer oder imperialer Größe zurückzukehren, mit nuklearen Drohungen abzusichern versucht. Und neben Systemen wie Oreschnik, die trotz allem Hype nur eine Fortentwicklung existierender Technologie sind, hat sie erhebliche Mittel in solche mit derart fragwürdigem Nutzen gesteckt, dass entsprechende Meldungen im Westen anfänglich kaum ernst genommen wurden. Etwa den Nuklear-„Torpedo“ Poseidon und seinen fliegenden Verwandten, den Marschflugkörper Burewestnik.

Das Strahlen der Kernkraft

Als es 2015 erste Informationen über das damals noch unter „Status-6“ laufende Poseidon-Projekt gab, schien dieses wie ein typisches Hirngespinst aus den Anfängen des Atomzeitalters: Ein nukleargetriebener Torpedo mit praktisch unbegrenzter Reichweite, der mittels eines ebenfalls nuklearen Gefechtskopfes ganze Küstenstädte vernichten oder mit einem radioaktiven Tsunami überschwemmen sollte. Tatsächlich geht die Idee wohl auf die 1950er Jahre zurück, und tatsächlich führte die Sowjetunion um 1970 konventionell getriebene und ungelenkte Torpedos mit Nuklearsprengkopf ein. Ziele waren neben Hafenanlagen auch amerikanische Flugzeugträger-Kampfgruppen, die mit geballter Feuerkraft vernichtet werden sollten. Das ursprüngliche Konzept wurde in Russland offenbar nach dem amerikanischen Austritt aus dem ABM-Vertrag 2010 wiederbelebt.

Russland hat mal wieder den Längsten: der Nukleartorpedo Poseidon ist eher ein autonomes Klein-U-Boot.
Ein Traum aus den 50ern: der etwa mannsdicke Nukleartorpedo Poseidon ist eher ein autonomes Klein-U-Boot. (Foto: Russisches Verteidigungsministerium)

Bei der offiziellen Vorstellung durch Präsident Wladimir Putin als eine von sechs nuklearfähigen „Superwaffen“ 2018 war die Umsetzung immer noch zweifelhaft. Aufgrund der Anforderungen des Nuklearantriebs handelte es sich eher um ein autonomes Klein-U-Boot statt einen Torpedos. Ein 2022 im russischen Fernsehen gezeigter Clip, in dem die komplette Vernichtung der Britischen Inseln durch das System dargestellt wurde, konnte getrost ins Märchenreich verwiesen werden. Selbst bei einem Sprengkopf mit der nie erreichten Leistung von 100 Megatonnen zeigten Untersuchungen Anfang der 1960er Jahre, dass die erzeugte Flutwelle bestenfalls einige Kilometer ins Landesinnere reichen würde. Aktuelle westliche Schätzungen gehen von zwei Megatonnen Sprengkraft aus – verpackt in eine Waffe, die fast doppelt so groß ist wie eine U-Boot-gestartete Interkontinentalrakete.

Die Prinzipien der Abschreckung

Nach westlichen Maßstäben ist das Ganze relativ sinnbefreit, wenn auch einer gewissen Logik folgend. Ist die nukleare Abschreckung nicht mehr gewährleistet, weil Raketensysteme durch Präventivschläge oder Abwehrmaßnahmen verwundbar erscheinen, bietet Poseidon eine bislang nicht einkalkulierte Rückfallmöglichkeit. Wenn es schon nicht Großbritannien versenken kann, kann es zumindest die eine oder andere Hafenstadt verwüsten. Auch nach dem Weg durch einen ganzen Ozean, vielleicht Tage nach dem Erstschlag. Die Meinung, dass es weder so schwer aufzuspüren noch abzuwehren ist wie die russische Propaganda behauptet und die Wirkung den Preis nicht wert ist, scheint man in Moskau nicht zu teilen. Sonst würde man dort nicht eigens eine neue Klasse von U-Booten als Trägerplattform bauen lassen.

