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Zeit, das ist für mich die kritische Größe!

Intensiver Gedankenaustausch zwischen Dr. Thomas Kauffmann und Chefredakteur Michael Horst. (Foto ©MRV)
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Nachgefragt bei … Dr. Thomas Kauffmann, Geschäftsführer der General Dynamics European Land Systems Deutschland GmbH und Vice President GDELS International Business & Services

Herr Dr. Kauffmann, vor welchen wesentlichen Herausforderungen steht das Unternehmen aktuell in Deutschland? Herausforderungen oder Aufgaben? Ich drehe es einmal ins Positive. Vor der Aufgabe, unserer Bundeswehr den Service und die Produkte anbieten und liefern zu können, die sie braucht, um ihren Auftrag zu erfüllen. Können diese Produkte von GDELS zur zeitnahen Realisierung der politisch geforderten und militärisch notwendigen „Zeitenwende“ beitragen? Können sie. Wie Sie sicherlich wissen, haben wir sowohl im Bereich von Rad- wie auch Kettenfahrzeugen sowie der Brückensysteme sehr verschiedene marktverfügbare Lösungen, die wir anbieten können. Wir sind Teil des Lieferfelds. Wir sind hinsichtlich verschiedentlicher Themen im Dialog mit dem deutschen Kunden darüber, wie wir diese „Zeitenwende“ gemeinsam erfolgreich umsetzen bzw. gestalten können.

Welche Tätigkeiten können hier im Werk Neubrandenburg speziell für die Bundeswehr übernommen werden? Wir haben hier bei der GDELS-FWW in Neubrandenburg die militärische Servicierung, Wartung und Instandsetzung. Das heißt, wir haben höchst flexible Mitarbeiter, die an verschiedenen Fahrzeugen ausgebildet und zertifiziert sind, um Reparaturtätigkeiten durchzuführen – die aber auch geeignet sind, sehr schnell und flexibel in der Fertigung oder Fahrzeugmontage eingesetzt zu werden. Zudem haben wir auch die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um gegebenenfalls erforderliche Fertigungskapazitäten schnell aufbauen zu können. Aktuell konzentrieren wir uns auf Instandsetzung und Wartung und lasten unser Werk sukzessive weiter aus. Wir haben Wachstumspotenzial.

Der Pandur Evolution 6×6. (Foto ©GDELS)

Welchen Stellenwert haben geschützte Fahrzeuge für das Unternehmen? Wir als GDELS sind Fahrzeughersteller. Das ist unser Kern. Unsere Kernkompetenz ist geschützte Mobilität auf Rad wie auf Kette. Also: Stellenwert Nummer eins.

Wie beurteilen Sie die Marktchancen des Pandur Evolution 6×6 bzw. des Eagle V 6×6 für die Nachfolge der Transportpanzer-Fuchs-Varianten der Bundeswehr? Dass wir unsere Fahrzeuge – den Pandur, den Eagle, aber auch den Piranha – empfohlen haben, verdeutlicht unsere Ambitionen. Ich glaube, es ist jetzt wichtig, sich anzuschauen, wie sich das Deutsche Heer über eine Transportpanzer-Fuchs- Nachfolge hinaus im Bereich der Mittleren Kräfte aufstellt, welche Fähigkeiten man weiter abbilden will und auf welchen Systemen. Da gibt es verschiedene Ansätze, und ich glaube, dass wir hier sowohl marktverfügbare als auch leistungsfähige Systeme anbieten können.

Hier stehen wir mit dem Kunden in einem guten Dialog. Ich würde mir natürlich wünschen, dass es einen fairen, transparenten Wettbewerb gibt und auch auf Lieferfähigkeit, Marktverfügbarkeit, technische Reife und selbstverständlich auf den Preis geachtet wird. Auch in dieser Hinsicht bin ich überzeugt, dass wir sehr gut aufgestellt sind.

