Interview mit Brigadegeneral Dr. Volker Bauersachs, Kommandeur Kommando Hubschrauber, General Heeresfliegertruppe und General Flugbetrieb Heer
Herr General, welches aktuelle Thema hat für Sie zurzeit besondere Priorität?
Die Heeresfliegertruppe steht so stark im Umbruch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zurzeit ist es nicht nur ein einzelnes Thema, sondern es sind ganze Handlungsfelder, die mich beschäftigen. Die Aufstellung der ablauforganisatorischen Aviation Brigade NATO Force Model 2025-2027 bei gleichzeitiger Einführung des neuen Hauptwaffensystems Leichter Kampfhubschrauber (LKH) ist in diesem Zusammenhang ebenso bestimmendes Thema wie die Beantwortung der zentralen Frage, wie die Heeresfliegertruppe zukünftig strukturell aufgestellt sein muss, um das Ziel der Kriegstauglichkeit nachhaltig zu erfüllen.
Es geht also um mehrere Handlungslinien, die die gesamte Truppengattung und mich derzeit umtreiben. Für die Sicherstellung der Einsatzbereitschaft kommt es mir darauf an, für den „Fight tonight“ die laufende ablauforganisatorische Aufstellung der Aviation Brigade Nato Force Model 2025-2027 in Leitverbandfunktion gemeinsam mit allen beteiligten Stellen innerhalb und außerhalb des Deutschen Heeres konsequent voranzutreiben, um eine initiale Operationsfähigkeit der eingemeldeten Hubschrauberkräfte schnellstmöglich formal zu erreichen. Dass wir bereit sind, einen sichtbaren und glaubhaften Beitrag zur Abschreckung an der NATO-Ostflanke zu leisten, hat die Truppe bereits im vergangenen Jahr bei der multinationalen Übung „Griffin Lightning“ in Litauen eindrucksvoll bewiesen. Diesen Angriffsschwung gilt es zu verstetigen, deshalb liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr auf der vorgesehenen NATO-Zertifizierung der Manöverelemente der Aviation Brigade.
Für die strukturelle Weiterentwicklung kommt es mir darauf an, die bestehenden Einschränkungen der ablauforganisatorisch aufgestellten Aviation Brigade durch eine aufbauorganisatorische Umwandlung des Kommando Hubschrauber vom Fachkommando zur kriegstüchtigen Heeresfliegerbrigade zu überwinden, um den NATO-Korpstruppenauftrag zukünftig selbstständig und kaltstartfähig mit allen dafür erforderlichen Fähigkeiten leisten zu können. Entsprechende Untersuchungen laufen bereits im Heer, sehen vielversprechend aus und müssen konsequent umgesetzt werden. Last but not least ist es mir mit Blick auf die Fähigkeit „Kampf in und aus der Luft“ besonders wichtig, die laufende Einführung des Leichten Kampfhubschraubers erfolgreich fortzusetzen. Diesbezüglich erwarten wir in diesem Jahr den Beginn der ersten Hubschrauberführergrundausbildung mit dem Leichter Kampfhubschrauber in der Rolle Ausbildung beim Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum in Bückeburg sowie den Zulauf der ersten Waffensysteme in der Rolle Kampf in die Truppe.

Der Leichte Kampfhubschrauber ist eine Erfolgsgeschichte. Wie sind der aktuelle Sachstand und die weiteren Planungen?
Was die bisherigen Zeitlinien vom Vertragsschluss bis zur Auslieferung des ersten Luftfahrzeuges angeht, kann das Projekt „Leichter Kampfhubschrauber“ mit Fug und Recht als Erfolg bezeichnet werden. Dennoch ist bis zum Erreichen der Einsatzreife und in der Folge Einsatzbereitschaft noch ein gutes Stück des Weges zu gehen. Die aktuell in der Auslieferung befindlichen Luftfahrzeuge werden ab Juni 2026 im Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum in Bückeburg zur Sicherstellung der Hubschrauberführergrundausbildung, dem Basic Helicopter Flight Training, genutzt. Diese Luftfahrzeuge sind für den Kampfauftrag aufrüstfähige Ausbildungsluftfahrzeuge. Dieses Zwischenziel haben wir im Projekt „Leichter Kampfhubschrauber“ zeitgerecht genommen, auch wenn noch der zugehörige Simulator für das Luftfahrzeug fehlt.
