Auf dem Weg zur kriegstüchtigen Heeresfliegerbrigade

Der Leichte Kampfhubschrauber wird eingeführt. Im Jahr 2029 soll mit zwölf voll operativ einsatzbereiten Luftfahrzeugen eine Erstbefähigung für den Kampf aus dem bodennahen Luftraum zur Verfügung gestellt werden. (Foto © Airbus Helicopters)
Der Leichte Kampfhubschrauber wird eingeführt. Im Jahr 2029 soll mit zwölf voll operativ einsatzbereiten Luftfahrzeugen eine Erstbefähigung für den Kampf aus dem bodennahen Luftraum zur Verfügung gestellt werden. (Foto © Airbus Helicopters)

Interview mit Brigadegeneral Dr. Volker Bauersachs, Kommandeur Kommando Hubschrauber, General Heeresfliegertruppe und General Flugbetrieb Heer

Herr General, welches aktuelle Thema hat für Sie zurzeit besondere Priorität?

Die Heeresfliegertruppe steht so stark im Umbruch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zurzeit ist es nicht nur ein einzelnes Thema, sondern es sind ganze Handlungsfelder, die mich beschäftigen. Die Aufstellung der ablauforganisatorischen Aviation Brigade NATO Force Model 2025-2027 bei gleichzeitiger Einführung des neuen Hauptwaffensystems Leichter Kampfhubschrauber (LKH) ist in diesem Zusammenhang ebenso bestimmendes Thema wie die Beantwortung der zentralen Frage, wie die Heeresfliegertruppe zukünftig strukturell aufgestellt sein muss, um das Ziel der Kriegstauglichkeit nachhaltig zu erfüllen.

Es geht also um mehrere Handlungslinien,  die die gesamte Truppengattung und mich derzeit umtreiben.  Für die Sicherstellung der Einsatzbereitschaft kommt es mir darauf  an, für den „Fight tonight“ die laufende ablauforganisatorische  Aufstellung der Aviation Brigade Nato Force Model 2025-2027 in  Leitverbandfunktion gemeinsam mit allen beteiligten Stellen innerhalb  und außerhalb des Deutschen Heeres konsequent voranzutreiben,  um eine initiale Operationsfähigkeit der eingemeldeten  Hubschrauberkräfte schnellstmöglich formal zu erreichen. Dass wir  bereit sind, einen sichtbaren und glaubhaften Beitrag zur Abschreckung  an der NATO-Ostflanke zu leisten, hat die Truppe bereits im  vergangenen Jahr bei der multinationalen Übung „Griffin Lightning“  in Litauen eindrucksvoll bewiesen. Diesen Angriffsschwung gilt es  zu verstetigen, deshalb liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr auf  der vorgesehenen NATO-Zertifizierung der Manöverelemente der  Aviation Brigade.

Für die strukturelle Weiterentwicklung kommt es mir darauf an, die  bestehenden Einschränkungen der ablauforganisatorisch aufgestellten  Aviation Brigade durch eine aufbauorganisatorische Umwandlung  des Kommando Hubschrauber vom Fachkommando  zur kriegstüchtigen Heeresfliegerbrigade zu überwinden, um den  NATO-Korpstruppenauftrag zukünftig selbstständig und kaltstartfähig  mit allen dafür erforderlichen Fähigkeiten leisten zu können.  Entsprechende Untersuchungen laufen bereits im Heer, sehen vielversprechend  aus und müssen konsequent umgesetzt werden.  Last but not least ist es mir mit Blick auf die Fähigkeit „Kampf in und  aus der Luft“ besonders wichtig, die laufende Einführung des Leichten  Kampfhubschraubers erfolgreich fortzusetzen. Diesbezüglich  erwarten wir in diesem Jahr den Beginn der ersten Hubschrauberführergrundausbildung  mit dem Leichter Kampfhubschrauber  in der Rolle Ausbildung beim Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum  in Bückeburg sowie den Zulauf der ersten Waffensysteme  in der Rolle Kampf in die Truppe.

Brigadegeneral Dr. Volker Bauersachs im Gespräch mit Burghard Lindhorst. (Foto ©Bw)
Brigadegeneral Dr. Volker Bauersachs im Gespräch mit Burghard Lindhorst. (Foto ©Bw)

Der Leichte Kampfhubschrauber ist eine Erfolgsgeschichte.  Wie sind der aktuelle Sachstand und die weiteren Planungen? 

