Navy Talks: Jan Christian Kaack zieht Bilanz seiner Amtszeit

Der scheidende Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack (l.), bei den Navy Talks an Bord der Barkasse "Marine 1".
Der scheidende Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack (l.), bei den Navy Talks an Bord der Barkasse "Marine 1". (Foto: Schlüter)

Wenige Wochen vor der Kommandoübergabe blickte der scheidende Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, am 27. August bei den mittlerweile regelmäßigen „Navy Talks“ in Berlin auf viereinhalb Jahre im Amt zurück – und auf einen Kurswechsel, der noch nicht abgeschlossen ist.

Der Inspekteur der Marine lud zum Ende seiner Dienstzeit zum dritten und letzten Mal ausgesuchte Journalisten zu einer kleinen Seefahrt auf der Spree ein. Die Barkasse Marine 1 ist auf Berliner Gewässern eine prominente Repräsentantin der Deutschen Marine, die mit ihren wenigen Plätzen für den Inspekteur die Gelegenheit bot, eine Bilanz seiner Amtszeit an der Spitze der Deutschen Marine zu ziehen. Er beschrieb diese Zeit als außerordentlich intensiv, persönlich bereichernd und zugleich von einem tiefgreifenden sicherheitspolitischen Wandel geprägt. Als er wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im März 2022 Inspekteur der Marine geworden sei, sei die Marine vor allem auf planbare Stabilisierungsmissionen in südlichen Gewässern ausgerichtet gewesen.

Für ein hochintensives Gefecht in Europa sei sie dagegen organisatorisch und mental noch nicht ausreichend auf ihren Kernauftrag fokussiert gewesen: Deutschland und seine Bevölkerung auf See zu schützen. Die russische Invasion habe zu seinem ersten Befehl „Alles, was schwimmt, geht raus“ geführt. Das war ein Signal an Russland, die Verbündeten und die eigene Marine. Obwohl diese hohe Einsatzbereitschaft nicht dauerhaft durchzuhalten gewesen sei, habe sie einen Motivationsschub ausgelöst. Ernsthaftigkeit, Eigeninitiative und Kreativität haben deutlich zugenommen. Als Beispiel nannte er die Präsenz der Fregatte Sachsen in Tallinn, die von der dortigen Bevölkerung positiv aufgenommen worden ist.

Operativer Schwerpunkt an der NATO-Nordflanke

Grundlage der strategischen Neuausrichtung sei der „Kurs Marine“ gewesen. Dieses Dokument wurde zum zentralen Leitmotiv seiner Amtszeit. Geprägt war seine Amtszeit von russischer Bedrohung: die Ausspähungen von militärischen Einrichtungen, Drohnenflüge und Sabotageversuche häuften sich. Die Schattenflotte beschäftigt bis heute alle seegehenden Behörden. Darüber hinaus hätten die Konflikte im Nahen Osten, im Roten Meer und im Persischen Golf gezeigt, dass die freie Nutzung der Seewege nicht selbstverständlich ist. Klassisches internationales Krisenmanagement habe deshalb neu gedacht werden müssen. Operativ lag der Schwerpunkt der Marine klar auf der Landes- und Bündnisverteidigung an der Nordflanke der NATO.

Durch die Einrichtung des Commanders Task Force Baltic sei es gelungen, auffällige Aktivitäten wesentlich schneller zu erkennen. Trotz der Zuspitzung im Nahen Osten habe die Marine ihre Präsenz im Norden verstärkt. Als Symbol dieser Handlungsfähigkeit führte Admiral Kaack die Fregatte Sachsen an, die zeitweise die Aufgabe eines ausgefallenen britischen Flaggschiffs übernommen hat. Mit dem Ende der Mission UNIFIL sei ein rund zwanzigjähriges Kapitel abgeschlossen worden. Die Marine werde zwar nicht ganz aus der Region verschwunden, dort aber nicht mehr dauerhaft ein Schiff einsetzen. Beim Thema Personal kann Admiral Kaack auf eine Trendwende schauen: Seit 2023 sind die Einstellungszahlen gestiegen. Für 2026 wird mit rund 3.000 zusätzlichen Menschen in der Marine gerechnet.