Im nächsten Schritt gilt es die Basisplattform H145D3M in der Rolle Kampf weiterzuentwickeln, inklusive der notwendigen Softwareals auch Hardwarekomponenten, um zeitgerecht den angezeigten Kräftebeitrag der NATO erfüllen zu können. Hier sind speziell die Herstellerfirma sowie die umfangreiche Anzahl an Zulieferern in der Pflicht, die geplanten Zeitlinien des Fähigkeitsaufwuchses einzuhalten und den Leichten Kampfhubschrauber zu dem Technologieträger zu machen, den die Truppengattung benötig Ziel ist unverändert, mit zwölf voll operativ einsatzbereiten Luftfahrzeugen eine Erstbefähigung für den Kampf aus dem bodennahen Luftraum dem Deutschen Heer sowie der NATO im Jahr 2029 zur Verfügung zu stellen. Alle Expertiseträger aus meinem Verantwortungsbereich sowie aus dem Amt für Heeresentwicklung arbeiten mit Hochdruck an dieser Herausforderung, welche durch die aktuelle weltpolitische Lage ungleich komplexer geworden ist. Speziell die Zusammenarbeit mit einigen Unterauftragnehmern wird durch die weltweiten Konflikte erschwert. Das Fernziel bleibt trotz aller Dynamik unverändert: Im Jahr 2032 wird die Heeresfliegertruppe Leichte Kampfhubschrauber für drei Kampfhubschrauberbataillone zur Verfügung stellen und parallel die Ausbildung des fliegerischen Nachwuchses mit über 20 Luftfahrzeugen sicherstellen.
Haben sich durch die Erfahrungen aktueller Kriege Kampfweise und Taktik der Heeresfliegertruppe wesentlich verändert?
Die Alleinstellungsmerkmale der Heeresflieger haben sich auch unter den Erfahrungen aktueller Konflikte grundsätzlich bewährt. Unverändert ermöglicht die Heeresfliegertruppe schnell und geländeunabhängig den Schwerpunkt der Operationsführung zu verlagern und einen entscheidenden Beitrag zur Entscheidung zu leisten.
Aus meiner Sicht sind die Heeresflieger deshalb die beste Reserve, die sich der Kommandierende General eines Korps vorstellen kann. Selbstverständlich unterscheiden sich die Einsatzverfahren von denen, die wir in den vergangenen Jahren insbesondere im Bereich des Krisenmanagements gesehen haben, unsere Besatzungen haben jedoch den Kampf gegen einen ebenbürtigen Gegner nie aus den Augen verloren. Verständlicherweise verschiebt sich das Hauptaugenmerk hier deutlich von Lufttransport hin zum Kampf gegen gepanzerte bewegliche Ziele.
Auch in aktuellen Konflikten hat der Einsatz von bemannten Kampfhubschraubern unverändert Bestand. Neu ist allerdings die wachsende Rolle von Hubschraubern im Bereich Air Interdiction, also dem Abfangen von weitreichenden langsam fliegenden Systemen, insbesondere von Long-range attack UAS. Diese Entwicklung verfolgen wir bereits seit Längerem und konnten die Wirksamkeit unserer Plattformen bereits in Experimenten nachweisen.
Im Rahmen der Übung „Griffin Lightning“ überflog die gesamte Aviation Brigade Vilnius im Formationsflug. (Foto ©Bw/Julia Dahlmann)
Wie ist der Sachstand und welche Planungen gibt es zur Steigerung der Fähigkeit zum gemeinsamen Einsatz von bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen, dem Manned- Unmanned Teaming (MUM-T), in militärischen Missionen?