Eagle 6×6; hier als Mittleres Geschütztes Sanitätsfahrzeug. (Foto ©GDELS)

Welche Besonderheiten zeichnen diese Fahrzeugvarianten aus? Unser Pandur Evolution, der ja im österreichischen Bundesheer eingeführt ist und dort die radbasierte Mobilitätskomponente abbildet, ist nicht einfach nur ein gepanzertes Radfahrzeug, sondern ein Radpanzer. Er hat die taktische Mobilität, ist vom Design, vom Konzept des Fahrzeugs mit Monocoque- Wanne in der Auslegung sehr kompakt. Wir sind sehr beeindruckt, wie die Österreicher im Rahmen der Landesverteidigung das Thema Mittlere Kräfte und Kompaktheit umsetzen. Das heißt, die Fahrzeuge müssen nicht großvolumig sein, um für eine „Expeditionsmission“ dienen zu können, sondern sie müssen kompakt und für die Landesverteidigung in der Geografie des Einsatzgebiets gut einsetzbar sein. Uns ist das bei dem Pandur Evolution 6×6, denke ich, sehr stringent und sehr gut gelungen.

Ist er eigentlich schwimmfähig oder kann er schwimmfähig gemacht werden? Wir haben den Pandur in der 8×8-Variante bereits an die NATO-Partner Tschechien und Portugal als amphibisches Fahrzeug geliefert. Indem wir auf unseren Baukasten zurückgreifen, können wir den Pandur ohne größeren Aufwand schwimmfähig machen. Das ist kein Problem.

machen. Das ist kein Problem. Eagle 4×4 beim Brückenübergang. (Foto ©GDELS)

Welche Besonderheiten sollte man beim Eagle ansprechen? Der Eagle 6×6 ist zunächst, was die logistische Gleichheit angeht, weitestgehend deckungsgleich mit unserem Eagle V 4×4. Wir haben das Fahrzeug momentan in der Nachweisführung als Mittleres Geschütztes Sanitätsfahrzeug bei der Wehrtechnischen Dienststelle. Darüber hinaus sind wir gegenwärtig dabei, das Fahrzeug im Bereich Standfestigkeit weiterführend deutlich zu stärken, und sind sehr überzeugt, dass wir das beste Sanitätsfahrzeug an die Bundeswehr liefern, das aktuell auf dem Markt verfügbar ist. Darüber hinaus ist natürlich der Eagle 6×6 nicht nur ein klassisches Sanitätsfahrzeug, sondern eine Multifunktionsplattform. Er unterscheidet sich vom Pandur dahingehend, dass er kein Radpanzer, sondern ein gepanzertes Fahrzeug ist und daher auch für andere Missionstypen bestens geeignet ist.

Wie sieht es mit der Logistik und der erforderlichen Ausbildung aus? Kann GDELS hier eine Unterstützung anbieten? Selbstverständlich können wir die Fahrzeuge durch unsere Service- und Wartungskapazitäten entsprechend servicieren. Aktuell wird die Wartung und Instandsetzung des Eagle nicht exklusiv durch uns durchgeführt, sondern auch durch andere Wartungsunternehmen in Deutschland, die qualifiziert und durch die Bundeswehr autorisiert sind. Eine Wartungsinfrastruktur ist also bereits vorhanden. Wir sind aber durchaus gewillt und bereit, auch neue, innovative Wege zu gehen. Wir sind in der Lage, kurzfristig ein Systemunterstützungszentrum aufzubauen, um eine neue Flotte instand zu halten. Ich glaube, wir müssen in Anbetracht der Herkulesaufgabe der Zeitenwende in die Masse gehen. Wir brauchen qualitativ gute Fahrzeuge, und die brauchen wir in einer großen Stückzahl. Ein Systemunterstützungszentrum könnte ein Weg sein, wie wir die Versorgbarkeit und Instandsetzungsfähigkeit einer großen Flotte erheblich verbessern. Unabhängig davon, wann diese in die volle logistische Verantwortung des Heeres oder der Streitkräftebasis übergeht, sind wir als Unternehmen zur Unterstützung da und haben gute Konzepte, die wir anbieten und diskutieren können.