Was die bisherigen Zeitlinien vom Vertragsschluss bis zur Auslieferung  des ersten Luftfahrzeuges angeht, kann das Projekt „Leichter  Kampfhubschrauber“ mit Fug und Recht als Erfolg bezeichnet  werden. Dennoch ist bis zum Erreichen der Einsatzreife und in  der Folge Einsatzbereitschaft noch ein gutes Stück des Weges  zu gehen. Die aktuell in der Auslieferung befindlichen Luftfahrzeuge  werden ab Juni 2026 im Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum  in Bückeburg zur Sicherstellung der Hubschrauberführergrundausbildung,  dem Basic Helicopter Flight  Training, genutzt. Diese Luftfahrzeuge sind für den Kampfauftrag  aufrüstfähige Ausbildungsluftfahrzeuge. Dieses Zwischenziel  haben wir im Projekt „Leichter Kampfhubschrauber“ zeitgerecht  genommen, auch wenn noch der zugehörige Simulator für das  Luftfahrzeug fehlt.

Im nächsten Schritt gilt es die Basisplattform H145D3M in der Rolle  Kampf weiterzuentwickeln, inklusive der notwendigen Softwareals  auch Hardwarekomponenten, um zeitgerecht den angezeigten  Kräftebeitrag der NATO erfüllen zu können. Hier sind speziell die  Herstellerfirma sowie die umfangreiche Anzahl an Zulieferern in der  Pflicht, die geplanten Zeitlinien des Fähigkeitsaufwuchses einzuhalten  und den Leichten Kampfhubschrauber zu dem Technologieträger  zu machen, den die Truppengattung benötig Ziel ist unverändert, mit zwölf voll operativ  einsatzbereiten Luftfahrzeugen eine  Erstbefähigung für den Kampf aus dem  bodennahen Luftraum dem Deutschen  Heer sowie der NATO im Jahr 2029 zur  Verfügung zu stellen. Alle Expertiseträger  aus meinem Verantwortungsbereich sowie  aus dem Amt für Heeresentwicklung  arbeiten mit Hochdruck an dieser Herausforderung,  welche durch die aktuelle  weltpolitische Lage ungleich komplexer  geworden ist. Speziell die Zusammenarbeit  mit einigen Unterauftragnehmern wird  durch die weltweiten Konflikte erschwert.  Das Fernziel bleibt trotz aller Dynamik  unverändert: Im Jahr 2032 wird die Heeresfliegertruppe  Leichte Kampfhubschrauber  für drei Kampfhubschrauberbataillone  zur Verfügung stellen und  parallel die Ausbildung des fliegerischen  Nachwuchses mit über 20 Luftfahrzeugen  sicherstellen.

Haben sich durch die Erfahrungen  aktueller Kriege Kampfweise und  Taktik der Heeresfliegertruppe wesentlich  verändert?

Die Alleinstellungsmerkmale der Heeresflieger haben sich auch  unter den Erfahrungen aktueller Konflikte grundsätzlich bewährt.  Unverändert ermöglicht die Heeresfliegertruppe schnell und geländeunabhängig  den Schwerpunkt der Operationsführung zu  verlagern und einen entscheidenden Beitrag zur Entscheidung zu  leisten.

Aus meiner Sicht sind die Heeresflieger deshalb die beste  Reserve, die sich der Kommandierende General eines Korps  vorstellen kann.  Selbstverständlich unterscheiden sich die Einsatzverfahren von denen,  die wir in den vergangenen Jahren insbesondere im Bereich  des Krisenmanagements gesehen haben, unsere Besatzungen  haben jedoch den Kampf gegen einen ebenbürtigen Gegner nie  aus den Augen verloren. Verständlicherweise verschiebt sich das  Hauptaugenmerk hier deutlich von Lufttransport hin zum Kampf  gegen gepanzerte bewegliche Ziele.

Auch in aktuellen Konflikten hat der Einsatz von bemannten Kampfhubschraubern  unverändert Bestand. Neu ist allerdings die wachsende  Rolle von Hubschraubern im Bereich Air Interdiction, also  dem Abfangen von weitreichenden langsam fliegenden Systemen,  insbesondere von Long-range attack UAS. Diese Entwicklung verfolgen  wir bereits seit Längerem und konnten die Wirksamkeit unserer  Plattformen bereits in Experimenten nachweisen.

Im Rahmen der Übung „Griffin Lightning“ überflog die gesamte Aviation Brigade  Vilnius im Formationsflug. (Foto ©Bw/Julia Dahlmann)

Wie ist der Sachstand und welche Planungen gibt es zur  Steigerung der Fähigkeit zum gemeinsamen Einsatz von bemannten  und unbemannten Luftfahrzeugen, dem Manned-  Unmanned Teaming (MUM-T), in militärischen Missionen? 