Mit dem Technologieträger H145M wird die deutsche Heeresfliegertruppe als eine von wenigen in der NATO eine Plattform bekommen, die mit einer großen Bandbreite an Führungssystemen ausgestattet in der Lage sein wird, unbemannte Systeme in Echtzeit auftrags- und befehlsbasiert zu führen. Dabei können unbemannte Systeme wie auch Loitering Munition Systems (LMS) übernommen, übergeben und eine Vielzahl von Systemen gleichzeitig geführt werden. Ziel ist es, boden- und luftgestartete Effektoren unter einheitlicher Führung im Zuge der Operationsführung zusammenzufassen, Schwerpunkte zu bilden und die gegnerischen Fähigkeiten zu überlasten, um in der Tiefe des gegnerischen Raumes Ziele frühzeitig zu bekämpfen, weit bevor sie sich in einer Duellsituation mit den Bodenkräften befinden. Unbemannte Systeme und Loitering Munition Systems sind hierbei nicht als bloße Wirkmittel zu verstehen, sondern sie bilden mit ihren Sensoren, den Fähigkeiten zur Bildung von Netzwerken und teilweise gar Auswertung von Daten, aber auch Fähigkeiten des Kampfes im elektromagnetischen Spektrum gemeinsam mit der Instanz Mensch ein schlagkräftiges Ökosystem. Innerhalb der NATO sind wir uns einig: In Zukunft gilt es, die vielfältigen Vorteile bemannter und unbemannter Systeme miteinander zu verknüpfen und so taktische Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld zu erlangen. Die Überlebensfähigkeit bemannter Systeme wird dazu durch Abstandsfähigkeit erhöht; der Mensch als notwendige geistig schöpferische Entscheidungsinstanz bleibt auch in Zukunft auf dem Gefechtsfeld unverzichtbar. Der Erstkontakt mit dem Gegner sollte grundsätzlich unbemannt erfolgen. Gibt es technologische Trends, die aus Ihrer Sicht zukünftig die Gefechtsführung der Heeresfliegerkräfte wesentlich verändern werden? Zwei wesentliche Technologietrends werden die Heeresfliegertruppe maßgeblich beeinflussen: Erstens Künstliche Intelligenz, Sensor- und Datenfusion. Schon heute sind in unseren Plattformen eine große Anzahl unterschiedlicher Sensoren verbaut, deren Fähigkeiten weit über die bisherige Nutzung hinausgehen. Gleichzeitig werden durch unterschiedlichste Akteure Unmengen an Daten auf dem Gefechtsfeld generiert. Eine Auswertung findet derzeit in der Regel in Insellösungen statt, ein Datenaustausch erfolgt größtenteils über sogenannte Drehstuhlschnittstellen, also Menschen, die Daten händisch von einem System ins andere übertragen. Bereits heute ist es möglich, diese Daten zu sammeln und zu verknüpfen. Zukünftig könnte Künstliche Intelligenz in der Lage sein, Daten vor Ort aufzubereiten und als Datenprodukte innerhalb des Netzwerks bereitzustellen, mit anderen Netzwerken zu teilen und adressatengerechte Lagebilder also nur das zeigen, was der Nutzer benötigt, basierend auf einem Common Operational Picture bereitstellen. So kann Zielzuweisung in nahezu Echtzeit erfolgen und außerhalb der eigenen Sichtlinien (Beyond Line of Sight) bekämpft werden. Informationsüberlegenheit ist einer der Schlüsselfaktoren für schnelle Entscheidungen und damit eine überlegene Wirkungsfähigkeit und sichert das Bestehen auf dem Gefechtsfeld. Zweitens, wie bereits bei der Frage MUM-T beschrieben, wird das Zusammenwirken von unbemannten und bemannten Plattformen die Einsatzmöglichkeiten und Durchsetzungsfähigkeit auf dem Gefechtsfeld deutlich erweitern. Immer wieder werde ich gefragt, ob bemannte Systeme nicht gänzlich obsolet sind, eine Beschaffung neuer Plattformen überhaupt sinnhaft ist. Derzeit und auch nicht in unmittelbarer Zukunft sehe ich marktverfügbare Lösungen, die bemannte Plattformen als im Sinne der übergeordneten Führung agierende Manöverelemente ersetzen könnten, weil Kriegführung ganz im Sinne von Clausewitz von Ungewissheiten und psychologischen Faktoren geprägt ist, die geistig schöpferische Tätigkeiten erfordern und Künstliche Intelligenz hierbei noch an ihre Grenzen stößt. Nichtsdestotrotz gilt es die Frage zu stellen, ob zukünftige bemannte Plattformen unserem heutigen Bild entsprechen werden. Dies ist sicherlich zu bezweifeln, • denn zukünftige Plattformen werden ihre Überlegenheit aufgrund ihrer umfassenden Digitalisierung und Netzwerkfähigkeiten entfalten, wobei luft- und bodengestartete Effektoren übernommen und übergeben werden können und somit ein Agieren im Systems- of-Systems-Ansatz ermöglicht wird, • denn „find, fix and track“ von Zielen wird nicht mehr durch die Plattform selbst durchzuführen sein, sondern durch Datenfusion generiert und • da Geschwindigkeit, Reichweite und Abstandsfähigkeit zwingend für die Überlebensfähigkeit bemannter Systeme sind. Die Heeresfliegertruppe beabsichtigt daher Mitte der 2030er-Jahre, eine mehrrollenfähige bemannte Plattform einzuführen, die als zentrale Führungsplattform auftragsbasiert unbemannte Systeme und LMS in einem MUM-T-Wirkverbund einsetzen kann und gleichzeitig auch als Transportplattform genutzt werden kann. Entsprechende Forschungsprojekte werden derzeit sowohl in Zusammenarbeit mit der NATO, aber auch der EU durchgeführt.