Admiral Kaack im Gespräch mit Journalisten.
Admiral Kaack im Gespräch mit Journalisten. (Foto: Schlüter)

Jede Einheit ein Drohnenträger

Mehr Personal allein habe allerdings nicht ausgereicht, es sei auch in zusätzliche Infrastruktur und modernes Material investiert worden. Die Liste von Verbesserungen, Waffensystemen und Beschaffungen, die der scheidende Inspekteur auflisten konnte, ist beeindruckend: MEKO-Plattformen, P-8-Poseidon-Seefernaufklärer, den Sea Tiger, neue U-Boote, große unbemannte Luftfahrzeuge vom Typ MQ-9B sowie neue Flottendienstboote. Selbst Hilfsschiffe wie Schlepper werden künftig etwa durch Stellplätze für Container für den Drohnenkrieg nutzbar sein. Auf letzterem habe ein besonderer Schwerpunkt gelegen, denn der Leitgedanke sei: jede Einheit ein Drohnenträger, jede Soldatin und jeder Soldat soll Drohnen bedienen können. Unbemannte Systeme werden, so Kaack, bemannte Schiffe, Flugzeuge und U-Boote ergänzen, sie aber nicht vollständig ersetzen.

Zu den Meilensteinen seiner Amtszeit zählte er das Pacific Deployment, den Kampfeinsatz der Fregatte Hessen bei der EU-Mission Aspides, die umfassende Modernisierung der Marineflieger und die Einführung der „Operational Experimentation“. Dabei sei marktverfügbares Material kurzfristig beschafft, in einem realistischen operativen Szenario erprobt und bei Erfolg zunächst in kleiner Stückzahl eingeführt worden. Anschließend sei es gemeinsam mit der Industrie schrittweise verbessert worden. Dieses Vorgehen habe schnellere Innovation ermöglichen sollen als klassische, langwierige Beschaffungsverfahren.

Neuer Kurs für die Marine

Auch internationale Kooperationen seien während seiner Amtszeit intensiviert worden. Kaack hob die Zusammenarbeit mit Norwegen und weiteren Staaten im Nord- und Ostseeraum hervor. Aus diesen Kooperationen seien zum Teil enge persönliche und institutionelle Beziehungen entstanden. Sein Fazit lautete, dass die Marine einen neuen Kurs eingeschlagen habe. Zugleich sei der Wandel noch nicht abgeschlossen, in den kommenden Jahren sei die Verfügbarkeit von Einheiten, Personalaufwuchs und zusätzliche Infrastruktur auch ein Schwerpunkt seines Nachfolgers Konteradmiral Tobias Abry, der unter Kaack im Marinekommando als Chef des Stabes für die Aufgaben gut vorbereitet ist. Seine Bilanz beendete Kaack an Bord der weißen Barkasse mit Dank und großer Wertschätzung für die Menschen, mit denen er während seiner Dienstzeit zusammengearbeitet hat.

Er dankte abschließend der „Hauptstadtpresse“ für die faire Berichterstattung und gute Zusammenarbeit. In einer vertrauten Fragerunde wurden noch einige kritische Punkte erörtert: die Langwierigkeit klassischer Beschaffungsvorgaben, die Verfügbarkeit von Fregatten und die Krise in der Straße von Hormus mit dem Einsatz deutscher Minensucher. Die Sprecherin Marine, Kapitän zur See Christina Routsi, wies darauf hin, dass Vizeadmiral Kaack am 3. September in Hamburg auf der Schifffahrtsmesse SMM im Rahmen der sicherheitspolitischen Veranstaltung Maritime Security & Defense (MS&D) eine Keynote halten werde. Insider erwarten eine Bilanz und „legacy“ seiner Amtszeit. Am 30. September wird Jan C. Kaack die Amtsgeschäfte offiziell an seinen Nachfolger Tobias Abry übergeben.

Holger Schlüter, Chefredakteur marineforum

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