Ähnliches gilt für den nukleargetriebenen Marschflugkörper Burewestnik. Auch dieses Konzept ist nicht neu: Als die Atomkraft noch eine strahlende Zukunft versprach, stellte man sich Flugzeugtriebwerke vor, die die durchströmende Luft nuklear statt durch Verbrennung von Treibstoff aufheizen und zum Vortrieb nutzen sollten. Ende der 1950er Jahre gab es in den USA das Projekt Pluto für einen überschallschnellen Marschflugkörper nach diesem Prinzip. Der Antrieb wurde erfolgreich getestet, aber Nachteile gegenüber den schnell reifenden Interkontinentalraketen führten zur Einstellung des Projekts. Etwa, dass die direkte Heizung des Luftstroms durch die Reaktorelemente einen radioaktiven Schweif hinter dem Flugkörper herziehen würde.

Der Zauber des Geldes

Von Burewestnik wird angenommen, dass der Antrieb indirekt über einen geschlossenen Primärkühlkreislauf des Reaktors arbeitet und hohe Unterschallgeschwindigkeiten erzielt. Immerhin würde der Flugkörper dann wohl nicht schon vor dem eigentlichen Ziel alles auf seinem Weg verstrahlen. Da die Abschirmung allerdings notwendigerweise relativ leicht sein muss, dürfte er für Überwachungssysteme selbst aus dem Weltraum leuchten wie ein ganzer Weihnachtsbaum – wenn nicht radioaktiv, dann auf jeden Fall aufgrund der Wärmeabstrahlung. Auf veröffentlichten Bildern sieht er auch gegen Radarerfassung nicht besonders „stealthy“ aus. Und weder die mitgeteilte Geschwindigkeit noch die Flughöhe über Grund sind gegenüber anderen Systemen beeindruckend.

Leuchtet wie ein Weihnachtsbaum: Teststart des nukleargetriebenen Marschflugkörpers Burewestnik.
Leuchtet wie ein Weihnachtsbaum: Teststart des nukleargetriebenen Marschflugkörpers Burewestnik. (Foto: Russisches Verteidigungsministerium)

Das negiert für seine Überlebensfähigkeit gegenüber der westlichen Abwehr weitgehend den Vorteil, dass er aufgrund der Reichweite aus unerwarteten Richtungen angreifen könnte. Wie bei Poseidon scheint es Russland aber das Geld wert zu sein, seine nukleare Abschreckung angesichts von Fortschritten in der Raketenabwehr mit unkonventionellen Zweitschlagmitteln zu diversifizieren. Minimal zwingt es den Westen, verstärkt in konventionelle Abwehrsysteme gegen Luft- und Unterwasserziele zu investieren. Dagegen ist aus westlicher Sicht die eigene Abschreckungsfähigkeit eher durch die Nachrüstung mit den anderen russischen „Superwaffen“ Kinschal, Zirkon, der neuen Interkontinentalrakete Samat und dem Hyperschallgleiter Awangard gefährdet.

Als mögliche Erstschlagwaffen stellen diese eine größere Bedrohung dar. Ganz sicher müssen die westlichen Demokratien, die das Überleben des eigenen Regimes nicht mit dem des Staates gleichsetzen, nicht in Gegenstücke zu Poseidon und Burewestnik investieren. Vielleicht sollte man es so betrachten: Jeder Rubel, der in diese beiden Wunderwaffen fließt, kann nicht zur Finanzierung der bedrohlicheren Nuklearsysteme verwendet werden. Oder für konventionelle Waffen, die gegen die Ukraine und irgendwann vielleicht gegen die NATO eingesetzt werden. Schon die Sowjetunion hat sich bekanntlich totgerüstet. Insofern wäre der russische Rückgriff auf die radioaktiven Fantasien der 50er Jahre aus Sicht des Westens nicht nur wunderlich, sondern möglicherweise sogar wunderbar.

Stefan Axel Boes

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