Das Transporthubschrauberregiment 30 trainiert gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23 bei der Übung „Cold Response 26“ in Norwegen. (Foto ©Bw/Maximilian Schulz)
Was fehlt den Heeresfliegerkräften im Wesentlichen noch zur „Kriegstüchtigkeit“ bis 2029?
Die Heeresfliegertruppe ist mit der Struktur Heer 2011 auf den Einsatz in Afghanistan optimiert. Seit 2025 wird der NATO ablauforganisatorisch, also unter Zusammenwürfeln von Fähigkeitsbausteinen nicht nur des Heeres, sondern auch der Luftwaffe und weiterer Organisationsbereiche, eine Aviation Brigade zur Verfügung gestellt. Jetzt müssen wir mal Gas geben, damit wir wieder professionell aufgestellt sind und Strukturen haben, in denen wir auch wirklich kämpfen können und durchhaltefähig sind. Die seit 2022 andauernden Bedrohungen in Europa sorgen dafür, dass wir professionell aufgestellt sind und Strukturen haben, in denen wir auch wirklich kämpfen können und durchhaltefähig sind. Um zukünftig kriegstüchtig, durchsetzungsstark, durchhaltefähig und verlässlich den NATO-Verpflichtungen nachkommen zu können, ist es zwingend notwendig, bis 2029 eine Heeresfliegerbrigade als Strukturelement aufzustellen. Dies schließt insbesondere und nachdrücklich die Fähigkeiten zur Führungs- und Einsatzunterstützung ein. Ziel muss es sein, der NATO Heeresfliegerkräfte bereitzustellen, die „fully sustainable, fully capable and fully operational” sind und die qualitativen und quantitativen Forderungen der NATO vollumfänglich abbilden. Dies schließt insbesondere, aber nicht ausschließlich die Stabsunterstützungskompanie, Fernmeldekompanie und ein Heeresfliegerversorgungsbataillon ein. Hierfür ist es zwingend notwendig, dass alle erforderlichen Organisationselemente vollumfänglich durchdacht und in einer Struktur berücksichtigt werden. Ob Anteile dieser Strukturen aktiv, teilaktiv oder nichtaktiv sind, welche der Fähigkeitsbausteine in Frieden, Krise und Krieg vorhanden sein müssen, kann hier ebenfalls mit einfließen. Fazit: Wir leisten bereits jetzt unseren Beitrag zur Sicherung der Ostflanke. Umfassend gelingt dies aber kaltstart-, durchhalte- und siegfähig nur, wenn wir alle notwendigen Strukturen und Ressourcen für unseren Auftrag zur Verfügung haben. Eine vollständige Ausgestaltung aller Aspekte „Lufttüchtigkeit im Einsatz“ gilt es schnellstmöglich zu realisieren. Dies umfasst ausreichende Bevorratung aller benötigten materiellen Ressourcen, qualifiziertes Personal und feststehende Verfahren für Krise und Krieg.
Herr General, vielen Dank die Informationen.
Den Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.