Wie kann GDELS die Vielzahl der geforderten Varianten eines Fuchs-Nachfolgers realisieren? Wir sind Systemintegrator, und es ist unser tagtägliches Geschäft, Missionskits in verschiedenste Fahrzeugvarianten zu integrieren. Wir haben sehr variantenreiche Fahrzeugfamilien auf Basis des Piranha und des Pandur – mit zukünftig weiteren Rollen für das österreichische Bundesheer. Daher sehen wir da überhaupt kein Problem.

Ist die Beteiligung deutscher Unterauftragnehmer angedacht? Selbstverständlich, deutsche Unterauftragnehmer sind bereits jetzt auch beim Pandur, beim Piranha und unseren anderen Fahrzeugen beteiligt. Da ist bereits heute eine hohe Wertschöpfung vorhanden, die wir natürlich – bei einer Beauftragung in Deutschland – noch weiter vertiefen können.

Ist das Unternehmen, gegebenenfalls auch im Werk Neubrandenburg, in die Unterstützung für die Ukraine involviert? Wir nehmen unsere Verantwortung wahr und leisten Unterstützung. Ohne ins Detail zu gehen, leisten wir auch dort substanziell unseren Beitrag als verlässlicher Partner im Sicherheits- und Verteidigungssystem.

Die vielfältigen Brückenlösungen des Unternehmens tragen zur Mobilität der Landstreitkräfte erheblich bei. Welche aktuellen Entwicklungen können Sie in diesem Feld präsentieren? Ja, wie Sie wissen, sind wir seit Langem in Sachen militärische Mobilität tätig und aktiv und haben auf diese Herausforderung schon vor Jahren hingewiesen. Nicht nur, dass wir im Bereich von Schwimmbrücken und Fährsystemen mit der M3 EVO (Red.: amphibische Brücken- und Fährenfahrzeug M3 ist ein geländegängiges 4×4-Radfahrzeug mit integrierten Brückenelementen) eine ganz neue Fähigkeit darstellen können. Hier sind wir in konkreten Gesprächen mit Deutschland und Großbritannien für deren zukünftiges Brückensystem. Wir haben uns aber auch im fahrzeuggestützten Bereich sehr darauf fokussiert, wie man Funktionalität und Mobilität trennen kann, um gewisse Multiplikatoreffekte zu erzielen. Und wir sind sehr stolz, dass wir auf der letzten RÜ.NET in Koblenz die Anaconda vorstellen konnten. Hierbei handelt es sich um eine Panzerschnellbrücke, die wir auf einem Lkw – optional geschützt – abbilden können. Die Leistungsfähigkeit dieser Brücke liegt im Bereich MLC 80+ (MLC: Military Load Classification), das heißt, wir können über die Brücke sämtliche in der NATO eingeführten Kampfpanzer übersetzen.

Das amphibische Brücken- und Fährenfahrzeug M3 ist ein geländegängiges 4×4-Radfahrzeug. (Foto ©GDELS)

Und wir können sehr schnell in der Masse Lösungen anbieten, die auch wirtschaftlich interessant sind. Es ist natürlich ein kompletter Unterschied, ob Sie einen Brückenlegepanzer beschaffen oder ob sie eine Panzerschnellbrücke auf einem Lkw beschaffen. Da sprechen wir von ganz unterschiedlichen Zahlen, sowohl im Beschaffungspreis als auch in Bezug auf die Lieferfähigkeit.

In welchen Bereichen kann das Unternehmen Lösungen für die Mittleren Kräfte des Heeres anbieten? Was Brückensysteme angeht, bieten wir verschiedene Lösungen in verschiedenen Gewichtsklassen an. Dazu gehört die modulare Cobra-Brücke, die wir auf taktische 8×8-Fahrzeuge aufsetzen können. Aber natürlich ist auch unser Portfolio an Fahrzeugen interessant, sowohl die Fahrzeugfamilie Pandur in der 6×6-Variante als auch der Piranha, der ja bei vielen NATO-Partnern erfolgreich im Einsatz ist.