Mit dem Technologieträger H145M wird die deutsche Heeresfliegertruppe  als eine von wenigen in der NATO eine Plattform bekommen,  die mit einer großen Bandbreite an Führungssystemen ausgestattet  in der Lage sein wird, unbemannte Systeme in Echtzeit auftrags- und  befehlsbasiert zu führen. Dabei können unbemannte Systeme wie  auch Loitering Munition Systems (LMS) übernommen, übergeben  und eine Vielzahl von Systemen gleichzeitig geführt werden. Ziel ist  es, boden- und luftgestartete Effektoren unter einheitlicher Führung  im Zuge der Operationsführung zusammenzufassen, Schwerpunkte zu bilden und die gegnerischen Fähigkeiten zu überlasten, um in der  Tiefe des gegnerischen Raumes Ziele frühzeitig zu bekämpfen, weit  bevor sie sich in einer Duellsituation mit den Bodenkräften befinden.  Unbemannte Systeme und Loitering Munition Systems sind hierbei  nicht als bloße Wirkmittel zu verstehen, sondern sie bilden mit ihren  Sensoren, den Fähigkeiten zur Bildung von Netzwerken und teilweise  gar Auswertung von Daten, aber auch Fähigkeiten des Kampfes im  elektromagnetischen Spektrum gemeinsam mit der Instanz Mensch  ein schlagkräftiges Ökosystem.  Innerhalb der NATO sind wir uns einig: In Zukunft gilt es, die vielfältigen  Vorteile bemannter und unbemannter Systeme miteinander  zu verknüpfen und so taktische Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld  zu erlangen. Die Überlebensfähigkeit bemannter Systeme wird  dazu durch Abstandsfähigkeit erhöht; der Mensch als notwendige  geistig schöpferische Entscheidungsinstanz bleibt auch in Zukunft  auf dem Gefechtsfeld unverzichtbar. Der Erstkontakt mit dem Gegner  sollte grundsätzlich unbemannt erfolgen.  Gibt es technologische Trends, die aus Ihrer Sicht zukünftig  die Gefechtsführung der Heeresfliegerkräfte wesentlich  verändern werden?  Zwei wesentliche Technologietrends werden die Heeresfliegertruppe  maßgeblich beeinflussen:  Erstens Künstliche Intelligenz, Sensor- und Datenfusion. Schon  heute sind in unseren Plattformen eine große Anzahl unterschiedlicher  Sensoren verbaut, deren Fähigkeiten weit über die bisherige  Nutzung hinausgehen. Gleichzeitig werden durch unterschiedlichste  Akteure Unmengen an Daten auf dem Gefechtsfeld generiert.  Eine Auswertung findet derzeit in der Regel in Insellösungen statt,  ein Datenaustausch erfolgt größtenteils über sogenannte Drehstuhlschnittstellen,  also Menschen, die Daten händisch von einem  System ins andere übertragen. Bereits heute ist es möglich, diese  Daten zu sammeln und zu verknüpfen. Zukünftig könnte Künstliche  Intelligenz in der Lage sein, Daten vor Ort aufzubereiten und  als Datenprodukte innerhalb des Netzwerks bereitzustellen, mit  anderen Netzwerken zu teilen und adressatengerechte Lagebilder also nur das zeigen, was der Nutzer benötigt, basierend auf einem  Common Operational Picture bereitstellen. So kann Zielzuweisung  in nahezu Echtzeit erfolgen und außerhalb der eigenen Sichtlinien  (Beyond Line of Sight) bekämpft werden. Informationsüberlegenheit  ist einer der Schlüsselfaktoren für schnelle Entscheidungen  und damit eine überlegene Wirkungsfähigkeit und sichert das Bestehen  auf dem Gefechtsfeld.  Zweitens, wie bereits bei der Frage MUM-T beschrieben, wird das  Zusammenwirken von unbemannten und bemannten Plattformen  die Einsatzmöglichkeiten und Durchsetzungsfähigkeit auf dem Gefechtsfeld  deutlich erweitern. Immer wieder werde ich gefragt, ob  bemannte Systeme nicht gänzlich obsolet sind, eine Beschaffung  neuer Plattformen überhaupt sinnhaft ist. Derzeit und auch nicht in  unmittelbarer Zukunft sehe ich marktverfügbare Lösungen, die bemannte  Plattformen als im Sinne der übergeordneten Führung agierende  Manöverelemente ersetzen könnten, weil Kriegführung ganz  im Sinne von Clausewitz von Ungewissheiten und psychologischen  Faktoren geprägt ist, die geistig schöpferische Tätigkeiten erfordern  und Künstliche Intelligenz hierbei noch an ihre Grenzen stößt.  Nichtsdestotrotz gilt es die Frage zu stellen, ob zukünftige bemannte  Plattformen unserem heutigen Bild entsprechen werden. Dies  ist sicherlich zu bezweifeln,  • denn zukünftige Plattformen werden ihre Überlegenheit aufgrund  ihrer umfassenden Digitalisierung und Netzwerkfähigkeiten entfalten,  wobei luft- und bodengestartete Effektoren übernommen  und übergeben werden können und somit ein Agieren im Systems-  of-Systems-Ansatz ermöglicht wird,  • denn „find, fix and track“ von Zielen wird nicht mehr durch die  Plattform selbst durchzuführen sein, sondern durch Datenfusion  generiert und  • da Geschwindigkeit, Reichweite und Abstandsfähigkeit zwingend  für die Überlebensfähigkeit bemannter Systeme sind.  Die Heeresfliegertruppe beabsichtigt daher Mitte der 2030er-Jahre,  eine mehrrollenfähige bemannte Plattform einzuführen, die als zentrale  Führungsplattform auftragsbasiert unbemannte Systeme und  LMS in einem MUM-T-Wirkverbund einsetzen kann und gleichzeitig  auch als Transportplattform genutzt werden kann. Entsprechende  Forschungsprojekte werden derzeit sowohl in Zusammenarbeit mit  der NATO, aber auch der EU durchgeführt.

Das Transporthubschrauberregiment 30 trainiert gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23 bei der Übung „Cold Response 26“ in Norwegen. (Foto ©Bw/Maximilian Schulz)

Was fehlt den Heeresfliegerkräften im Wesentlichen noch zur  „Kriegstüchtigkeit“ bis 2029? 

Die Heeresfliegertruppe ist mit der Struktur Heer 2011 auf den Einsatz  in Afghanistan optimiert. Seit 2025 wird der NATO ablauforganisatorisch,  also unter Zusammenwürfeln von Fähigkeitsbausteinen  nicht nur des Heeres, sondern auch der Luftwaffe und weiterer Organisationsbereiche,  eine Aviation Brigade zur Verfügung gestellt.  Jetzt müssen wir mal Gas geben, damit wir wieder professionell  aufgestellt sind und Strukturen haben, in denen wir auch wirklich  kämpfen können und durchhaltefähig sind. Die seit 2022 andauernden  Bedrohungen in Europa sorgen dafür, dass wir professionell  aufgestellt sind und Strukturen haben, in denen wir auch wirklich  kämpfen können und durchhaltefähig sind.  Um zukünftig kriegstüchtig, durchsetzungsstark, durchhaltefähig  und verlässlich den NATO-Verpflichtungen nachkommen zu können,  ist es zwingend notwendig, bis 2029 eine Heeresfliegerbrigade  als Strukturelement aufzustellen. Dies schließt insbesondere und  nachdrücklich die Fähigkeiten zur Führungs- und Einsatzunterstützung  ein. Ziel muss es sein, der NATO Heeresfliegerkräfte bereitzustellen,  die „fully sustainable, fully capable and fully operational”  sind und die qualitativen und quantitativen Forderungen der NATO  vollumfänglich abbilden. Dies schließt insbesondere, aber nicht  ausschließlich die Stabsunterstützungskompanie, Fernmeldekompanie  und ein Heeresfliegerversorgungsbataillon ein.  Hierfür ist es zwingend notwendig, dass alle erforderlichen Organisationselemente  vollumfänglich durchdacht und in einer Struktur  berücksichtigt werden. Ob Anteile dieser Strukturen aktiv, teilaktiv  oder nichtaktiv sind, welche der Fähigkeitsbausteine in Frieden, Krise  und Krieg vorhanden sein müssen, kann hier ebenfalls mit einfließen.  Fazit: Wir leisten bereits jetzt unseren Beitrag zur Sicherung der  Ostflanke. Umfassend gelingt dies aber kaltstart-, durchhalte- und  siegfähig nur, wenn wir alle notwendigen Strukturen und Ressourcen  für unseren Auftrag zur Verfügung haben. Eine vollständige  Ausgestaltung aller Aspekte „Lufttüchtigkeit im Einsatz“ gilt es  schnellstmöglich zu realisieren. Dies umfasst ausreichende Bevorratung  aller benötigten materiellen Ressourcen, qualifiziertes  Personal und feststehende Verfahren für Krise und Krieg.

Herr General, vielen Dank die Informationen.   

Den Beitrag lesen Sie im WTR AIR POWER.

 

 

 

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