Die modulare Cobra-Brücke auf dem Fahrmodul des GTK Boxer. (Foto ©GDELS)

Wir haben Fähigkeiten abgebildet von der modernsten ABC-Spürvariante mit drohnengestützten Sensoren für die rumänische Armee bis zu Mörserkampfsystemen sowohl auf dem Pandur als auch auf dem Piranha, also Varianten, über die die Bundeswehr momentan auch spricht. Eine Mittelkaliberbewaffnung 30 mm haben wir realisiert; diese befindet sich bereits in der Truppe. Auch im Bereich des taktischen Funks und weitreichender Funksysteme haben wir bereits eingeführte, bewährte Systeme. Daher sind wir in puncto Marktverfügbarkeit für die Bundeswehr eine Top-Adresse, sowohl was unser Portfolio betrifft als auch wie wir auf unseren Baukasten zugreifen können.

Anaconda ist ein leistungsfähiges Brückensystem im Bereich MLC 80+ auf einem Lkw (optional geschützt). (Foto ©GDELS)

Wie beurteilen Sie aktuelle Untersuchungen zur Optimierung des Rüstungsprozesses der Bundeswehr? Gibt es seitens Ihres Unternehmens hier besondere Wünsche? Der Ansatz, den wir mit dem Beschaffungsbeschleunigungsgesetz gewählt haben, ist ein sehr konsequenter Schritt. Wir sollten allerdings in dem Prozess darauf achten, dass wir nicht dabei enden, wenn der Vertrag geschlossen ist, sondern wir müssen dort ganz klar die Lieferfähigkeit mit integrieren. Es ist ja nicht hilfreich zu sagen, wir füllen die Auftragsbücher der Unternehmen beschleunigt, aber die Truppe bekommt die Fahrzeuge nicht. Die eigentliche Stellschraube und der kritische Wert sind, wann sind die Fahrzeuge an die Truppe geliefert und können zum Einsatz kommen. Deswegen ist aus meiner Sicht der nächste konsequente Schritt, nicht nur eine verkürzte, schnelle Beschaffung, also den Vertragsschluss, zu forcieren, sondern auch zu berücksichtigen, wie schnell kann geliefert werden.

Das ist für mich die kritische Größe. Darüber hinaus ist natürlich der Schwellenwert der 25-Millionen-Vorlage von Interesse, da muss die Politik sich überlegen, ob wir nicht zu feinmaschig eingestellt sind. Wenn man sich die verschiedenen Projekte anschaut, die wir aktuell in der Beschaffung haben, wäre dort vielleicht ein höherer Schwellenwert sinnvoll, um Administration einsparen zu können. Ich glaube, wir sind gut beraten, wenn wir in verschiedenen Bereichen auch versuchen, ganz neue, innovative Wege zu gehen, und wenn wir verstärkt den Dialog mit der Industrie suchen. Aber last but not least und egal in welcher Situation wir uns befinden: Wir sollten das Thema transparenter, fairer Wettbewerb nie außer Acht lassen. Es gibt kein Beispiel in der Geschichte, wo Protektionismus Innovation getrieben hätte. Innovation ist immer dann ermöglicht und begünstigt worden, wenn Unternehmen besser werden mussten, um im Wettbewerb zu bestehen. Ich brauche einen Benchmark. Ich muss wie ein Sportler in Wettkämpfe gehen, um besser zu werden. Ich kann zwar glauben, ich bin der Champion – aber ob ich tatsächlich der Champion bin, stelle ich erst fest, wenn ich den Wettbewerb durchlaufen habe.

Herr Dr. Kauffmann, herzlichen Dank für die interessanten Informationen und das gute Gespräch.

 

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